Samstag, 20. August 2022

Bzw. ۲ ۶ ۲ [»Kleine Glücksmomente und große Monstrositäten«. (Zehn) Bildgedichte von Gerd de Bruyn (für Kuttel Daddeldu)]

 


[»Heldengedenken«, Goedart Palm (2015)]



Was ist denn Leben?

Ein ewiges Zusichnehmen und Vonsichgeben.


[Aus: Joachim Ringelnatz »Turngedichte« (1923)]





[»Ούτε-ούτε«, Elias Kasselas (2021)]






Was du erwirbst an Geist und Gut


Erwirb dir viel und gib das meiste fort.

Viel zu behalten, hat den Wert von Sport.

Behalte Dinge, die du innig liebst,

Bis du sie gern an Freunde weitergibst.

Liebe und halte frei dein Eigentum.

Besitz macht ruhelos und bringt nicht Ruhm.


[Aus: Joachim Ringelnatz »Gedichte dreier Jahre« (1932)]









Seepferdchen


Als ich noch ein Seepferdchen war,

Im vorigen Leben,

Wie war das wonnig, wunderbar

Unter Wasser zu schweben.

In den träumenden Fluten

Wogte, wie Güte, das Haar

Der zierlichsten aller Seestuten,

Die meine Geliebte war.

Wir senkten uns still oder stiegen,

Tanzten harmonisch um einand,

Ohne Arm, ohne Bein, ohne Hand,

Wie Wolken sich in Wolken wiegen.

Sie spielte manchmal graziöses Entfliehn,

Auf daß ich ihr folge, sie hasche,

Und legte mir einmal im Ansichziehn

Eierchen in die Tasche.

Sie blickte traurig und stellte sich froh,

Schnappte nach einem Wasserfloh

Und ringelte sich

An einem Stengelchen fest und sprach so:

Ich Hebe dich!

Du wieherst nicht, du äpfelst nicht,

Du trägst ein farbloses Panzerkleid

Und hast ein bekümmertes altes Gesicht,

Als wüßtest du um kommendes Leid.

Seestütchen! Schnörkelchen! Ringelnaß!

Wann war wohl das?

Und wer bedauert wohl später meine restlichen Knochen?

Es ist beinahe so, daß ich weine –

Lollo hat das vertrocknete, kleine

Schmerzverkrümmte Seepferd zerbrochen.


[Aus: Joachim Ringelnatz »Allerdings« (1928)]













Die neuen Fernen


In der Stratosphäre,

Links vom Eingang, führt ein Gang

(Wenn er nicht verschüttet wäre)

Sieben Kilometer lang

Bis ins Ungefähre.

Dort erkennt man weit und breit

Nichts. Denn dort herrscht Dunkelheit.

Wenn man da die Augen schließt

Und sich langsam selbst erschießt,

Dann erinnert man sich gern

An den deutschen Abendstern.


[Aus: Joachim Ringelnatz »Kinder-Verwirr-Buch« (1931)]








Natur


Wenn immer sie mich fragen,

Ob ich ein Freund sei der Natur,

Was soll ich ihnen nur

Dann sagen?


Ich kann eine Bohrmaschine,

Einen Hosenträger oder ein Kind

So lieben wie eine Biene

Oder wie Blumen oder Wind.


Ein Sofa ist entstanden,

So wie ein Flußbett entstand.

Wo immer Schiffe landen,

Finden sie immer nur Land.


Es mag ein holder Schauer

Nach einem Erlebnis in mir sein.

Ich streichle eine Mauer

Des Postamts. Glatte Mauer aus Stein.


Und keiner von den Steinen

Nickt mir zurück.


Und manche Leute weinen

Vor Glück.


[Aus: Joachim Ringelnatz »Flugzeuggedanken« (1929)]










[»Ιδού! Ο αποδιοπομπαίος τράγος!«, Elias Kasselas (2021)]









Und ich darf noch


Hie und da, dann und wann

Ein Wehweh. Doch im ganzen:

Ich, der ich nicht tanzen kann,

Sehe gern andere tanzen.


Noch immer in Arbeit gestellt

Und die Arbeit genießend,

Finde ich dich, ausstudierte Welt,

Immer neu fließend.


Gehe durch die Straßen einer Stadt

Um Dinge herum, die stinken.

Was Beine oder keine Beine hat,

Kann blinken oder winken.


Ich kann einen Pflasterstein,

Der am Rinnstein liegt, aufheben.

O schönes Auferdensein!

Und ich darf noch leben.


