Montag, 20. Juni 2022

S / W 20 – Andreas Egerts Nachwort zu »Ulise 22« [Edition H. Schroeder (16. 06. 2022)]

 


[»A Mars a Day«, Goedart Palm (2019)]




Nachwort

zu

»Ulise 22«


„Es ist auch herzzerreißend, wenn man eure Dichter, eure Künstler sieht und alle, die den Genius noch achten, die das Schöne lieben und es pflegen. Die Guten! Sie leben in der Welt wie Fremdlinge im eigenen Hause, sie sind so recht wie der Dulder Ulyß, da er in Bettlersgestalt an seiner Türe saß, indes die unverschämten Freier im Saale lärmten und fragten, wer hat uns den Landläufer gebracht?“

Friedrich Hölderlin

Hyperion



In der Gattungsgeschichte des europäischen Romans kann man vielleicht von einer Hochzeit, einem guten Jahrhundert, sprechen, wo Romanciers noch Kathedralen erbauten: die hatte Vorläufer im antiken Epos, in Heldenliedern und Utopien - und im 18. Jahrhundert mit Voltaire, Diderot und Sterne, kulminierte dann aber im 19. Jahrhundert mit Schwerpunkten im Frankreich des Realismus (Balzacs Comédie humaine, Flaubert und Stendhal), in Russland mit Dostojewskij und Tolstoi und ging über den Ästhetizismus mit Wilde (Dorian Gray), Huysmans (Gegen den Strich) und den Sonderfall Nietzsche (Zarathustra) bis zur klassischen Moderne mit Autoren wie Musil, Döblin, Proust, Kafka und nicht zuletzt James Joyce mit seinem Jahrhundertroman Ulysses, der vor genau hundert Jahren zuerst in Paris erschien.

Joyce nimmt wie Hölderlin oben Bezug auf den Mythos des antiken Helden Odysseus in Homers Epos um die abenteuerliche Irrfahrt bei der Heimkehr aus dem Trojanischen Krieg. Als Odysseus in sein altes Leben zurückkehren will, ist nichts mehr wie es war. Der wahrlich moderne Schlüssel bei Odysseus ist dabei, dass er seine Identität aufgeben muss, um sie zu wahren - und so soll es auch im metaphorischen Sinne Bloom und Rohlfs, den Helden aus dem Ulysses und Ulise 22, bei ihren Lebensbewegungen ergehen.

In seinen besseren Zeiten war und ist der (romantische) Roman dabei immer ein Gefäß und eine genresprengende und keine genrebeengende Prosapoesiegattung. Schon die Frühromantiker betonten das und unterfütterten den Roman intellektuell als Universalgattung. So schrieb Hölderlins Zeitgenosse Friedrich Schlegel in seinem Athenäum 1798: „Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennten Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will, und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig, und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen, den Witz poetisieren … Die romantische Dichtart ist noch im Werden, ja das ist ihr eigentliches Wesen, dass sie ewig nur werden, nie vollendet sein kann.“

Das Fragment, der Torso, das Assoziative, das Unvollendete und das Spielerische, gerne auch als Montage gestaltet, machen den Roman zur integrierenden Gattung, die beinahe alle anderen Gattungen prinzipiell zu ihrem Recht kommen lässt, sei es die Lyrik, den Aphorismus, den Essay oder die fiktiven Narrative wie die Novelle, das Märchen oder die Erzählung. Dieser Ästhetik des radikal Fragmentarischen beugt sich auch Ulise 22 von Liana Helas, einem kleinen, feinen Lehrerzimmer-Autorenkollektiv, das in einer Rahmen- und einer Kernhandlung seine mächtig-ohnmächtigen Figuren und Protagonisten zu Wort kommen lässt, die erst wieder mündig werden können, indem sie sich den Verlust der eigenen Mündigkeit eingestehen und doch Stümpfe im Sinne Becketts bleiben müssen.

In der Rahmenhandlung widmet sich der Roman dem diabolisch-kuriosen Schicksal der beiden Vagabunden Robert und Bertram, die seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts durch Opernwelt, Satire, Parodie, Volkstheater und Film (Meyerbeer, Nestroy, Räder, Mack und Walter-Fein) dem Publikum eine bekannte Größe sind. Robert und Bertram bewegen sich als gaukelnde Seiltänzer und gutmütige Landstreicher zwischen Geschäftstüchtigkeit und Schelmentum, Gittern und Gaunereien sowie Ideen und Idiotien, sie foppen ihre Zeitgenossen und schnorren sich mehr schlecht als recht durchs Leben. So beginnt der Roman im ersten Teil um Robert und Bertram mit einer fabelhaften Kaffeeschmuggelparabel:


