Sonntag, 19. April 2026

Z. Z. LXVI [»Too Much Monkey Business XVII« (2026)]

 


[Pieter Bruegel the Elder »Two Monkeys« (1562)]



Everybody's

                    Got

Something

                       to

Hide

Except

                  Me

and

My

          Monkey

[John Lennon (1968)]




[Chimpanzee Congo »Painting« (1956 - 1958)]




Too Much Monkey Business


Year by year,

the monkey's mask

reveals the monkey.

[Matsuo Bashō (1644 – 1694)]



Payphone, somethin' wrong, dime gone, will mail

I ought to sue the operator for tellin' me a tale, ah

Too much monkey business, too much monkey business

Too much monkey business for me to be involved in


I been to Yokohama, been fightin' in the war

Army bunk, army chow, army clothes, army car, ah

Too much monkey business, too much monkey business

Too much monkey business for me to be involved in


Workin' in the fillin' station, too many tasks

Wipe the windows, check the tires, check the oil, dollar gas, ah

Too much monkey business, too much monkey business

I don't want your botheration, get away, leave me be


Too much monkey business for me

[From: Chuck Berry »Too Much Monkey Business« (1956)]



Karl Ludwig erzählte nicht von früher, wie die meisten Männer seiner Generation, schon gar nicht vom Krieg. Wohl war einmal von Griechenland die Rede gewesen. Ob er wirklich ein Fallschirmjäger gewesen war? Das klang schon einmal abenteuerlicher als alles, was man sich bei ihm vorstellen konnte. Dann wäre er ja regelrecht sportlich gewesen, sogar mutig, der Karl Ludwig. Vorm Krieg hatte er ein Motorrad gehabt. Davon konnte er ein Foto zeigen. Na ja, auf diesen Vehikeln saß man in Knickerbockern mit Ballonmütze. Das war nicht gerade das, was man sich unter sportlich vorstellte. Und dann benutzte er auch komische Wörter. Ein Feuerzeug sei das gewesen, das Motorrad, dieses Ding mit den zwei Sätteln wie für Fahrräder, aber jeweils für einen Riesenhintern. Eine Brille konnte nicht einfach eine Brille sein, er musste Nasenfahrrad sagen, oder noch schlimmer: Spekuliermaschine, und man sollte das lustig finden. Spekuliermaschine. Irgendwie war alles muffig an diesem Karl Ludwig.

Von Albins Vater gab es ein paar Soldatenfotos als Matrose. Aber er war wohl bloß bei der Küstenwache gewesen, fuhr also nicht einmal mit dem Schiff. Und Schiffe waren auch eher nichts Gefährliches, schon gar nicht an der Küste. Dafür spielten Seeleute Schifferklavier, natürlich nicht alle, der Vater aber schon. Oder war das nur für das Foto? Man kannte das vom Fotografen. Da wurden kleinen Kindern Teddybären in den Arm gelegt. Oder beim Schulanfang saß man vor einer großen Landkarte, die Haare mit Wasser gescheitelt, und auf eine Schiefertafel hatte man geschrieben Mein erster Schultag, was auch ein Witz war, schließlich konnte an seinem ersten Schultag keiner schreiben! Auch später noch lange nicht. Da malte man mit seinem Griffel langweilige Spazierstöcke, Girlanden und Arkaden, wie die Lehrerin betonte. Da wusste man noch lange nicht, was das mit den Arkaden zu tun hatte, wo das Geschäft vom Uhrmacher war. Dahin brachte die Mutter ihre Uhr, und nachher ging sie wieder ganz genau. Den Quetschkasten vom Vater auf dem Foto hätte Albin schon gerne einmal ausprobiert. Im Radio hatte es geheißen, Will Glahé sei das gewesen, der so flotte Musik auf der Ziehharmonika spielte. Wenn es doch auch ein wenig altmodisch klang. Rock and Roll brachte man eher nicht fertig auf so einem Ding. Einen Balg hatte das, so ein Gewabbel von lauter Falten. Bei einem Seemann sah es aber gut aus. Und der Vater sowieso. Ein schöner Mann, ein richtiger Herzensbrecher, hatte die Schwester einmal gesagt, er war ja nicht immer krank gewesen. Und Noten hätte er lesen gekonnt, das hätte er der älteren Schwester mit ihrer Blockflöte beigebracht. Unter den Arkaden gab es ein Fotogeschäft. Man müsste einmal fragen, ob sie für Seemannsfotos ein Akkordeon hatten. Der Eingang war direkt neben dem Warenhaus mit der langen Rolltreppe.

Aber dann wären wir ja nicht mehr frei! Das weiß ich von meiner Mutter. Sie hatten damals diesen großen Fehler gemacht, wie so viele. Man kann dann nicht mehr ohne es sein. Und man hat dem anderen etwas genommen, was man nicht mehr zurückgeben kann. Berthold und ich, wir sind noch frei. Was uns verbindet, das ist nichts anderes als ein Versprechen. Nicht einmal ein Wort. Wir schulden einander nichts, außer dass wir uns selber treu sind, so gut wie es eben geht. Und das wissen wir einfach voneinander. Schon es auszusprechen würde etwas daran zerstören. Mit meiner Mutter spreche ich darüber. Ich muss nicht, aber ich spüre genau, welches der richtige Moment ist für ein Thema wie dieses. Sie sagt, sie hätten es falsch gemacht damals. Es war eben der Zeitgeist, man begehrte auf, wollte alle Schranken durchbrechen. Und so ist es ja auch heute. Alle tun es, und es ist auch viel leichter als früher, weil man sich vorsehen kann. Aber das ist es ja gerade, dass es darauf angelegt ist, dass es folgenlos bleibt.“

