Mittwoch, 27. November 2019

S / W 12 & 13 – [عشق]



["L'Extase", Jean Benner (1896)]


Als es an der Zeit war über Liebe zu schreiben,
brach die Feder entzwei, und das Papier riss.
 [Dschalal ad-Din al-Rumi]



["Iranische Miniatur"]


Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.
 [Dschalal ad-Din al-Rumi]





12






"I was always looking
Left and right
Always crashing in the same car"
(David Bowie)



Das fremde Eigentum verwende er auch in diesem Omnibus lediglich, um seine Hinterlassenschaft in friedlicher Absicht den Insassen mitzuteilen, sofern man ihm überhaupt Audienz erteilte. Ledig sei er freilich in all den Jahren geblieben, wenngleich er einmal kurz verheiratet gewesen sei, ein Vorwand vonseiten einer Begleiterin, die es nach Almania gezogen habe; ledig sei er nun endlich auch all der Verpflichtungen, die man ihm zugemutet habe. Bei vielen weiteren Vogelweibchen habe ihn der Verdacht, sie könnten vielleicht irgendwo einen Barcode verstecken, vielleicht hinter den Ohren oder am Gesäß, meist in die Flucht geschlagen. Einmal seien sie auf einem Marktplatz mit Fähnchen in der Hand über ihn hergefallen. "CDU!, CDU!, CDU!", hätten sie ihm im Chor zugerufen, ja, skandiert hätten sie es. Einmal nur habe es ihm eine Musikantin, eine Saxophonistin, ergänzte er schmunzelnd, nach Strich und Faden besorgt, so sage man doch; geblasen habe sie, manchmal langsam, manchmal zielstrebig, gezwitschert habe sie wie eine Misteldrossel, wie eine Mönchsgrasmücke - ein kurzes Intermezzo indessen; wie eine Moorente sei er alsbald davongewatschelt, nachdem sie ihn aus ihrem Haus gejagt hätte. Gen Osten sei er geflüchtet, seiner inneren Tauchente folgend, untergetaucht sei er in diesem Omnibus. Eine sanftmütige Frau mittleren Alters habe lange in der Reihe vor ihm am Fensterplatz gesessen und ihren Kopf oft auf die Schulter ihres Begleiters gelegt, der die meiste Zeit mit gespitztem Bleistift etwas in ein Notizbuch eintrug. "Nennen Sie mich nicht Saeed, nennen Sie mich Rosen, Volkstribun, Rienzi, nennen Sie mich Mozafer", sagte der Exilant. "Ich setzte mich zurück, lehnte meinen Kopf gegen die Wand und machte die Augen zu, als hätte ich für immer nichts mehr sehen wollen. Da hörte ich ein gewaltiges Geräusch, als hätte jemand die Anwesenden zum Abmarsch aufstellen wollen. Ich wurde neugierig, machte die Augen auf und sah, dass sich die Frau, die rechts neben mir saß, in ein großes, weißes Tuch schnaubte. Forty-five, forty-five! Where have all these years gone?, sprach sie in einem fort." In Samarkand seien die meisten Insassen ausgestiegen; man wisse nicht, warum.





13



"By this contrivance, the machinery
of my work is of a species by itself;
two contrary motions
are introduced into it, and reconciled,
which were thought to be at variance with each other.
In a word,
my work is digressive,
and it is progressive too,—and at the same time."
(Laurence Sterne)




