[Alan
Fisher »Fats
Waller«
(1938)]
I
don't stay out late, got no place to go
I'm
home about eight, just me and my radio
[Andy
Razaf »Ain't Misbehavin'« (1929)]
[Musikautomat
Telefunken]
This
is so nice, it must be illegal.
[Fats
Waller (1904 – 1943)]
Ain't
Misbehavin'
Wer
hätte schon gedacht, dass sich Horst nun auf dieser verlausten
Pritsche in der Justizvollzugsanstalt Mainz wiederfinden würde, wo
er sich die geschwollenen Lymphknoten am Hinterkopf massierte. Von
fahrlässiger Tötung war die Rede, während er wusste, dass
er insgeheim mit dem Vorsatz gehandelt hatte, Karls Leben ein für
allemal auszulöschen. Hin
und wieder widerfuhr dies Leuten; zweifellos: sie diskreditierten
sich. In Bretzenheim, dem
römischen Britenheim,
wie der Schutzmann auf dem Weg nach Määnz
beiläufig äußerte, hatte man ihn festgenommen. Er dachte an Karl,
den Jugendfreund, den gerade eben noch gescheiterten Busfahrer, ein
gescheiter Kerl, gewiss; er rühmte sich gern, einen
überdurchschnittlichen Intelligenzquotienten zu haben und
behauptete, er könne gewissermaßen aus dem Stehgreif einen
wissenschaftlichen Vortrag halten, etwa über die Kunst der
Gesprächsführung, wobei er keinen Hehl daraus macht, dass er hierbei
eher an die Dialoge Platons dachte, in denen allenfalls kurze
Erwiderungen der Zustimmung oder unmaßgebliche Zwischenfragen
gestattet waren. Horst brachten diese Situationen zum Lachen; seine
Kathrin
allerdings war beeindruckt.
Kaum
einer erheiterte Horst so sehr wie Karl Larsch, wobei jener es auch
verstand, ihn unvermittelt kleinzumachen, ihn zu piesacken.
Horsts Strategie, die wiederholten kleinen Garstigkeiten zu erwidern,
bestand meist darin, sie so lange mit eiserner Miene an sich abperlen
zu lassen, bis Karl das Interesse verloren hatte. Manchmal führten
die Invektiven aber auch zu Balgereien, in denen Karl seine
körperliche Überlegenheit zu demonstrieren wusste.
Anfangs
war es die bloße Tatsache, dass Horst Sohn des Dorfpolizisten war,
die Karl gegen ihn ins Spiel brachte. Horsts Stillschweigen, bereits
während der gemeinsamen Schulzeit als Oberrealschüler, führte
dazu, dass Karl ihn allmählich als Kumpel
akzeptierte, worin Horst ihn ebenfalls gewähren ließ. Als
Zugezogener war Karl ebenso plötzlich in der Schule aufgetaucht wie
er noch vor Ende des Schuljahres wieder verschwunden war, um sich,
wie er Horst anvertraut hatte, der Schule
des Lebens
zu widmen, wo ihm Verse, Becken, Hüften, Fats Waller, Cole Porter
und der Kommunismus begegneten; in letzterem sah er nichts weiter als
eine Chance zur Abgrenzung vom rechten
Pöbel.