Mein Vater wurde nicht müde die Geschichte vom Kaffeeschmuggel zu erzählen. Ein altes Mütterchen schmuggelte ihr halbes Pfündlein Kaffee in der Eisenbahn und packte es vor den Augen eines Mitreisenden noch einmal zurecht, sich darin ergehend, der Zoll möge es doch hoffentlich nicht entdecken. Der Zollbeamte, kaum, dass er das Abteil betreten und die obligatorische Frage gestellt hatte, die üblichen Lügen überhörend, brachte den zu erwartenden Einwand hervor, es röche aber eindeutig nach Kaffee, und was er davon halten solle. Der Mitreisende des alten Mütterchens wartete nicht eine Sekunde und im Ton des braven Bürgers, der einen Schwindel nicht durchgehen lassen will und darum dem Herrn Oberzollinspektor beispringt, sprach er: „Da schauen Sie nur im Koffer der Dame nach, sie hat Kaffee darin versteckt!“ Ob das stimme, wollte der Beamte wissen, und sie solle nur gefälligst den Koffer herabholen und unverzüglich öffnen, was die alte Frau unter vielem Ächzen und Jammern tat. Der Beamte konfiszierte sogleich das halbe Pfund Kaffee, wozu er seinen Gehilfen rief, der für den Abtransport der Asservaten zuständig war. Man konnte sich denken, wie über derlei Konfiskationen Buch geführt wurde und sah förmlich den Kaffee im Hause der Herren Zolleinnehmer dampfen. Kaum hatten die Uniformierten das Abteil verlassen, erhob das Mütterlein von Neuem sein Klagen und schimpfte, was für ein gemeiner Kerl ihr Mitreisender doch sei! Der indessen stand mit jovialem Lächeln auf: „Verehrtes Mütterchen“, sprach er, langte nun seinerseits nach dem Koffer, der über seinem Platz in der Ablage ruhte, ließ die Schlösser aufschnappen und indem er einen Schal und sonst noch ein dünnes Kleidungsstück zur Seite schob, der Frau traten die Augen vor den Kopf, kamen etliche Päckchen Kaffee zum Vorschein. „Was der Zöllner beim Betreten des Abteils gerochen hat, war natürlich nicht Ihr eines Päckchen“, wie der Frau nun auch klar wurde, die vor Staunen eine Hand mit gespreizten Fingern vor den Mund hielt, der ihr weit offenstand. Nun überreichte der Mitreisende ihr zwei seiner Pakete mit einer Verbeugung, wie es sich gehörte, die Frau aber kam mit einer solchen Unverfrorenheit nicht zurecht, denn insgeheim fand sie schon, dass man den Zoll nicht derart betrügen durfte, wie es der Reisende tat, weshalb trotz des versöhnlichen Ausgangs auf der weiteren Fahrt kein rechtes Gespräch aufkommen wollte. Denn darin sind ja die Leute sich einig, dass nämlich gelogen werden musste, aber Lüge war nicht Lüge, und davon, dass die Zöllner ihrerseits von den beschlagnahmten Waren einiges abzweigten, damit konnte man einer Frau wie ihr nicht kommen. Jawohl, es musste geschmuggelt werden in schlechten Zeiten wie den ihren, und die Staatsmacht war allzu genau, was man zu Recht beklagte. Aber Recht und Ordnung mussten darum doch sein, und dass ein Mann eine alte Frau verriet, war trotzdem schlimm, noch dazu, wenn er selber offenbar wohlhabend war. Nein, Staatsdiener würden keinen Vorteil aus ihrem Amt ziehen, jedenfalls nicht in Deutschland!


In metaphorischer Entsprechung zu diesem Rahmen entwickelt sich die Kernerzählung, die episodisch und multiperspektivisch, die Lebensreise des Protagonisten Rohlfs Bild an Bild pixelt, darstellt und montiert - und dabei geht es immer wieder generationenübergreifend auch um die Schicksale des Vaters und des Großvaters, die den Helden zu dem gemacht haben, was er zu sein scheint im Lichte und im Schatten seines Stammbaums. Rohlfs erweist sich dabei als moderner Antiheld, der sich nirgendwo zuhause fühlt, schon gar nicht im widersprüchlichen Deutschland seit dem Krieg, das sich zwischen Verdrängung des Nationalsozialismus und allgegenwärtig gewordenem Wirtschaftswunder in eine Enge laviert, die nach Kaugummi und Kitsch schmeckt, nach billiger Reklame und Benzin. Und Rohlfs erlebt, wie ihn die Wunden und Neurosen seiner Vorfahren bestimmen und im Griff behalten, sein Großvater, der als Lehrer im Dritten Reich seine hehren Ideale verraten musste und sein Vater, der als Zivilangestellter bei den U.S.-Streitkräften nach der iranischen Revolution in Ungnade fiel. Ein Beispiel für den assoziativen und multiperspektivischen Ansatz ist auch das launige Spiel mit der Zahl 250.000:


„Es mussten nahezu eine Viertelmillion Zigaretten gewesen sein, die er über eine Zeitspanne von dreißig Jahren inhaliert hatte, bevor er sich dem Gesundheitsdiktum seiner Epoche unterwarf und beim morgendlichen Frühsport das Nervengift aus seinem Körper zu verbannen versuchte. Eine Viertelmillion hatte Rohlfs für das Haus bezahlt, in dem er gehofft hatte ein sorgloses und unbeschwertes Leben mit seiner Familie führen zu können. Eine Viertelmillion Menschen im nördlichen Gazastreifen waren von Israel vermittels Flugblättern und Telefonanrufen, aufgerufen worden ihre Häuser zu verlassen.

Ahava, V'rachamim, chesed V'shalom. Bei der Hungersnot in Somalia starben zwischen Oktober 2010 und April 2012 mehr als eine Viertelmillion Menschen. Ahava, V'rachamim, chesed V'shalom. Das Mercedes S 65 AMG Coupé startet mit einem Preis von rund einer Viertelmillion Euro. Im Innenraum warten gestepptes Nappaleder sowie elektrisch verstellbare Sportsitze auf den zahlungsfähigen Kunden. Einer Hochrechnung zufolge sterben jährlich eine Viertelmillion Fledermäuse in den Rotoren der Windenergieanlagen des Wirtschaftsstandortes. Jedes Jahr erleiden darüber hinaus etwa eine Viertelmillion Deutsche einen Schlaganfall. Ahava, V'rachamim, chesed V'shalom.“ (aus dem Kapitel 5.17 Star)


Rohlfs seinerseits wird zum haltlosen und heimatlosen Vagabunden, der dem Fluch und Glück des Denkens und Relativierens nicht entkommt und der Zuflucht im Studium und im Reisen sucht, aber nicht finden kann. Der Traum vom besseren Leben kann, wie Constance als Freundin weiß, auf den Irrungen des Lebensweges, der Lebensreise, nicht erfüllt werden, löst er auch noch so große Motivationen und Anstrengungen aus, die condition humaine ist eine fragile, gar verlorene Angelegenheit, im Westen sowieso, aber auch im verklärten Osten. Wenn Georg Lukács in seiner Theorie des Romans von der transzendentalen Obdachlosigkeit des modernen Antihelden schreibt, dann macht Rohlfs in dieser Rolle eine bella figura, die unverdrossen einen Ausweg aus ihrer Misere sucht.

Rohlfs geht dabei den umgekehrten Weg – anders als unzählige andere Helden sucht er sein Glück nicht im Westen, sondern als Arbeitsmigrant im Osten, wo er als Wohlstandsflüchtling weg von der gediegenen Saturiertheit über Rumänien nach Baikonur in Kasachstan gelangt. An der Endstation, dem Weltraumbahnhof in Baikonur, sitzt man am Lagerfeuer, löffelt aus einem rußgeschwärzten Titantopf Erbsensuppe und sucht mit dem Steppenvolk nach Trümmern aus dem Weltall, das von einigen Superreichen touristisch vermarktet wird.