"Die Idee eine Reinkarnation beispielsweise meines Großvaters zu sein war mir erst lange nicht auszureden. Zu verlockend ist eben die Vorstellung auf diese Weise an alten Baustellen den einen oder anderen Pfahl doch noch einzurammen, Größenwahn des Enkelknirpses, der nicht den Vater tötet, es aber besser machen will, und gar noch als der Großvater, ein regelrechter Superödipus.""Und der heiratet dann konsequenterweise seine Großmutter", das war inzwischen die Art Bäumlers einen Welck’schen Ball aufzufangen. Dieser nahm es gelassen, immerhin war es nicht leicht gewesen Bäumler überhaupt auf die Spur zu setzen. Und die Sache, um die es ging, war ja längst erledigt. Tatsächlich hatte er auch bei all seinen Versuchen mit dem G-Komplex, wie er jetzt überrascht sah, auffällig wenig der Großmutter gedacht. Herr Freud würde so seine Ansichten in Bezug auf ein derartiges Vergessen gehabt haben. Bäumler, der aus einer Tüte eine Salzbrezel aß, wobei es seine Art war akribisch mit dem feuchten Finger Krümel aufzulesen und in den Mund zu stecken, blieb interessiert, wohl auch wegen seines gelungenen Scherzes. Wie immer lachte er nicht, blickte Welck auch nicht an, sondern beschäftigte sich mit seiner Tüte, Stücke der Brezel abbrechend, wodurch es keine Pause wurde, die zwischen ihnen entstanden war. "Überhaupt", begann Welck darum, ohne sich mit der Tatsache zu beschäftigen, dass Bäumler eine Spitze gegen ihn vom Stapel gelassen hatte, "ist Reinkarnation Blödsinn, weil hochtrabend."
Reinkarnation war also hochtrabend und damit von vornherein nicht zu gebrauchen. Wiedergeborene kamen, Bäumler kannte Welcks Masche ja nun in- und auswendig, aus einem Himmel, in dem es mehr oder weniger genauso zuging wie hier auf Erden. Warum also es nicht in Gottes Namen dann als wiedergeborener Großvater versuchen. Bäumler verkniff sich die Frage, aber Welck war ohnehin nicht mehr zu bremsen. "Weil jeder sowieso schon sein wiedergeborener Großvater und so weiter ist." "War da nicht doch noch etwas mit der Großmutter?", versuchte es Bäumler dann trotzdem, wenn auch etwas lahm, und Welck überging auch dieses Mal den Einwurf kommentarlos. Überhaupt sehe man den Großvater, Vater und so weiter mit den Augen des Enkels, Kindes, was man sehe, im Grunde egal was, das sei in erster Linie man selber. Sich selber allerdings sehe man auch mit eben diesen Augen, nämlich eines selber. Herrgott, Bäumler hatte es vorausgesehen, fußkitzelnder Kitzler eines Fußes, und so weiter. "Und so weiter", sagte Welck gerade wieder. Worauf es ankomme bei der Wiedergeburt, das sei das Wissen darum an sich. Die Wiedergeborenen erkannten sich gegenseitig an gewissen Zeichen. Dieses Erkennen setzte eine gewisse Schulung der Aufmerksamkeit voraus, wobei es wie bei anderen Disziplinen auch hin und wieder solche mit einer gewissen Naturbegabung in diesem Fach gab. Normalerweise wurde das Wissen um sein Wiedergeborensein in einem äußerst langwierigen und schwierigen Prozess erworben. Man konnte sich regelrechte Kurse dazu denken, was aber in schöner Regelmäßigkeit auf besagte hochtrabende Formen wie Reinkarnation hinauslief. Dann schon lieber die Alltagsmethode, wo man sich vom anderen absah, worauf es in dieser Hinsicht ankam. Wiedergeborenen war auf keine Weise ihr Wissen um diese Tatsache auszureden, schon deshalb, weil sie nur mit Wissenden darüber sprachen. Das war nun auch nur wieder so eine Redensart, denn das Sprechen geschah gar nicht in verbaler Art, als ob man auch eine Tatsache wie diese überhaupt in Worte fassen konnte! Das war ja sozusagen der absolute Ausnahmefall. Ob Bäumler einmal Leute