„Die Diktatur des Proletariats“, hörte Horst ihn in seiner Zelle
sagen, „ist die Hölle auf Erden – und dein Alter bloß ein
verdammter Cerberus! Das Wohl der Arbeiterschaft ist mir im Grunde
vollkommen gleichgültig. Die Armen wollen rauf, die Reichen nicht
runter. Das war nie anders! Und wenn irgendein Sosso das Regiment
übernimmt, geprügelt vom versoffenen Vater, religiös abgefertigt
vom seligen Mütterchen, dann hat man eben einen Prügler zum Führer;
sonst nichts. Utopien, das kannst du vergessen! Die Menschlein
rangeln sich um einen Allmächtigen, einen Joh Fredersen,
Sportveranstaltungen, rauschhaftes Vergnügen und so weiter und so
fort; seit jeher. Ich will's warm in meiner Bude haben, meinen
Musikautomaten dröhnen lassen, eine Alva nach der anderen rauchen,
und bei dekadenten Schlagern mitträllern, ohne irgendein vorlautes
Kollektiv im Nacken sitzen zu haben. I
don't stay out late, no place to go, I'm home about eight, just me
and my radio.“
Karl
bezeichnete sich gern als Gelegenheitslump, Verführer und Artist auf
Abwegen; er begehrte verheiratete Frauen jeden Alters, stahl aus
purem Vergnügen am Nervenkitzel und scheute sich nicht davor seine
Fäuste einzusetzen. Dass er sich aber an seine
Kathrin heranmachte, sie auf dem Motorrad mitfahren ließ und ihr
sogar einmal einen flüchtigen Kuss abgetrotzt hatte, musste Folgen
haben, dachte Horst. Einen Stoß nur vor die Brust, mit
Entschlossenheit, ein kantiger Stein – Fahrlässigkeit, ein Unfall
oder Vorsatz, Karl war nicht mehr. „Der hätte wohl besser zu ihr
gepasst als ich!“, murmelte er.
Überall
auf der Welt werden vorwiegend runde Zigaretten geraucht, die sich
dank ihrer Vorzüge auch bei uns immer mehr durchsetzen. Das runde
Format ist nun einmal das naturgegebene: - es sichert einen guten,
vollen Zug und einen gleichmäßigen Brand. Wie oft kann man Raucher
beobachten, die – vielleicht unbewusst – ihre ovale Zigarette vor
dem Anstecken rund drehen, damit sie besser zieht. Warum nicht gleich
ALVA „RUNDE SORTE“ rauchen?! - Das Aroma ihrer
gehaltvoll-würzigen Mischung nach echt mazedonischer Art kommt durch
das runde Format zu einzigartiger Entfaltung.
Im
Bebelring Nr. 81 klang ein neuer Ton auf. Alois' ältere Schwester
Dora brachte eines Tages ihre Freundin Kathrin mit, die in der Schule
jahrelang in der gleichen Klasse gesessen hatte. Ihr flottes
ungeniertes Wesen gefiel dem jungen Mann. Dann fiel ihm auf, dass sie
mit den Dingen der Hausarbeit gut Bescheid wusste. Einen Vorhang, der
nicht richtig an der Galeriestange hing, schob sie, hoch auf der
Leiter stehend, ein paarmal hin und her, zog die Falten zurecht, und
schon hing er schöner, als er je gehangen hatte. Sie kam mit einem
Kleid, das nicht passen wollte, selber klar; man brauchte keine
Schneiderin. Einmal schneiderte sie eins für die Freundin, und alle
waren überrascht, wie gut es Dora saß und stand.
Kathrin
meisterte die kleinen – und großen – Schwierigkeiten des Lebens
besser als Alois; ihm fehlten die Anstelligkeit und Flinkheit, die
sie besaß. Sie besaß sie nicht von ungefähr; ihr Vater, ein
fleißiger, geradsinniger Mann, besorgte im Schlacht- und Viehhof das
Verkaufen von Schweinen für einen Viehhändler. Vor kurzem hatte er,
auf eine Erbschaft seiner Frau gestützt, einen eigenen
Schweinehandel aufgemacht, war aber nicht gerissen genug, um mit den
Metzgern auszukommen, die bei ihm Schlachtvieh bestellten, auf dessen
Bezahlung er zuweilen vergeblich warten musste. Schlimmer war, dass
eine Genossenschaft den Vertrieb der Schweine übernahm und daher
seinen Geschäften jeder Boden entzogen war. Kathrins Mutter war eine
tüchtige, unermüdlich tätige Frau.
I
guess I'll have to change my plan
I
should have realized there'd be another man
I
overlooked that point completely
Before
the big affair began.