Ulise 22 ist eine subversive Irrfahrt durch die Überfülle und Hölle des 20. Jahrhunderts mit seinem 2. Dreißigjährigen Krieg und den Traumata nach diesem Krieg und der klassischen Moderne, die im mangelhaften 21. Jahrhundert ausläuft, und die der vornamenlose Antiheld Rohlfs unternimmt; er wird zum flüchtenden Nomaden, um heimkommen, bei sich ankommen zu können. Dabei lernt der Leser Cioran auf Rumänisch kennen, die verschiedensten Tankstellenketten in den Kapitelüberschriften und am Ende auch arabische Schriftzeichen: ein Buch von mehreren Sprachen mit dem seltenen Panoramablick von unten auf eine verlorene Gesellschaft. Und ein abenteuerlicher Roman, der den Leser in der Kunst des Lesens herausfordert und der seinen Spannungsbogen aus den inszenierten Fragmenten, den inhaltlichen und formalen Widersprüchen und den pointierten Humoresken gewinnt und der sich zu einem neoromantischen Mosaik aus verschiedenen Brüchen und Teilen zusammenfügt. Wenn man so will, schließt Ulise 22 mit seinem Personal und seinen Totalen im Fragment und seinen Rückblenden unmittelbar an die letzten 100 Jahre nach Veröffentlichung des Jahrhundertromans Ulysses von James Joyce, der an einem Tag, dem Bloomsday vom 16.06.1904 spielt, an und beschließt diesen Zeitraum mit dem runden Blick auf die drei Generationen von Rohlfs, seinem Vater und seinem Großvater, die allesamt aus der Zeit fallen.

Rohlfs kehrt den leeren Versprechungen des Westens mit seinem wütenden Konsumversprechen, seinem Lärm, seiner Bürokratie und seiner entmenschlichten Zivilisation den Rücken und erhofft sich im wilderen Osten Mitmenschlichkeit und Würde – der Osten wird zum linear bereisten Sehnsuchtsort für den aus der Zeit gefallenen Helden –, und in zarten Beziehungen unterhalb der korrumpierten Gesellschaft in Rumänien beispielsweise wird Rohlfs seine neoromantische Sehnsucht immerhin am Leben halten können, die Hoffnung ist abseits von ausgetretenen Pfaden noch eine Möglichkeit, wenigstens als Illusion, ein Ideenparadies, das er nicht aufgeben will. ECCE HOMO möchte man Rohlfs verzweifelt hoffend hinterherrufen - oder mit Elias Canetti, der sich zeitlebens mit dem Tod angelegt hatte: „Die Übertreibung retten. Nicht vernünftig sterben.“


Donnerstag, 9. Juni 2022

S / W 19 - »Ulise 22« [Edition H. Schroeder (16. 06. 2022)]

 


Liana Helas, »Ulise 22« (Bloomsday 2022)






[ISBN-13: 978-3981826296]



Weil er lieber mit einem flotten Spruch auf den Lippen verschmitzt Trübsal heuchelt, vom All gekränkt, die Weisheit tiefer gelegt, den Weltschmerz am eigenen Körper buchstäblich er-fährt, gibt Rohlfs, der Protagonist von Ulise 22, vom Asen-Traum bis zum Kasachenraum Gas. Weil er immer schon wusste, dass es überall – irgendwo – besser ist als hier.

Mit dem zum Bloomsday vorgelegten Roman Ulise 22 stemmt sich Liana Helas, wie seinerzeit James Joyce in seinem Ulysses, gegen eine Metaphysik der Werkkonstruktion, die auch sonst in der Ästhetik perpetuiert wurde und mechanisch die linear-hierarchische Dekonstruierbarkeit des Schönen fordert.

Bei der Lektüre von Ulise 22 wird die Metamorphose vom Text zum Leseerlebnis nach aristotelischer Maxime allein nicht gelingen. „Das, was aus Bestandteilen so zusammengesetzt ist, dass es ein einheitliches Ganzes bildet – nicht nach Art eines Haufens, sondern wie eine Silbe –, das ist offenbar mehr als bloß die Summe seiner Bestandteile. Eine Silbe ist nicht die Summe ihrer Laute: ba ist nicht dasselbe wie b plus a, und Fleisch ist nicht dasselbe wie Feuer plus Erde.“

Denn: „Alle Schöpfung ist Werk der Natur. Von Jupiters Throne // Zuckt der allmächtige Strahl, nährt und erschüttert die Welt", schreibt Goethe uns ins Stammbuch.

In Ulise 22 durchbricht Liana Helas evolutorisch konsequent die Leitplanken, die Joyce im Ulysses noch im Zeit-, Raum- und Protagonisten-Dreieck erzählen ließ; Dublin, Blooms Day.

Liana Helas komponiert Ulise 22 in einer Arena mit weiteren Dimensionen und arrangiert den Werkstoff in sinnlich erweiterten Rezeptionsbereichen.

„Die Ausschöpfung des wahren Sinnes aber, der in einem Text oder einer künstlerischen Schöpfung gelegen ist, kommt nicht irgendwo zum Abschluß, sondern ist in Wahrheit ein unendlicher Prozeß", lässt uns Hans-Georg Gadamer in „Wahrheit und Methode“ wissen.

Darum pendelt Rohlfs, vom Abendstern gefallen und von Luzifer getrieben, gezeitenbewegt durch Raum und Zeit. Er läuft und läuft und den Geist aus der Flasche trinkt er und er trinkt gerne vom Tode – solange er nur mimen kann: Peste-a nopţii feerie | Totu-i vis şi armonie. | Se ridică mândra lună – | Noapte bună!

Ulise 22 – Ein Werk, durchdrungen von Werken.

Hören Sie aus The Gas Station (Variationen) 5. 17 Star:

"Dintre sute de catarge care lasă malurile, Câte oare le vor sparge vânturile, valurile?"