[Aus: Joachim Ringelnatz »103 Gedichte« (1933)]










[»Old Robot No. 10«, Goedart Palm (2017)]









Die Brüder


Der Weekend traf den Weekbeginn:

»Guten Morgen!«

»Guten Abend!«

Sie mochten sich anfangs nicht leiden,

Und immer hatte von beiden

Der eine ein unrasiertes Kinn.


Trotz dieser trennenden Kleinigkeit

Lernten sie doch dann sich leiden

Und gingen klug und bescheiden

Abwechselnd durch die Zeit


Und gaben einander Kraft und Mut.

Und schließlich waren die beiden

Nicht mehr zu unterscheiden.

Und so ist das gut.


[Aus: Joachim Ringelnatz »Reisebriefe eines Artisten« (1927)]



Mittwoch, 10. August 2022

Bzw. ۲ ۶ ۱ [»I Have Measured Out My Life With Coffee Spoons« for Flute (1996) by R. A. ol-Omoum]

 


[»Μακόντο«, Elias Kasselas (2022)]



What we call the beginning is often the end

And to make an end is to make a beginning.

The end is where we start from.

[From: T. S. Eliot »Four Quartets: Little Gidding« (1942)]




[»Ορέστης«, Elias Kasselas (2022)]



O dark dark dark. They all go into the dark.

The vacant interstellar spaces, the vacant into the vacant,

The captains, merchant bankers, eminent men of letters.

The generous patrons of art, the statesmen and the rulers,

Distinguished civil servants, chairman of many committees,

Industrial lords and petty contractors, all go into the dark

[From: T. S. Eliot »Four Quartets: East Coker« (1940)]










[»I Have Measured Out My Life With Coffee Spoons«, R. A. ol-Omoum (2022)]






[»Οι Τιτάνες απορροφούνται από το Τώρα«, Elias Kasselas (2022)]



For I have known them all already, known them all—
Have known the evenings, mornings, afternoons,
I have measured out my life with coffee spoons.

[From: T. S. Eliot »Prufrock and Other Observations« (1917)]





[»Ο δράκος του Ερμή«, Elias Kasselas (2022)]



Words move, music moves

Only in time; but that which is only living

Can only die. Words, after speech, reach

Into the silence.

[From: T. S. Eliot »Four Quartets: Burnt Norton« (1935)]





[»Νεκροί της γης, σπορά των άστρων«, Elias Kasselas (2022)]



For most of us, there is only the unattended

Moment, the moment in and out of time,

The distraction fit, lost in a shaft of sunlight,

The wild thyme unseen, or the winter lightning

Or the waterfall, or music heard so deeply

That it is not heard at all, but you are the music

While the music lasts.

[From: T. S. Eliot »Four Quartets: The Dry Salvages« (1941)]




[»Hommage à T. S. Eliot I - IV«, Sofia Gubaidulina (1987)]



Go, said the bird, for the leaves were full of children,

Hidden excitedly, containing laughter.

Go, go, go, said the bird: human kind

Cannot bear very much reality.

Time past and time future

What might have been and what has been

Point to one end, which is always present.

[From: T. S. Eliot »Four Quartets: Burnt Norton« (1935)]



Sonntag, 10. Juli 2022

Z. Z. XXXIII [»Auf Abwegen« von Walter Graf (2020)]

 


[»Hopper's Rest«, Goedart Palm (2022)]




Daß die Erde dir leicht sei, sagt ein Wort; ein schönes Bild, wenn die Erde dir leicht wird wie in einem Laubhaufen, wo sie noch ganz drinnen und doch schon als Verglühtes himmlisch geworden ist, ja, himmlisch ist vielleicht das Wort, das ich suche, das Überspringen und Überkippen von der Schwere des Daseins, vom Apfel und der fetten Erdscholle in diesen Raub der Lüfte, das Spielkind des Winds, der die Weite eröffnet, das Unbetretene, Zukunft. [Paul Nizon »Im Bauch des Wals. Caprichos« (1989)]




Auf Abwegen



In jenem Jahr, als meine Frau im Scherbenviertel untergetaucht war, machte ich nach dem Nachtdienst manchmal noch einen Abstecher dorthin. Da die Tage schon im Frühjahr sommerlich warm wurden, liess ich meine Uniformjacke in der Garderobe des Wachlokals zurück. Um draussen nicht gleich als Zerberus-Mann erkannt zu werden, entfernte ich auch die Achselstücke von meinem Hemd und stopfte mir die Krawatte in die Hosentasche. Von unserer Zentrale bis zur Langstrasse wäre es mit dem Bus nur eine Station gewesen; drum ging ich zu Fuss.