hätte sich darüber unterhalten hören, welche Farbe für sie Zahlen hätten? Ja, über so etwas habe er schon sprechen gehört und es noch immer für vollkommenen Blödsinn gehalten. Erstaunlich nur, dass Leute, die so drauf wären, trotz krasser Nichtübereinstimmungen im Einzelfall von der Sache insgesamt nicht abzubringen seien. "Eben", entgegnete deshalb Welck. Bestimmte Erzählungen vom Jenseits offenbarten gerade durch ihre Ausschmückungen krasses Unwissen und Wichtigtuerei. Wer Gott wirklich gesehen hatte, sprach mit der Leichtigkeit dessen, dem ein alter Mann Leid tat, der mal gerade eben zurecht kam. Höchstens dass nicht auszudenken wäre, welche Folgen der eine oder andere Schnitzer alter Leute hätte, wären sie zufällig Gott. Ob ein Beispiel gefällig sei? "Ich denke mal", entgegnete Bäumler, "Gott fährt nicht bloß Auto wie viele Alte, die's vielleicht besser lassen sollten." Welck, dem das Beispiel auch schon einmal eingefallen war, nickte beifällig. Und vom Sterben sprach er so, wie man sprechen muss angesichts der Ängste uneingeweihter Zuhörer, wobei sich sein Blick ins Weite dessen verlor, was er eben darüber wusste. Bestenfalls, dass er sich seines ersten Todes erinnerte, der ihn nicht in jene schwarze Leere geworfen hatte, als die man ihn sich vorstellt, solange man noch ahnungslos ist. 
Die Wiedergeborenen sind so wenig wiedergeboren wie der Heiland von den Toten auferstanden ist, das allerdings nur den Ungläubigen. Sie selber setzen gegen alle Realität die höhere Realität einer strikten Unmöglichkeit, die sie allen entgegenhalten, die sie auf eine schnöde Diesseitigkeit zurückwerfen wollen. Ja, alles, wofür es sich auf Erden zu leben lohnt, muss überirdisch sein. Das dann allerdings auf sehr weltliche Art und Weise, denn Religion ansonsten ist Kitsch. Darum der liebe Gott im Unterhemd und mit Hosenträgern, wie er mal wieder nicht bemerkt, dass er auf der einen Seite die Backe nicht richtig rasiert. Ein wenig im Stress ist er auch, höflichkeitshalber lässt man ihn nicht merken, dass man es mit ihm nicht mehr so genau nimmt. Er ist in dem Alter, wo andere schon lange im Heim sind; ob so etwas für Gott prinzipiell ausgeschlossen ist, wäre noch die Frage. Oder eben häusliche Pflege, ein kleines Auto mit den unvermeidlichen Aufklebern, von wegen Caritas, Pflege mit Respekt und dergleichen, sozusagen vor der Himmelstür. Der alte Herr winkt ab, Rasieren, Schuhe anziehen, sie soll einfach einen Moment bei ihm hier sitzen, bevor sie weiter müsse, in Ruhe den Eintrag in ihre Kladde machen, das gehe schon in Ordnung, schließlich sei er ja Gott. "Der liebe Gott?" - "Ja, ja, ganz richtig, der Einfachheit halber", was das Mädchen dann aber doch gar nicht zu Ende gehört hatte, sie musste weiter. Gott spielte ein wenig den lieben Gott, weil man von ihm nichts anderes erwartete, was sollte man machen? Es waren wieder jede Menge Neue zu empfangen, die einigermaßen bleich um die verblichene Nase ausschauen würden. Manche waren auch beim dritten, vierten Mal noch komisch, gewöhnen sollten sie sich wenigstens ans Sterben, wenn's auch, zugegebenermaßen, aus menschlicher Sicht nicht zu verstehen war!
Welck war Gott auf diese Weise einmal sehr nahe gekommen. Natürlich nicht beim ersten Mal. Es war Gottes Vergesslichkeit, die ihn gerührt hatte. Die anderen in der Versammlung wollten durchaus nicht glauben, dass es Gott selber war, der die Ansprache hielt und waren auch sonst einigermaßen durch den Wind.
In der Absicht den TV-14 C zu verfolgen, nutzte Bäumler die Gelegenheit das Steuer zu übernehmen, als der Busfahrer am Wegesrand Datteln kaufen wollte.