Er wolle sich dem Rauschen des Meeres hingeben, sagte Emilian. Nichts beruhige ihn mehr als der Rausch des Weines am Meer. Nicht allzu weit entfernt von Merzhanovo beschloss man schließlich an einem verlassenen Küstenabschnitt das Lager für die Nacht zu richten.


[Val Sidal, Autor von »Zeit. E - Voicings« (2013) und »Lunatikoa. Wirklichkeitsquotient« (2007 / 2019)]


Freitag, 20. Mai 2022

Z. Z. XXXII [»Interview« aus Val Sidals »Zeit. E - Voicings« (2013)]

 


[»Beauty in Decay V«, Lorena Kirk-Giannoulis (2022)]




The truth is whatever people will believe is the truth. Don't you know history? 

[Joseph Heller »God Knows« (1984)]




[»Human Body«, Lorena Kirk-Giannoulis (2022)]




The last thing any sensible human being should want is immortality. As it is, life lasts too long for most of us.

 [Joseph Heller »God Knows« (1984)]





Interview



 

„Herzlichen Glückwunsch, Val Sidal! Sie haben heute den Literaturnobelpreis des Jahres 2222 verliehen bekommen – eine Schnapszahl …“

„Wie es sich gehört …“

„Und – wie fühlt es sich an? Sind Sie stolz?“

„Wie Oskar!“

„Wie … Wer?!

„Wie Oskar …“

„Wer ist dieser Oskar?“

„Na ja, vor zweihundert Jahren, zur Zeit meines ersten Rooters …“

„Cisco?“

„Idiot! Ich weiß, dass noch gestritten wird, ob Rooter, Hardware, Software oder Mensch meint – ich meine den Menschen …“

„Okay, der hieß also Oskar …“

„Unterbrechen Sie mich nicht dauernd! Selbstverständlich hieß er nicht Oskar! Oder vielleicht doch – die Ahnenforschung läuft noch.“

„Nichts für ungut! Sie fühlen sich also, wie der, den die Ahnenforschung irgendwann ausgemacht haben wird …“

„Ich werde Sie schlagen, wenn Sie so weitermachen! Oskar hieß damals eine kleine, goldene Puppe, die in Hollywood an Stars verliehen wurde …“

„Sie meinen Barbie …“

„Eine männliche Puppe …“

„Ken …?“

„Oskar! Die Mythologie erzählt von dem komischen Gefühl, das der kleine Kerl bekam, wenn er bei der Verleihung da unten angefasst wurde …“

„Verstehe ... Aber ich habe Sie da unten nicht angefasst!“

„Unterstehen Sie sich!“

„Val Sidal, Milliarden von Menschen schauen uns zu …“

„Das tut mir leid, ich war nie ein Quotenkönig …“

„Wieviele Rooter – ich meine Menschen arbeiten heute für Sie?“

„Acht Millionen arbeitslose Germanisten, zwanzig Millionen Investmentbanker, zwei Schweizer Steuerberater und ein Ungar.“

„Ein Ungar …?“

„Ja, der andere war dauernd besoffen …“

„Was der Steuerberater macht, kann ich mir vorstellen – aber der Ungar?“

„Ich brauchte jemanden für Selbstmitleid, Minderwertigkeitskomplexe und Selbstmordgedanken …“

„Schön, jetzt sind Sie als Schriftsteller in die Ewigkeit eingegangen …“

„Werden Sie nicht ausfallend! Jedem Idioten, der irgendwann zwei Zeichen im Internet gekritzelt hat, wird die Ewigkeit zuteil.“

„Sogar mir …?“

„Jetzt überspannen Sie aber den Bogen! Ihnen? Als Journalist?“

„Schon gut – lassen Sie uns zurückblicken. Wie hat Ihr erster Rooter angefangen?“

„Mit einem Missverständnis …“

„Miss…“

„Irgendwann klappte es mit dem Schreiben nicht mehr so richtig. Bei einer Gelegenheit erwähnte er seiner Tochter gegenüber, dass er damit zunehmend Mühe hätte. Sie empfahl ihm die Leselupe. Daraufhin besorgte er sich eine Sehhilfe, eine billige Lupe und begann mit winzigen Buchstaben auf die Linse zu schreiben. So entstanden seine Kurzsichtigkeit und die ersten Kurzgeschichten.“

„Ha, ha – Kurzgeschichten! Ich verstehe …“

„Zyniker!“

„Entschuldigung – lassen Sie uns über den Preis sprechen. Welches Ihrer Werke wurde in der Laudatio besonders hervorgehoben?“

„Dieses Interview …“

„Aha …“

 

„Da staunen Sie, nicht wahr? Auf diesem Umweg gehen Sie auch in die Wahlhalle der Literatur ein …“

„Das Interview ist aber noch gar nicht …“

„Eben …“

„Verstehe ich nicht …“

„Als mein erster Rooter vor zweihundert Jahren als Schriftsteller endgültig gescheitert sein wird, wird er Physik studiert haben und, nach etlichen Fehlversuchen, eine Zeitmaschine entwickelt haben, die er mir in die Zukunft geschickt haben wird. Und ich werde es verhindert haben, dass er jemals etwas geschrieben haben wird.“

„Dann wird dieses Interview gar nicht …?“

„Freuen Sie sich nicht zu früh!“

 

Dienstag, 10. Mai 2022

Z. Z. XXXI [»Krebsen« aus Val Sidals »Zeit. E - Voicings« (2013)]

 


[»Caught in the Eternal Cycle of Life and Death«, Lorena Kirk-Giannoulis (2022)]





Life is pleasant. Death is peaceful. It's the transition that's troublesome.

[Isaac Asimov]




Krebsen



Man unterstellt mir Boshaftigkeit, Hinterhältigkeit. Unwissende halten mich für ungerecht. Greise für gnädig. Eltern für grausam und Kinder für gemein. Nichts davon ist richtig – und doch alles wahr. Seit der Zusammenführung aller Intensivstationen der Region ist meine Arbeit stressiger geworden. So erlaube ich mir dann und wann eine Auszeit auf dem „Hügel“ – wie man die Krebsklinik nennt. Am Botanischen Garten. Tolle Aussicht, sogar im November. Beste Gegend. Nicht nur vom Preis her. Auch das menschliche Material – sozusagen. Hier erhole ich mich aber nur. Habe nichts zu verrichten – Freizeit.