Am Morgen früh waren sogar noch an der Langstrasse die meisten Kneipen geschlossen. Inzwischen wusste ich jedoch, welches Restaurant als erstes geöffnet hatte, und ging geradewegs in den Aargauerhof. Übernächtigt, wie ich war, trank ich abwechslungsweise Bier und Kaffee fertig. Auch von den anderen Gästen, die sich nach und nach einfanden, schien mancher noch gar nicht im Bett gewesen zu sein. In einem von ihnen, der allein an einem runden Tisch sass, erkannte ich Peach Weber, einen Komiker, den ich einmal im TV gesehen hatte. Er hatte einen Haarkranz aus grauen Locken um den kugelförmigen Kopf und eine Schirmmütze obendrauf. Jedes Mal, wenn die Kellnerin an seinem Tisch vorüberkam, machte er einen Witz; es war, als würde er die Gags seines neuen Programms an ihr ausprobieren. Aber ihre Begeisterung hielt sich in Grenzen.

Inzwischen musste auch das Restaurant Strauss geöffnet worden sein, vor dessen Eingangstür soeben die Treppe gekehrt wurde. Hier waren wir, Marian und ich, vor einigen Jahren nach einer durchgezechten Nacht gelandet. Hier fiel man nicht auf, wenn man schon frühmorgens Alkohol trank. Auch jetzt sassen in der Spelunke nur Leute herum, die schon wieder oder noch immer betrunken waren. Ich setzte mich mit dem Rücken ans Fenster, durch welches das Licht der aufgehenden Sonne fiel. Von diesem Platz aus hatte ich die Ecke, in der die Jukebox stand, und einen Teil der Theke im Blick. Ein junges Mädchen, das in Begleitung von zwei Kerlen war, die kaum mehr aus den Augen zu sehen vermochten, hatte eine Münze eingeworfen und ein paar altbekannte Titel gedrückt. So ein junges Mädchen mit langen glatten, aber farblosen Haaren, das enge abgewetzte Jeans und zwei, drei verschiedene Shirts übereinander trug. Als die Musik ertönte, eine rumpelnde Hardrock-Nummer, kam zusehends Leben in seine schlanke Gestalt. Mit geschlossenen Augen tanzend, dehnte die junge Frau ihre Glieder, machte laszive Verrenkungen mit den Hüften und stiess plötzlich einen Schrei aus. Obwohl sie kein Publikum und schon gar keine Konkurrenz hatte, steigerte sie sich allmählich in eine solche Raserei hinein, als müsste sie alle Sängerinnen, die sie jemals gesehen hatte, in den Schatten stellen. „Die ist wohl auf Speed“, meinte der Alte, der sich an meinen Tisch gesetzt hatte, indem er mir zuzwinkerte. Früher, als wir noch Amphetamin genommen hätten, seien wir manchmal auch so abgefahren...

Da die „Räuberhöhle“ noch nicht offen war, ging ich an der Langstrasse durch die Unterführung. In einem der ausrangierten Eisenbahnwagen führte Amanda, die Marian schon als Kind gekannt hatte, neuerdings ein Restaurant. Man konnte einander wie in einem Zug gegenübersitzen und aus dem Fenster schauen. Ich fragte Amanda, als sie mir ein Glas Bier hinstellte, lieber nicht nach meiner Frau; ich konnte mir vorstellen, dass sie nicht gut auf Marian zu sprechen sein würde, wenn diese sich in ihrer jetzigen Verfassung bei ihr hätte blicken lassen. Die Wirtin war bekannt für ihre direkte Art; sie sagte einem alles auf den Kopf zu, was ihr nicht passte. Und dass Marian mit irgendeinem dahergelaufenen Kiffer das Geld durchbrachte, das sie von ihren Eltern und Grosseltern geerbt hatte, passte ihr bestimmt nicht – umso weniger, als sie mit diesen noch befreundet gewesen war. Ich brauchte nur den Blick von den Gleisen, auf denen die leeren Züge verschoben wurden, zu heben, um das Hofbräuhaus zu sehen, in dem ich meine Frau am letzten Wochenende gesucht hatte. Nachdem ich auf Umwegen in Erfahrung gebracht hatte, dass sie dort mit ihrem Macker abgestiegen sei, betrat ich das Gebäude am Ende der Unterführung von der Hofseite aus und stieg die Treppe hinauf; vom zweiten Stockwerk an war es tatsächlich bewohnt. Der Lärm, den man sonnabends von der Bierhalle und vom Biergarten her hörte, wurde in jedem Stock leiser. Ich ging in den Korridoren von Tür zu Tür und las den Namen, der jeweils unter dem Klingelknopf stand; bei den Untermietern schien es sich hauptsächlich um alleinstehende Gastarbeiter zu handeln. Auch in den Mansarden im Dachgeschoss wohnte niemand mit unserem Familiennamen. Möglich, dass sich Marian unter dem Namen ihres Begleiters ein Zimmer genommen hatte. Ich wusste nur den Vornamen von diesem, der allerdings auch auf keinem Namensschild stand.