Was
man Liebe
nennt,
war Alois schon einige Male, doch nicht mit der Gewissheit des
Bleibenden und Endgültigen zuteil geworden wie jetzt. Eines Tages
stieg Kathrin mit ihm in dem Warenhaus am Markt, wo er jetzt wohnte –
er hatte es mit seiner zweiten Mutter gründlich verdorben und
ausziehen müssen – zum greisen Fräulein Hartwig hinauf, bei dem
noch zehn andere Logisherren auf einem Flur wohnten. Arm in Arm
schauten sie auf den Flur hinunter, auf dem sich ein Gewirr von
Menschen bewegte. Bauernweiber hatten Körbe mit Kohl- und
Salatköpfen auf den Stufen des Marktbrunnens aufgestellt, auf dessen
Sandsteinpilastern zu lesen stand, dass der Brunnen im Jahr 1526,
also vor genau 400 Jahren, erbaut worden war. Alois blickte zum Dom
hinüber; ihn interessierten die Leute da unten nicht. Kathrin besah
sich derweilen alles im Zimmer, die Möbel, das Sofa mit den Kisschen
und Deckchen, Alois' Bett, und jetzt versuchte dieser, einem kleinen
Herzklopfen zum Trotz, zu lieben.
Er wollte das Lieben, von dem er oft wollüstig träumte,
Wirklichkeit werden lassen. Doch musste er es, obwohl ihm Kathrin den
Willen tat, unverrichteter Dinge sein lassen; es wollte ihm nicht
gelingen.
Sweetheart,
if you should stray a million miles away
I'll
always be in love with you
And
though you find more bliss in someone else's kiss
I'll
always be in love with you.
Schweren
Herzens trat er ans Fenster und schaute erneut zum Dom hinüber. Ihm
war elend zumute. Ein jämmerlicher, kleiner Lüstling stand vor dem
großen Beter, der sich hinter den spitz- und rundbogigen Fenstern
drüben tausend Jahre lang an die Brust geschlagen hatte. Wer war nun
frei? Der oder er?
Pitter-patter
pitter-pat,
pitter-patter-pitter-pat.
We
are not afraid of thunder.
All
the time we wonder,
why
is each new task a trifle to do?
Because
we are living a life full of you.
I'm
singing in the rain.
Oft
gingen sie ins Freie, wanderten am Rhein entlang oder gingen durch
den Stadtpark, wo er ihr unter aufragenden Pappeln das Grab des
Schinderhannes zeigte, dessen Kopf hier in den Staub gerollt war.
Oder sie liefen im Gonsenheimer Wald an der Nothelferkapelle vorbei
und um das wuchtige Waldthausenschloss herum, um weiter nach
Uhlerborn und Heidesheim zu gelangen, von wo sie mit der Eisenbahn
zurückfuhren. Einige Male standen sie auch am Königsborn, aus
dessen Quelle die alten Römer das Wasser über die Römersteine
zu ihrem Kastell geleitet hatten.
Manchmal
stiegen sie, wenn es schon dunkel werden wollte, auf den
langgestreckten Hügel hinauf, der hinter der Mombacher Straße
herzog, und blieben auf einer einsamen Bank sitzen. Gierig sogen sie
den berauschenden Duft der Akazienblüten ein, die über ihnen
hingen. Einmal hörten sie hinter sich ein Rascheln und Flüstern
näherkommen und Zigaretten glommen im nachtdunklen Rasen. Was
wollten die Männer? Sicher wollten sie das Schäferstündchen
belauschen, das sich, wie sie annahmen, hier anspinnen würde.
Plötzlich war es Alois klar, was das für Männer waren. Seine
angestrengt horchenden Ohren hatten ein französisches Wort
aufgefangen; es waren Soldaten, die vor dem Zapfenstreich gern noch
etwas Amüsantes erlebt hätten. Alois sprang auf und schrie in die
Nacht hinaus: „Que cherchez-vous ici? Sauvez-vous! Je ferai rapport
à Monsieur Capitaine!“ Im selben Augenblick schnellte eine Anzahl
Uniformierter in die Höhe. Sie entfernten sich, so schnell sie
konnten; sie glaubten wohl, es mit einem Offizier zu tun zu haben.
Love
flew in through my window
I
was so happy then
But
after love had stayed a little while
Love
flew out again.
