[»A
Mars a Day«,
Goedart Palm (2019)]
Nachwort
zu
»Ulise
22«
„Es
ist auch herzzerreißend, wenn man eure Dichter, eure Künstler sieht
und alle, die den Genius noch achten, die das Schöne lieben und es
pflegen. Die Guten! Sie leben in der Welt wie Fremdlinge im eigenen
Hause, sie sind so recht wie der Dulder Ulyß, da er in
Bettlersgestalt an seiner Türe saß, indes die unverschämten Freier
im Saale lärmten und fragten, wer hat uns den Landläufer gebracht?“
Friedrich
Hölderlin
Hyperion
In
der Gattungsgeschichte des europäischen Romans kann man vielleicht
von einer Hochzeit, einem guten Jahrhundert, sprechen, wo Romanciers
noch Kathedralen erbauten: die hatte Vorläufer im antiken Epos, in
Heldenliedern und Utopien - und im 18. Jahrhundert mit Voltaire,
Diderot und Sterne, kulminierte dann aber im 19. Jahrhundert mit
Schwerpunkten im Frankreich des Realismus (Balzacs Comédie humaine,
Flaubert und Stendhal), in Russland mit Dostojewskij und Tolstoi und
ging über den Ästhetizismus mit Wilde (Dorian Gray), Huysmans
(Gegen den Strich) und den Sonderfall Nietzsche (Zarathustra) bis zur
klassischen Moderne mit Autoren wie Musil, Döblin, Proust, Kafka und
nicht zuletzt James Joyce mit seinem Jahrhundertroman Ulysses, der
vor genau hundert Jahren zuerst in Paris erschien.
Joyce
nimmt wie Hölderlin oben Bezug auf den Mythos des antiken Helden
Odysseus in Homers Epos um die abenteuerliche Irrfahrt bei der
Heimkehr aus dem Trojanischen Krieg. Als Odysseus in sein altes Leben
zurückkehren will, ist nichts mehr wie es war. Der wahrlich moderne
Schlüssel bei Odysseus ist dabei, dass er seine Identität aufgeben
muss, um sie zu wahren - und so soll es auch im metaphorischen Sinne
Bloom und Rohlfs, den Helden aus dem Ulysses und Ulise 22, bei ihren
Lebensbewegungen ergehen.
In
seinen besseren Zeiten war und ist der (romantische) Roman dabei
immer ein Gefäß und eine genresprengende und keine genrebeengende
Prosapoesiegattung. Schon die Frühromantiker betonten das und
unterfütterten den Roman intellektuell als Universalgattung. So
schrieb Hölderlins Zeitgenosse Friedrich Schlegel in seinem Athenäum
1798: „Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie.
Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennten Gattungen der Poesie
wieder zu vereinigen und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik
in Berührung zu setzen. Sie will, und soll auch Poesie und Prosa,
Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen,
bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig, und das Leben
und die Gesellschaft poetisch machen, den Witz poetisieren … Die
romantische Dichtart ist noch im Werden, ja das ist ihr eigentliches
Wesen, dass sie ewig nur werden, nie vollendet sein kann.“
Das
Fragment, der Torso, das Assoziative, das Unvollendete und das
Spielerische, gerne auch als Montage gestaltet, machen den Roman zur
integrierenden Gattung, die beinahe alle anderen Gattungen
prinzipiell zu ihrem Recht kommen lässt, sei es die Lyrik, den
Aphorismus, den Essay oder die fiktiven Narrative wie die Novelle,
das Märchen oder die Erzählung. Dieser Ästhetik des radikal
Fragmentarischen beugt sich auch Ulise 22 von Liana Helas, einem
kleinen, feinen Lehrerzimmer-Autorenkollektiv, das in einer Rahmen-
und einer Kernhandlung seine mächtig-ohnmächtigen Figuren und
Protagonisten zu Wort kommen lässt, die erst wieder mündig werden
können, indem sie sich den Verlust der eigenen Mündigkeit
eingestehen und doch Stümpfe im Sinne Becketts bleiben müssen.
