Freitag, 20. Oktober 2023

Z. Z. XLIII [»Dreissig Jahre danach« von Walter Graf (2022)]

 


[Peter Paul Rubens »Adam und Eva« (um 1600)]






N'écoutant que son courage, qui ne lui disait rien, il se garda d'intervenir.

[Jules Renard »Journal«, 18 octobre 1908]

Il y a des gens qui donnent un conseil comme on donne un coup de poing. On en saigne un peu, et on riposte en ne le suivant pas.

[Jules Renard »Journal«, 21 octobre 1889]





Dreissig Jahre danach



Im vergangenen Oktober war das Wetter grösstenteils schön. Wir fuhren an einem Samstag zu dritt nach Oerlikon, wo wir im Selbstbedienungsrestaurant des Neumarkts zu Mittag assen. Danach begleitete ich meine Frau und unsere Tochter noch über den Marktplatz auf die Tramstation. Auf einer der Bänke auf dem Platz sass ein älterer Mann, der mir auffiel, weil er keinen Blick von uns wandte. Er hatte langes graues Haar und einen Schnauz; vor dreissig Jahren musste er genauso ausgesehen haben wie Mariannes AA-Freund Hans Moser, der uns damals, als sie zum letzten Mal betrunken gewesen war, besucht hatte.

Mag sein, dass er selbst inzwischen wieder trinkt. Vielleicht ist er, einer nostalgischen Anwandlung folgend, zurückgekehrt an den Schauplatz der AA-Meetings, in denen er meine Frau seinerzeit kennengelernt hat. Alkoholiker sind oftmals sentimental und lassen gerne die Vergangenheit wieder aufleben. Es machte jedenfalls den Anschein, als hätte der Mann, der inzwischen etwas eingefallen war, uns erkannt; womöglich wartete er nur darauf, Marianne zu begegnen. Hätte er sie nicht in Begleitung ihrer Familie erblickt, wäre er wohl nicht sicher gewesen, ob sie es wirklich war, aber so…

Vor dreissig Jahren, als wir das erste Mal in Seebach wohnten, gehörte Marianne zur AA-Gruppe von Oerlikon. Da die Leute, die sie dort kennenlernte, nach kurzer Zeit zu unserem Freundeskreis zählten, trafen wir uns mitunter auch privat mit ihnen. Dies konnte einem als Ehemann allerdings lästig werden, besonders wenn sie unangemeldet vor der Türe auftauchten. Dabei waren sie, zumindest solange sie noch an den Meetings teilnahmen, kaum je betrunken. In ihren trockenen Perioden sind Alkoholiker, denen man sonst nicht über den Weg trauen darf, die Vertrauenswürdigkeit in Person.

Als Hans Moser zum ersten Mal bei uns geklingelt hatte, musste es Hochsommer gewesen sein. Er trug ausser einem Paar Jeans, dessen Hosenbeine er vollständig abgeschnitten hatte, nichts am Leib. Gross und schlank, wie er war, konnte er sich schon so sehen lassen. Trotzdem liess ich ihn, da ich gerade essen wollte, nicht herein. Marianne, die ihn nicht erwartet hatte, wollte mit unserer Tochter gerade jemand anderen treffen.

Es mochte im Herbst desselben Jahres gewesen sein, als Marianne nach einigen Jahren vollständiger Abstinenz wieder einmal zur Flasche griff. Wir hatten für meinen Vater, dessen Besuch wir am Wochenende erwarteten, eigens eine Flasche Bier gekauft, die nicht einmal für ein kleines Besäufnis reichte. Daher schickte sie, anstatt in die Kneipe zu gehen, Anja in den Laden, um ihr eine Flasche Gin zu besorgen. Den Anlass dazu hatte weiter nichts als eine alltägliche Streitigkeit zwischen uns gegeben.

Nachdem sie einmal zu trinken begonnen hatte, wollte sie es auch ein bisschen lustig haben. Ich war dafür nicht zu haben; deshalb rief sie ihren AA-Freunden an, die im Notfall bereit waren, einander beizuspringen. So dauerte es nicht lange, bis Hans Moser wieder vor der Tür stand - diesmal bekleidet. Ich zog mich in mein Zimmer zurück, wo ich, wenn auch nicht gänzlich ungestört, lesen und schreiben konnte, während meine Frau sich mit ihrem Gast, dem sie einen Aschenbecher hingestellt hatte, in die Küche setzte: Anja, die auch noch Platz auf der Eckbank fand, leistete ihnen Gesellschaft. Durch die geschlossene Tür war zwar nicht zu hören, was sie redeten, wohl aber, was für Musik sie laufen liessen: Willy de Villes CD „Backstreet of Desire“.