Mittwoch, 20. November 2019

Bzw. ۲ ۳ ۲ [Trio »שלווה« for Flute, Cello and Piano (1996) by R. A. ol-Omoum]



["Unbequem", R. A. ol-Omoum (2000)]



For years I said if I could only find a comfortable chair I would rival Mozart. [Morton Feldman]




["Sein", Michelle Schneider (2018)]



Music can imply the infinite if enough things depart from the norm far enough. Strange "abnormal" events can lead to the feeling that anything can happen, and you have a music with no boundaries. [Morton Feldman]















For I consider that music is, by its very nature, essentially powerless to express anything at all, whether a feeling, an attitude of mind, a psychological mood, a phenomenon of nature, etc. Expression has never been an inherent property of music. That is by no means the purpose of its existence. If, as is nearly always the case, music appears to express something, this is only an illusion and not a reality. It is simply an additional attribute which, by tacit and inveterate agreement, we have lent it, thrust upon it, as a label, a convention – in short, an aspect which, unconsciously or by force of habit, we have come to confuse with its essential being. [Igor Stravinsky (1936)]

My music is best understood by children and animals. [Igor Stravinsky (1961)]

The kind of work that should be the main part of life is the kind of work you would want to do if you weren't being paid for it. It's work that comes out of your own internal needs, interests and concerns. [Noam Chomsky]




["Attar", Saeed]

Die Hölle stelle ich mir vor wie das Zillertal. Oder wie die Tulpenfelder Hollands, oder die Passionsspiele in Oberammergau. Oder wie St. Moritz im Sommer. Jeden zweiten Tag ein neunstündiges Passionsspiel. Dazwischen ein Tag Musik angesichts von Tulpen. Jeden Abend ein Konzert der Wiener Sängerknaben oder der Regensburger Domspatzen, wenn das nicht überhaupt dieselben Knaben bzw. Spatzen sind. Vormittags die Moldau unter Karajan oder etwas auf Originalinstrumenten, handgebastelt und missgestimmt von Harnoncourt. Oder Triosonaten von Telemann, Piccolini, Ricotta, dal'Abaco, Locatelli oder von Telemann, Rosenmüller, Eppenbauer Vater und Sohn, Wenzlsberger, Telemann, Muffat, Telemann oder von Hans Christian Bach oder von Wilhelm August Bach oder von Carl Maria Bach oder von Johann Wolfgang Bach oder Wilhelm Friedemann Bach oder von Georg Telemann Bach für neun Blockflöten und Continuo. Es spielen Giselher Schramm, Hiroshima Kajumi, Rainer Weckerle, Kakuzo Kozikawe, Irmengrad Wäwerich Sträubler, Mitsubishi Toyota, Hedwig Wunderlich-Buhbe, Kazakumi Kozikawe – vermutlich der Bruder oder die Schwester oder die Frau oder der Mann von Kakuzo Kozikawe, vielleicht aber auch Vater oder Sohn – Osakazu Okakura und Karameli Tazubishi, am Continuo Luitgard-Maria Tashayumi-Spechtle, eine übrigens nicht unbedeutende Continuistin, von der man, so fürchte ich, noch hören wird. [Wolfgang Hildesheimer »Mitteilungen an Max über den Stand der Dinge« (1983)]




Sonntag, 10. November 2019

S / W 10 & 11 - [ماسک]



["Masken", R. A. ol-Omoum (1994)]


Der Mensch, der ich einst gewesen war, existierte nicht mehr. Selbst wenn ich ihn zu einem Gespräch hätte herbeizitieren können – wir hätten einander nicht verstanden. Er war wie ein Bekannter aus fernen Zeiten für mich., doch ich hatte keinen Teil an ihm. [Sadegh Hedayat »Die blinde Eule« (1936)]



["Demut", R. A. ol-Omoum (2009)]