Stille. Der kleine Wecker tickte auf dem Couchtisch neben dem Aschenbecher, der jetzt schon ziemlich voll war. Verena griff nach der Uhr. Sie kannte den Mechanismus des Reiseweckers, den man platzsparend zusammenfalten konnte. Schwer war er dafür immer noch. Es waren Zeiten, wo es beim Reisen weniger auf das Gewicht ankam, was fehlte, war Platz. Wie hier in dieser Wohnung, wo Albin noch so halb wohnte, denn seit dem Umzug schliefen im Ehebett die Mutter und Karl Ludwig, und Albin war auf die Wohnzimmercouch ausgewichen. Das war insofern kein Problem, als er, wenn überhaupt, sehr spät nach Hause kam, jedenfalls lange nachdem das Fernsehprogramm geendet hatte. Und da sich das Leben tagsüber in der Küche abspielte, war es egal, dass er das Wohnzimmer belagerte.

Man würde eines Tages in Zeiten leben, die auch den Glauben an die Psychosomatik verloren hatten, wie schon den an Esoterik und Religion sowieso und zuletzt sogar den an die befreiende Kraft des Sexualathletismus. Worin, wenn weder im Schmerz noch in der Lust, sollte dann irgendein Heil noch gefunden werden können? Es musste doch ein Medium der Glückseligkeit geben! Was aber, wenn auch angesichts der totalen Medialisierung eines künftigen sogenannten digitalen Zeitalters schiere Heillosigkeit sich Bahn brechen würde, weder als Schmerz noch durch Lust?

Das Nachdenken über das Glück konnte beglückend sein, war es aber wie alles andere auch in der Regel nicht. Nach welchen Spielregeln spielte das Glück? Den Unglücklichen in ihrem Unglück wurde selbstredend Beglückung durch Reflexion über das Glück nicht zuteil. Nichtsdestotrotz haderte auch ein Glücklicherer mit dem Glück. Albin empörte, sich als Sklave seines Glückes fühlen zu müssen. Crystal Rose war ein Gift seines Glückes und seines Zornes zugleich. Ja, er war bereit, sich dem Glück hinzugeben. Gleichzeitig empfand er es als Demütigung, sich auszuliefern und demzufolge ausgeliefert zu sein.

Jetzt hatte Albin beim Hausmeister Seidel ordentlich zu Mittag gegessen. Ob denn seine Mama sich nicht sorge, wenn er nach der Schule nicht nach Hause kam? Nein, die wisse, dass er schon ziemlich gut selber zurechtkam. Und er habe auch einen Schlüssel, denn manchmal läge zu Hause nur ein Zettel auf dem Tisch und Geld, damit er einkaufe und sich zu essen mache. Sie käme dann später schon.

Dem Lehrer Schröder wollte das eigentlich nicht gefallen. Aber was sollte man machen. Die Frau Wagner musste halt zurechtkommen. Und das tat sie am Ende, wie auch immer. Und ein guter Schüler war ihr Albin sogar, jedenfalls wenn er wollte. Was die anderen an Schularbeiten machten aus Angst vor Strafe, da haperte es bei ihm. Anfangs hatte Schröder versucht sich mit Härte bei ihm durchzusetzen. Da biss man bei Albin aber auf Granit. In den Klassenarbeiten war er dann immer unter den besten. Eigentlich hätte er das Zeug fürs Gymnasium, aber das sollte man ihm nicht antun. Mit der großen Schwester hatte sich neulich das Gespräch darüber ergeben. Und schon bei ihr hatte die Mutter nicht mitgespielt. Dabei hätte sie so gerne Lehrerin werden wollen. Na ja, einen Lehrer würde Herr Schröder nun gerade nicht sehen in dem Albin. Aber er ist ein fixer Kopf und macht am Ende seinen Weg überall. Ja, wenn man ihn lässt, da war er weniger optimistisch, sprach aber diese Einschränkung nicht aus.

Also, ich bin nicht der Typ ein Buch über mich zu schreiben. Wenn es sein soll, dann muss das ein anderer machen. Bücher sind sowieso nicht gerade das, womit ich mich auskenne. Lesen, ja, ich lese um mir die Zeit zu vertreiben. Meistens ein Heftchen am besten in einem Rutsch. Wie man an einem Buch eine ganze Woche lang lesen kann, ist mir ein Rätsel. Leute wie Berthold tun das. Wie oft habe ich ihm schon eins von meinen Heftchen liegen lassen, damit er was liest ohne Kopfzerbrechen. Er zerbricht sich aber lieber den Kopf. Darin ist er sich völlig gleich mit Püppi. Reden würden sie dann über die Schmöker. Wahrscheinlich halten sie Händchen dabei, oder danach, also nach dem Reden halt.

Mir ist klar, dass die Westernhelden und die Kerle in den Krimis erfunden sind. Aber dazu liest man doch nicht, damit alles so ist wie im wirklichen Leben. Davon hat man ja gerade genug, wenn man liest, man braucht auch einmal eine Pause. Berthold ist in punkto Pause eher nicht der Held. Der raucht nicht einmal. Püppi schon. Das sind mir zwei, die beiden!