Also las und schrieb ich, als wäre nichts geschehen. Ich konnte mich darauf verlassen, dass unsere Tochter das Paar nicht aus den Augen lassen würde; mit dreizehn Jahren möchte man nichts verpassen. Manchmal lachte Anja, die sich über das Verhalten ihrer Mutter wunderte; manchmal rief sie sogar: „Aber, Mama!“ Was immer Marianne tat, was war dies schon neben dem, was die Frau in dem Roman tat, den ich gerade las („Lady Chatterley“). Früher oder später würde sie Hans Moser noch zum Tanz auffordern, was vermutlich auch nicht sein Ding war. Ich liess mich so oder so nicht stören. Ich hatte mich von ihr oft genug in eine Rolle drängen lassen, in der ich mir nicht gefiel. Ich wollte mir morgen von niemandem etwas vorwerfen lassen, weder von Marianne noch von ihren AA-Kollegen. Würde sie so weitertrinken, dem Gin immer weniger Tonic beimengend, so würde sie keine Ausdauer haben, nicht einmal bis zum Abendessen. Dann wäre es noch früh genug für mich, ihren Besucher zu verabschieden.

Und genauso kam es denn auch. Gegen Abend, als ich allmählich Hunger verspürte, stand ich auf und ging in die Küche, in der es schon beinahe dunkel war. Durch die Rauchschwaden, die über dem Tisch hingen, sah ich, dass Marianne bereits den Kopf hängen liess. „So“, sagte ich, „s’isch langsam Zyt!“ Hans erhob sich und streifte seine Jacke von der Stuhllehne, an die er sie gehängt hatte. Die Schnapsflasche war erst zu zwei Dritteln leer. Ich ergriff sie, indem ich, mehr zu mir selber, sagte: „Den könnte ich noch für meine nächste Dienstnacht gebrauchen.“ Wenn Hans schon seine Finger nicht von meiner Frau hatte lassen können, so hatte er sich wenigstens von der Flasche zurückgehalten. Das musste ich ihm insofern, als er ein Trinker war, hoch anrechnen. Im nächsten Augenblick war er draussen.

Anja, die den CD-Player ausgeschaltet hatte, half mir noch, ihre Mutter zu Bett zu bringen. Sie schien ziemlich aufgeregt zu sein, wusste sie doch auch nicht, wie es nun mit uns weitergehen sollte. Immerhin hatte sie mit ihren eigenen Augen gesehen, wie es zwischen Marianne und diesem Mann zu einem Zungenkuss gekommen war. Was hätte ich ihr sagen sollen? Solche Dinge geschehen eben, wenn eine Frau zu viel getrunken hat? Es blieb jedoch bei diesem einen Vorfall, der - nicht zuletzt deshalb, weil ich nicht auf ihn reagierte - keinerlei Folgen nach sich zog. Marianne bat mich, als sie am Morgen früh erwachte, um ein Seresta; ich verweigerte es ihr nicht. Und von da an hat sie - seither sind nun dreissig Jahre vergangen - keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt.

Der einzige, der diesem Vorfall eine besondere Bedeutung beimass, war Hans Moser, der die Küsse, die ihm gegeben worden waren, missverstanden haben mochte. Jedenfalls kam er etliche Jahre später, als er nach einer neuerlichen Entziehungskur wieder in der Reha war, unerwartet darauf zu sprechen. Es war kurz nach dem Besuch, den er von seinen ehemaligen AA-Freunden, zu denen auch Marianne gehörte, im Rehabilitationszentrum bekommen hatte, wo er auf seinem Beruf in der Schreinerei arbeiten konnte. Nach diesem Besuch, der ihm Auftrieb gegeben haben musste, schrieb er Marianne einen Brief, in dem er auf jenen Vorfall, der sich zwischen ihnen ereignet hatte, anspielte. Daraus war zu entnehmen, dass sie in seinem Leben eine weit grössere Rolle spielte als er in ihrem, obwohl er sich in der Reha mit einer Schreinerin zusammengetan hatte. Ausserdem gab es da noch eine Psychotherapeutin, die ihm einen Floh in den Kopf gesetzt hatte: Sie meinte, dass er nach all dem, was er erlebt hätte, unbedingt ein Buch über sein Leben schreiben müsse, und anerbot sich, ihm dabei zu helfen. In diesem Buch werde alles zur Sprache kommen, was zwischen Marianne und ihm gewesen sei… Es klang so, als wäre sie die Frau seines Lebens gewesen. Umso bedauerlicher erschien es ihm, dass sie an einen Mann wie mich gebunden war - an eine solche „Witzfigur“. Ob sie nicht etwas Besseres verdient hätte?

