Donnerstag, 9. Juni 2022

S / W 19 - »Ulise 22« [Edition H. Schroeder (16. 06. 2022)]

 


Liana Helas, »Ulise 22« (Bloomsday 2022)






[ISBN-13: 978-3981826296]



Weil er lieber mit einem flotten Spruch auf den Lippen verschmitzt Trübsal heuchelt, vom All gekränkt, die Weisheit tiefer gelegt, den Weltschmerz am eigenen Körper buchstäblich er-fährt, gibt Rohlfs, der Protagonist von Ulise 22, vom Asen-Traum bis zum Kasachenraum Gas. Weil er immer schon wusste, dass es überall – irgendwo – besser ist als hier.

Mit dem zum Bloomsday vorgelegten Roman Ulise 22 stemmt sich Liana Helas, wie seinerzeit James Joyce in seinem Ulysses, gegen eine Metaphysik der Werkkonstruktion, die auch sonst in der Ästhetik perpetuiert wurde und mechanisch die linear-hierarchische Dekonstruierbarkeit des Schönen fordert.

Bei der Lektüre von Ulise 22 wird die Metamorphose vom Text zum Leseerlebnis nach aristotelischer Maxime allein nicht gelingen. „Das, was aus Bestandteilen so zusammengesetzt ist, dass es ein einheitliches Ganzes bildet – nicht nach Art eines Haufens, sondern wie eine Silbe –, das ist offenbar mehr als bloß die Summe seiner Bestandteile. Eine Silbe ist nicht die Summe ihrer Laute: ba ist nicht dasselbe wie b plus a, und Fleisch ist nicht dasselbe wie Feuer plus Erde.“

Denn: „Alle Schöpfung ist Werk der Natur. Von Jupiters Throne // Zuckt der allmächtige Strahl, nährt und erschüttert die Welt", schreibt Goethe uns ins Stammbuch.

In Ulise 22 durchbricht Liana Helas evolutorisch konsequent die Leitplanken, die Joyce im Ulysses noch im Zeit-, Raum- und Protagonisten-Dreieck erzählen ließ; Dublin, Blooms Day.

Liana Helas komponiert Ulise 22 in einer Arena mit weiteren Dimensionen und arrangiert den Werkstoff in sinnlich erweiterten Rezeptionsbereichen.

„Die Ausschöpfung des wahren Sinnes aber, der in einem Text oder einer künstlerischen Schöpfung gelegen ist, kommt nicht irgendwo zum Abschluß, sondern ist in Wahrheit ein unendlicher Prozeß", lässt uns Hans-Georg Gadamer in „Wahrheit und Methode“ wissen.

Darum pendelt Rohlfs, vom Abendstern gefallen und von Luzifer getrieben, gezeitenbewegt durch Raum und Zeit. Er läuft und läuft und den Geist aus der Flasche trinkt er und er trinkt gerne vom Tode – solange er nur mimen kann: Peste-a nopţii feerie | Totu-i vis şi armonie. | Se ridică mândra lună – | Noapte bună!

Ulise 22 – Ein Werk, durchdrungen von Werken.

Hören Sie aus The Gas Station (Variationen) 5. 17 Star:

"Dintre sute de catarge care lasă malurile, Câte oare le vor sparge vânturile, valurile?"

Er wolle sich dem Rauschen des Meeres hingeben, sagte Emilian. Nichts beruhige ihn mehr als der Rausch des Weines am Meer. Nicht allzu weit entfernt von Merzhanovo beschloss man schließlich an einem verlassenen Küstenabschnitt das Lager für die Nacht zu richten.


[Val Sidal, Autor von »Zeit. E - Voicings« (2013) und »Lunatikoa. Wirklichkeitsquotient« (2007 / 2019)]


Freitag, 20. Mai 2022

Z. Z. XXXII [»Interview« aus Val Sidals »Zeit. E - Voicings« (2013)]

 


[»Beauty in Decay V«, Lorena Kirk-Giannoulis (2022)]




The truth is whatever people will believe is the truth. Don't you know history? 

[Joseph Heller »God Knows« (1984)]




[»Human Body«, Lorena Kirk-Giannoulis (2022)]




The last thing any sensible human being should want is immortality. As it is, life lasts too long for most of us.

 [Joseph Heller »God Knows« (1984)]





Interview



 

„Herzlichen Glückwunsch, Val Sidal! Sie haben heute den Literaturnobelpreis des Jahres 2222 verliehen bekommen – eine Schnapszahl …“

„Wie es sich gehört …“

„Und – wie fühlt es sich an? Sind Sie stolz?“

„Wie Oskar!“

„Wie … Wer?!

„Wie Oskar …“

„Wer ist dieser Oskar?“

„Na ja, vor zweihundert Jahren, zur Zeit meines ersten Rooters …“

„Cisco?“

„Idiot! Ich weiß, dass noch gestritten wird, ob Rooter, Hardware, Software oder Mensch meint – ich meine den Menschen …“

„Okay, der hieß also Oskar …“

„Unterbrechen Sie mich nicht dauernd! Selbstverständlich hieß er nicht Oskar! Oder vielleicht doch – die Ahnenforschung läuft noch.“

„Nichts für ungut! Sie fühlen sich also, wie der, den die Ahnenforschung irgendwann ausgemacht haben wird …“

„Ich werde Sie schlagen, wenn Sie so weitermachen! Oskar hieß damals eine kleine, goldene Puppe, die in Hollywood an Stars verliehen wurde …“

„Sie meinen Barbie …“

„Eine männliche Puppe …“

„Ken …?“

„Oskar! Die Mythologie erzählt von dem komischen Gefühl, das der kleine Kerl bekam, wenn er bei der Verleihung da unten angefasst wurde …“