Mit dem zunehmenden Autoverkehr hatte an der Langstrasse der Werktagsbetrieb eingesetzt, so dass von einem gemütlichen Morgenspaziergang keine Rede mehr sein konnte. Vom Tageslicht geblendet, bog ich fluchtartig in die Seitenstrasse ab, an der die „Räuberhöhle“ lag. Hier hätte zu jeder anderen Tageszeit am ehesten eine Hoffnung bestanden, meine Frau anzutreffen; aber zu dieser Stunde schlief sie gewiss, wo und mit wem auch immer. Hier befand man sich als Alkoholiker unter seinesgleichen. Ich setzte mich wieder mit dem Rücken ans Fenster zur Strasse. Nach einer Weile liess sich der Alte, der mir im Strauss zugezwinkert hatte, an meinem Tisch nieder, zusammen mit seinem Kumpel, der auch zu den Stammgästen der „Räuberhöhle“ gehörte. Ein älterer Mann mit einem gereizten Ausdruck im Gesicht; ich hatte einmal gehört, dass er ein Maler wäre, der seit Jahren eine Schaffenskrise hätte. Die beiden schienen über einen Künstlerball zu reden, der vor vielen Jahren im Limmathaus stattgefunden haben musste. Als der Name Paul Nizon fiel, horchte ich auf; es konnte mich nicht kaltlassen, mit jemandem, der Nizon gekannt hatte, am selben Tisch zu sitzen. So schob ich, es war an der Zeit für mich, nachhause zu gehen, dem Alten neben mir eine Zwanzigernote hin und sagte: „Kannst du für mich bezahlen? Ich muss auf den Bus.“ Und schon war ich aufgestanden, um die Pinte zu verlassen. Der Alte wusste meine diskrete Art, ihm ein Almosen zu geben, wohl zu schätzen; jedenfalls sandte er mir ein listiges Lächeln nach.

Es waren nur ein paar Schritte bis zur Station, an der mein Bus gerade eingetroffen war. Die Stosszeit war bereits vorüber, so dass wenigstens ein Sitzplatz für mich frei war; ich hätte jetzt nicht noch lange stehen mögen. Wie immer, wenn ich morgens getrunken hatte, vermied ich es unter den Leuten, durch den Mund zu atmen. Mir gegenüber sass ein Mann, der ein Kind im Alter von unserer Tochter auf dem Schoss hielt; es hatte runde braune Augen wie sie. Unruhig versuchte es sich den Armen seines Vaters, der es wohl in die Krippe bringen wollte, zu entwinden, indem es sich hin und her warf. Ich konnte nicht umhin, an Klein-Anna zu denken, die seit dem Weggang ihrer Mutter in fremder Obhut war. Wenn unsere Verhältnisse in Ordnung wären, dachte ich, käme es gar nie in Frage, Anna in einer Krippe abzuladen. Ja, wenn...



Montag, 20. Juni 2022

S / W 20 – Andreas Egerts Nachwort zu »Ulise 22« [Edition H. Schroeder (16. 06. 2022)]

 


[»A Mars a Day«, Goedart Palm (2019)]




Nachwort

zu

»Ulise 22«


„Es ist auch herzzerreißend, wenn man eure Dichter, eure Künstler sieht und alle, die den Genius noch achten, die das Schöne lieben und es pflegen. Die Guten! Sie leben in der Welt wie Fremdlinge im eigenen Hause, sie sind so recht wie der Dulder Ulyß, da er in Bettlersgestalt an seiner Türe saß, indes die unverschämten Freier im Saale lärmten und fragten, wer hat uns den Landläufer gebracht?“