Marianne, die inzwischen wusste, was sie an mir hatte, wies Hans, nachdem er sie auch mit Telefonanrufen belästigt hatte, in seine Schranken, indem sie ihm schriftlich darlegte, wie es in Wirklichkeit aussah. Sie sagte in ihrem Brief nichts davon, dass ihr „halbschlauer Mann“ schon ein paarmal ein Buch geschrieben hatte, und zwar ohne jegliche Hilfe. Das hätte ihm sonst noch den Rest gegeben.

Was hat das ausgemergelte Männchen, in dem ich ihn nach dreissig Jahren wiedererkannte, wohl gedacht, als wir uns in Oerlikon der Bank, auf der er sass, näherten? Er wunderte sich wahrscheinlich, dass wir noch beisammen waren, wo unsere Ehe doch so schlecht gewesen war. Oder war sie am Ende gar nicht so schlecht gewesen?

Marianne und Anja haben ihn in der Annahme, dass es sich um einen Penner handelte, nicht einmal angeschaut.



3. Dezember 2022



Mittwoch, 20. September 2023

Bzw. ۲ ۶ ۷ [»Zelem #2 {25 m² Himmel}« für drei Gitarren (1998) von R. A. ol-Omoum]

 


[»Παράδεισος«, Lorena Kirk-Giannoulis]



I confess I do not believe in time. I like to fold my magic carpet, after use, in such a way as to superimpose one part of the pattern upon another. Let visitors trip. And the highest enjoyment of timelessness―in a landscape selected at random―is when I stand among rare butterflies and their food plants. This is ecstasy, and behind the ecstasy is something else, which is hard to explain. It is like a momentary vacuum into which rushes all that I love. A sense of oneness with sun and stone. A thrill of gratitude to whom it may concern―to the contrapuntal genius of human fate or to tender ghosts humoring a lucky mortal. [Vladimir Nabokov »Speak, Memory« (1951)]


The sentiment of reality can indeed attach itself so strongly to our object of belief that our whole life is polarized through and through, so to speak, by its sense of the existence of the thing believed in, and yet that thing, for the purpose of definite description, can hardly be said to be present to our mind at all. [William James »The Variety of Religious Experience« (1902)]




[»Παράδεισος II«, Lorena Kirk-Giannoulis]


Just like heaven. Ever’body wants a little piece of lan’. I read plenty of books out here. Nobody never gets to heaven, and nobody gets no land. It’s just in their head. They’re all the time talkin’ about it, but it’s jus’ in their head. [John Steinbeck »Of Mice and Men« (1937)]



Beyond the earth,

beyond the farthest skies

I try to find Heaven and Hell.

Then I hear a solemn voice that says:

'Heaven and hell are inside.'

[Omar Khayyam »Rubaiyat of Omar Khayyam«. Translated by Edward FitzGerald (1859)]




[»Παράδεισος III«, Lorena Kirk-Giannoulis]





Nobody could stand an eternity of Heaven.

[George Bernard Shaw »Man and Superman« (1903)]










[»Zelem #2 {25 m² Himmel}«, R. A. ol-Omoum]



Oh threats of Hell and Hopes of Paradise!
One thing at least is certain - 
This Life flies;
One thing is certain and the rest is Lies -
The Flower that once has blown forever dies.

[Omar Khayyam »Rubaiyat of Omar Khayyam«. Translated by Edward FitzGerald (1859)]




[»Παράδεισος IV«, Lorena Kirk-Giannoulis]




Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen.

[Aus: Heinrich Heine »Deutschland. Ein Wintermärchen« (1844)]




[»Παράδεισος V«, Lorena Kirk-Giannoulis]



But I will now go further, and confess to you that men get tired of everything, of heaven no less than of hell; and that all history is nothing but a record of the oscillations of the world between these two extremes. An epoch is but a swing of the pendulum; and each generation thinks the world is progressing because it is always moving. [George Bernard Shaw »Man and Superman« (1903)]



The cradle rocks above an abyss, and common sense tells us that our existence is but a brief crack of light between two eternities of darkness. Although the two are identical twins, man, as a rule, views the prenatal abyss with more calm than the one he is heading for (at some forty-five hundred heartbeats an hour). [Vladimir Nabokov »Speak, Memory« (1951)]



Wir wurden geschaffen, um im Paradies zu leben, das Paradies war bestimmt uns zu dienen. Unsere Bestimmung ist geändert worden; daß dies auch mit der Bestimmung des Paradieses geschehen wäre, wird nicht gesagt. [Franz Kafka »Nachgelassene Schriften« (1918)]