„Verstehe ... Aber ich habe Sie da unten nicht angefasst!“

„Unterstehen Sie sich!“

„Val Sidal, Milliarden von Menschen schauen uns zu …“

„Das tut mir leid, ich war nie ein Quotenkönig …“

„Wieviele Rooter – ich meine Menschen arbeiten heute für Sie?“

„Acht Millionen arbeitslose Germanisten, zwanzig Millionen Investmentbanker, zwei Schweizer Steuerberater und ein Ungar.“

„Ein Ungar …?“

„Ja, der andere war dauernd besoffen …“

„Was der Steuerberater macht, kann ich mir vorstellen – aber der Ungar?“

„Ich brauchte jemanden für Selbstmitleid, Minderwertigkeitskomplexe und Selbstmordgedanken …“

„Schön, jetzt sind Sie als Schriftsteller in die Ewigkeit eingegangen …“

„Werden Sie nicht ausfallend! Jedem Idioten, der irgendwann zwei Zeichen im Internet gekritzelt hat, wird die Ewigkeit zuteil.“

„Sogar mir …?“

„Jetzt überspannen Sie aber den Bogen! Ihnen? Als Journalist?“

„Schon gut – lassen Sie uns zurückblicken. Wie hat Ihr erster Rooter angefangen?“

„Mit einem Missverständnis …“

„Miss…“

„Irgendwann klappte es mit dem Schreiben nicht mehr so richtig. Bei einer Gelegenheit erwähnte er seiner Tochter gegenüber, dass er damit zunehmend Mühe hätte. Sie empfahl ihm die Leselupe. Daraufhin besorgte er sich eine Sehhilfe, eine billige Lupe und begann mit winzigen Buchstaben auf die Linse zu schreiben. So entstanden seine Kurzsichtigkeit und die ersten Kurzgeschichten.“

„Ha, ha – Kurzgeschichten! Ich verstehe …“

„Zyniker!“

„Entschuldigung – lassen Sie uns über den Preis sprechen. Welches Ihrer Werke wurde in der Laudatio besonders hervorgehoben?“

„Dieses Interview …“

„Aha …“

 

„Da staunen Sie, nicht wahr? Auf diesem Umweg gehen Sie auch in die Wahlhalle der Literatur ein …“

„Das Interview ist aber noch gar nicht …“

„Eben …“

„Verstehe ich nicht …“

„Als mein erster Rooter vor zweihundert Jahren als Schriftsteller endgültig gescheitert sein wird, wird er Physik studiert haben und, nach etlichen Fehlversuchen, eine Zeitmaschine entwickelt haben, die er mir in die Zukunft geschickt haben wird. Und ich werde es verhindert haben, dass er jemals etwas geschrieben haben wird.“

„Dann wird dieses Interview gar nicht …?“

„Freuen Sie sich nicht zu früh!“

 

Dienstag, 10. Mai 2022

Z. Z. XXXI [»Krebsen« aus Val Sidals »Zeit. E - Voicings« (2013)]

 


[»Caught in the Eternal Cycle of Life and Death«, Lorena Kirk-Giannoulis (2022)]





Life is pleasant. Death is peaceful. It's the transition that's troublesome.

[Isaac Asimov]




Krebsen



Man unterstellt mir Boshaftigkeit, Hinterhältigkeit. Unwissende halten mich für ungerecht. Greise für gnädig. Eltern für grausam und Kinder für gemein. Nichts davon ist richtig – und doch alles wahr. Seit der Zusammenführung aller Intensivstationen der Region ist meine Arbeit stressiger geworden. So erlaube ich mir dann und wann eine Auszeit auf dem „Hügel“ – wie man die Krebsklinik nennt. Am Botanischen Garten. Tolle Aussicht, sogar im November. Beste Gegend. Nicht nur vom Preis her. Auch das menschliche Material – sozusagen. Hier erhole ich mich aber nur. Habe nichts zu verrichten – Freizeit.

In der Onkologie wird schon lange nicht mehr gestorben. Das letzte Mal vor zwei Jahren, ein Chirurg. Herzinfarkt.

Der gewöhnliche Krebstod wurde ausgegliedert. Die meisten Patienten gehen austherapiert nach Hause. Oder in ein Hospiz. Sieht besser aus und ist wirtschaftlicher.

Hier denken alle positiv. Ich beobachte sie in aller Ruhe. Hier wissen alle von meiner Anwesenheit. Manche können mich sehen. Einige können mir in die Augen schauen und die einfache Wahrheit ertragen, die ich ihnen eröffne: Es geht nur darum, welches Datum in der Todesanzeige stehen wird. Es ist wie eine Terminvereinbarung: Nächste Woche? In fünf Jahren? In dreißig Jahren? Hier versteht jeder die Bedeutung, das Gewicht der Entscheidung. Keine Spielchen mehr. Dies ist kein Ort für leichtfertige Zusagen, leere Versprechen. Wer hier liegt, überlegt sich genau, was er will.

Wie Nicks Frau, die nach ihrem zweiten Rezidiv gleich aus dem Morphium-Schlummern aufwachen wird. Sie war auch vor fünf Jahren, bevor der Tumor entdeckt wurde, ein zierliches aber starkes Persönchen. Sie wird mich sehen und erkennen. Ich freue mich schon auf das Gespräch.

 

Krebs ist keine Krankheit. Im Gegenteil. Nicks Frau versucht verzweifelt, wenigstens in Teilen erhalten zu bleiben: ein Überlebenskampf auf Zellebene. Wenn das Ganze schon verloren geht. Wenn die Organe ersticken. Um seine Haut zu retten, vereinfacht sich der Körper energiesparend. Eine clevere Strategie. Ich muss es mir jedes Mal ansehen und bin bereit, meinen Job zu tun.