In
der Rahmenhandlung widmet sich der Roman dem diabolisch-kuriosen
Schicksal der beiden Vagabunden Robert und Bertram, die seit den
dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts durch Opernwelt, Satire,
Parodie, Volkstheater und Film (Meyerbeer, Nestroy, Räder, Mack und
Walter-Fein) dem Publikum eine bekannte Größe sind. Robert und
Bertram bewegen sich als gaukelnde Seiltänzer und gutmütige
Landstreicher zwischen Geschäftstüchtigkeit und Schelmentum,
Gittern und Gaunereien sowie Ideen und Idiotien, sie foppen ihre
Zeitgenossen und schnorren sich mehr schlecht als recht durchs Leben.
So beginnt der Roman im ersten Teil um Robert und Bertram mit einer
fabelhaften Kaffeeschmuggelparabel:
Mein
Vater wurde nicht müde die Geschichte vom Kaffeeschmuggel zu
erzählen. Ein altes Mütterchen schmuggelte ihr halbes Pfündlein
Kaffee in der Eisenbahn und packte es vor den Augen eines
Mitreisenden noch einmal zurecht, sich darin ergehend, der Zoll möge
es doch hoffentlich nicht entdecken. Der Zollbeamte, kaum, dass er
das Abteil betreten und die obligatorische Frage gestellt hatte, die
üblichen Lügen überhörend, brachte den zu erwartenden Einwand
hervor, es röche aber eindeutig nach Kaffee, und was er davon halten
solle. Der Mitreisende des alten Mütterchens wartete nicht eine
Sekunde und im Ton des braven Bürgers, der einen Schwindel nicht
durchgehen lassen will und darum dem Herrn Oberzollinspektor
beispringt, sprach er: „Da schauen Sie nur im
Koffer der Dame nach, sie hat Kaffee darin versteckt!“ Ob das
stimme, wollte der Beamte wissen, und sie solle nur gefälligst den
Koffer herabholen und unverzüglich öffnen, was die alte Frau unter
vielem Ächzen und Jammern tat. Der Beamte konfiszierte sogleich das
halbe Pfund Kaffee, wozu er seinen Gehilfen rief, der für den
Abtransport der Asservaten zuständig war. Man konnte sich denken,
wie über derlei Konfiskationen Buch geführt wurde und sah förmlich
den Kaffee im Hause der Herren Zolleinnehmer dampfen. Kaum hatten die
Uniformierten das Abteil verlassen, erhob das Mütterlein von Neuem
sein Klagen und schimpfte, was für ein gemeiner Kerl ihr
Mitreisender doch sei! Der indessen stand mit jovialem Lächeln auf:
„Verehrtes Mütterchen“, sprach er, langte nun seinerseits nach
dem Koffer, der über seinem Platz in der Ablage ruhte, ließ die
Schlösser aufschnappen und indem er einen Schal und sonst noch ein
dünnes Kleidungsstück zur Seite schob, der Frau traten die Augen
vor den Kopf, kamen etliche Päckchen Kaffee zum Vorschein. „Was
der Zöllner beim Betreten des Abteils gerochen hat, war natürlich
nicht Ihr eines Päckchen“, wie der Frau nun auch klar wurde, die
vor Staunen eine Hand mit gespreizten Fingern vor den Mund hielt, der
ihr weit offenstand. Nun überreichte der Mitreisende ihr zwei seiner
Pakete mit einer Verbeugung, wie es sich gehörte, die Frau aber kam
mit einer solchen Unverfrorenheit nicht zurecht, denn insgeheim fand
sie schon, dass man den Zoll nicht derart betrügen durfte, wie es
der Reisende tat, weshalb trotz des versöhnlichen Ausgangs auf der
weiteren Fahrt kein rechtes Gespräch aufkommen wollte. Denn darin
sind ja die Leute sich einig, dass nämlich gelogen werden musste,
aber Lüge war nicht Lüge, und davon, dass die Zöllner ihrerseits
von den beschlagnahmten Waren einiges abzweigten,
damit konnte man einer Frau wie ihr nicht kommen. Jawohl, es musste
geschmuggelt werden in schlechten Zeiten wie den ihren, und die
Staatsmacht war allzu genau, was man zu Recht beklagte. Aber Recht
und Ordnung mussten darum doch sein, und dass ein Mann eine alte Frau
verriet, war trotzdem schlimm, noch dazu, wenn er selber offenbar
wohlhabend war. Nein, Staatsdiener würden keinen Vorteil aus ihrem
Amt ziehen, jedenfalls nicht in Deutschland!