We shall tell ourselves that it would be very nice if there were a God who created the world and was a benevolent Providence, and if there were a moral order in the universe and an after-life; but it is a very striking fact that all this is exactly as we are bound to wish it to be. [Sigmund Freud »The Future of an Illusion« (1927)]




[»Παράδεισος VI«, Lorena Kirk-Giannoulis]



In my utopia, human solidarity would be seen not as a fact to be recognised by clearing away "prejudice" or burrowing down to previously hidden depths but, rather, as a goal to be achieved. It is to be achieved not by inquiry but by imagination, the imaginative ability to see strange people as fellow sufferers. Solidarity is not discovered by reflection but created. It is created by increasing our sensitivity to the particular details of the pain and humiliation of other, unfamiliar sorts of people. [Richard Rorty »Contingency, Irony, and Solidarity« (1989)]



Sonntag, 20. August 2023

Bzw. ۲ ۶ ۶ [»Fünf Gedichte« von Boris Greff]

 


[»γλυπτική«, Lorena Kirk-Giannoulis]



Wie ein heulender Nordwind, fährt die Gegenwart über die Blüthen unsers Geistes und versengt sie im Entstehen.

[Friedrich Hölderlin »Hyperion oder der Eremit in Griechenland«, I. Band, Erstes Buch, Hyperion an Bellarmin IV (1797)]





[»Αρχαίος«, Lorena Kirk-Giannoulis]





Karyatiden

 

Tragende Säulen wachsen aus deiner Wirbelsäule

die ganze Gebäudedecke auf deiner Schädeldecke

Tonnenschwere Tonnengewölbe auf zartem Schulterblatt

 

Keine Pupillen, um den milchigen Himmel zu spiegeln

blutleer gehen die kammerlosen Herzschläge ins Leere

Schwesternchor aus Stein, singender Torso und Rumpf

 

Verunsterblichte Sterbliche in Skulpturenglätte,

seelenlos beseelte Tempelheiligkeit,

schürt weiter das Feuer, Vestalinnen aus Stein.

 

Heiß vergossenes Herzblut, geronnen zu Alabaster,

weichfaltenes Tuchgewand, erstarrt zu Marmor,

Infusionen aus Träumen und Tränen, immer alt und neu.






[»γλυπτική II«, Lorena Kirk-Giannoulis]






nicht ersichtlich

 

Unversehens fiel dein Blick auf mich

nur langsam kam ich da wieder raus

ruhte so lange auf mir

dass ich einbrach

mir das Schweigen brach

spöttische Gesichtszüge mich überrollten

 

Fallengelassene Bemerkungen

wie Laubblätter, die auf dem Strom treiben

Richtung Vergessen

in stromschneller Verdrängung

elektrifiziert in wilden Gewässern

unlöschbar brennend im Ozean

flöße raustimmig verquere Silben

gesprächsflussabwärts

 

Falle sehenden Auges in die

Fußangeln deiner Wimpern

die nicht weinen wollen

zwinkerst mich aus deinem Blickfeld

ein ausgeriebener Fremdkörper:

Liebesmacht, blind.

 




[»Αρχαίος II«, Lorena Kirk-Giannoulis]


 



             City

 

 

Sonne rutscht über Glasschrägen,

blendet sich blind im Stahl;

horizontale Grasgräber,

an die nur vereinzelte Halme

als Unkraut verfemt

ritzenweise ankämpft.

Die asphaltene Schorfkruste

strapaziert von tonnenschwerem Verkehr

Infarkt in der Rush-Hour

eilig rast alles in den Stillstand;

und drückend, bedrückend

legt sich auf Lunge

zu Smog verbackene Peripheriefrischluft

glockenglasig über die Stadt.

Lebendig begrabene Hochhäuser

wolkenkratzen verzweifelt und stumm

am aufwallenden Dunstglockenwall.

Zufluchtssuchende Paare im Park

zwischen Frozen Yoghurt, Joggen und Yoga

verschmelzen mit dem Holzgerippe

einer initialengegerbten Bank.

Alte Bäume mitten im Großstadtdschungel,

braungeborkte Grünhoffnung

im kunstrasengrellen Plastinat,

umarmen wipfelwiegend

warmzartsuchendes Menschengetier.





[»γλυπτική III«, Lorena Kirk-Giannoulis]



Herbststraße

 

Kalt.