Bei Nicks Frau sind es die Zellen ihres linken Eierstocks. Halt! –, sie öffnet langsam die Augen. Benommen und geschwächt, braucht sie einige Minuten, bis sie begreift, was los ist. So viel Zeit muss sein – sie soll bei Sinnen sein, wenn wir die ernsten Dinge besprechen, die sie schon lange nicht mehr auf dem Schirm hat, obwohl sie von ihnen erwürgt wird.

Menschen verwechseln Verdrängen mit Vergessen. Wenn man vergisst, spart man Energie – die Sache kommt unter Verschluss. Es kostet was, sie wieder hervor zu holen; also lässt man es sein. Feng Shui für die Seele. Gesund.

Verdrängen ist wie Angst und Schmerz in Schubladen verstecken, die getarnt gedrückt werden müssen, damit der ganze Dreck nicht herausströmt und einen normalen Alltag unmöglich macht. Viel Einsatz, um die Lügen, die nötigen Trugbilder aufrecht zu halten.

Es kostet Kraft, die unsichtbare Hand zu lösen, die über Jahre und Jahrzehnte die Schubladen des Unbewussten geschlossen hält. Krank.

Wehe, die Hand ermüdet. Oder bricht.

 

Mit Nicks Frau wird es nicht einfach werden. Zu viele Schubladen. Wir werden weit zurückgehen und tief bohren müssen, denn bei ihr beginnt das Krebsleben schon bevor sie entbunden wird.

Im Alkohol- und Nikotinbauch ihrer Mutter. Beim dilettantischen Versuch, den unerwünschten, gehassten Wurm in ihrem Bauch abzutreiben.

 

Ich beuge mich über sie: „Plötzlich sind sie alle richtig lieb – nicht wahr?“, flüstere ich ihr ins Ohr.

Panisch reibt sie sich die Augen. So reagieren sie manchmal, wenn sie mich sehen. Aber es ist ein gutes Zeichen: ein Lebenszeichen. 

„Das ist keine Liebe! Er hat nur Schiss! Es dämmert ihm langsam: wenn du weg bist, dann muss er die Verantwortung für die Kinder tragen. Kann sich nicht mehr einfach aufs Motorrad schwingen und mit den Kumpels ins weiberfreie Lager verpissen. Saufen. Zocken. Ficken. An Wochenenden. Manchmal auch sonst.“ Ich muss schnell auf den Punkt kommen – Diplomatie liegt mir nicht.

Ihre Empörung gefällt mir: Ihr vergilbter Teint – durch die Lebermetastasen verursacht – erfährt eine winzige Rotverschiebung. Sie spürt die Härte der Worte und kämpft gegen ihre Wahrheit. Kämpft!

 

Nick, die Kinder, die sie so liebevoll belagern, wollen ihre Wünsche jetzt aus kleinsten Regungen lesen: möchtest du ein Eis, Mama, oder soll ich dir ein Buch, eine Zeitung bringen? Entscheide! Jetzt!

Mutter hat Kohlrouladen geschickt. Sie sind ihr besonders gut gelungen, mit viel Liebe zubereitet. Extra für dich. Weil du sie so gerne hast. Möchtest du jetzt essen? Oder lieber später? Sind sie warm genug? Ich kann sie in der Küche aufwärmen lassen – soll ich? Oder möchtest du doch lieber später essen? Jetzt vielleicht einen Joghurt? Oder lieber nur Obst? Ich habe auch frische Datteln mitgebracht. Vom Türken. Sollen sehr gesund sein. Möchtest du?

Oder doch lieber was Richtiges? Entscheide! Jetzt!

Jetzt, da ihre Energie kaum noch zum Atmen reicht, und sie befürchten muss, dass es jetzt so weit sein könnte. Dass es vielleicht diesmal nicht mehr gut ausgehen wird. Jetzt erstickt sie in Aufmerksamkeit und Zuwendung.

Es ist keine Zärtlichkeit, keine liebevolle Berührung. Panisches Grapschen, aggressives Schnappen – Festhalten, damit sie bleibt. Egoistisches Zerren und Zupfen. Klammern, damit sie bleibt, solange sie gebraucht wird. Für Liebe und Sex schon lange nicht mehr. Für das Management und Betrieb im Haus und Garten.

Eine sehr nette, harmonische Familie, würde jeder sagen, der sie kennt.

 

„Halt' dir die Kinder vom Leib – das ist keine Liebe!

 

Es ist nur schlechtes Gewissen: hätten wir der Mama vielleicht doch im Haushalt helfen, ihr vielleicht manchen Kummer ersparen sollen, vielleicht Mal die U-Bahn genommen, statt Jahre lang, manchmal drei Mal am Tag, die Taxi-Fahrerin Mama bemüht – auch um drei Uhr nachts; mal Oma sagen sollen, dass sie Mama in Ruhe lassen und nicht dauernd kontrollieren solle; dass Mama, keine Versagerin sei, die nichts zustande bringt.

Dass sie nicht von Omas Geld, in Omas Haus lebte, sondern eine liebe Mama sei. Dass Mama sehr wohl kochen könnte, wenn sie nur dürfte.“

 

Sie versucht mich anzuschreien, zu widersprechen – schafft es aber nicht. Zu schwach. Aber es liegt nicht am Kraftmangel. Ich erkenne es am Glanz ihrer Augen:

„Wie heißt du?“, sie schaut mich dabei milde an und kratzt sich wund. Wenn jeder Quadratzentimeter Haut juckt, ist das die Hölle. Es sind die Gifte – innerlich und äußerlich.

