Samstag, 19. September 2026

Z. Z. LXVIII [»Walk a Mile in My Shoes XVIII« (2026)]

 


[R. A. ol-Omoum »Schuhwerk« (1996 - 2026)]



Wisely and slow; they stumble that run fast.

[William Shakespeare »Romeo and Juliet« (1597)]






Walk a Mile in My Shoes


Im Gegenteil, ich hasse sie sogar“, Püppi war völlig fassungslos, und glaubte, wenn nicht, sich verhört zu haben, dass Albin sich über sie lustig machen wollte. „Und mich, hasst du, oder liebst du, oder was?“ - „Natürlich keins von beidem.“ - „Keins von beidem.“ - „Aber Püppi, du bist doch mein Freund!“ - „Freundin!“, entgegnete sie feministisch, wenn dergleichen von jemand wie ihr schon so hätte gemeint sein können.

Albin?“ - „Ja, Albin.“ - „Das ist jetzt nicht wahr?“ - „Was soll daran nicht wahr sein? Also, gestatten: Albin Schaeffler Coronado, der Vollständigkeit halber.“ Berthold hatte sich wieder gefangen. Es war auch nicht das erste Mal, dass ihm so etwas passierte. Nun also Albin.

Damals hatte er einen alten Freund besucht, der jahrelang von der Bildfläche verschwunden war. Inzwischen war der verheiratet und die beiden wohnten in einem Kaff, Soundsostraße, Nummer irgendwas. „Die Adresse brauchst du dir auch gar nicht zu merken, wir ziehen wieder in die Stadt. Das hier war auf die Schnelle damals, keine Zeit groß zum Suchen, du weißt, wegen Job. Aber jetzt haben wir endlich dieses Haus gefunden, am Bruch, falls du die Gegend kennst.“ Ja, kannte Berthold, denn da hatten er und Püppi auch einmal gewohnt. „Lass mich raten“, sagte Berthold, und es sollte ein Scherz werden, „es ist in der Semperstraße 75.“ - „Woher weißt du das denn schon.“ - „Nein, war Quatsch.“ - „Was heißt hier Quatsch, das ist genau das Haus.“

Wie war das möglich? Zufall natürlich. „Zufall“, hatte Püppi auch gesagt, als er es ihr erzählte. „Aber komisch ist es schon. Irgendwie seltsam.“ In den nächsten Tagen kamen sie immer wieder auf diesen sonderbaren Zufall zurück, eine Platte mit einem Kratzer, die sich nicht weiterdreht, es sei denn, man hilft mit sanfter Gewalt nach. „Ob wir sie mal in der alten Wohnung besuchen, ich meine, in dem Haus, das jetzt ihnen gehört?“- „Tja“, sagte Berthold und wusste nicht recht. Die würden ohnehin erst eine Weile renovieren und so weiter.

Und jetzt Albin, also dieser Albin Schaeffler, 12.000 Kilometer weit weg, Enkel von Leuten aus Deutschland, die hier geblieben sind.

Karl Ludwig war jetzt zu ihnen gezogen und hatte sein separates Zimmer über den Flur gegenüber der Küche. Dass es sich dabei, wie man damals sagte, um ein Bratkartoffelverhältnis handelte, daraus wurde kein Aufhebens gemacht. Es war nur normal, dass eine Witwe ihre Rente nicht drangab, und wie bei anderen Dingen auch, wurde der heikle Punkt daran nicht ausgesprochen, wobei, versteht sich, nicht die Rente der heikle Punkt war.