Liebesbriefe also, Bertel.

Wovon redest du, Püppi?

Unten links in Tante Käthis schwarzer Kommode. Gut versteckt, mein Schatz. Das muss man dir schon lassen.

Liebesbriefe?

Tu bloß nicht so.

Ich schriftstellere. Poesie, das ist alles.

Willst du mich für blöd verkaufen? Seit über zwei Wochen brodelt's in mir. Eine Erklärung, los Berthold!

Fernste Vorvergangenheit, Verena – und doch wie gestern!

Du faselst, Berthold! Quaquaqua, Bert! Sei still und hör zu: „Vanessa, die Erscheinende, sie leuchtet, einer Schar von Glühwürmchen gleich, von stärkerer Strahlkraft indes.“ - Glühwürmchen!

Verena!

Diese Augen! ... Da lag alles drin ... der ganze, alte Dreckball …“

Beckett, Verena! - Der Ire.

... Glanz des andamanischen Meers, die Erhebungen des Doi Inthanon, Silberhaargras und Grüntauben.“

Thailand, Püppi.

Ich kenne die Worte, Berthold. Deine Abwesenheiten. Ich habe dich durchschaut; ein für alle Mal. „Sie suche nach fremden Orten, Meeren, Bergen, großen Städten und kleinen Dörfern: anderen Sprachen, anderen Gerüchen, anderen Geräuschen. Am Ende, so sagt sie, sei das Unterwegssein mehr als nur der Weg von A nach B; es sei ein Teil des Lebens. Auch wenn man nicht immer finde, was man suche, habe man unterwegs etwas über die Umgebung, den Ball und sich selbst erfahren; letztlich seien wir doch alle miteinander verbunden.“ - Bolivien, Berthold! Bolivien.

Tausend Erklärungen könnte ich dir geben, Verena.

Achtung, Achtung! - Von oben herab, in diesem Fall vom Flugzeug aus, habe sie sich, als solche undefinierbar, fest dazu entschlossen, dem Drang des Reisens Achtsamkeit zu zollen: Achtsamkeit sich selbst gegenüber. Sie sei es wert, sich um sich selbst zu sorgen, sagte sie zu ihrem Spiegelbild, das sie Minna nannte, sechzehn Jahre alt, bewundert für ihre großen Träume, ihre Selbstständigkeit und Wissbegierde. Bewusst achte sie fortan die limitierte Zeit, die Momente und Gerüche sowie den Geschmack etwa des Kaffees.”

Angenommen, jemand sagte in wütendem Tonfall: Weißt du eigentlich, wie spät es ist?” - so lächelte sie ihn freundlich an. Es gebe nichts zu verlieren auf der Reise, so Minna; nichts weiter.

Püppis Augen, vermutlich in der Folge von Bertholds Verrat, wie sie es bezeichnete, erkalteten im Laufe der Zeit, ganz so, als sei sie von innen nach außen versteinert. Albin vermutete, das Verhältnis der beiden hatte seither seine Unschuld verloren. Sie entschloss sich, fortan selbstbestimmt zu leben, traf sich monatlich mit gleichgesinnten Frauen, Grisetten, wie Berthold sie nannte, in einem Lesekreis und entdeckte ihre Leidenschaft für die Backkunst, Heil- und Küchenkräuter sowie die Astrologie.

Aus der katholischen Kirche ist sie unlängst ausgetreten“, das hatte Püppi Albin sogleich berichtet, gewissermaßen erhobenen Hauptes durch den Mittelgang. Es gehe nicht an, dass alte Männer über die Seelen und Körper von Frauen Macht ausübten. Sie erwähnte die grausamen Tötungen von als Hexer und Hexen bezeichneten Menschen und fragte, wer Massenmördern im Namen Gottes weiterhin Vertrauen schenken könne. Sogar über die Rolle der katholischen Kirche während der NS-Zeit wusste sie etwas zu sagen. Die sei nämlich, von einigen Ausnahmen abgesehen, eher unrühmlich gewesen.

Püppi verzierte ihre Torten, die sie feierlich zum Verkauf anpries, akribisch und mit größtem Aufwand, arbeitete virtuos mit kalligraphischen Dekorationen und verlas ihre Aufzeichnungen zur Zubereitung der kunstvollen Kreationen zu Beginn einer jeden Zusammenkunft im Lesekreis.

Den Backofen auf 175 °C Ober- und Unterhitze vorheizen. Ein Backblech mit Backpapier auslegen. Mehl, Speisestärke, beide Zuckersorten, Kakao, Backpulver, Natron und Salz vermischen. In einer separaten Schüssel Eier, Öl und Joghurt mit dem Handmixer eine Minute aufschlagen. Den warmen Kaffee zugeben und verrühren. Die trockenen Zutaten sieben und vorsichtig unterheben. Den Teig gleichmäßig auf dem Backblech verteilen und 17–20 Minuten backen. Vollständig auskühlen lassen.

Der Katholizismus”, da war Albin sich sicher, bleibt wie alle Religion als Religiönchen Bestandteil der einmal Eingeschworenen, oder nicht, Berthold? Aus einer Kirche rausgehen ändert nicht viel! Überall warten eifrige Gelegenheitsmissionare, leidenschaftliche Inquisitorinnen mit ihren klugen Reden, kleine Tyrannen, machtgeile Herrschsüchtige, Hinterhältige mit ihrer Verlogenheit. Und die Gedemütigten blicken auch noch zu ihnen auf! Alles eine Suppe oder Soße. Duldung von Andersdenkenden ist bloß Manöver und eine Strategie für den großen Coup.