Alois
fragte sich oft, wie er der Liebsten etwas bieten könne, was ihr
Freude machen würde. Mit Spaziergängen war es nicht getan; sie
verlangte mehr von ihrem Schatz. Er gewann sie für eine Vorstellung
im Stadttheater und besorgte Karten für gepolsterte Parterreplätze,
während er, wäre er allein gewesen, sich mit einem Holzsitz auf der
Juchhe
im
3. Rang begnügt hätte; doch das Drama, das er ausgesucht hatte,
ging ihr nicht zu Herzen wie ihm. Er hätte bedenken müssen, dass
Schillers Wallenstein
von ihr in mancherlei Hinsicht zu viel verlangte. Vor allem war sie
an stundenlanges Zuhören nicht gewöhnt, war sie doch erst vor
kurzem mitten in einer Predigt, die Dr. Pick mit tiefgehenden
Gedanken untermauerte, eingeschlafen. Er hätte wohl besser, wenn
schon nicht auf eine Operette, die ihr vielleicht gefallen, ihm
jedoch zuwider gewesen wäre, auf eine schöne Oper gewartet.
Das
Kino war auch nicht seine Sache. Der Griff ins Leben, den es tat,
vielleicht in das der reichen Leute, konnte ihn nicht mit sich
fortreißen, ja weckte seinen Widerspruch. Der Film war für ihn
nicht Kunst, wofür ihn manche hielten, sondern Massenfutter.
Er sah freilich auch seine positiven Seiten, hatte er sich doch in
der Volkszeitung
über den Kulturwert
des Films
wie folgt ausgelassen:
Der
Film im Dienste der Wissensaneignung und Bildung gehört nicht nur
den Erwachsenen, sondern vor allem auch der Jugend. Es erheben sich
indes Stimmen, die uns zurufen: „Kinder und Jugendliche gehören
nicht ins Kino!“ Diese von Volksbildungsvereinen genährte
Einstellung lag schon im Sinne der Jugendbewegung, wollte sie doch
Kinovorstellungen verhindern, um die Kinder vom „Schund“
fernzuhalten. Solchen warnenden Stimmen müsste man entgegenhalten,
es erübrige sich, Kinder ins Kino zu führen, weil sie schon drin
sind. Der neueste Kriminalfilm ist ein wichtiger Gesprächsstoff
unter Schülern der Oberklassen. Ein Aufklärungsfeldzug über die
kapitalistische Grundlage des Lichtspielwesens oder das
Unwahrscheinliche vieler Filmdramen würde nicht an sie herankommen.
Die „Kunst“ eines Harry Piel wäre stärker als alle gutgemeinten
Worte. Sollte auch ein Jugendlicher auf etwas verzichten, was ihm,
indem es ihn mit Spannung lädt und seine Phantasie beflügelt, zu
tiefer Freude gereicht? Wir sollte nicht vom Piedestal des Gebildeten
auf die Filmbegeisterung der jungen Leute herabblicken. Die
Herrschaft des Films ist nur deswegen so groß, weil die ewig junge
Romantik die Zuschauer im dunklen Saal regiert.
„Große
Gedanken und ein reines Herz“, wie Goethe es nennt, vermögen auch
im Kino vom Darsteller auf die Zuschauer überzuspringen. Das
beweisen die Chaplinfilme. Es ist etwas Einzigartiges, wie bei
Verzicht auf Sensationen und Effekte ein Großer die Anschauungen und
Gefühle der kleinen Leute mitlebt, sie mit seinem tiefen Herzen
durchdringt, was keiner der über den Film naserümpfenden Ästheten
je verstehen wird.
Sie
sahen zusammen den Film, in dem Chaplin seine Schuhe verspeist und
die Schuhbändel als Spaghetti um die Gabel wickelt. Alois
begeisterte sich für die inszenierte Gewandtheit des großartigen
Schauspielers. Ihm war es in Italien auch nicht gelungen, Spaghetti
zu essen; er konnte es auch heute noch nicht, wenn ihm jemand
zuschaute. Kathrin konnte es wahrscheinlich besser; sie war indessen
von Chaplins Spiel wenig angetan; an Possenhaftem und an Kasperliaden
– Alois hatte ihr ein Kasperlstück des Grafen Pocci vorgelesen –
fand sie kaum Gefallen.