In der Onkologie wird schon lange nicht mehr gestorben. Das letzte Mal vor zwei Jahren, ein Chirurg. Herzinfarkt.

Der gewöhnliche Krebstod wurde ausgegliedert. Die meisten Patienten gehen austherapiert nach Hause. Oder in ein Hospiz. Sieht besser aus und ist wirtschaftlicher.

Hier denken alle positiv. Ich beobachte sie in aller Ruhe. Hier wissen alle von meiner Anwesenheit. Manche können mich sehen. Einige können mir in die Augen schauen und die einfache Wahrheit ertragen, die ich ihnen eröffne: Es geht nur darum, welches Datum in der Todesanzeige stehen wird. Es ist wie eine Terminvereinbarung: Nächste Woche? In fünf Jahren? In dreißig Jahren? Hier versteht jeder die Bedeutung, das Gewicht der Entscheidung. Keine Spielchen mehr. Dies ist kein Ort für leichtfertige Zusagen, leere Versprechen. Wer hier liegt, überlegt sich genau, was er will.

Wie Nicks Frau, die nach ihrem zweiten Rezidiv gleich aus dem Morphium-Schlummern aufwachen wird. Sie war auch vor fünf Jahren, bevor der Tumor entdeckt wurde, ein zierliches aber starkes Persönchen. Sie wird mich sehen und erkennen. Ich freue mich schon auf das Gespräch.

 

Krebs ist keine Krankheit. Im Gegenteil. Nicks Frau versucht verzweifelt, wenigstens in Teilen erhalten zu bleiben: ein Überlebenskampf auf Zellebene. Wenn das Ganze schon verloren geht. Wenn die Organe ersticken. Um seine Haut zu retten, vereinfacht sich der Körper energiesparend. Eine clevere Strategie. Ich muss es mir jedes Mal ansehen und bin bereit, meinen Job zu tun.

Bei Nicks Frau sind es die Zellen ihres linken Eierstocks. Halt! –, sie öffnet langsam die Augen. Benommen und geschwächt, braucht sie einige Minuten, bis sie begreift, was los ist. So viel Zeit muss sein – sie soll bei Sinnen sein, wenn wir die ernsten Dinge besprechen, die sie schon lange nicht mehr auf dem Schirm hat, obwohl sie von ihnen erwürgt wird.

Menschen verwechseln Verdrängen mit Vergessen. Wenn man vergisst, spart man Energie – die Sache kommt unter Verschluss. Es kostet was, sie wieder hervor zu holen; also lässt man es sein. Feng Shui für die Seele. Gesund.

Verdrängen ist wie Angst und Schmerz in Schubladen verstecken, die getarnt gedrückt werden müssen, damit der ganze Dreck nicht herausströmt und einen normalen Alltag unmöglich macht. Viel Einsatz, um die Lügen, die nötigen Trugbilder aufrecht zu halten.

Es kostet Kraft, die unsichtbare Hand zu lösen, die über Jahre und Jahrzehnte die Schubladen des Unbewussten geschlossen hält. Krank.

Wehe, die Hand ermüdet. Oder bricht.

 

Mit Nicks Frau wird es nicht einfach werden. Zu viele Schubladen. Wir werden weit zurückgehen und tief bohren müssen, denn bei ihr beginnt das Krebsleben schon bevor sie entbunden wird.

Im Alkohol- und Nikotinbauch ihrer Mutter. Beim dilettantischen Versuch, den unerwünschten, gehassten Wurm in ihrem Bauch abzutreiben.

 

Ich beuge mich über sie: „Plötzlich sind sie alle richtig lieb – nicht wahr?“, flüstere ich ihr ins Ohr.

Panisch reibt sie sich die Augen. So reagieren sie manchmal, wenn sie mich sehen. Aber es ist ein gutes Zeichen: ein Lebenszeichen. 

„Das ist keine Liebe! Er hat nur Schiss! Es dämmert ihm langsam: wenn du weg bist, dann muss er die Verantwortung für die Kinder tragen. Kann sich nicht mehr einfach aufs Motorrad schwingen und mit den Kumpels ins weiberfreie Lager verpissen. Saufen. Zocken. Ficken. An Wochenenden. Manchmal auch sonst.“ Ich muss schnell auf den Punkt kommen – Diplomatie liegt mir nicht.

Ihre Empörung gefällt mir: Ihr vergilbter Teint – durch die Lebermetastasen verursacht – erfährt eine winzige Rotverschiebung. Sie spürt die Härte der Worte und kämpft gegen ihre Wahrheit. Kämpft!

 

Nick, die Kinder, die sie so liebevoll belagern, wollen ihre Wünsche jetzt aus kleinsten Regungen lesen: möchtest du ein Eis, Mama, oder soll ich dir ein Buch, eine Zeitung bringen? Entscheide! Jetzt!

Mutter hat Kohlrouladen geschickt. Sie sind ihr besonders gut gelungen, mit viel Liebe zubereitet. Extra für dich. Weil du sie so gerne hast. Möchtest du jetzt essen? Oder lieber später? Sind sie warm genug? Ich kann sie in der Küche aufwärmen lassen – soll ich? Oder möchtest du doch lieber später essen? Jetzt vielleicht einen Joghurt? Oder lieber nur Obst? Ich habe auch frische Datteln mitgebracht. Vom Türken. Sollen sehr gesund sein. Möchtest du?

Oder doch lieber was Richtiges? Entscheide! Jetzt!

Jetzt, da ihre Energie kaum noch zum Atmen reicht, und sie befürchten muss, dass es jetzt so weit sein könnte. Dass es vielleicht diesmal nicht mehr gut ausgehen wird. Jetzt erstickt sie in Aufmerksamkeit und Zuwendung.

Es ist keine Zärtlichkeit, keine liebevolle Berührung. Panisches Grapschen, aggressives Schnappen – Festhalten, damit sie bleibt. Egoistisches Zerren und Zupfen. Klammern, damit sie bleibt, solange sie gebraucht wird. Für Liebe und Sex schon lange nicht mehr. Für das Management und Betrieb im Haus und Garten.