In
metaphorischer Entsprechung zu diesem Rahmen entwickelt sich die
Kernerzählung, die episodisch und multiperspektivisch, die
Lebensreise des Protagonisten Rohlfs Bild an Bild pixelt, darstellt
und montiert - und dabei geht es immer wieder
generationenübergreifend auch um die Schicksale des Vaters und des
Großvaters, die den Helden zu dem gemacht haben, was er zu sein
scheint im Lichte und im Schatten seines Stammbaums. Rohlfs erweist
sich dabei als moderner Antiheld, der sich nirgendwo zuhause fühlt,
schon gar nicht im widersprüchlichen Deutschland seit dem Krieg, das
sich zwischen Verdrängung des Nationalsozialismus und allgegenwärtig
gewordenem Wirtschaftswunder in eine Enge laviert, die nach Kaugummi
und Kitsch schmeckt, nach billiger Reklame und Benzin. Und Rohlfs
erlebt, wie ihn die Wunden und Neurosen seiner Vorfahren bestimmen
und im Griff behalten, sein Großvater, der als Lehrer im Dritten
Reich seine hehren Ideale verraten musste und sein Vater, der als
Zivilangestellter bei den U.S.-Streitkräften nach der iranischen
Revolution in Ungnade fiel. Ein Beispiel für den assoziativen und
multiperspektivischen Ansatz ist auch das launige Spiel mit der Zahl
250.000:
„Es
mussten nahezu eine Viertelmillion Zigaretten gewesen sein, die er
über eine Zeitspanne von dreißig Jahren inhaliert hatte, bevor er
sich dem Gesundheitsdiktum seiner Epoche unterwarf und beim
morgendlichen Frühsport das Nervengift aus seinem Körper zu
verbannen versuchte. Eine Viertelmillion hatte Rohlfs für das Haus
bezahlt, in dem er gehofft hatte ein sorgloses und unbeschwertes
Leben mit seiner Familie führen zu können. Eine Viertelmillion
Menschen im nördlichen Gazastreifen waren von Israel vermittels
Flugblättern und Telefonanrufen, aufgerufen worden ihre Häuser zu
verlassen.
Ahava,
V'rachamim, chesed V'shalom.
Bei der Hungersnot in Somalia starben zwischen Oktober 2010 und April
2012 mehr als eine Viertelmillion Menschen. Ahava,
V'rachamim, chesed V'shalom.
Das Mercedes S 65 AMG Coupé startet mit einem Preis von rund einer
Viertelmillion Euro. Im Innenraum warten gestepptes Nappaleder sowie
elektrisch verstellbare Sportsitze auf den zahlungsfähigen Kunden.
Einer Hochrechnung zufolge sterben jährlich eine Viertelmillion
Fledermäuse in den Rotoren der Windenergieanlagen des
Wirtschaftsstandortes. Jedes Jahr erleiden darüber hinaus etwa eine
Viertelmillion Deutsche einen Schlaganfall. Ahava,
V'rachamim, chesed V'shalom.“ (aus dem Kapitel 5.17 Star)
Rohlfs
seinerseits wird zum haltlosen und heimatlosen Vagabunden, der dem
Fluch und Glück des Denkens und Relativierens nicht entkommt und der
Zuflucht im Studium und im Reisen sucht, aber nicht finden kann. Der
Traum vom besseren Leben kann, wie Constance als Freundin weiß, auf
den Irrungen des Lebensweges, der Lebensreise, nicht erfüllt werden,
löst er auch noch so große Motivationen und Anstrengungen aus, die
condition humaine ist eine fragile, gar verlorene Angelegenheit, im
Westen sowieso, aber auch im verklärten Osten. Wenn Georg Lukács in
seiner Theorie des Romans von der transzendentalen Obdachlosigkeit
des modernen Antihelden schreibt, dann macht Rohlfs in dieser Rolle
eine bella figura, die unverdrossen einen Ausweg aus ihrer Misere
sucht.