اى دوست بیا تا غم فردا نخوریم
وین یکدم عمر را غنیمت شمریم
فردا که از این دیر کھن درگذریم
با ھفت ھزار سالکان ھمسفریم
[عمر خیام]



Ich schreibe nur für den Schatten, den der Schein der Öllampe an die Wand wirft; ihm muss ich mich zu erkennen geben. [Sadegh Hedayat »Die blinde Eule« (1936)]




10





"Überhaupt hat der Fortschritt das an sich,
dass er viel größer ausschaut,
als er wirklich ist."
(Johann Nepomuk Nestroy)




Wer da alles diesen Bus genommen hat! . . . dieser seltsame Orientale in der Reihe vor mir . . . . . . . . . . . . . . . . . wirkt nervös . . . . . . . Fensterplatz . . . . . . . . . . . . . gelegentlich blickt er um sich . . . reckt den Kopf . . . spricht mit sich selbst . . . . . . . . . . . . . . . . . orientalisch . . . . . . . singt hin und wieder eine Strophe . . . Hafez vermutlich . . . Lieder von der Trunkenheit . . . lass ihn in Ruh . . . in unregelmäßigen Abständen . . . dann wieder sieht es von hier so aus . . . . . . . . . . . . . . . . . habe mir einen schönen Platz in der hintersten Reihe ausgesucht . . . . . . . . . . . . . . . . . links . . . . . . . bin schließlich kein Mittelfeldspieler . . . . . . . Robert sitzt ganz weit vorne inzwischen . . . Bäumler eben . . . wechselt gern die Perspektive . . . dann wieder kommt er und heckt etwas aus . . . kommt nicht umhin mich anzuhauen . . . springt dann auf wie vom Teufel gestochen . . . spricht den Orientalen an . . . "Nix da! Er ist mein Freund!", singt Robert . . . . . . . . . . . . . . . . . "Nix da! Er ist mein Freund!" . . . . . . . . . . . . . . . . . blickt forschend herum . . . . . . . . . . . . . . . . . patience is for poltroons . . . . . . . "Mach dir nix draus!", denke ich . . . . . . . und macht sich aus dem Staub . . . . . . . nennt sich Saeed, der Glückliche, sagt Robert . . . Robert glotzt dann lange in den schwarzen Sand . . . wie ein ausgestopftes Greenhorn . . . guckt mich an der Kerl . . . . . . . . . . . . . . . . . mir scheint, der Orientale merkt, dass ich mich langweil' und nicht hergehör' . . . . . . . . . . . . . . . . . aufgeregt von einem gefährlichen Ausweichmanöver des Omnibusses, so nehme ich an, knirscht ein untersetztes Männlein im vorderen Drittel des Fahrzeugs unablässig und schrill mit seinen Zähnen, dass selbst der sonst so stoische Busfahrer unruhig wird . . . . . . . schwarzer Sand . . . . . . . hat ein Gesicht wie aus Wachs geschnitzt das Männlein . . . unförmig sein Kopf . . . . . . . . . . . . . vieleckig . . . . . . . vielleicht achteckig . . . . . . . . . . . . . . . . . die Frau versucht vergeblich das Männlein zu besänftigen . . . "So beruhig' dich doch, Hugo!" . . . "Um alles in der Welt, Hugo!" . . . . . . . . . . . . . . . . . "So beruhig' dich doch, Hugo!" . . . . . . . "Mach dir nix draus!", denke ich . . . . . . . . . . . . . Ipelmeyer muss beleidigt gewesen sein, dass ich einen solchen Batzen Geld von ihm hab' mitgehen lassen . . . wenigstens hab' ich einen Ecksitz . . . sein Töchterchen, du