 

Eine bildhübsche Krankenschwester kommt herein, um die Infusion zu prüfen. Adrett, seitdem das Klinikum eine GmbH ist, lächelt sie freundlich:

„Nicht weinen“, sagt sie warm und berührt sanft die Schulter der Patientin „das wird schon!“ –, sie spürt, dass ich da bin, verdrängt es aber.

Nicks Frau nickt, wischt sich die Tränen, und schüttelt den Kopf, als die Schwester beim Hinausgehen fragt, ob sie noch einen Wunsch hätte.

„In L.A. nennt man mich Joe Black“, antworte ich, „Der Schwarze Sepp, und du hast den Schwarzen Peter ...“, ich lache über mein Wortspiel.

Ihre Tränen zeigen: sie lässt die Wahrheit zu, vor der sie sich immer verkrochen hatte. Geflüchtet in geschäftiges Machen-und-Tun und Lächeln dazu und in Pilcher-Filme, in Volksmusik und in Schönfärberei. Und leugnen, lügen und heucheln, bis es nicht mehr nötig war, weil es von selbst geschah. Eine zweite Natur wurde – und eine Krankheit.

Eine Bedingung für ein Krebsleben. Nicht der Grund.

 

Das Abheben in Traumwünsche, für deren unerreichbar gleichen Abstand, sie, die Umstände und ihre Lieben gesorgt haben – unbewusst, aber tatkräftig – bis sie irgendwann zum Traum-vom-Traum mutierten, um später noch wie Floskeln geplappert zu werden, und heute nur noch die verblasste Erinnerung von etwas zu sein, was einmal ein Wunschtraum, vielleicht sogar Wirklichkeit hätte sein können. Es war komfortabel – bösartig bequem. Was es aber genau war ...

„Ihr seid alle krank, führt ein asymmetrisches Leben: Sie sind Räuber! Nehmen ohne zurückzugeben! Natürlich aus freien Stücken. Aus FREIEN! Dass ich nicht lache! Das ist die größte Verarschung. Böses Kind! Du hast den schlimmsten Verrat begangen: dein Selbst verraten. Ja – heule nur!“

Sie wird durch die wuchtigen, krampfartigen Erschütterungen ihres ausgemergelten Körpers im Bett hin- und hergeworfen. Nicks Frau wiegt fast nichts mehr. Ich jedenfalls bin bei ihr und bereit.

„Du bist der Tod! Hier bin ich! Halte dein Versprechen und hole mich! Erlöse mich! Aber quäl' mich nicht!“, brüllt sie.

Ich muss innerlich lachen.

Bei Krebs muss auch der Tod paradox denken: der Patient meint oft das Gegenteil von dem, was er sagt.

„Ich quäle dich nicht. Die Erkenntnis deiner Wahrheit quält dich. Das Fühlen der Wahrheit.

Wenn es gut geht, dann wirst du sogar wütend sein. Glaub' es mir: Ich kann dich nicht täuschen – der Tod lügt nie.“

Sie hat schon lange nicht mehr aus vollem Herzen geweint: ihr Kinn verkrampft sich. Die Kraft der stärksten Muskeln, die ein Mensch besitzt, packt gnadenlos zu. Ihre Zunge blockiert. Sie würgt – übergeben kann sie sich aber nicht. Es ist süß, wie ihre dünnen Ärmchen in die Luft schlagen, wie ein Boxer ohne Gegner, bekämpft sie ihr eigenes Schattendasein.

Ich habe sie richtig eingeschätzt: sie kämpft. Aber sie wird Zeit brauchen, bis sie sich davon erholt. Bis sie ihre Wahrheit ertragen kann.

 

„Hallo!“, begrüßt mich Nicks Frau, jetzt, sechs Monate später, bei ihrer letzten Chemo: „Komm herein! Ich erkenne dich wieder!“ Sie lächelt.

„Oh ja, die Therapie greift ...“, ich beobachte einige kleine Veränderungen an ihr.

„Bin dir wieder einmal von der Schippe gesprungen!“, strahlt sie.

Es ist nicht nur so dahingesagt. Ich merke es natürlich sofort. Wer, wenn nicht ich.

„Warst du oft beim Pferd?“, ich sauge ihre Antwort auf: Sie nickt.

„Du hattest Recht. Mit allem, was du über Nick und den Kindern gesagt hattest. Ich habe es verstanden. Ich denke wieder positiv. Ich werde leben!!

„Werde leben – wenn ich das schon höre! Du hast nichts begriffen! Du lebst jetzt, und wirst sterben!“

„Doch! Ich werde alles verändern.“

„Langweile mich nicht mit diesem Positiv-Denken-Gequatsche! Die Friedhöfe sind voll von Positiv-Denkern – ich habe sie alle dahin bringen müssen. Und Nick …“

„Oh, das ist jetzt alles anders. Wir haben viel miteinander gesprochen und sind uns dabei sehr nahegekommen. So gut war unser Verhältnis noch nie. Offen. Vertrauensvoll. Klar – es wird nicht mehr die große Liebe sein. Aber wir werden echte Partner. Keine Lügen, kein Heucheln mehr.“

„Und die Kinder? Haben sie sich auch geändert?“

„Sie brauchen noch ihre Mutter – das ist doch normal. Ich werde es ihnen schonend beibringen, wenn sie so weit sind. Wichtig ist sowieso, dass ich es kapiert habe. Dass ich mein Leben ändern muss! Ändern werde!“

„Du täuschst dich – es ist immer noch deine alte Masche. Du glaubst verstanden zu haben, du denkst, du wirst es schon richten, du wirst …! Du, du und wieder du! Eigentlich warst du immer schon ein Kontrollfreak! Aber ein Blatt kann den kranken Baum nicht heilen.“

„Ich lasse mich von dir nicht entmutigen – nicht jetzt! Du kriegst mich nicht! Nicht bevor meine Zeit, meine mir von Gott gegebene Zeit gekommen ist!“

„Ich muss lachen!“, ich muss wirklich lachen, wenn meine Kandidaten mit Gott kommen: „Lass bitte Gott aus dem Spiel! Das hier ist eine Sache zwischen uns – zwischen dir und mir.“

 

Sie weint.