Karl Ludwig schloss sein Zimmer nicht ab, und das umso mehr, als er wohl wusste, dass Albin in seiner Abwesenheit darin stöberte. Von Anfang an besaß man beiderseitig Takt bezüglich der vakanten Vaterstelle, die anzutreten Karl Ludwig, von einigen zaghaften Versuchen abgesehen, des weiteren tunlichst unterließ. Es war klar, dass er bei Albin damit auf Granit beißen würde. Aber auch die Mutter wollte selber Oberhaupt der Familie bleiben, was Karl Ludwig seinerseits ganz in der Ordnung fand. Er gehörte nicht zu den Menschen, die ihr Selbstwertgefühl daraus ableiteten, über anderen zu stehen. Er hegte seine Selbstliebe in Form kleiner und größerer mehr oder weniger extravaganter Anschaffungen, jedenfalls solcher, die über das Alltägliche hinausgingen und darum von anderen für Spinnerei gehalten wurden. Das wiederum kam Albin zupass, waren es doch ihrem Wesen nach Spielzeuge, wenn sie sich auch für Sammlerstücke und Objekte der einen oder anderen Liebhaberei ausgaben. Mit Albin wusste sich Karl Ludwig im Bunde, zumal Albin stets heimlich in sein Zimmer schlich und auch nicht etwa spielen wollte, sondern in stiller Bewunderung mal dieses, mal jenes in Händen hielt, und wieder dieses, jede Einzelheit daran betrachtend. Zum Beispiel eines Modellautos, eines Porsche, wie Karl Ludwig wohl gerne einen gehabt hätte. Immerhin besaß er, was letztlich den Ausschlag dafür gegeben hatte, dass Käthes Wahl auf ihn gefallen war, seinen Volkswagen. Darin mitzufahren, dem wich Albin nach Möglichkeit aus. Auch gab er sich gleichgültig, wenn Karl Ludwig einen seiner Schätze etwa anzupreisen versuchte oder davon sprach, dass er ihn ihm einmal zeigen wollte. Einmal war Karl Ludwig im Begriff unvermittelt sein Zimmer zu betreten. Versunken in die Betrachtung des Spielzeugporsches stand Albin da, hatte ihn bemerkt, oder vielleicht auch nicht bemerkt. Jedenfalls stand er unbeweglich, bis Karl Ludwig leise die Tür wieder schloss, um sich nach gegenüber zur Küche zu wenden. Es sollte dabei bleiben, dass Albins Besuche in Karl Ludwigs Zimmer für heimlich zu gelten hatten. Undenkbar das praktisch Naheliegende, nämlich dass dies eigentlich Albins Zimmer sein könnte, und Karl Ludwig sich das Elternschlafzimmer mit der Mutter teilte statt seiner.

Alle Geschichten, somit auch diese, seien, so hören wir, bereits erzählt, fußkitzelnder Fußkitzler eines am Fuß Gekitzelten! Ja, alles, was wir erleben, wurde schon tausendfach erlebt, nur brennender und kollossaler, als es der eigenen kleinen Existenz je geschehen könnte, der es lediglich ein wenig juckt, da, wo sie fußgekitzelt sich den Strumpf zurechtzieht, mit einer witzigen Bemerkung über das Gehüpfe dabei das Anrempeln des Vordermanns überspielend. Ewige Wiederkehr des Gleichen! Überhaupt: Ewigkeit!

Bestand nicht der Sinn des Lebens und darum auch alles Erlebten in seiner Unmittelbarkeit, auch dann, wenn es uns in der Gestalt einer Reflexion begegnete? Auch diese bereits tausendfach gedacht, brennenderen Herzens, kollossal philosophischer, aber jetzt, jetzt wieder gedacht, ans Herz rührend eines Ichs!

So Albin, dem der Sinn nicht danach stand, etwa seine Geschichte aufzuschreiben, weil sie etwas Besonderes sei, der aber, wie wir alle, in einer Art Besonderheit das Leben darlebt, flackernd dieser, lodernd ein anderer, und doch ein jeder fußgekitzelt fußkitzelnd, warum nicht darüber lachen in seiner Unentrinnbarkeit?

Man besaß persönliche Gegenstände nicht bezüglich ihrer Außergewöhnlichkeit, aber da ihr Besitz auf Dauer angelegt war und sie einem nicht gewissermaßen im Vorübergehen angehörten, verwandelten sie sich ihrem Besitzer an, wohl auch duch die Art ihres Gebrauchs. Jedenfalls war ein Kleidungsstück, ein Gürtel, ein Paar Schuhe, nicht in dem Maße, eigentlich gar nicht Zeugnis einer Konsumentscheidung, wie das im weiteren Verlauf wachsenden Wohlstandes erst der Fall sein würde. Wohl besaßen persönliche Gegenstände jederzeit auch Status, oder zeugten davon, aber auch in dieser Funktion überwog das Moment, dass sie als Begleiter auf Dauer angelegt waren.