Wie in allen anderen Religiönchen auch, Albin.”

Den Profitreligiönchen.

Dem Gott des Ballspiels.

Statistics 'n' Rankings: Hip Hop Bop 'n' fake Rap 'n' …

Stockhouse 'n' Popapp 'n' Rockburger.

Striptease Blooz.

Shampoo 'n' Tattoo.

Deals 'n' deals.

Top 'n' money with warm lemonade.

Der eine Einzige, das große Einerlei, das spektrale Ei.

Eifer.

Morde.

Serienmorde.

Massenmorde.

Völkermorde.

Rückschritte: In Normen.

In eben jener Reihenfolge.

Schlachtfelder.

Vergeltungsschläge.

Hinrichtungen.

Rückschritte: Im Konsens.

Fleischeslust.

Me, too.

Unter Schriftführern und -führerinnen.

Schwarz auf Weiß.

Demonstrantinnen und Demonstranten.

Blutrot.

Based on true events.

Werbung.

Kavalleristinnen und Kavalleristen.

Im Wettkampf mit Pferdestärken.

Tierschutz.

Parteigängerinnen und Parteigänger.

Nudistinnen und Nudisten; athletisch.

Ansonsten, gleich ob bejahend oder verneinend, Gesänge der Liebenden …

Tanzenden, Verwöhnten …

Verzweifelten, Einsamen …

Gottesanbetenden …

Getäuschten und Enttäuschten: Heartbreak Hotel.

Innen und Außen: Too much monkey business.

Aporie, Albin.“

Beats 'n' Beethoven.

Unter den Ingenieuren war Berthold der einzige, der auch ein zweites Mal in ein exotisches Land flog, um dafür zu sorgen, dass die Maschinen so aufgestellt wurden, dass sie am Ende auch funktionierten. Die Container waren dann bereits aus dem Zoll geholt, dabei störte ein Ausländer bloß.

Spezifische Empfindlichkeiten der Ingenieurskollegen machten sich schon im europäischen Ausland nur allzu bald bemerkbar. Zwar waren sie des Englischen einigermaßen mächtig, stellten aber rasch fest, wie einen das Kauderwelschen ermüdete, so dass man froh war, die technischen Themen soweit ausgehandelt zu bekommen. Aber schon in der Kantine suchte man Kontakt zu Landsleuten oder wollte besser wenigstens in Ruhe alleine essen. Hätte es schon Smartphones gegeben, wäre einem eben kauend das Wischen auf dem Bildschirm lieber gewesen. Blieben noch die Feierabende. Natürlich machte man anfangs mit, wenn es gemeinschaftsfördernd zum Bowling ging, oder in eine Kneipe, am ehesten noch in eine Disco mit der üblichen lauten Musik. Je vertrauter man sich wurde, desto besser verstand man, dass ein Kollege am Abend lieber zu Hause blieb, im Hotel, im Firmenappartement, oder wie auch immer man untergebracht war.


Freitag, 20. März 2026

Z. Z. LXV [»Ain't Misbehavin' XVI« (1926 – 2026)]

 


[Alan Fisher »Fats Waller« (1938)]



I don't stay out late, got no place to go

I'm home about eight, just me and my radio

[Andy Razaf »Ain't Misbehavin'« (1929)]




[Musikautomat Telefunken]



This is so nice, it must be illegal.

[Fats Waller (1904 – 1943)]




[Alva]




Ain't Misbehavin'


Wer hätte schon gedacht, dass sich Horst nun auf dieser verlausten Pritsche in der Justizvollzugsanstalt Mainz wiederfinden würde, wo er sich die geschwollenen Lymphknoten am Hinterkopf massierte. Von fahrlässiger Tötung war die Rede, während er wusste, dass er insgeheim mit dem Vorsatz gehandelt hatte, Karls Leben ein für allemal auszulöschen. Hin und wieder widerfuhr dies Leuten; zweifellos: sie diskreditierten sich. In Bretzenheim, dem römischen Britenheim, wie der Schutzmann auf dem Weg nach Määnz beiläufig äußerte, hatte man ihn festgenommen. Er dachte an Karl, den Jugendfreund, den gerade eben noch gescheiterten Busfahrer, ein gescheiter Kerl, gewiss; er rühmte sich gern, einen überdurchschnittlichen Intelligenzquotienten zu haben und behauptete, er könne gewissermaßen aus dem Stehgreif einen wissenschaftlichen Vortrag halten, etwa über die Kunst der Gesprächsführung, wobei er keinen Hehl daraus macht, dass er hierbei eher an die Dialoge Platons dachte, in denen allenfalls kurze Erwiderungen der Zustimmung oder unmaßgebliche Zwischenfragen gestattet waren. Horst brachten diese Situationen zum Lachen; seine Kathrin allerdings war beeindruckt.

Kaum einer erheiterte Horst so sehr wie Karl Larsch, wobei jener es auch verstand, ihn unvermittelt kleinzumachen, ihn zu piesacken. Horsts Strategie, die wiederholten kleinen Garstigkeiten zu erwidern, bestand meist darin, sie so lange mit eiserner Miene an sich abperlen zu lassen, bis Karl das Interesse verloren hatte. Manchmal führten die Invektiven aber auch zu Balgereien, in denen Karl seine körperliche Überlegenheit zu demonstrieren wusste.