Eine sehr nette, harmonische Familie, würde jeder sagen, der sie kennt.

 

„Halt' dir die Kinder vom Leib – das ist keine Liebe!

 

Es ist nur schlechtes Gewissen: hätten wir der Mama vielleicht doch im Haushalt helfen, ihr vielleicht manchen Kummer ersparen sollen, vielleicht Mal die U-Bahn genommen, statt Jahre lang, manchmal drei Mal am Tag, die Taxi-Fahrerin Mama bemüht – auch um drei Uhr nachts; mal Oma sagen sollen, dass sie Mama in Ruhe lassen und nicht dauernd kontrollieren solle; dass Mama, keine Versagerin sei, die nichts zustande bringt.

Dass sie nicht von Omas Geld, in Omas Haus lebte, sondern eine liebe Mama sei. Dass Mama sehr wohl kochen könnte, wenn sie nur dürfte.“

 

Sie versucht mich anzuschreien, zu widersprechen – schafft es aber nicht. Zu schwach. Aber es liegt nicht am Kraftmangel. Ich erkenne es am Glanz ihrer Augen:

„Wie heißt du?“, sie schaut mich dabei milde an und kratzt sich wund. Wenn jeder Quadratzentimeter Haut juckt, ist das die Hölle. Es sind die Gifte – innerlich und äußerlich.

 

Eine bildhübsche Krankenschwester kommt herein, um die Infusion zu prüfen. Adrett, seitdem das Klinikum eine GmbH ist, lächelt sie freundlich:

„Nicht weinen“, sagt sie warm und berührt sanft die Schulter der Patientin „das wird schon!“ –, sie spürt, dass ich da bin, verdrängt es aber.

Nicks Frau nickt, wischt sich die Tränen, und schüttelt den Kopf, als die Schwester beim Hinausgehen fragt, ob sie noch einen Wunsch hätte.

„In L.A. nennt man mich Joe Black“, antworte ich, „Der Schwarze Sepp, und du hast den Schwarzen Peter ...“, ich lache über mein Wortspiel.

Ihre Tränen zeigen: sie lässt die Wahrheit zu, vor der sie sich immer verkrochen hatte. Geflüchtet in geschäftiges Machen-und-Tun und Lächeln dazu und in Pilcher-Filme, in Volksmusik und in Schönfärberei. Und leugnen, lügen und heucheln, bis es nicht mehr nötig war, weil es von selbst geschah. Eine zweite Natur wurde – und eine Krankheit.

Eine Bedingung für ein Krebsleben. Nicht der Grund.

 

Das Abheben in Traumwünsche, für deren unerreichbar gleichen Abstand, sie, die Umstände und ihre Lieben gesorgt haben – unbewusst, aber tatkräftig – bis sie irgendwann zum Traum-vom-Traum mutierten, um später noch wie Floskeln geplappert zu werden, und heute nur noch die verblasste Erinnerung von etwas zu sein, was einmal ein Wunschtraum, vielleicht sogar Wirklichkeit hätte sein können. Es war komfortabel – bösartig bequem. Was es aber genau war ...

„Ihr seid alle krank, führt ein asymmetrisches Leben: Sie sind Räuber! Nehmen ohne zurückzugeben! Natürlich aus freien Stücken. Aus FREIEN! Dass ich nicht lache! Das ist die größte Verarschung. Böses Kind! Du hast den schlimmsten Verrat begangen: dein Selbst verraten. Ja – heule nur!“

Sie wird durch die wuchtigen, krampfartigen Erschütterungen ihres ausgemergelten Körpers im Bett hin- und hergeworfen. Nicks Frau wiegt fast nichts mehr. Ich jedenfalls bin bei ihr und bereit.

„Du bist der Tod! Hier bin ich! Halte dein Versprechen und hole mich! Erlöse mich! Aber quäl' mich nicht!“, brüllt sie.

Ich muss innerlich lachen.

Bei Krebs muss auch der Tod paradox denken: der Patient meint oft das Gegenteil von dem, was er sagt.

„Ich quäle dich nicht. Die Erkenntnis deiner Wahrheit quält dich. Das Fühlen der Wahrheit.

Wenn es gut geht, dann wirst du sogar wütend sein. Glaub' es mir: Ich kann dich nicht täuschen – der Tod lügt nie.“

Sie hat schon lange nicht mehr aus vollem Herzen geweint: ihr Kinn verkrampft sich. Die Kraft der stärksten Muskeln, die ein Mensch besitzt, packt gnadenlos zu. Ihre Zunge blockiert. Sie würgt – übergeben kann sie sich aber nicht. Es ist süß, wie ihre dünnen Ärmchen in die Luft schlagen, wie ein Boxer ohne Gegner, bekämpft sie ihr eigenes Schattendasein.

Ich habe sie richtig eingeschätzt: sie kämpft. Aber sie wird Zeit brauchen, bis sie sich davon erholt. Bis sie ihre Wahrheit ertragen kann.

 

„Hallo!“, begrüßt mich Nicks Frau, jetzt, sechs Monate später, bei ihrer letzten Chemo: „Komm herein! Ich erkenne dich wieder!“ Sie lächelt.

„Oh ja, die Therapie greift ...“, ich beobachte einige kleine Veränderungen an ihr.

„Bin dir wieder einmal von der Schippe gesprungen!“, strahlt sie.

Es ist nicht nur so dahingesagt. Ich merke es natürlich sofort. Wer, wenn nicht ich.

„Warst du oft beim Pferd?“, ich sauge ihre Antwort auf: Sie nickt.

„Du hattest Recht. Mit allem, was du über Nick und den Kindern gesagt hattest. Ich habe es verstanden. Ich denke wieder positiv. Ich werde leben!!