Friedrich Hölderlin

Hyperion



In der Gattungsgeschichte des europäischen Romans kann man vielleicht von einer Hochzeit, einem guten Jahrhundert, sprechen, wo Romanciers noch Kathedralen erbauten: die hatte Vorläufer im antiken Epos, in Heldenliedern und Utopien - und im 18. Jahrhundert mit Voltaire, Diderot und Sterne, kulminierte dann aber im 19. Jahrhundert mit Schwerpunkten im Frankreich des Realismus (Balzacs Comédie humaine, Flaubert und Stendhal), in Russland mit Dostojewskij und Tolstoi und ging über den Ästhetizismus mit Wilde (Dorian Gray), Huysmans (Gegen den Strich) und den Sonderfall Nietzsche (Zarathustra) bis zur klassischen Moderne mit Autoren wie Musil, Döblin, Proust, Kafka und nicht zuletzt James Joyce mit seinem Jahrhundertroman Ulysses, der vor genau hundert Jahren zuerst in Paris erschien.

Joyce nimmt wie Hölderlin oben Bezug auf den Mythos des antiken Helden Odysseus in Homers Epos um die abenteuerliche Irrfahrt bei der Heimkehr aus dem Trojanischen Krieg. Als Odysseus in sein altes Leben zurückkehren will, ist nichts mehr wie es war. Der wahrlich moderne Schlüssel bei Odysseus ist dabei, dass er seine Identität aufgeben muss, um sie zu wahren - und so soll es auch im metaphorischen Sinne Bloom und Rohlfs, den Helden aus dem Ulysses und Ulise 22, bei ihren Lebensbewegungen ergehen.

In seinen besseren Zeiten war und ist der (romantische) Roman dabei immer ein Gefäß und eine genresprengende und keine genrebeengende Prosapoesiegattung. Schon die Frühromantiker betonten das und unterfütterten den Roman intellektuell als Universalgattung. So schrieb Hölderlins Zeitgenosse Friedrich Schlegel in seinem Athenäum 1798: „Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennten Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will, und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig, und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen, den Witz poetisieren … Die romantische Dichtart ist noch im Werden, ja das ist ihr eigentliches Wesen, dass sie ewig nur werden, nie vollendet sein kann.“

Das Fragment, der Torso, das Assoziative, das Unvollendete und das Spielerische, gerne auch als Montage gestaltet, machen den Roman zur integrierenden Gattung, die beinahe alle anderen Gattungen prinzipiell zu ihrem Recht kommen lässt, sei es die Lyrik, den Aphorismus, den Essay oder die fiktiven Narrative wie die Novelle, das Märchen oder die Erzählung. Dieser Ästhetik des radikal Fragmentarischen beugt sich auch Ulise 22 von Liana Helas, einem kleinen, feinen Lehrerzimmer-Autorenkollektiv, das in einer Rahmen- und einer Kernhandlung seine mächtig-ohnmächtigen Figuren und Protagonisten zu Wort kommen lässt, die erst wieder mündig werden können, indem sie sich den Verlust der eigenen Mündigkeit eingestehen und doch Stümpfe im Sinne Becketts bleiben müssen.

In der Rahmenhandlung widmet sich der Roman dem diabolisch-kuriosen Schicksal der beiden Vagabunden Robert und Bertram, die seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts durch Opernwelt, Satire, Parodie, Volkstheater und Film (Meyerbeer, Nestroy, Räder, Mack und Walter-Fein) dem Publikum eine bekannte Größe sind. Robert und Bertram bewegen sich als gaukelnde Seiltänzer und gutmütige Landstreicher zwischen Geschäftstüchtigkeit und Schelmentum, Gittern und Gaunereien sowie Ideen und Idiotien, sie foppen ihre Zeitgenossen und schnorren sich mehr schlecht als recht durchs Leben. So beginnt der Roman im ersten Teil um Robert und Bertram mit einer fabelhaften Kaffeeschmuggelparabel:


Mein Vater wurde nicht müde die Geschichte vom Kaffeeschmuggel zu erzählen. Ein altes Mütterchen schmuggelte ihr halbes Pfündlein Kaffee in der Eisenbahn und packte es vor den Augen eines Mitreisenden noch einmal zurecht, sich darin ergehend, der Zoll möge es doch hoffentlich nicht entdecken. Der Zollbeamte, kaum, dass er das Abteil betreten und die obligatorische Frage gestellt hatte, die üblichen Lügen überhörend, brachte den zu erwartenden Einwand hervor, es röche aber eindeutig nach Kaffee, und was er davon halten solle. Der Mitreisende des alten Mütterchens wartete nicht eine Sekunde und im Ton des braven Bürgers, der einen Schwindel nicht durchgehen lassen will und darum dem Herrn Oberzollinspektor beispringt, sprach er: „Da schauen Sie nur im Koffer der Dame nach, sie hat Kaffee darin versteckt!“ Ob das stimme, wollte der Beamte wissen, und sie solle nur gefälligst den Koffer herabholen und unverzüglich öffnen, was die alte Frau unter vielem Ächzen und Jammern tat. Der Beamte konfiszierte sogleich das halbe Pfund Kaffee, wozu er seinen Gehilfen rief, der für den Abtransport der Asservaten zuständig war. Man konnte sich denken, wie über derlei Konfiskationen Buch geführt wurde und sah förmlich den Kaffee im Hause der Herren Zolleinnehmer dampfen. Kaum hatten die Uniformierten das Abteil verlassen, erhob das Mütterlein von Neuem sein Klagen und schimpfte, was für ein gemeiner Kerl ihr Mitreisender doch sei! Der indessen stand mit jovialem Lächeln auf: „Verehrtes Mütterchen“, sprach er, langte nun seinerseits nach dem Koffer, der über seinem Platz in der Ablage ruhte, ließ die Schlösser aufschnappen und indem er einen Schal und sonst noch ein dünnes Kleidungsstück zur Seite schob, der Frau traten die Augen vor den Kopf, kamen etliche Päckchen Kaffee zum Vorschein. „Was der Zöllner beim Betreten des Abteils gerochen hat, war natürlich nicht Ihr eines Päckchen“, wie der Frau nun auch klar wurde, die vor Staunen eine Hand mit gespreizten Fingern vor den Mund hielt, der ihr weit offenstand. Nun überreichte der Mitreisende ihr zwei seiner Pakete mit einer Verbeugung, wie es sich gehörte, die Frau aber kam mit einer solchen Unverfrorenheit nicht zurecht, denn insgeheim fand sie schon, dass man den Zoll nicht derart betrügen durfte, wie es der Reisende tat, weshalb trotz des versöhnlichen Ausgangs auf der weiteren Fahrt kein rechtes Gespräch aufkommen wollte. Denn darin sind ja die Leute sich einig, dass nämlich gelogen werden musste, aber Lüge war nicht Lüge, und davon, dass die Zöllner ihrerseits von den beschlagnahmten Waren einiges abzweigten, damit konnte man einer Frau wie ihr nicht kommen. Jawohl, es musste geschmuggelt werden in schlechten Zeiten wie den ihren, und die Staatsmacht war allzu genau, was man zu Recht beklagte. Aber Recht und Ordnung mussten darum doch sein, und dass ein Mann eine alte Frau verriet, war trotzdem schlimm, noch dazu, wenn er selber offenbar wohlhabend war. Nein, Staatsdiener würden keinen Vorteil aus ihrem Amt ziehen, jedenfalls nicht in Deutschland!


In metaphorischer Entsprechung zu diesem Rahmen entwickelt sich die Kernerzählung, die episodisch und multiperspektivisch, die Lebensreise des Protagonisten Rohlfs Bild an Bild pixelt, darstellt und montiert - und dabei geht es immer wieder generationenübergreifend auch um die Schicksale des Vaters und des Großvaters, die den Helden zu dem gemacht haben, was er zu sein scheint im Lichte und im Schatten seines Stammbaums. Rohlfs erweist sich dabei als moderner Antiheld, der sich nirgendwo zuhause fühlt, schon gar nicht im widersprüchlichen Deutschland seit dem Krieg, das sich zwischen Verdrängung des Nationalsozialismus und allgegenwärtig gewordenem Wirtschaftswunder in eine Enge laviert, die nach Kaugummi und Kitsch schmeckt, nach billiger Reklame und Benzin. Und Rohlfs erlebt, wie ihn die Wunden und Neurosen seiner Vorfahren bestimmen und im Griff behalten, sein Großvater, der als Lehrer im Dritten Reich seine hehren Ideale verraten musste und sein Vater, der als Zivilangestellter bei den U.S.-Streitkräften nach der iranischen Revolution in Ungnade fiel. Ein Beispiel für den assoziativen und multiperspektivischen Ansatz ist auch das launige Spiel mit der Zahl 250.000:


„Es mussten nahezu eine Viertelmillion Zigaretten gewesen sein, die er über eine Zeitspanne von dreißig Jahren inhaliert hatte, bevor er sich dem Gesundheitsdiktum seiner Epoche unterwarf und beim morgendlichen Frühsport das Nervengift aus seinem Körper zu verbannen versuchte. Eine Viertelmillion hatte Rohlfs für das Haus bezahlt, in dem er gehofft hatte ein sorgloses und unbeschwertes Leben mit seiner Familie führen zu können. Eine Viertelmillion Menschen im nördlichen Gazastreifen waren von Israel vermittels Flugblättern und Telefonanrufen, aufgerufen worden ihre Häuser zu verlassen.