Nicht mehr so gequält.

Das ist gut.

 

„Die Blätter müssen im Herbst vom Baum fallen, damit sie in einem neuen Frühling wieder knospen können. Der Stamm muss – von seiner Last befreit – sich erholen können. Die Wurzeln müssen genesen. Nick, die Kinder – sie sind nur Blätter einer Kriechpflanze auf deinem darbenden Stamm. Parasiten. Und die Wurzeln ... Erkenne es: Du gehörst immer noch mir!“

„Das verstehe ich nicht. Seit wann bemüht der Tod Bilder, die kein Mensch versteht?“

„Nick und die Kinder – sind nicht der Grund!“

„Was bitte schön ist der Grund? Raus mit der Sprache!“

Sie gefällt mir. Ihre Kraft, ihre Energie fließt noch. Es liegt an ihrem Pferd! Wenn es um Angst geht, sind Pferde Experten – ihre Rettung?

Wenn sie wieder reiten wird …

„Du kennst den Grund – genauer gesagt: du spürst den Grund. Es ist wie mit der Luft, die du atmest: unbewusst immer da. Erst wenn sie knapp wird, wirst du ihr gewahr. Nur: deine Luft ist vergiftet. Sie heißt MUTTER.

Deine MUTTER, die seit drei Jahren kein Wort mehr spricht, weil du – ihre böse Doktor-Tochter –, die sie von ihrer Depression nicht heilen will, bestraft werden muss.

GroßMUTTERs böser Blick, ihre Stimme: Da darfst du nicht anfassen! Böser Finger!

Der Teufel wird dich holen!

Deine SchwiegerMUTTER, die im Laufe der Jahre deine allgegenwärtige ÜberMUTTER geworden ist.

Wenn dich jemand besucht, schaust du unwillkürlich durch die Decke des Wohnzimmers, als müsstest du dich vergewissern, dass sie in ihrem Reich nicht gestört wird. Redest leise und bittest den Besuch, ebenfalls leise zu sein, Rücksicht auf die alte Frau zu nehmen. Sie könnte schlafen. Etwas Wichtiges erledigen. Kochen. Vielleicht schreiben.

Aber die schlimmste, die gemeinste, die brutalste MUTTER, das bist du! Ein Tyrann. Wenn dich jemand lobt, dann denkst du: Wenn ihr wüsstet, wie schwach, gemein ich bin! Eine böse Mutter. Nicks Frau: Nichts.

 

Eigentlich wolltest du keine Kinder haben. Du hattest doch so viel vor. So viele Begabungen. So viele Möglichkeiten. Energie im Überfluss.

Und dann scheitert deine erste Ehe. Es ist meine Schuld, sagtest du, denn bei deiner Überlegenheit und deinem Potenzial konnte es nur einen Schuldigen geben: dich.

Dein Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein hatten aber Schaden genommen. Ein Baustein deiner Katastrophe wurde die Krise allerdings erst durch deine Mutter. Durch ihre Enttäuschung. Sie wollte immer Enkelkinder – von ihrem lieben Schwiegersohn, den sie regelrecht angehimmelt hatte.

In den Jahren eurer Ehe hatte sie ihn hundertmal öfter in den Arm genommen, als dich in deinem ganzen Leben. Sie hat dich nie gewollt – das weißt du! Sie sah in dir den Grund für das Misslingen ihres eigenen Lebens.

Das hat sie dir zwar nie gesagt, dich aber jeden Tag, jede Minute spüren lassen und dir nie verziehen.“

Das saß.

Sie zieht die Decke über den Kopf.

Ich glaube, sie schämt sich. Das ist gut. In ein paar Stunden komme ich wieder. So lange überlasse ich sie ihren Tränen. Damit sie ihr und sich selbst verzeihen kann. Dass ich dabei mein Tagesgeschäft nicht vernachlässigte, ist doch klar. Auf die Krebsstation komme ich ja nur, um mich zu erholen. Und um mir über den Sinn meines Seins immer aufs Neue bewusst zu werden.

 

Wenn ich am Abend vor ihrer Entlassung das Zimmer betrete, sitzt Nicks Frau nackt auf dem Boden neben ihrem Bett. Sie weint nicht – lächelt, denn sie erkennt mich sofort. Winkt mich zu sich.

„Man hatte damals festgestellt, dass ich keine Kinder haben kann, es sei denn … Eine Hormontherapie, um meine zweite Ehe zu retten. Den Gedanken, wieder zu scheitern und alleine zu sein, konnte ich nicht ertragen. Ich konnte doch meine Mutter nicht wieder enttäuschen. Wie sollte sie sonst eine Chance bekommen, mich endlich lieb zu haben? Mein Mann wollte auch unbedingt Kinder. Er hätte das Recht gehabt, mich zu verlassen. Ich war unfruchtbar, unfähig eine normale Ehefrau zu sein. Ich hätte alles getan, um nicht alleine zu bleiben! Tod, du kennst keine Angst! Du kannst nicht fühlen, was ich all die Jahre durchgemacht habe. Du hast es leicht. Du bist leicht. Wieso habe ich dich nie gesucht?