Anfangs war es die bloße Tatsache, dass Horst Sohn des Dorfpolizisten war, die Karl gegen ihn ins Spiel brachte. Horsts Stillschweigen, bereits während der gemeinsamen Schulzeit als Oberrealschüler, führte dazu, dass Karl ihn allmählich als Kumpel akzeptierte, worin Horst ihn ebenfalls gewähren ließ. Als Zugezogener war Karl ebenso plötzlich in der Schule aufgetaucht wie er noch vor Ende des Schuljahres wieder verschwunden war, um sich, wie er Horst anvertraut hatte, der Schule des Lebens zu widmen, wo ihm Verse, Becken, Hüften, Fats Waller, Cole Porter und der Kommunismus begegneten; in letzterem sah er nichts weiter als eine Chance zur Abgrenzung vom rechten Pöbel. „Die Diktatur des Proletariats“, hörte Horst ihn in seiner Zelle sagen, „ist die Hölle auf Erden – und dein Alter bloß ein verdammter Cerberus! Das Wohl der Arbeiterschaft ist mir im Grunde vollkommen gleichgültig. Die Armen wollen rauf, die Reichen nicht runter. Das war nie anders! Und wenn irgendein Sosso das Regiment übernimmt, geprügelt vom versoffenen Vater, religiös abgefertigt vom seligen Mütterchen, dann hat man eben einen Prügler zum Führer; sonst nichts. Utopien, das kannst du vergessen! Die Menschlein rangeln sich um einen Allmächtigen, einen Joh Fredersen, Sportveranstaltungen, rauschhaftes Vergnügen und so weiter und so fort; seit jeher. Ich will's warm in meiner Bude haben, meinen Musikautomaten dröhnen lassen, eine Alva nach der anderen rauchen, und bei dekadenten Schlagern mitträllern, ohne irgendein vorlautes Kollektiv im Nacken sitzen zu haben. I don't stay out late, no place to go, I'm home about eight, just me and my radio.“

Karl bezeichnete sich gern als Gelegenheitslump, Verführer und Artist auf Abwegen; er begehrte verheiratete Frauen jeden Alters, stahl aus purem Vergnügen am Nervenkitzel und scheute sich nicht davor seine Fäuste einzusetzen. Dass er sich aber an seine Kathrin heranmachte, sie auf dem Motorrad mitfahren ließ und ihr sogar einmal einen flüchtigen Kuss abgetrotzt hatte, musste Folgen haben, dachte Horst. Einen Stoß nur vor die Brust, mit Entschlossenheit, ein kantiger Stein – Fahrlässigkeit, ein Unfall oder Vorsatz, Karl war nicht mehr. „Der hätte wohl besser zu ihr gepasst als ich!“, murmelte er.

Überall auf der Welt werden vorwiegend runde Zigaretten geraucht, die sich dank ihrer Vorzüge auch bei uns immer mehr durchsetzen. Das runde Format ist nun einmal das naturgegebene: - es sichert einen guten, vollen Zug und einen gleichmäßigen Brand. Wie oft kann man Raucher beobachten, die – vielleicht unbewusst – ihre ovale Zigarette vor dem Anstecken rund drehen, damit sie besser zieht. Warum nicht gleich ALVA „RUNDE SORTE“ rauchen?! - Das Aroma ihrer gehaltvoll-würzigen Mischung nach echt mazedonischer Art kommt durch das runde Format zu einzigartiger Entfaltung.

Im Bebelring Nr. 81 klang ein neuer Ton auf. Alois' ältere Schwester Dora brachte eines Tages ihre Freundin Kathrin mit, die in der Schule jahrelang in der gleichen Klasse gesessen hatte. Ihr flottes ungeniertes Wesen gefiel dem jungen Mann. Dann fiel ihm auf, dass sie mit den Dingen der Hausarbeit gut Bescheid wusste. Einen Vorhang, der nicht richtig an der Galeriestange hing, schob sie, hoch auf der Leiter stehend, ein paarmal hin und her, zog die Falten zurecht, und schon hing er schöner, als er je gehangen hatte. Sie kam mit einem Kleid, das nicht passen wollte, selber klar; man brauchte keine Schneiderin. Einmal schneiderte sie eins für die Freundin, und alle waren überrascht, wie gut es Dora saß und stand.

Kathrin meisterte die kleinen – und großen – Schwierigkeiten des Lebens besser als Alois; ihm fehlten die Anstelligkeit und Flinkheit, die sie besaß. Sie besaß sie nicht von ungefähr; ihr Vater, ein fleißiger, geradsinniger Mann, besorgte im Schlacht- und Viehhof das Verkaufen von Schweinen für einen Viehhändler. Vor kurzem hatte er, auf eine Erbschaft seiner Frau gestützt, einen eigenen Schweinehandel aufgemacht, war aber nicht gerissen genug, um mit den Metzgern auszukommen, die bei ihm Schlachtvieh bestellten, auf dessen Bezahlung er zuweilen vergeblich warten musste. Schlimmer war, dass eine Genossenschaft den Vertrieb der Schweine übernahm und daher seinen Geschäften jeder Boden entzogen war. Kathrins Mutter war eine tüchtige, unermüdlich tätige Frau.