„Werde leben – wenn ich das schon höre! Du hast nichts begriffen! Du lebst jetzt, und wirst sterben!“

„Doch! Ich werde alles verändern.“

„Langweile mich nicht mit diesem Positiv-Denken-Gequatsche! Die Friedhöfe sind voll von Positiv-Denkern – ich habe sie alle dahin bringen müssen. Und Nick …“

„Oh, das ist jetzt alles anders. Wir haben viel miteinander gesprochen und sind uns dabei sehr nahegekommen. So gut war unser Verhältnis noch nie. Offen. Vertrauensvoll. Klar – es wird nicht mehr die große Liebe sein. Aber wir werden echte Partner. Keine Lügen, kein Heucheln mehr.“

„Und die Kinder? Haben sie sich auch geändert?“

„Sie brauchen noch ihre Mutter – das ist doch normal. Ich werde es ihnen schonend beibringen, wenn sie so weit sind. Wichtig ist sowieso, dass ich es kapiert habe. Dass ich mein Leben ändern muss! Ändern werde!“

„Du täuschst dich – es ist immer noch deine alte Masche. Du glaubst verstanden zu haben, du denkst, du wirst es schon richten, du wirst …! Du, du und wieder du! Eigentlich warst du immer schon ein Kontrollfreak! Aber ein Blatt kann den kranken Baum nicht heilen.“

„Ich lasse mich von dir nicht entmutigen – nicht jetzt! Du kriegst mich nicht! Nicht bevor meine Zeit, meine mir von Gott gegebene Zeit gekommen ist!“

„Ich muss lachen!“, ich muss wirklich lachen, wenn meine Kandidaten mit Gott kommen: „Lass bitte Gott aus dem Spiel! Das hier ist eine Sache zwischen uns – zwischen dir und mir.“

 

Sie weint.

Nicht mehr so gequält.

Das ist gut.

 

„Die Blätter müssen im Herbst vom Baum fallen, damit sie in einem neuen Frühling wieder knospen können. Der Stamm muss – von seiner Last befreit – sich erholen können. Die Wurzeln müssen genesen. Nick, die Kinder – sie sind nur Blätter einer Kriechpflanze auf deinem darbenden Stamm. Parasiten. Und die Wurzeln ... Erkenne es: Du gehörst immer noch mir!“

„Das verstehe ich nicht. Seit wann bemüht der Tod Bilder, die kein Mensch versteht?“

„Nick und die Kinder – sind nicht der Grund!“

„Was bitte schön ist der Grund? Raus mit der Sprache!“

Sie gefällt mir. Ihre Kraft, ihre Energie fließt noch. Es liegt an ihrem Pferd! Wenn es um Angst geht, sind Pferde Experten – ihre Rettung?

Wenn sie wieder reiten wird …

„Du kennst den Grund – genauer gesagt: du spürst den Grund. Es ist wie mit der Luft, die du atmest: unbewusst immer da. Erst wenn sie knapp wird, wirst du ihr gewahr. Nur: deine Luft ist vergiftet. Sie heißt MUTTER.

Deine MUTTER, die seit drei Jahren kein Wort mehr spricht, weil du – ihre böse Doktor-Tochter –, die sie von ihrer Depression nicht heilen will, bestraft werden muss.

GroßMUTTERs böser Blick, ihre Stimme: Da darfst du nicht anfassen! Böser Finger!

Der Teufel wird dich holen!

Deine SchwiegerMUTTER, die im Laufe der Jahre deine allgegenwärtige ÜberMUTTER geworden ist.

Wenn dich jemand besucht, schaust du unwillkürlich durch die Decke des Wohnzimmers, als müsstest du dich vergewissern, dass sie in ihrem Reich nicht gestört wird. Redest leise und bittest den Besuch, ebenfalls leise zu sein, Rücksicht auf die alte Frau zu nehmen. Sie könnte schlafen. Etwas Wichtiges erledigen. Kochen. Vielleicht schreiben.

Aber die schlimmste, die gemeinste, die brutalste MUTTER, das bist du! Ein Tyrann. Wenn dich jemand lobt, dann denkst du: Wenn ihr wüsstet, wie schwach, gemein ich bin! Eine böse Mutter. Nicks Frau: Nichts.

 

Eigentlich wolltest du keine Kinder haben. Du hattest doch so viel vor. So viele Begabungen. So viele Möglichkeiten. Energie im Überfluss.

Und dann scheitert deine erste Ehe. Es ist meine Schuld, sagtest du, denn bei deiner Überlegenheit und deinem Potenzial konnte es nur einen Schuldigen geben: dich.

Dein Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein hatten aber Schaden genommen. Ein Baustein deiner Katastrophe wurde die Krise allerdings erst durch deine Mutter. Durch ihre Enttäuschung. Sie wollte immer Enkelkinder – von ihrem lieben Schwiegersohn, den sie regelrecht angehimmelt hatte.

In den Jahren eurer Ehe hatte sie ihn hundertmal öfter in den Arm genommen, als dich in deinem ganzen Leben. Sie hat dich nie gewollt – das weißt du! Sie sah in dir den Grund für das Misslingen ihres eigenen Lebens.

Das hat sie dir zwar nie gesagt, dich aber jeden Tag, jede Minute spüren lassen und dir nie verziehen.“

Das saß.

Sie zieht die Decke über den Kopf.

Ich glaube, sie schämt sich. Das ist gut. In ein paar Stunden komme ich wieder. So lange überlasse ich sie ihren Tränen. Damit sie ihr und sich selbst verzeihen kann. Dass ich dabei mein Tagesgeschäft nicht vernachlässigte, ist doch klar. Auf die Krebsstation komme ich ja nur, um mich zu erholen. Und um mir über den Sinn meines Seins immer aufs Neue bewusst zu werden.

 

Wenn ich am Abend vor ihrer Entlassung das Zimmer betrete, sitzt Nicks Frau nackt auf dem Boden neben ihrem Bett. Sie weint nicht – lächelt, denn sie erkennt mich sofort. Winkt mich zu sich.

„Man hatte damals festgestellt, dass ich keine Kinder haben kann, es sei denn … Eine Hormontherapie, um meine zweite Ehe zu retten. Den Gedanken, wieder zu scheitern und alleine zu sein, konnte ich nicht ertragen. Ich konnte doch meine Mutter nicht wieder enttäuschen. Wie sollte sie sonst eine Chance bekommen, mich endlich lieb zu haben? Mein Mann wollte auch unbedingt Kinder. Er hätte das Recht gehabt, mich zu verlassen. Ich war unfruchtbar, unfähig eine normale Ehefrau zu sein. Ich hätte alles getan, um nicht alleine zu bleiben! Tod, du kennst keine Angst! Du kannst nicht fühlen, was ich all die Jahre durchgemacht habe. Du hast es leicht. Du bist leicht. Wieso habe ich dich nie gesucht?