Als ich die Zwillinge bekam – das war Glück pur. Mein Sieg: Ich kann, wenn ich will! Es gibt immer einen Weg.“

Sie redet leise, farblos – wie Novemberwolken, die, um nicht aufgelöst zu werden, das Wasser für sich behalten.

Was ich sehe, gefällt mir gar nicht. Es sieht nach Arbeit aus. „Ein Pyrrhussieg, Liebste! Auf dem falschen Gleis bloß nicht beschleunigen! Der Crash kommt schneller und der Knall ist lauter.“

„Das stimmt! Dann wollte ich die beste aller Mütter werden. Und auch noch alle Menschen retten. Mal eben eine Heilpraktikerausbildung absolviert, obwohl ich schon Ärztin war. Durfte aber nie praktizieren – mein Mann und meine Schwiegermutter hatten es mir untersagt. Sie hätten es nicht ertragen, wenn ich gearbeitet hätte. Das Gerede der Leute würde mich umbringen: Deine Schwiegertochter ist eine Rabenmutter, sie lässt ihre Kinder im Stich! Habt ihr es wirklich nötig? So weit ist es schon mit euch gekommen?

Wie viel Geld wir haben, wie viel mein guter Mann in seiner leitenden Position verdient – das interessierte niemanden, nicht einmal mich. Ich hatte mein Haushaltsgeld, mein Taschengeld – und wenn ich mehr brauchte, musste ich es nur sagen. Ich musste nur darum bitten. In meinem ganzen Leben habe ich noch nie Geld gehabt – mein wirklich eigenes Geld.“

Auf dem Stuhl neben ihrem Bett liegt ein angebissener Apfel. Sie greift danach, kratzt mit dem Fingernagel die braunen Flecken ab und beißt kräftig in die Frucht. Ein gutes Zeichen: Lebenszeichen.

„Es gibt noch mehr Gründe. Aber sie liegen viel tiefer. Um sie zu erkunden, musst du von hier weg!“, betone ich langsam, „Es ist deine einzige, deine letzte Chance – keine Garantie: Du musst das Gleis wechseln. Frage jetzt nicht, welches das Richtige ist. Jedes ist besser. Warte nicht auf eine Weiche. Warte nicht auf ein Zeichen. Spring in ein ganz anderes Leben! Jetzt! Sollte es schief gehen, sei gewiss: ich werde da sein.“

Sie lächelt: „Ich schaffe das nicht. Mir fehlt die Kraft. Der Mut.“

„Das war gut“, lache ich, denn bei Krebsmenschen muss man paradox denken: sie sagen oft das Gegenteil von dem, was sie meinen. „Um die Sache zu vereinfachen – darum bin ich hier. Um dir das zu sagen: Es gibt nur dich und mich. Es sieht folgendermaßen aus: Gehe ich vor dir, dann nehme ich dich mit, und wir verbringen deine letzten Stunden zusammen mit deinen Lieben und deinem Nierenversagen."

Mühsam, sich an dem Stuhl festhaltend steht Nicks Frau auf. Ihr Kreislauf lässt sie fast im Stich. Wankend schleppt sie sich zum Fenster und öffnet es – atmet die kühle Luft, die aus dem benachbarten Botanischen Garten mit Sauerstoff angereichert herüber weht.

„Kehrst du mir den Rücken zu und verlässt dieses Zimmer vor mir, weg von den Kindern und von Muttern, von Nick – wenn es sein muss, nackt und auf allen Vieren –, dann folge ich dir geduldig auf dem langen Weg in die freie Zeit. Immer mit gebührendem Abstand zum Leben.“



Mittwoch, 20. April 2022

Bzw. ۲ ۶ ۰ [»Fünf Haiku nach 与謝 蕪村« (1996) von R. A. ol-Omoum]

 


[» Sengyo (Jugijo) 宜暁 (国宝 十便十宜帖の一枚)«, Yosa Buson (1771)]




俳句


Meine Nachbarn hassen mich:

Sie klappern mit ihren Pfannen

in der Winternacht.



Nacht. Ich beiße den

gefrorenen Pinsel

mit meinem letzten Zahn.



Der Wintersturm

bläst kleine Steine

gegen die Tempelglocke.



Ein Licht

entzündet sich am andern

in der Frühlingsnacht.



Ein Eimer ohne Boden

rollt und rollt

im Herbstwind.


[Yosa Buson (1716 – 1783) in der Übersetzung von Dietrich Krusche]









[»Fünf Haiku« (1996). Partitur für Sopran, Flöte und Klavier von R. A. ol-Omoum (*1965)]



Haiku, die kleinste lyrische Form, die in der Weltliteratur zu Bedeutung gelangte, ist zugleich vollendeter dichterischer Ausdruck japanischen Geistes. Eine stets gegenständliche, naturnahe Kunstgebärde, die in ihrer Leichtigkeit von vieldeutigem Reichtum an Assoziations-Möglichkeiten umgeben ist. Ein hingehauchtes Bild, das den Leser und Betrachter in den Bann seiner fragmentarischen Vollkommenheit, den Zauber des Augenblicklichen zieht – und ihn entlässt, aber nicht mehr loslässt. [Dietrich Krusche]




[»Yosa Buson«, Matsumura Goshun (1939)]




Das Haiku ist weltweit zum poetischen Ideal geworden. Ein plötzliches Aufblitzen, ein Bild, das sich in das Echo der Dinge schmiegt, ein Klang – drei Zeilen und doch eine ganze Welt. Drei japanische Dichter haben das Haiku geprägt – der wandernde Basho mit seinen meditativen Inbildern, Buson mit seinen malerischen Miniaturen und Issa mit seiner Liebe selbst zu den kleinsten Kreaturen. Die Dichter der Beat Generation – Jack Kerouac, Allen Ginsberg und Gary Snyder – steckten mit ihrer Haiku-Begeisterung den gesamten Westen an und übertrugen das poetische Ideal in unsere Gegenwart. [Hans Jürgen Balmes]