I guess I'll have to change my plan

I should have realized there'd be another man

I overlooked that point completely

Before the big affair began.

Was man Liebe nennt, war Alois schon einige Male, doch nicht mit der Gewissheit des Bleibenden und Endgültigen zuteil geworden wie jetzt. Eines Tages stieg Kathrin mit ihm in dem Warenhaus am Markt, wo er jetzt wohnte – er hatte es mit seiner zweiten Mutter gründlich verdorben und ausziehen müssen – zum greisen Fräulein Hartwig hinauf, bei dem noch zehn andere Logisherren auf einem Flur wohnten. Arm in Arm schauten sie auf den Flur hinunter, auf dem sich ein Gewirr von Menschen bewegte. Bauernweiber hatten Körbe mit Kohl- und Salatköpfen auf den Stufen des Marktbrunnens aufgestellt, auf dessen Sandsteinpilastern zu lesen stand, dass der Brunnen im Jahr 1526, also vor genau 400 Jahren, erbaut worden war. Alois blickte zum Dom hinüber; ihn interessierten die Leute da unten nicht. Kathrin besah sich derweilen alles im Zimmer, die Möbel, das Sofa mit den Kisschen und Deckchen, Alois' Bett, und jetzt versuchte dieser, einem kleinen Herzklopfen zum Trotz, zu lieben. Er wollte das Lieben, von dem er oft wollüstig träumte, Wirklichkeit werden lassen. Doch musste er es, obwohl ihm Kathrin den Willen tat, unverrichteter Dinge sein lassen; es wollte ihm nicht gelingen.

Sweetheart, if you should stray a million miles away

I'll always be in love with you

And though you find more bliss in someone else's kiss

I'll always be in love with you.

Schweren Herzens trat er ans Fenster und schaute erneut zum Dom hinüber. Ihm war elend zumute. Ein jämmerlicher, kleiner Lüstling stand vor dem großen Beter, der sich hinter den spitz- und rundbogigen Fenstern drüben tausend Jahre lang an die Brust geschlagen hatte. Wer war nun frei? Der oder er?

Pitter-patter pitter-pat,

pitter-patter-pitter-pat.

We are not afraid of thunder.

All the time we wonder,

why is each new task a trifle to do?

Because we are living a life full of you.

I'm singing in the rain.

Oft gingen sie ins Freie, wanderten am Rhein entlang oder gingen durch den Stadtpark, wo er ihr unter aufragenden Pappeln das Grab des Schinderhannes zeigte, dessen Kopf hier in den Staub gerollt war. Oder sie liefen im Gonsenheimer Wald an der Nothelferkapelle vorbei und um das wuchtige Waldthausenschloss herum, um weiter nach Uhlerborn und Heidesheim zu gelangen, von wo sie mit der Eisenbahn zurückfuhren. Einige Male standen sie auch am Königsborn, aus dessen Quelle die alten Römer das Wasser über die Römersteine zu ihrem Kastell geleitet hatten.

Manchmal stiegen sie, wenn es schon dunkel werden wollte, auf den langgestreckten Hügel hinauf, der hinter der Mombacher Straße herzog, und blieben auf einer einsamen Bank sitzen. Gierig sogen sie den berauschenden Duft der Akazienblüten ein, die über ihnen hingen. Einmal hörten sie hinter sich ein Rascheln und Flüstern näherkommen und Zigaretten glommen im nachtdunklen Rasen. Was wollten die Männer? Sicher wollten sie das Schäferstündchen belauschen, das sich, wie sie annahmen, hier anspinnen würde. Plötzlich war es Alois klar, was das für Männer waren. Seine angestrengt horchenden Ohren hatten ein französisches Wort aufgefangen; es waren Soldaten, die vor dem Zapfenstreich gern noch etwas Amüsantes erlebt hätten. Alois sprang auf und schrie in die Nacht hinaus: „Que cherchez-vous ici? Sauvez-vous! Je ferai rapport à Monsieur Capitaine!“ Im selben Augenblick schnellte eine Anzahl Uniformierter in die Höhe. Sie entfernten sich, so schnell sie konnten; sie glaubten wohl, es mit einem Offizier zu tun zu haben.

Love flew in through my window

I was so happy then

But after love had stayed a little while

Love flew out again.

Alois fragte sich oft, wie er der Liebsten etwas bieten könne, was ihr Freude machen würde. Mit Spaziergängen war es nicht getan; sie verlangte mehr von ihrem Schatz. Er gewann sie für eine Vorstellung im Stadttheater und besorgte Karten für gepolsterte Parterreplätze, während er, wäre er allein gewesen, sich mit einem Holzsitz auf der Juchhe im 3. Rang begnügt hätte; doch das Drama, das er ausgesucht hatte, ging ihr nicht zu Herzen wie ihm. Er hätte bedenken müssen, dass Schillers Wallenstein von ihr in mancherlei Hinsicht zu viel verlangte. Vor allem war sie an stundenlanges Zuhören nicht gewöhnt, war sie doch erst vor kurzem mitten in einer Predigt, die Dr. Pick mit tiefgehenden Gedanken untermauerte, eingeschlafen. Er hätte wohl besser, wenn schon nicht auf eine Operette, die ihr vielleicht gefallen, ihm jedoch zuwider gewesen wäre, auf eine schöne Oper gewartet.