You're
mean to me
Why
must you be mean to me?
Gee,
honey, it seems to me
You
love to see me cryin'
I
stay home each night
When
you say you phone
You
don't and I'm left alone.
Wenn
sie aber an einem der in der Stadthalle angelaufenen Fastnachtsbälle
teilnähmen? Alle Weiber tanzen gern, sagte er sich, und auch von
Kathrin wusste er es. Aufgeregt hatte sie ihm von ihrer Tanzstunde
erzählt und von den Tanzvergnügen, die um diese Zeit in einem
Seitensaal der Schlacht- und Viehhofgaststätte abgehalten wurden. Da
wäre sie auf ihre Kosten gekommen!
Ja,
wenn er hätte tanzen können! Doch nie im Leben hatte ihn danach
verlangt, das Tanzbein zu schwingen. Er verstand es zwar, den
Hebungen und Senkungen von Versfüßen zu folgen, nicht aber denen
tanzender Damenbeine. Er tat sich etwas zugute darauf, dass er die
Behendigkeit, mit der Kathrin die Beine beim Tanzen bewegte, in
Worten und Sätzen erreichte, wenn er dichtete. Doch mit den
Schwingungen seiner Verse konnte er nicht das kleinste Tänzchen
bestreiten; dazu bedurfte es eines anderen Geistes und anderer
Kräfte. „Ich werde Tanzunterricht nehmen!“, rief er, und Kathrin
war damit einverstanden. Sie ging mit ihm in die Schießgartenstraße
zu Tanzlehrer Happé, und Alois versuchte gemäß seinen Weisungen
mit ihm zu tanzen. Die Musik dazu lieferte ein Grammophon, dessen
Krähen seine Füße mehr lähmte als beschwingte. Seine Tanzschritte
erfolgten zudem meist im falschen Augenblick, zu früh oder zu spät,
und Herr Happé war nach zwei Stunden vergeblichen Bemühens froh
darüber, dass der ungelenke Schüler nicht weiter in die schwierige
Materie eindringen wollte; er hatte ihm bei seinen Tanzversuchen
mehrmals auf die Füße auf die Füße getreten.
Trotzdem
glaubte sich Alois befähigt, einen Ball mitzumachen. Vorher ließ er
sich vom Schneider einen einen gut sitzenden Smoking anfertigen,
indessen Kathrin sich ganze Nachmittage damit abmühte ein
Maskenkostüm zu schneidern, von dem Alois nicht wissen durfte, wie
es aussah und was es vorstellte. Er begab sich an dem betreffenden
Abend allein zur Stadthalle; seine und Kathrins Schwester waren mit
Kathrin vorausgegangen.
Alois
hielt unter den mehr als tausend Masken, die sich, umwogt von
rauschender Musik und aufgewirbeltem Staub, an ihm vorbeidrängelten,
Ausschau nach einem Matrosen. Wie das? Nun, auf einem kleinen Foto,
das sie ihm gezeigt hatte, trug sie einen Matrosenanzug. Die Idee,
sich so zu kostümieren, war ihr wohl gekommen, während ihre Brüder,
die beide als Matrosen dienten, ihren Urlaub in Mainz verbrachten.
Aber der Hauptpunkt, an den er sich hielt, war der: er hatte eine
Matrosenmütze auf ihrem Bett liegen sehen.
Unter
den tanzenden Masken gab es eine Menge Matrosen, auch solche von
Kathrins Figur, doch die unter ihnen, die er ansprach, war es nicht.