Ahava, V'rachamim, chesed V'shalom. Bei der Hungersnot in Somalia starben zwischen Oktober 2010 und April 2012 mehr als eine Viertelmillion Menschen. Ahava, V'rachamim, chesed V'shalom. Das Mercedes S 65 AMG Coupé startet mit einem Preis von rund einer Viertelmillion Euro. Im Innenraum warten gestepptes Nappaleder sowie elektrisch verstellbare Sportsitze auf den zahlungsfähigen Kunden. Einer Hochrechnung zufolge sterben jährlich eine Viertelmillion Fledermäuse in den Rotoren der Windenergieanlagen des Wirtschaftsstandortes. Jedes Jahr erleiden darüber hinaus etwa eine Viertelmillion Deutsche einen Schlaganfall. Ahava, V'rachamim, chesed V'shalom.“ (aus dem Kapitel 5.17 Star)


Rohlfs seinerseits wird zum haltlosen und heimatlosen Vagabunden, der dem Fluch und Glück des Denkens und Relativierens nicht entkommt und der Zuflucht im Studium und im Reisen sucht, aber nicht finden kann. Der Traum vom besseren Leben kann, wie Constance als Freundin weiß, auf den Irrungen des Lebensweges, der Lebensreise, nicht erfüllt werden, löst er auch noch so große Motivationen und Anstrengungen aus, die condition humaine ist eine fragile, gar verlorene Angelegenheit, im Westen sowieso, aber auch im verklärten Osten. Wenn Georg Lukács in seiner Theorie des Romans von der transzendentalen Obdachlosigkeit des modernen Antihelden schreibt, dann macht Rohlfs in dieser Rolle eine bella figura, die unverdrossen einen Ausweg aus ihrer Misere sucht.

Rohlfs geht dabei den umgekehrten Weg – anders als unzählige andere Helden sucht er sein Glück nicht im Westen, sondern als Arbeitsmigrant im Osten, wo er als Wohlstandsflüchtling weg von der gediegenen Saturiertheit über Rumänien nach Baikonur in Kasachstan gelangt. An der Endstation, dem Weltraumbahnhof in Baikonur, sitzt man am Lagerfeuer, löffelt aus einem rußgeschwärzten Titantopf Erbsensuppe und sucht mit dem Steppenvolk nach Trümmern aus dem Weltall, das von einigen Superreichen touristisch vermarktet wird.

Ulise 22 ist eine subversive Irrfahrt durch die Überfülle und Hölle des 20. Jahrhunderts mit seinem 2. Dreißigjährigen Krieg und den Traumata nach diesem Krieg und der klassischen Moderne, die im mangelhaften 21. Jahrhundert ausläuft, und die der vornamenlose Antiheld Rohlfs unternimmt; er wird zum flüchtenden Nomaden, um heimkommen, bei sich ankommen zu können. Dabei lernt der Leser Cioran auf Rumänisch kennen, die verschiedensten Tankstellenketten in den Kapitelüberschriften und am Ende auch arabische Schriftzeichen: ein Buch von mehreren Sprachen mit dem seltenen Panoramablick von unten auf eine verlorene Gesellschaft. Und ein abenteuerlicher Roman, der den Leser in der Kunst des Lesens herausfordert und der seinen Spannungsbogen aus den inszenierten Fragmenten, den inhaltlichen und formalen Widersprüchen und den pointierten Humoresken gewinnt und der sich zu einem neoromantischen Mosaik aus verschiedenen Brüchen und Teilen zusammenfügt. Wenn man so will, schließt Ulise 22 mit seinem Personal und seinen Totalen im Fragment und seinen Rückblenden unmittelbar an die letzten 100 Jahre nach Veröffentlichung des Jahrhundertromans Ulysses von James Joyce, der an einem Tag, dem Bloomsday vom 16.06.1904 spielt, an und beschließt diesen Zeitraum mit dem runden Blick auf die drei Generationen von Rohlfs, seinem Vater und seinem Großvater, die allesamt aus der Zeit fallen.