Samstag, 9. April 2022

Bzw. ۲ ۵ ۹ [»Religiosität auf dem Rückzug in der islamischen Welt« von Bodo Bost]

 


[»Leben des Zarathustra«]



Ich mußte Zarathustra, einem Perser, die Ehre geben: Perser haben zuerst Geschichte im Ganzen Großen gedacht. [Friedrich Nietzsche »Fragmente aus dem Nachlass« (1884/85)]

Die Perser sind das erste geschichtliche Volk, Persien ist das erste Reich, das vergangen ist. Während China und Indien statarisch bleiben und ein natürliches vegetatives Dasein bis in die Gegenwart fristen, ist dieses Land den Entwicklungen und Umwälzungen unterworfen, welche allein einen geschichtlichen Zustand verraten. Das chinesische und indische Reich können nur an sich und für uns in den Zusammenhang der Geschichte kommen. Hier aber in Persien geht zuerst das Licht auf, welches scheint und Anderes beleuchtet, denn erst Zoroasters Licht gehört der Welt des Bewußtseins an, dem Geist als Beziehung auf Anderes. [G. W. F. Hegel »Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte« (1837)]




Religiosität auf dem Rückzug in der islamischen Welt



Meinungsforscher widerlegen die politisch instrumentalisierte Religionsstatistik in vielen islamisch geprägten Ländern. In Iran bekennen sich laut einer Umfrage der Universität Utrecht nur etwa 40 % der Bevölkerung zum Islam, in der offiziellen öffentlichen Statistik sind es aber 99,2%.



 Amtlichen Zahlen zufolge sind die allermeisten Bewohner der Region zwischen Marokko und Pakistan Muslime, oft mit Anteilen an der Bevölkerung von über 99%. Diese Zahlen ähneln in auffallender Weise den Ergebnissen der kommunistischen Parteien bei Wahlen in den ehemaligen Ostblockstaaten, jeder weiß, wie sie zustande kamen. Während als Christen nur diejenigen gelten, die getauft wurden und einer Kirche angehören, gilt beim Islam, wo es Religionswechsel oder Religionsabfall nicht geben darf,  das reine Abstammungsprinzip, deshalb gibt es auch die Pflicht zu einem islamischen Namen. Alle, die von muslimischen Eltern abstammen, sind deshalb automatisch Muslime. In Teilen der islamischen Theologie wird sogar das islamische Naturrechtprinzip vertreten, womit alle Neugeborenen, wenn sie nicht im Laufe ihres Lebens den Islam verleugnen, automatisch Muslime sind. Glaubenszweifel, wie sie in allen anderen Religionen möglich sind und oft sogar ein wesentlicher Bestandteil dieser Religionen sind, stehen im Islam unter Strafe und werden oft mit Gewalt unterbunden.

   Aber immer mehr Muslime zweifeln an ihrer Religion, nicht nur die, die in nichtislamische Länder auswandern, weil sie verfolgt wurden. Selbst hierzulande, wo sich sogar Verbände von Ex-Muslimen organisieren, versuchen Islamverbände mit gefälschten Zahlen und Mitgliederlisten die ausgewanderten Muslime mit Druck an sich zu binden und werden darin leider oft noch von der öffentlichen Verwaltung unterstützt. Die Säkularisierung wirkt jedoch bei Muslimen ebenso stark oder sogar stärker als bei Christen, für die Religion Privatsache ist. Für die Muslime in den offiziell muslimischen Ländern ist es genau umgekehrt, wegen des starken öffentlichen Drucks, bleiben für die allermeisten Muslime Glaubenszweifel Privatsache. Nicht die Religion, wie in den westlichen Ländern, ist es, die im Privaten gepflegt wird, sondern es sind die Religionszweifel. Einen öffentlichen Diskurs über diese Entwicklung gibt es in den muslimischen Ländern nicht, deshalb zweifelt auch niemand die offiziellen Religionsstatistiken an.

 

Der Islam wird zur Minderheit im Gottesstaat

 

Jetzt hat ein der Universität Utrecht angegliedertes Meinungsforschungsinstitut, "Group for Analyzing and Measuring Attitudes in Iran" (GAMAAN), in einer Umfrage unter über 50.000 Iranern über 19 Jahren die religiösen Glaubensinhalte untersucht und analysiert. Die Verantwortlichen von GAMAAN sind Dr. Ammar Maleki, Assistenzprofessor für vergleichende Politikwissenschaft an der Universität Tilburg, und Dr. Pooyan Tamimi Arab, Assistenzprofessor für Religionswissenschaften an der Universität Utrecht. Die Umfrage mit dem Titel "Iranians' attitudes towards religion" (Einstellungen der Iraner zur Religion) wurde vom 6. bis 21. Juni 2020 durchgeführt. Die Ergebnisse dieser Studie spiegeln die Ansichten der iranischen Einwohner aller Regionen und aller sozialer Schichten im Alter von über 19 Jahren wider und können mit einem Glaubwürdigkeitsniveau von 95% auf die Zielpopulation verallgemeinert werden. Ziel der Umfrage war es, die Einstellung der Iraner zur Religion und zu damit verbundenen politischen Konzepten zu messen und zu dokumentieren, über die im Iran aufgrund der derzeitigen Restriktionen nicht offen diskutiert werden kann.