lieber Himmel, hat nichts als Einkäufe im Sinn . . . . . . . . . . . . . . . . . und diese ewigen Schwärmereien . . . . . . . "Soll ich mich grün kleiden?" . . . vielleicht neuneckig . . . "Grün ist die Farbe der Natur" . . . vielleicht zehneckig . . . . . . . . . . . . . . . . . "Rot ist romantisch, das blutige Mittelalter" . . . . . . . . . . . . . . . . . eher achtkantig . . . . . . . "Blau ist die Farbe der Beständigkeit" . . . . . . . mehrdimensional . . . "Die Farbe des Himmels" . . . Bewohner eines Paralleluniversums . . . Preisschildchen von den vielen Hemdchen, Kleidchen und Höschen . . . "Mach dir nix draus!" . . . und mach' mich aus dem Staub . . . schwarzer Sand . . . beim nächsten Halt . . . . . . . der Fußball, so eine Gruppe von Kassiererinnen und Kassierern nahezu einstimmig . . . . . . . . . . . . . . . . . der Fußball . . . . . . . ist die Kraft . . . . . . . . . . . . . die Kraft, der schließlich die Verantwortung der Umgestaltung zukommen wird . . . den Ausgleich zu verwirklichen . . . der Mindestlohn der Athleten wird den der Richter nicht überschreiten . . . . . . . . . . . . . . . . . die überschüssigen Moneten fließen fortan in die Hände derer, die die Weltmacht der Athletinnen und Athleten begünstigt haben . . . . . . . Moneten für den Müßiggang . . . die Rentnerinnen und Rentner . . . die Kranken . . . die Traurigen . . . die Entstellten . . . die Ertrinkenden . . . . . . . . . . . . . . . . . die Gefallenen . . . . . . . . . . . . . . . . . die Auserwählten . . . . . . . die Pflegerinnen und Pfleger . . . . . . . die Dichterinnen und Dichter . . . die Bäuerinnen und Bauern . . . die Exilantinnen und Exilanten . . . die Komponistinnen und Komponisten . . . die Maurerinnen und Maurer . . . die Lehrerinnen und Lehrer . . . die Banken . . . die Kassiererinnen und Kassierer . . . . . . . . . . . . . . . . . die Umwelt . . . . . . . . . . . . . . . . . den Mars . . . . . . . . . . . . . . . . . patience is for poltroons . . . . . . . die Leserinnen und Leser . . . . . . . die Glücklichen und Unglücklichen . . . . . . . Hugo . . . die Sängerinnen und Sänger . . . die Lebendigen und die Toten . . . die Zuschauerinnen und Zuschauer . . . . . . . . . . . . . . . . . die Energie . . . . . . . . . . . . . . . . . die Farben der Malerinnen und Maler . . . . . . . den schwarzen Sand . . . . . . . die Komödiantinnen und Komödianten . . . ihre unförmigen Köpfe . . . . . . . . . . . . . vieleckig . . . . . . . vielleicht achteckig . . . . . . . . . . . . . . . . . die Begleiterinnen und Begleiter . . . "So beruhig' dich doch, Hugo!" . . . "Um alles in der Welt, Hugo!" . . . . . . . . . . . . . . . . . "So beruhig' dich doch, Hugo!" . . . . . . . "Mach dir nix draus!" . . . . . . . . . . . . . das Meer . . . den Müll . . . die Mauern . . . . . . . . . . . . . . . . . die Lernenden . . . . . . . die Leidenden . . . vielleicht neuneckig . . . "Grün ist die Farbe der Natur" . . . vielleicht zehneckig . . . . . . . . . . . . . . . . . "Rot ist romantisch, das blutige Mittelalter" . . . . . . . . . . . . . . . . . eher achtkantig . . . . . . . "Blau ist die Farbe der Beständigkeit" . . . . . . . mehrdimensional . . . "Die Farbe des Himmels" . . . die Schuldigen und Unschuldigen . . . der Fußball . . . "Mach dir nix draus!" . . . und mach' mich aus dem Staub . . . schwarzer Sand . . . beim nächsten Halt . . .. . . dieser seltsame Orientale in der vorletzten Reihe . . . . . . . . . . . . . . . . . wirkt nervös . . . . . . . Fensterplatz . . . . . . . . . . . . . gelegentlich blickt er um sich . . . reckt den Kopf . . . spricht mit sich selbst . . . . . . . . . . . . . . . . . orientalisch . . . . . . . singt hin und wieder eine Strophe . . . Hakim Omar-e Khayyam vielleicht . . . Lieder von der Trunkenheit . . . lass ihn in Ruh . . . in unregelmäßigen Abständen . . . dann wieder sieht es von hier so aus . . . . . . . . . . . . . . . . . habe mir einen schönen Platz in der hintersten Reihe ausgesucht . . . . . . . . . . . . . . . . . links . . . . . . . bin schließlich kein Mittelfeldspieler . . . . . . . Robert ist auf der Lauer . . . Bäumler eben . . . wechselt gern die Perspektive . . . er hat etwas ausgeheckt . . . ist auf dem Sprung . . . springt dann auf wie vom Teufel aufgescheucht . . . spricht die Kassiererinnen und Kassierer an . . . die Heldinnen und Helden . . . . . . . . . . . . . . . . . den Busfahrer . . . . . . . . . . . . . . . . . blickt forschend herum . . . . . . . . . . . . . . . . . patience is for poltroons . . . . . . . "Mach dir nix draus!" . . . . . . . und macht Leibesübungen . . . . . . . der Glückliche . . . im schwarzen Sand . . . wie ein Athlet . . . guckt mich an . . . . . . . . . . . . . . . . . der Orientale merkt etwas . . . . . . . . . . . . . . . . . aufgeregt von dem gefährlichen Ausweichmanöver des Omnibusses . . . . . . . im schwarzen Sand . . . . . . . die Kassiererinnen und Kassierer singen . . . unförmig sein Kopf . . . . . . . . . . . . . vieleckig . . . . . . . vielleicht achteckig . . . . . . . . . . . . . . . . . Geschöpfe ihrer eigenen Taten . . . "So beruhig' dich doch, Hugo!" . . . "Um alles in der Welt, Hugo!" . . . . . . . . . . . . . . . . . "So beruhig' dich doch, Hugo!" . . . . . . . "Mach dir nix draus!" . . . . . . . . . . . . . Aufruhr der Engel . . . wenigstens hab' ich einen Ecksitz . . . du lieber Himmel . . . . . . . . . . . . . . . . . und diese Schwärmereien . . . . . . . Auserwählte . . . vielleicht neuneckig . . . "Grün ist die Farbe der Natur" . . . vielleicht zehneckig . . . . . . . . . . . . . . . . . "Rot ist romantisch, das blutige Mittelalter" . . . . . . . . . . . . . . . . . eher achtkantig . . . . . . . "Blau ist die Farbe der Beständigkeit" . . . . . . . mehrdimensional . . . "Die Farbe des Himmels" . . . Mitglieder eines Paralleluniversums . . . Passantinnen und Passanten . . . "Macht euch nix draus!" . . . im . . . im schwarzen Sand . . . beim nächsten Halt . . .