Rohlfs kehrt den leeren Versprechungen des Westens mit seinem wütenden Konsumversprechen, seinem Lärm, seiner Bürokratie und seiner entmenschlichten Zivilisation den Rücken und erhofft sich im wilderen Osten Mitmenschlichkeit und Würde – der Osten wird zum linear bereisten Sehnsuchtsort für den aus der Zeit gefallenen Helden –, und in zarten Beziehungen unterhalb der korrumpierten Gesellschaft in Rumänien beispielsweise wird Rohlfs seine neoromantische Sehnsucht immerhin am Leben halten können, die Hoffnung ist abseits von ausgetretenen Pfaden noch eine Möglichkeit, wenigstens als Illusion, ein Ideenparadies, das er nicht aufgeben will. ECCE HOMO möchte man Rohlfs verzweifelt hoffend hinterherrufen - oder mit Elias Canetti, der sich zeitlebens mit dem Tod angelegt hatte: „Die Übertreibung retten. Nicht vernünftig sterben.“


Donnerstag, 9. Juni 2022

S / W 19 - »Ulise 22« [Edition H. Schroeder (16. 06. 2022)]

 


Liana Helas, »Ulise 22« (Bloomsday 2022)






[ISBN-13: 978-3981826296]



Weil er lieber mit einem flotten Spruch auf den Lippen verschmitzt Trübsal heuchelt, vom All gekränkt, die Weisheit tiefer gelegt, den Weltschmerz am eigenen Körper buchstäblich er-fährt, gibt Rohlfs, der Protagonist von Ulise 22, vom Asen-Traum bis zum Kasachenraum Gas. Weil er immer schon wusste, dass es überall – irgendwo – besser ist als hier.

Mit dem zum Bloomsday vorgelegten Roman Ulise 22 stemmt sich Liana Helas, wie seinerzeit James Joyce in seinem Ulysses, gegen eine Metaphysik der Werkkonstruktion, die auch sonst in der Ästhetik perpetuiert wurde und mechanisch die linear-hierarchische Dekonstruierbarkeit des Schönen fordert.

Bei der Lektüre von Ulise 22 wird die Metamorphose vom Text zum Leseerlebnis nach aristotelischer Maxime allein nicht gelingen. „Das, was aus Bestandteilen so zusammengesetzt ist, dass es ein einheitliches Ganzes bildet – nicht nach Art eines Haufens, sondern wie eine Silbe –, das ist offenbar mehr als bloß die Summe seiner Bestandteile. Eine Silbe ist nicht die Summe ihrer Laute: ba ist nicht dasselbe wie b plus a, und Fleisch ist nicht dasselbe wie Feuer plus Erde.“

Denn: „Alle Schöpfung ist Werk der Natur. Von Jupiters Throne // Zuckt der allmächtige Strahl, nährt und erschüttert die Welt", schreibt Goethe uns ins Stammbuch.

In Ulise 22 durchbricht Liana Helas evolutorisch konsequent die Leitplanken, die Joyce im Ulysses noch im Zeit-, Raum- und Protagonisten-Dreieck erzählen ließ; Dublin, Blooms Day.

Liana Helas komponiert Ulise 22 in einer Arena mit weiteren Dimensionen und arrangiert den Werkstoff in sinnlich erweiterten Rezeptionsbereichen.

„Die Ausschöpfung des wahren Sinnes aber, der in einem Text oder einer künstlerischen Schöpfung gelegen ist, kommt nicht irgendwo zum Abschluß, sondern ist in Wahrheit ein unendlicher Prozeß", lässt uns Hans-Georg Gadamer in „Wahrheit und Methode“ wissen.

Darum pendelt Rohlfs, vom Abendstern gefallen und von Luzifer getrieben, gezeitenbewegt durch Raum und Zeit. Er läuft und läuft und den Geist aus der Flasche trinkt er und er trinkt gerne vom Tode – solange er nur mimen kann: Peste-a nopţii feerie | Totu-i vis şi armonie. | Se ridică mândra lună – | Noapte bună!

Ulise 22 – Ein Werk, durchdrungen von Werken.

Hören Sie aus The Gas Station (Variationen) 5. 17 Star:

"Dintre sute de catarge care lasă malurile, Câte oare le vor sparge vânturile, valurile?"

Er wolle sich dem Rauschen des Meeres hingeben, sagte Emilian. Nichts beruhige ihn mehr als der Rausch des Weines am Meer. Nicht allzu weit entfernt von Merzhanovo beschloss man schließlich an einem verlassenen Küstenabschnitt das Lager für die Nacht zu richten.


[Val Sidal, Autor von »Zeit. E - Voicings« (2013) und »Lunatikoa. Wirklichkeitsquotient« (2007 / 2019)]