Als ich die Zwillinge bekam – das war Glück pur. Mein Sieg: Ich kann, wenn ich will! Es gibt immer einen Weg.“

Sie redet leise, farblos – wie Novemberwolken, die, um nicht aufgelöst zu werden, das Wasser für sich behalten.

Was ich sehe, gefällt mir gar nicht. Es sieht nach Arbeit aus. „Ein Pyrrhussieg, Liebste! Auf dem falschen Gleis bloß nicht beschleunigen! Der Crash kommt schneller und der Knall ist lauter.“

„Das stimmt! Dann wollte ich die beste aller Mütter werden. Und auch noch alle Menschen retten. Mal eben eine Heilpraktikerausbildung absolviert, obwohl ich schon Ärztin war. Durfte aber nie praktizieren – mein Mann und meine Schwiegermutter hatten es mir untersagt. Sie hätten es nicht ertragen, wenn ich gearbeitet hätte. Das Gerede der Leute würde mich umbringen: Deine Schwiegertochter ist eine Rabenmutter, sie lässt ihre Kinder im Stich! Habt ihr es wirklich nötig? So weit ist es schon mit euch gekommen?

Wie viel Geld wir haben, wie viel mein guter Mann in seiner leitenden Position verdient – das interessierte niemanden, nicht einmal mich. Ich hatte mein Haushaltsgeld, mein Taschengeld – und wenn ich mehr brauchte, musste ich es nur sagen. Ich musste nur darum bitten. In meinem ganzen Leben habe ich noch nie Geld gehabt – mein wirklich eigenes Geld.“

Auf dem Stuhl neben ihrem Bett liegt ein angebissener Apfel. Sie greift danach, kratzt mit dem Fingernagel die braunen Flecken ab und beißt kräftig in die Frucht. Ein gutes Zeichen: Lebenszeichen.

„Es gibt noch mehr Gründe. Aber sie liegen viel tiefer. Um sie zu erkunden, musst du von hier weg!“, betone ich langsam, „Es ist deine einzige, deine letzte Chance – keine Garantie: Du musst das Gleis wechseln. Frage jetzt nicht, welches das Richtige ist. Jedes ist besser. Warte nicht auf eine Weiche. Warte nicht auf ein Zeichen. Spring in ein ganz anderes Leben! Jetzt! Sollte es schief gehen, sei gewiss: ich werde da sein.“

Sie lächelt: „Ich schaffe das nicht. Mir fehlt die Kraft. Der Mut.“

„Das war gut“, lache ich, denn bei Krebsmenschen muss man paradox denken: sie sagen oft das Gegenteil von dem, was sie meinen. „Um die Sache zu vereinfachen – darum bin ich hier. Um dir das zu sagen: Es gibt nur dich und mich. Es sieht folgendermaßen aus: Gehe ich vor dir, dann nehme ich dich mit, und wir verbringen deine letzten Stunden zusammen mit deinen Lieben und deinem Nierenversagen."

Mühsam, sich an dem Stuhl festhaltend steht Nicks Frau auf. Ihr Kreislauf lässt sie fast im Stich. Wankend schleppt sie sich zum Fenster und öffnet es – atmet die kühle Luft, die aus dem benachbarten Botanischen Garten mit Sauerstoff angereichert herüber weht.

„Kehrst du mir den Rücken zu und verlässt dieses Zimmer vor mir, weg von den Kindern und von Muttern, von Nick – wenn es sein muss, nackt und auf allen Vieren –, dann folge ich dir geduldig auf dem langen Weg in die freie Zeit. Immer mit gebührendem Abstand zum Leben.“



Mittwoch, 20. April 2022

Bzw. ۲ ۶ ۰ [»Fünf Haiku nach 与謝 蕪村« (1996) von R. A. ol-Omoum]

 


[» Sengyo (Jugijo) 宜暁 (国宝 十便十宜帖の一枚)«, Yosa Buson (1771)]




俳句


Meine Nachbarn hassen mich:

Sie klappern mit ihren Pfannen

in der Winternacht.



Nacht. Ich beiße den

gefrorenen Pinsel

mit meinem letzten Zahn.



Der Wintersturm

bläst kleine Steine

gegen die Tempelglocke.



Ein Licht

entzündet sich am andern

in der Frühlingsnacht.



Ein Eimer ohne Boden

rollt und rollt

im Herbstwind.


[Yosa Buson (1716 – 1783) in der Übersetzung von Dietrich Krusche]









[»Fünf Haiku« (1996). Partitur für Sopran, Flöte und Klavier von R. A. ol-Omoum (*1965)]



Haiku, die kleinste lyrische Form, die in der Weltliteratur zu Bedeutung gelangte, ist zugleich vollendeter dichterischer Ausdruck japanischen Geistes. Eine stets gegenständliche, naturnahe Kunstgebärde, die in ihrer Leichtigkeit von vieldeutigem Reichtum an Assoziations-Möglichkeiten umgeben ist. Ein hingehauchtes Bild, das den Leser und Betrachter in den Bann seiner fragmentarischen Vollkommenheit, den Zauber des Augenblicklichen zieht – und ihn entlässt, aber nicht mehr loslässt. [Dietrich Krusche]




[»Yosa Buson«, Matsumura Goshun (1939)]




Das Haiku ist weltweit zum poetischen Ideal geworden. Ein plötzliches Aufblitzen, ein Bild, das sich in das Echo der Dinge schmiegt, ein Klang – drei Zeilen und doch eine ganze Welt. Drei japanische Dichter haben das Haiku geprägt – der wandernde Basho mit seinen meditativen Inbildern, Buson mit seinen malerischen Miniaturen und Issa mit seiner Liebe selbst zu den kleinsten Kreaturen. Die Dichter der Beat Generation – Jack Kerouac, Allen Ginsberg und Gary Snyder – steckten mit ihrer Haiku-Begeisterung den gesamten Westen an und übertrugen das poetische Ideal in unsere Gegenwart. [Hans Jürgen Balmes]