Das Kino war auch nicht seine Sache. Der Griff ins Leben, den es tat, vielleicht in das der reichen Leute, konnte ihn nicht mit sich fortreißen, ja weckte seinen Widerspruch. Der Film war für ihn nicht Kunst, wofür ihn manche hielten, sondern Massenfutter. Er sah freilich auch seine positiven Seiten, hatte er sich doch in der Volkszeitung über den Kulturwert des Films wie folgt ausgelassen:

Der Film im Dienste der Wissensaneignung und Bildung gehört nicht nur den Erwachsenen, sondern vor allem auch der Jugend. Es erheben sich indes Stimmen, die uns zurufen: „Kinder und Jugendliche gehören nicht ins Kino!“ Diese von Volksbildungsvereinen genährte Einstellung lag schon im Sinne der Jugendbewegung, wollte sie doch Kinovorstellungen verhindern, um die Kinder vom „Schund“ fernzuhalten. Solchen warnenden Stimmen müsste man entgegenhalten, es erübrige sich, Kinder ins Kino zu führen, weil sie schon drin sind. Der neueste Kriminalfilm ist ein wichtiger Gesprächsstoff unter Schülern der Oberklassen. Ein Aufklärungsfeldzug über die kapitalistische Grundlage des Lichtspielwesens oder das Unwahrscheinliche vieler Filmdramen würde nicht an sie herankommen. Die „Kunst“ eines Harry Piel wäre stärker als alle gutgemeinten Worte. Sollte auch ein Jugendlicher auf etwas verzichten, was ihm, indem es ihn mit Spannung lädt und seine Phantasie beflügelt, zu tiefer Freude gereicht? Wir sollte nicht vom Piedestal des Gebildeten auf die Filmbegeisterung der jungen Leute herabblicken. Die Herrschaft des Films ist nur deswegen so groß, weil die ewig junge Romantik die Zuschauer im dunklen Saal regiert.

Große Gedanken und ein reines Herz“, wie Goethe es nennt, vermögen auch im Kino vom Darsteller auf die Zuschauer überzuspringen. Das beweisen die Chaplinfilme. Es ist etwas Einzigartiges, wie bei Verzicht auf Sensationen und Effekte ein Großer die Anschauungen und Gefühle der kleinen Leute mitlebt, sie mit seinem tiefen Herzen durchdringt, was keiner der über den Film naserümpfenden Ästheten je verstehen wird.

Sie sahen zusammen den Film, in dem Chaplin seine Schuhe verspeist und die Schuhbändel als Spaghetti um die Gabel wickelt. Alois begeisterte sich für die inszenierte Gewandtheit des großartigen Schauspielers. Ihm war es in Italien auch nicht gelungen, Spaghetti zu essen; er konnte es auch heute noch nicht, wenn ihm jemand zuschaute. Kathrin konnte es wahrscheinlich besser; sie war indessen von Chaplins Spiel wenig angetan; an Possenhaftem und an Kasperliaden – Alois hatte ihr ein Kasperlstück des Grafen Pocci vorgelesen – fand sie kaum Gefallen.

You're mean to me

Why must you be mean to me?

Gee, honey, it seems to me

You love to see me cryin'

I stay home each night

When you say you phone

You don't and I'm left alone.

Wenn sie aber an einem der in der Stadthalle angelaufenen Fastnachtsbälle teilnähmen? Alle Weiber tanzen gern, sagte er sich, und auch von Kathrin wusste er es. Aufgeregt hatte sie ihm von ihrer Tanzstunde erzählt und von den Tanzvergnügen, die um diese Zeit in einem Seitensaal der Schlacht- und Viehhofgaststätte abgehalten wurden. Da wäre sie auf ihre Kosten gekommen!

Ja, wenn er hätte tanzen können! Doch nie im Leben hatte ihn danach verlangt, das Tanzbein zu schwingen. Er verstand es zwar, den Hebungen und Senkungen von Versfüßen zu folgen, nicht aber denen tanzender Damenbeine. Er tat sich etwas zugute darauf, dass er die Behendigkeit, mit der Kathrin die Beine beim Tanzen bewegte, in Worten und Sätzen erreichte, wenn er dichtete. Doch mit den Schwingungen seiner Verse konnte er nicht das kleinste Tänzchen bestreiten; dazu bedurfte es eines anderen Geistes und anderer Kräfte. „Ich werde Tanzunterricht nehmen!“, rief er, und Kathrin war damit einverstanden. Sie ging mit ihm in die Schießgartenstraße zu Tanzlehrer Happé, und Alois versuchte gemäß seinen Weisungen mit ihm zu tanzen. Die Musik dazu lieferte ein Grammophon, dessen Krähen seine Füße mehr lähmte als beschwingte. Seine Tanzschritte erfolgten zudem meist im falschen Augenblick, zu früh oder zu spät, und Herr Happé war nach zwei Stunden vergeblichen Bemühens froh darüber, dass der ungelenke Schüler nicht weiter in die schwierige Materie eindringen wollte; er hatte ihm bei seinen Tanzversuchen mehrmals auf die Füße auf die Füße getreten.

Trotzdem glaubte sich Alois befähigt, einen Ball mitzumachen. Vorher ließ er sich vom Schneider einen einen gut sitzenden Smoking anfertigen, indessen Kathrin sich ganze Nachmittage damit abmühte ein Maskenkostüm zu schneidern, von dem Alois nicht wissen durfte, wie es aussah und was es vorstellte. Er begab sich an dem betreffenden Abend allein zur Stadthalle; seine und Kathrins Schwester waren mit Kathrin vorausgegangen.