11






"Iubirea de bani, de lux, de viciu, aceasta-i civilizaţia.
Un popor simplu şi cinstit nu se deosebeşte de plante."
(Emil M. Cioran)





Aus dem Land, so der Orientale, in dem man die entscheidenden Dinge, nicht mehr zu Ende zu denken bereit sei, sei er, der Exilant, in den Omnibus geflüchtet. So sträube man sich in diesem Land Integration, ein Wort, das dort wie eine Fahne im Winde klirre, als das zu verstehen, was es von Beginn an stets gewesen sei, als Erneuerungsauftrag durch die Vermehrungsorgane nämlich. Natürlich geschehe dies unwillkürlich von selbst über die Jahrhunderte hinweg. Achte man allerdings mehr auf die gewählten Worte, könne man ein wenig heiterer am Dasein dort draußen teilhaben.
Auch wenn ihm der Busfahrer, der offenbar vom rechten Weg abgekommen sei, bedrückend vorkomme, toleriere er doch jeden seiner Umwege. Nur hier im Omnibus führe er ein sicheres Leben. Er sei in Samarkand zugestiegen, um sicher in Maschhad anzukommen, da dies schon dem Namen nach der rechte Ort für ihn sei. Der Orientale sei unterwegs schon vielen Busfahrern begegnet, die ihren Omnibus auf Abwege gesteuert hätten und auf diese Weise seien ihm allerlei Wanderer begegnet, die das Land, das er fast die Hälfte seines Lebens vergebens bewohnt habe, aufgescheucht verlassen hätten. Auch bei diesen seien es meist die gewählten Worte gewesen, denen sie als nunmehr Fremde lebenslänglich zu entkommen suchten. Freilich brauche es seine Zeit, bis man in einer fremden Sprache ankomme, doch Geduld sei bloß etwas für Feiglinge. Mit spartanischer Strenge habe er in dem Land, das ihm nach nur vier Jahren einen vorübergehenden Aufenthalt in seinen hoheitlichen Grenzen gestattet hätte, die Sprache von ihren Wurzeln her verinnerlicht, die er nun in seinem Gepäck verstaut habe. Nie habe er sich mit der Frau eines Anderen eingelassen, da er sein Betragen den übrigen Bürgern als ein Muster habe aufstellen wollen. Er ziehe es nun vor den ehrwürdigen Ort des Märtyrers aufzusuchen, da er nicht nach fremdem Eigentum trachte. Das Eigentum seiner ihm zu eigenen Ballade, so drückte er sich aus, möge ihn bald ein allerletztes Mal umgeben; das fremde Eigentum borge er sich lediglich, um seine Hinterlassenschaft zu dichten. Durch unermüdliches Studium und Übung habe er sein Leihgut weiterentwickelt, sodass sich ihm gegenüber nur noch geneigte, alte Meister als duldsam erweisen würden. Ein einziges Mal nur sei er einer Art Wahrheit in dem fremden Land sehr nahe gekommen, als er sich dem Aufsichtsrat zur Verfügung habe stellen müssen. "Das war die Nachricht, die ich erhalten habe", sagte Saeed. "An dem Tage, an welchem ich den Auftrag zu erledigen hatte, sah ich viel Volk, welches bloß aus alten Männern und Frauen bestand, auf Erledigung ihrer Sachverhalte warten. Ich trat in einen langen Flur ein, in welchem das alte Volk auf den einander gegenüberstehenden Bänken saß, und nahm mir, ohne dass ich nach rechts oder links blickte, den nächsten leeren Platz, der sich gerade jenem alten kleinen Manne gegenüber befand, welchen ich auf meinem alltäglichen Nachhauseweg immer Geige spielen sah." Jener sei es auch gewesen, der ihn darauf aufmerksam gemacht habe, dass man eine Nummer vom Automaten ziehen müsse, bevor man Platz nehme, da man sonst nicht aufgerufen werde. "Der Alte hatte recht, denn in dem Augenblick, als er mich ansprach, läutete es und an dem Zähler, welcher am äußersten Ende des Flures über der Ausgangstüre hing, leuchtete eine Nummer. Ich beugte meinen Kopf nach vorne und dann nach rechts, um einen besseren Überblick zu gewinnen, und sah, dass jeder, der da auf der Bank saß, ein Zettelchen in der Hand hielt. Um keine Zeit zu verlieren, stand ich auf, ging rasch einen Schritt auf den Alten zu und fragte ihn leise, wo eigentlich der Automat sei, von welchem ich, wie er mir sagte, eine Nummer ziehen sollte. Der Alte hob seine Hand und lenkte sie mit dem Zeigefinger in jene Richtung, an deren beiden Seitenwänden bis zum äußersten Ende, wo der Zähler hing, das Volk nebeneinander und einheitlich auf den Bänken saß. Ich zögerte einen Augenblick und sah den schmalen Weg, welcher zwischen den beiden Seitenwänden einzuschlagen war, und fragte mich aufrichtig, ob er sich wirklich lohnte."