 Die Ergebnisse zeigen, dass 78% der Iraner an Gott glauben, 37% glauben an ein Leben nach dem Tod, 30% glauben an Himmel und Hölle, 26% glauben an die Existenz von Dschinns und 26% glauben an das Kommen eines Erlösers. Etwa 20 % der Zielbevölkerung glauben an keine der oben genannten Dinge. Ungefähr die Hälfte der Bevölkerung gab an, ihre Religion verloren zu haben. Dagegen berichteten 41%, dass sich ihre religiösen oder nicht-religiösen Ansichten im Laufe ihres Lebens nicht wesentlich geändert haben. Etwa 6 % der Bevölkerung gaben an, von einer religiösen Orientierung zu einer anderen konvertiert zu sein. Etwa 60 % gaben an, dass sie nicht beten, während 27 % angaben, fünfmal am Tag zu beten. 68% der Bevölkerung waren der Meinung, dass religiöse Vorschriften aus der staatlichen Gesetzgebung ausgeschlossen werden sollten. 71% waren der Meinung, dass religiöse Institutionen für ihre Finanzierung selbst verantwortlich sein sollten. Auf der anderen Seite waren 10% der Meinung, dass alle religiösen Organisationen, unabhängig von ihrem Glauben, staatliche Unterstützung erhalten sollten, während nur 3% sagten, dass nur islamische Institutionen Anspruch auf solche Leistungen haben sollten. 41% waren der Meinung, dass alle Religionen ein Recht auf öffentliche Missionierung haben sollten, während nur 4% meinten, dass dieses Recht ausschließlich den Muslimen vorbehalten sein sollte. 56% wollten nicht, dass ihre Kinder in der Schule Religionsunterricht erhalten, aber rund 54% befürworteten, dass ihre Kinder die Möglichkeit haben, in der Schule etwas über verschiedene Glaubensrichtungen zu lernen. Rund 72% lehnen die Hijab-Pflicht ab, während 15% auf der gesetzlichen Verpflichtung zum Tragen des Hijab in der Öffentlichkeit bestanden. Fast 60% kannten die religiöse Legitimierung des Schleierzwangs überhaupt nicht. Trotz gesetzlich verordneter Alkoholabstinenz trinken etwa 35% der Bevölkerung gelegentlich oder regelmäßig Alkohol. Andererseits gaben 56% an, dass sie keine alkoholischen Getränke konsumieren. Fast 9 % trinken nicht, weil sie nicht wissen, wie sie alkoholische Getränke kaufen können.

   Sehr interessant waren die Ergebnisse bezüglich der religiösen Zugehörigkeiten: Nur 32% der Bevölkerung identifizierten sich als schiitische Muslime, weitere 5% als sunnitische Muslime und 3% als Sufis, während in den öffentlichen Statistiken 99,2% der Iraner als Muslime geführt werden. Erstaunlich hoch war der Anteil der Atheisten mit 9%, Spiritisten mit 7%, und Agnostiker mit 6%.  Überraschend auch der Anteil der Zoroastrier, der alten vorislamischen Zarathustra Religion des persischen Reiches, zu welcher sich 8% der Befragten bekannten. In den öffentlichen Statistiken werden Anhänger dieser altpersischen Religion mit weniger als 0,1% beziffert. Etwa 22% identifizierten sich mit keiner der oben genannten Weltanschauungen, die Christen waren mit 1,5% darunter und Bahai Anhänger mit 0,5%. Auch der Religionswissenschaftler Michael Blume hatte in seinem Buch „Islam in der Krise“ 2017 bereits die Wiederauferstehung des Zoroastrismus festgestellt, denn sogar in der kurdisch verwalteten Autonomiezone des Irak in Erbil war ein Tempel dieser Religion, die viele Iraner und Schiiten als die authentische Religion des alten Zweistromlandes ansehen,  errichtet worden. Auch andere Analysten waren in den letzten Jahren die leeren Moscheen und Gotteshäuser im Iran, die zu Zeiten des Schahs noch voll waren, aufgefallen.

 

Glauben kann man nicht verordnen, wie Fasten oder Gebete

 

   Pooyan Tamimi Arab betrachtet die Ergebnisse der Umfrage als Wunsch nach religiösem Wandel und als logische Folge der Säkularisierung des Iran. Die iranische Gesellschaft habe große Veränderungen durchlaufen: Die Alphabetisierungsrate sei enorm gestiegen, die Verstädterung massiv vorangeschritten, die wirtschaftliche Entwicklung habe die traditionellen Familienstrukturen aufgelöst, die Geburtenraten gleichen sich denen im Westen an", so Tamimi Arab im Gespräch mit der Deutschen Welle. Auch die intensive Verflechtung von Staat und Religion im Iran, offiziell nach der Staatsdoktrin der Vertreter-Herrschaft (Velayet e Fakih) ist der Iran ein Gottesstaat,  sorgt in der Bevölkerung für Unmut über die institutionalisierte Religion. Gebete und Fasten kann man verordnen, aber Glauben nicht. Reformen kann es jedoch laut Staatsverfassung nicht geben. Michael Blume diagnostizierte den Islam  in seinem Buch so: „Der Islam ist noch nicht tot, doch er gleicht einem Schwerkranken, der vor Verzweiflung und Schmerz um sich schlägt.“ Zur Heilung schlug Blume vor: „Die muslimischen Gelehrten und Theologen müssen einsehen, dass die Geschichte nicht linear verläuft, nach dem Motto: ‚Unsere Religion setzt sich durch – und der Rest, der ist irgendwie minderentwickelt.‘ Sondern, dass sie einsehen müssen, der Islam ist eine Religion wie andere Religionen auch. Er blüht auf, er hat Erfolge, er gerät aber auch in Krisen und er kann auch untergehen.“ [Bodo Bost]