Alois hielt unter den mehr als tausend Masken, die sich, umwogt von rauschender Musik und aufgewirbeltem Staub, an ihm vorbeidrängelten, Ausschau nach einem Matrosen. Wie das? Nun, auf einem kleinen Foto, das sie ihm gezeigt hatte, trug sie einen Matrosenanzug. Die Idee, sich so zu kostümieren, war ihr wohl gekommen, während ihre Brüder, die beide als Matrosen dienten, ihren Urlaub in Mainz verbrachten. Aber der Hauptpunkt, an den er sich hielt, war der: er hatte eine Matrosenmütze auf ihrem Bett liegen sehen.

Unter den tanzenden Masken gab es eine Menge Matrosen, auch solche von Kathrins Figur, doch die unter ihnen, die er ansprach, war es nicht. Aus ihrer girrenden, mit verstellter Stimme gesprochenen Antwort war kein sicherer Schluss zu ziehen, ob sie es war oder nicht. Er hatte eine ganze, ihn entsetzlich lange dünkende Zeit nicht ein einziges Mal getanzt, hatte keine unter den Masken darum gebeten, und keine hatte ihn darum ersucht. Was da ohne Aufhören einander hin und her schob, tanzten die überhaupt? Einmal trat eine Maske – sie sollte wohl ein Veilchen vorstellen, weil sie violette Schleifen auf einem grünen Kleid und ein violettes Häubchen auf dem Kopf trug – an ihn heran, girrte ihm etwas in die Ohren und suchte ihn mit sich fortzuziehen. Wollte sie mit ihm tanzen? Widerwillig ging er ein paar Schritte mit, machte sich dann aber los und ließ sie stehen. „Was soll ich mit einem Veilchen anfangen?“, murmelte er verdrossen.

Er stieg die Treppe zu dem Balkon hinauf, der an einer Seite um die Wand herumlief, um nachzusehen, ob Kathrin da oben war. Hierher hatte sich neben anderen Masken auch eine Anzahl Matrosen zurückgezogen, jeder eskortiert von einem befreundeten Herrn. Die Matrosen tanzten hier oben nicht, sie wollte es gar nicht, sie hatten sich etwas Besseres ausgedacht; sie vergnügten sich auf eine den Leuten im Saal verborgen bleibende, ihnen wohlgefälligere Weise als mit Tanzen. Sie ließen sich von ihrem Liebhaber knutschen. Ob Kathrin unter ihnen war? Nein, das war nicht möglich; das war ausgeschlossen. Derartiges war ihrem Charakter und ganzen Wesen fremd, zu einer solchen Art Vergnügen ließ sie sich nicht herab.

Eilig stieg er wieder hinunter ins Parkett, bahnte sich, eine wachsende Verzweiflung im Herzen, einen Weg durch die nunmehr wilder tanzende Menge – es ging auf Mitternacht zu und die Stunde der Demaskierung nahte – und warf verstörte Blicke bald nach dieser, bald nach jener Seite. Diesmal enthielt er sich des Fragens, fragte nur sich selbst: „Wo steckt sie? Hat sie einen Besseren gefunden? Das kann wohl sein … und wer weiß, ob sie in diesem Augenblick nicht glücklicher ist als sie es mit mir wäre?“

Statt die Situation ruhig zu überdenken, ließ er sich von der trüben Stimmung leiten, die Besitz von ihm ergriffen hatte. Er war ein Stimmungsmensch und ein Schawarzseher, was das eigene Glück betraf; noch nie hatte ihn ein Akt der Selbstregierung so weit gebracht, dass er mit sich ins Reine gekommen wäre und die Gründe (oder Grundlosigkeit) dieser Stimmung überprüft hätte. Er war einer Stimmung, einer trüben oder freudigen, mit seinem ganzen Menschen ausgeliefert; sie beherrschte ihn, was man einem Dichter oder Komponisten, nicht aber einem Schullehrer, hätte hingehen lassen.

In dieser Stimmung entschloss er sich, nach Hause zu gehen, und tat es. Die Meenzer Fassenacht war noch nie seine Sache gewesen, wie er zugab, und ein Maskenball war es noch weniger.

Alois' Leute fanden sich nach dem Ende des Mummenschanzes an der vorher bezeichneten Stelle ein, nun ohne Larven auf dem Gesicht – unter ihnen auch das herzige arme Veilchen – und fragten sich, wo Alois bleibe. Er kam und kam nicht; sie suchten die Stadthalle nach ihm ab und fanden ihn nirgends. Ermüdet gingen sie schließlich ebenfalls nach Hause.

Die Schwester fand ihn – bestürzt über ein solches Verhalten – schlafend im Bette liegen. Kathrin bekam in dieser Nacht zu spüren, was das für ein Mensch war. „Das ist ja gar kein Mensch!“, sagte sie zornig. Sie überlegte, ob sie ihm den Laufpass geben solle, war kurze Zeit fest dazu entschlossen, tat es aber dann doch nicht. Beim nächsten Wiedersehen kam sie nicht mehr auf die Sache zurück; erst viel später einmal gebrauchte sie das Wort von der großen Blamage, die sich einer zuzieht, der seine Braut allein nach Hause gehen lässt.