Aus ihrer girrenden, mit verstellter Stimme gesprochenen Antwort war
kein sicherer Schluss zu ziehen, ob sie es war oder nicht. Er hatte
eine ganze, ihn entsetzlich lange dünkende Zeit nicht ein einziges
Mal getanzt, hatte keine unter den Masken darum gebeten, und keine
hatte ihn darum ersucht. Was da ohne Aufhören einander hin und her
schob, tanzten die überhaupt? Einmal trat eine Maske – sie sollte
wohl ein Veilchen vorstellen, weil sie violette Schleifen auf einem
grünen Kleid und ein violettes Häubchen auf dem Kopf trug – an
ihn heran, girrte ihm etwas in die Ohren und suchte ihn mit sich
fortzuziehen. Wollte sie mit ihm tanzen? Widerwillig ging er ein paar
Schritte mit, machte sich dann aber los und ließ sie stehen. „Was
soll ich mit einem Veilchen anfangen?“, murmelte er verdrossen.
Er
stieg die Treppe zu dem Balkon hinauf, der an einer Seite um die Wand
herumlief, um nachzusehen, ob Kathrin da oben war. Hierher hatte sich
neben anderen Masken auch eine Anzahl Matrosen zurückgezogen, jeder
eskortiert von einem befreundeten Herrn. Die Matrosen tanzten hier
oben nicht, sie wollte es gar nicht, sie hatten sich etwas Besseres
ausgedacht; sie vergnügten sich auf eine den Leuten im Saal
verborgen bleibende, ihnen wohlgefälligere Weise als mit Tanzen. Sie
ließen sich von ihrem Liebhaber knutschen.
Ob Kathrin unter ihnen war? Nein, das war nicht möglich; das war
ausgeschlossen. Derartiges war ihrem Charakter und ganzen Wesen
fremd, zu einer solchen Art Vergnügen
ließ sie sich nicht herab.
Eilig
stieg er wieder hinunter ins Parkett, bahnte sich, eine wachsende
Verzweiflung im Herzen, einen Weg durch die nunmehr wilder tanzende
Menge – es ging auf Mitternacht zu und die Stunde der Demaskierung
nahte – und warf verstörte Blicke bald nach dieser, bald nach
jener Seite. Diesmal enthielt er sich des Fragens, fragte nur sich
selbst: „Wo steckt sie? Hat sie einen Besseren gefunden? Das kann
wohl sein … und wer weiß, ob sie in diesem Augenblick nicht
glücklicher ist als sie es mit mir wäre?“
Statt
die Situation ruhig zu überdenken, ließ er sich von der trüben
Stimmung leiten, die Besitz von ihm ergriffen hatte. Er war ein
Stimmungsmensch und ein Schawarzseher, was das eigene Glück betraf;
noch nie hatte ihn ein Akt der Selbstregierung so weit gebracht, dass
er mit sich ins Reine gekommen wäre und die Gründe (oder
Grundlosigkeit) dieser Stimmung überprüft hätte. Er war einer
Stimmung, einer trüben oder freudigen, mit seinem ganzen Menschen
ausgeliefert; sie beherrschte ihn, was man einem Dichter oder
Komponisten, nicht aber einem Schullehrer, hätte hingehen lassen.
In
dieser Stimmung entschloss er sich, nach Hause zu gehen, und tat es.
Die Meenzer
Fassenacht
war noch nie seine Sache gewesen, wie er zugab, und ein Maskenball
war es noch weniger.
Alois'
Leute fanden sich nach dem Ende des Mummenschanzes an der vorher
bezeichneten Stelle ein, nun ohne Larven auf dem Gesicht – unter
ihnen auch das herzige
arme Veilchen
– und fragten sich, wo Alois bleibe. Er kam und kam nicht; sie
suchten die Stadthalle nach ihm ab und fanden ihn nirgends. Ermüdet
gingen sie schließlich ebenfalls nach Hause.
Die
Schwester fand ihn – bestürzt über ein solches Verhalten –
schlafend im Bette liegen. Kathrin bekam in dieser Nacht zu spüren,
was das für ein Mensch war. „Das ist ja gar kein Mensch!“, sagte
sie zornig. Sie überlegte, ob sie ihm den Laufpass geben solle, war
kurze Zeit fest dazu entschlossen, tat es aber dann doch nicht. Beim
nächsten Wiedersehen kam sie nicht mehr auf die Sache zurück; erst
viel später einmal gebrauchte sie das Wort von der großen
Blamage,
die sich einer zuzieht, der seine Braut allein nach Hause gehen
lässt.