Rohlfs
geht dabei den umgekehrten Weg – anders als unzählige andere
Helden sucht er sein Glück nicht im Westen, sondern als
Arbeitsmigrant im Osten, wo er als Wohlstandsflüchtling weg von der
gediegenen Saturiertheit über Rumänien nach Baikonur in Kasachstan
gelangt. An der Endstation, dem Weltraumbahnhof in Baikonur, sitzt
man am Lagerfeuer, löffelt aus einem rußgeschwärzten Titantopf
Erbsensuppe und sucht mit dem Steppenvolk nach Trümmern aus dem
Weltall, das von einigen Superreichen touristisch vermarktet wird.
Ulise
22 ist eine subversive Irrfahrt durch die Überfülle und Hölle des
20. Jahrhunderts mit seinem 2. Dreißigjährigen Krieg und den
Traumata nach diesem Krieg und der klassischen Moderne, die im
mangelhaften 21. Jahrhundert ausläuft, und die der vornamenlose
Antiheld Rohlfs unternimmt; er wird zum flüchtenden
Nomaden, um heimkommen, bei sich ankommen zu können. Dabei lernt der
Leser Cioran auf Rumänisch kennen, die verschiedensten
Tankstellenketten in den Kapitelüberschriften und am Ende auch
arabische Schriftzeichen: ein Buch von mehreren Sprachen mit dem
seltenen Panoramablick von unten auf eine verlorene Gesellschaft. Und
ein abenteuerlicher Roman, der den Leser in der Kunst des Lesens
herausfordert und der seinen Spannungsbogen aus den inszenierten
Fragmenten, den inhaltlichen und formalen Widersprüchen und den
pointierten Humoresken gewinnt und der sich zu einem neoromantischen
Mosaik aus verschiedenen Brüchen und Teilen zusammenfügt. Wenn man
so will, schließt Ulise 22 mit seinem Personal und seinen Totalen im
Fragment und seinen Rückblenden unmittelbar an die letzten 100 Jahre
nach Veröffentlichung des Jahrhundertromans Ulysses von James Joyce,
der an einem Tag, dem Bloomsday vom 16.06.1904 spielt, an und
beschließt diesen Zeitraum mit dem runden Blick auf die drei
Generationen von Rohlfs, seinem Vater und seinem Großvater, die
allesamt aus der Zeit fallen.
Rohlfs
kehrt den leeren Versprechungen des Westens mit seinem wütenden
Konsumversprechen, seinem Lärm, seiner Bürokratie und seiner
entmenschlichten Zivilisation den Rücken und erhofft sich im
wilderen Osten Mitmenschlichkeit und Würde –
der Osten wird zum linear bereisten Sehnsuchtsort für den aus der
Zeit gefallenen Helden –, und in zarten Beziehungen unterhalb der
korrumpierten Gesellschaft in Rumänien beispielsweise wird Rohlfs
seine neoromantische Sehnsucht immerhin am Leben halten können, die
Hoffnung ist abseits von ausgetretenen Pfaden noch eine Möglichkeit,
wenigstens als Illusion, ein Ideenparadies, das er nicht aufgeben
will. ECCE HOMO möchte man Rohlfs verzweifelt hoffend hinterherrufen
- oder mit Elias Canetti, der sich zeitlebens mit dem Tod angelegt
hatte: „Die Übertreibung retten. Nicht vernünftig sterben.“