Umgekehrt war von nichts mehr die Rede als vom Krieg, von der Evakuierung, von den Hungerzeiten danach, wo man bettelte und auf Hamsterfahrten gegangen war. Was wusste schon einer, der nicht dabeigewesen war, von der Not, dem Kampf um eine Mahlzeit, ja, um ein Stück trockenes Brot, einen Eimer Kohlen. All das war ja auch Jahre nach dem Krieg noch knapp genug. Aber das war man also: einer, der nichts wusste, rein gar nichts. Und deshalb wollte Albin auch nichts fragen, einer, der sowieso keine Ahnung hatte. Dann eben Kind sein, Krümelchen auf dem Tischtuch hin und herschieben, Kaffeekannen und Krüge zählen, die auf der Übergardine abgegildet waren. Wenn man es recht besah, waren es am Ende auch immer dieselben fünf, sechs Geschichten, und sie wurden wieder und wieder erzählt. Die beteiligten Personen waren es, die nach und nach deutlicher hervortraten, wie sie waren, und wie sie gesehen werden wollten. Die Mutter, wie sie alles im Griff gehabt hatte, geradezu bauernschlau von den Leuten zu ergattern wusste, was immer gebraucht wurde, das halbe Brot, die Mittagsmahlzeit auf dem Bauernhof, wo man gemeinsam mit den Knechten den Löffel in eine Schüssel tauchte. Die Flickarbeiten, die sie spontan übernahm, wofür es, was der Tag forderte, dann an Essen und Trinken gab, sogar mit einem Lächeln, denn andere bettelten schon fast wie Diebsgesindel, als ob man allen helfen konnte, nicht wahr? Und wohin auch mit all dem Bettzeug und Geschirr, das die Leute zum Tausch für Lebensmittel anschleppten? Es soll Bauern gegeben haben, die legten den Kuhstall mit Teppichen aus.

Die ältere Schwester, dünn wie eine Bohnenstange, habe sich geekelt vor der Schüssel, in die alle ihre Löffel tauchten, sei davongelaufen bis ans Ende des Dorfes und von der Mutter derb ausgeschimpft worden. Was sie sich einbildete, etwa etwas Besseres zu sein als sie, ihre Mutter und die kleine Schwester, ihr Pummelchen und zu der Zeit noch Liebkind.

Etwas Besseres zu sein, die fixe Idee der älteren Schwester, in wie viele Verkleidungen so etwas schlüpfte! Lieber hungern als sich gemein machen, höhere Schule, die aber Geld kostete, und die sie verlassen musste, weil die Mutter das Geld dafür nicht geben wollte. Dann also die Ausbildung mit dem Jahr Nachlass und der Auszeichnung als Jahrgangsbeste.

Albin machte sich so halb seinen Reim auf das alles. Worauf er keinen Reim wusste, das war er selber. Andere Jungen hatten Väter, schimpften über sie und wurden von ihnen ausgeschimpft. Albins Vater war so jämmerlich gestorben, lange bevor man hätte etwas aneinander auszusetzen haben können.

Antiautoritäre Erziehung, spiegelverkehrtes Echo aus dunkler autoritärer Vergangenheit, mochten sich ihrer zweifelhaften Freiheiten Kinder von Leuten erfreuen, wie Albin sie jedenfalls nicht kannte. Oder war etwa Berthold antiautoritär erzogen worden? Zu feinen Leuten würde so etwas passen. Die waren sich zu fein, ihren Sprösslingen den Hintern zu versohlen. Da wurde einem die Klavierstunde gestrichen, wenn man in Mathe, wie man im Gymnasium sagte, bloß wieder eine Drei bekommen würde. Das hatte Püppi erzählt, die auch wirklich nicht rechnen konnte. Was lernte man überhaupt Besonderes auf dem Gymnasium? Berthold sagte auch, dass es im Rechnen bei ihm nicht weit her sei und fragte bei den lächerlichsten Kleinigkeiten Albin, der Rechnen nun wirklich gelernt hatte, wenn eben auch nicht Mathematik. Die habe mit Rechnen so viel eigentlich nicht zu tun, sagte Berthold, der in Mathe wohl ganz gut sein musste, da er ja Ingenieur war. „Ja, geht so“, sagte er, aber das war sicher untertrieben. Kinder feinerer Leute mussten wohl lernen zu untertreiben. Albin nahm ihm das nicht übel, der Berthold war ein feiner Kerl.