Schwarze Vogelsilhouetten

vor weißergrauten Wolkenleibern

leergelebtes Geäst

buntblättriger Abschied

sanft rauschen Autos

ein Hämmern nebenan

Fenstergerahmter Bleihimmel

und doch wärmt mich

in dieser zeitlosen Zeit

dein Bild.



[Aus: Boris Greff »Augenblicke und Wimpernschläge«, Treibgut Verlag, 2021; Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags]




Nachtflug

 

Unverzichtbar und doch entbehrlich;

federleicht und doch beschwerlich;

ein segensreicher Fluch;

ein seitenloses Buch:

wie mich der Alltag langsam wiederkäut,

ausspeit, auf tausend Wegen verstreut;

wär’ gern ein kühler Kiesel im Bett,

der rochierende König auf dem Schachbrett:

Ich müsst’ das hohe Gras mal wieder gründlich striegeln,

die kleine Wonne im Gefühl mal wieder entriegeln;

wie im Hula-Hoop kreisen die Planeten

kaum habe ich ihren Orbit betreten.

Du trägst an Deinem Finger Saturns hellsten Ring;

ich hielt ihn an die Sonne, bis er Feuer fing.

Beinahe ebenerdig öffnet sich nun der Sterne Pracht;

wir greifen den Kometenschweif und fliegen durch die Nacht.



[Aus: Boris Greff »Aus meinen Gedanken gerissen«, Athena Verlag, 2023; Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags]




Donnerstag, 20. Juli 2023

Bzw. ۲ ۶ ۵ [»Toccata. Es glitzert und funkelt an den Bruchstellen« (1994) für Klavier von R. A. ol-Omoum]

 


[Edvard Munch »Friedrich Nietzsche« (1906)]




Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen.

[Friedrich Nietzsche »Nachgelassene Fragmente« (1888)]




[MM »No(r)way« (2023)]



Der Wille zur Wahrheit, der uns noch zu manchem Wagnisse verführen wird, jene berühmte Wahrhaftigkeit, von der alle Philosophen bisher mit Ehrerbietung geredet haben: was für Fragen hat dieser Wille zur Wahrheit uns schon vorgelegt! Welche wunderlichen schlimmen fragwürdigen Fragen! Das ist bereits eine lange Geschichte – und doch scheint es, daß sie kaum eben angefangen hat? Was Wunder, wenn wir endlich einmal mißtrauisch werden, die Geduld verlieren, uns ungeduldig umdrehn? Daß wir von dieser Sphinx auch unsrerseits das Fragen lernen? Wer ist das eigentlich, der uns hier Fragen stellt? Was in uns will eigentlich »zur Wahrheit«? – In der Tat, wir machten lange halt vor der Frage nach der Ursache dieses Willens – bis wir, zuletzt, vor einer noch gründlicheren Frage ganz und gar stehenblieben. Wir fragten nach dem Werte dieses Willens. Gesetzt, wir wollen Wahrheit: warum nicht lieber Unwahrheit? Und Ungewißheit? Selbst Unwissenheit? – Das Problem vom Werte der Wahrheit trat vor uns hin – oder waren wirs, die vor das Problem hintraten? Wer von uns ist hier Ödipus? Wer Sphinx? Es ist ein Stelldichein, wie es scheint, von Fragen und Fragezeichen. – Und sollte mans glauben, daß es uns schließlich bedünken will, als sei das Problem noch nie bisher gestellt – als sei es von uns zum ersten Male gesehn, ins Auge gefaßt, gewagt? Denn es ist ein Wagnis dabei und vielleicht gibt es kein größeres. [Friedrich Nietzsche »Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft; Aphorismus 1« (1886)]







[R. A. ol-Omoum »Toccata« (1994)] 



Nietzsche, sehen wir heute, inaugurierte den »vierten Menschen«, von dem man jetzt so viel spricht, den Menschen mit dem »Verlust der Mitte«, die man romantisch wieder zu erwecken sucht. Der Mensch ohne moralischen und philosophischen Inhalt, der den Form- und Ausdrucksprinzipien lebt. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, der Mensch habe noch einen Inhalt oder müsse einen haben. Der Mensch hat Nahrungssorgen, Familiensorgen, Fortkommensorgen, Ehrgeiz, Neurosen, aber das ist kein Inhalt im metaphysischen Sinne mehr. Das ist nicht mehr der Animismus der frühen Stufen, der in magischer Verbundenheit mit der Natur und ihren bildenden Kräften im Menschen selber noch Kräfte und Verwandlungen bewog. Dieser beschwörende Mensch ist nicht mehr da. Es ist überhaupt kein Mensch mehr da, nur noch seine Symptome. [Gottfried Benn »Nietzsche nach 50 Jahren« (1950)]