Ob das wahr sei? Püppi war nur kurz reingeschneit - im August! Aber egal. Sie studierte und hatte hatte Zeit zu den unmöglichsten Zeiten. Das sei ja das Allerneueste. Brühwarm hatte ihre Freundin Franziska sie darauf angesprochen. „Du kennst doch den Albin, bla bla. Jetzt tu nicht so, den von den Flames, bla bla, den Schwarm aller Frauen, als ob sie nicht genau wüsste, dass wir befreundet sind!“

Albin, mit Püppi immer betont und deshalb etwas übertrieben Kavalier, hielt nach etwas besonders Kavalierhaftem Ausschau, jetzt im Sommer, wo man nicht einer Dame aus dem Mantel helfen, oder ihre Mütze nehmen und aufhängen konnte. „Aber komm doch erst einmal rein!“, die Tür zum Treppenhaus hatte er, was sie sonst vergaß, hinter ihr ins Schloss gedrückt. „Hej, was sind denn das für Fotos?“, sie drehte sich im Kreis.

Hier in dem engen Flur von Albins Mutter hing auf der Tapete, wie man sie damals hatte, immer nur ein Illustriertenfoto von Kennedy neben einer Wetterstation, diesem Häuschen aus Bayern mit einem Burschen und einem Mädel, jeweils für schlechtes und gutes Wetter. Meistens waren sie beide halb draußen und halb drinnen in dem Häuschen. Jetzt glänzten an drei Wänden ziemlich großformatige Aufnahmen, Schwarzweißfotos von Albin. Albin, wie er an einem einigermaßen übertriebenen Auto lehnt, jedenfalls nicht seinem. Albin mit versonnenem Blick in die Ferne. Albin, der offen und scheinbar ohne jede Pose in die Kamera hinein- und infolgedessen aus dem Foto herausschaut.

Ja, sie hätten ihn sozusagen in eine Pipeline gesteckt, tatsächlich, bei Ariola, als Schlagersänger. Eigentlich waren Schlager nicht unbedingt nach Albins Geschmack, Roy Black hatte er einen Schmalzdackel genannt, worüber man sich ärgern konnte. Also durch die Diskotheken tourten diese Jungs von der Hitparade eben auch, und da hatte Albin, der dort nebenbei als Discjockey arbeitete, den einen oder anderen von ihnen kennengelernt. Das mit den Schlagern machten die hauptsächlich aus geschäftlichen Gründen. Die konnten schon noch ganz andere Sachen. Manche hatten sogar richtig Musik studiert, konnten Klavier spielen und Oper. „Die Plattenfirmen haben immer ein paar von uns parat, damit, je nachdem, wie das Geschäft läuft, einer nachrücken kann. Dafür haben die alles fertig im Kasten, die ganze Werbung, ein paar Aufnahmen und so weiter.“ - „Aufnahmen? Und so weiter? Heißt das, du warst in einem richtigen Plattenstudio und alles?“ - „Ja, ist ein paar Wochen her, das hatte sich ganz spontan ergeben. Bis Frankfurt ist es ja bloß ein Katzensprung, zumal mit so einer Karre.“ Das war das Auto auf den Fotos. „Gehört wieder einer anderen Firma, die stecken da alle zusammen, natürlich der Fotoheini, die Boutique mit den Klamotten und was weiß ich wer.“

Püppi war dann doch einigermaßen von den Socken. Die Aufregung, deretwegen sie eigentlich hergekommen war, hatte sie völlig vergessen.