Mittwoch, 20. September 2023

Bzw. ۲ ۶ ۷ [»Zelem #2 {25 m² Himmel}« für drei Gitarren (1998) von R. A. ol-Omoum]

 


[»Παράδεισος«, Lorena Kirk-Giannoulis]



I confess I do not believe in time. I like to fold my magic carpet, after use, in such a way as to superimpose one part of the pattern upon another. Let visitors trip. And the highest enjoyment of timelessness―in a landscape selected at random―is when I stand among rare butterflies and their food plants. This is ecstasy, and behind the ecstasy is something else, which is hard to explain. It is like a momentary vacuum into which rushes all that I love. A sense of oneness with sun and stone. A thrill of gratitude to whom it may concern―to the contrapuntal genius of human fate or to tender ghosts humoring a lucky mortal. [Vladimir Nabokov »Speak, Memory« (1951)]


The sentiment of reality can indeed attach itself so strongly to our object of belief that our whole life is polarized through and through, so to speak, by its sense of the existence of the thing believed in, and yet that thing, for the purpose of definite description, can hardly be said to be present to our mind at all. [William James »The Variety of Religious Experience« (1902)]




[»Παράδεισος II«, Lorena Kirk-Giannoulis]


Just like heaven. Ever’body wants a little piece of lan’. I read plenty of books out here. Nobody never gets to heaven, and nobody gets no land. It’s just in their head. They’re all the time talkin’ about it, but it’s jus’ in their head. [John Steinbeck »Of Mice and Men« (1937)]



Beyond the earth,

beyond the farthest skies

I try to find Heaven and Hell.

Then I hear a solemn voice that says:

'Heaven and hell are inside.'

[Omar Khayyam »Rubaiyat of Omar Khayyam«. Translated by Edward FitzGerald (1859)]




[»Παράδεισος III«, Lorena Kirk-Giannoulis]





Nobody could stand an eternity of Heaven.

[George Bernard Shaw »Man and Superman« (1903)]










[»Zelem #2 {25 m² Himmel}«, R. A. ol-Omoum]



Oh threats of Hell and Hopes of Paradise!
One thing at least is certain - 
This Life flies;
One thing is certain and the rest is Lies -
The Flower that once has blown forever dies.

[Omar Khayyam »Rubaiyat of Omar Khayyam«. Translated by Edward FitzGerald (1859)]




[»Παράδεισος IV«, Lorena Kirk-Giannoulis]




Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen.

[Aus: Heinrich Heine »Deutschland. Ein Wintermärchen« (1844)]




[»Παράδεισος V«, Lorena Kirk-Giannoulis]



But I will now go further, and confess to you that men get tired of everything, of heaven no less than of hell; and that all history is nothing but a record of the oscillations of the world between these two extremes. An epoch is but a swing of the pendulum; and each generation thinks the world is progressing because it is always moving. [George Bernard Shaw »Man and Superman« (1903)]



The cradle rocks above an abyss, and common sense tells us that our existence is but a brief crack of light between two eternities of darkness. Although the two are identical twins, man, as a rule, views the prenatal abyss with more calm than the one he is heading for (at some forty-five hundred heartbeats an hour). [Vladimir Nabokov »Speak, Memory« (1951)]



Wir wurden geschaffen, um im Paradies zu leben, das Paradies war bestimmt uns zu dienen. Unsere Bestimmung ist geändert worden; daß dies auch mit der Bestimmung des Paradieses geschehen wäre, wird nicht gesagt. [Franz Kafka »Nachgelassene Schriften« (1918)]



We shall tell ourselves that it would be very nice if there were a God who created the world and was a benevolent Providence, and if there were a moral order in the universe and an after-life; but it is a very striking fact that all this is exactly as we are bound to wish it to be. [Sigmund Freud »The Future of an Illusion« (1927)]




[»Παράδεισος VI«, Lorena Kirk-Giannoulis]



In my utopia, human solidarity would be seen not as a fact to be recognised by clearing away "prejudice" or burrowing down to previously hidden depths but, rather, as a goal to be achieved. It is to be achieved not by inquiry but by imagination, the imaginative ability to see strange people as fellow sufferers. Solidarity is not discovered by reflection but created. It is created by increasing our sensitivity to the particular details of the pain and humiliation of other, unfamiliar sorts of people. [Richard Rorty »Contingency, Irony, and Solidarity« (1989)]



Sonntag, 20. August 2023

Bzw. ۲ ۶ ۶ [»Fünf Gedichte« von Boris Greff]

 


[»γλυπτική«, Lorena Kirk-Giannoulis]



Wie ein heulender Nordwind, fährt die Gegenwart über die Blüthen unsers Geistes und versengt sie im Entstehen.

[Friedrich Hölderlin »Hyperion oder der Eremit in Griechenland«, I. Band, Erstes Buch, Hyperion an Bellarmin IV (1797)]





[»Αρχαίος«, Lorena Kirk-Giannoulis]





Karyatiden

 

Tragende Säulen wachsen aus deiner Wirbelsäule

die ganze Gebäudedecke auf deiner Schädeldecke

Tonnenschwere Tonnengewölbe auf zartem Schulterblatt

 

Keine Pupillen, um den milchigen Himmel zu spiegeln

blutleer gehen die kammerlosen Herzschläge ins Leere

Schwesternchor aus Stein, singender Torso und Rumpf

 

Verunsterblichte Sterbliche in Skulpturenglätte,

seelenlos beseelte Tempelheiligkeit,

schürt weiter das Feuer, Vestalinnen aus Stein.

 

Heiß vergossenes Herzblut, geronnen zu Alabaster,

weichfaltenes Tuchgewand, erstarrt zu Marmor,

Infusionen aus Träumen und Tränen, immer alt und neu.






[»γλυπτική II«, Lorena Kirk-Giannoulis]






nicht ersichtlich

 

Unversehens fiel dein Blick auf mich

nur langsam kam ich da wieder raus

ruhte so lange auf mir

dass ich einbrach

mir das Schweigen brach

spöttische Gesichtszüge mich überrollten

 

Fallengelassene Bemerkungen

wie Laubblätter, die auf dem Strom treiben

Richtung Vergessen

in stromschneller Verdrängung

elektrifiziert in wilden Gewässern

unlöschbar brennend im Ozean

flöße raustimmig verquere Silben

gesprächsflussabwärts

 

Falle sehenden Auges in die

Fußangeln deiner Wimpern

die nicht weinen wollen

zwinkerst mich aus deinem Blickfeld

ein ausgeriebener Fremdkörper:

Liebesmacht, blind.

 




[»Αρχαίος II«, Lorena Kirk-Giannoulis]


 



             City

 

 

Sonne rutscht über Glasschrägen,

blendet sich blind im Stahl;

horizontale Grasgräber,

an die nur vereinzelte Halme

als Unkraut verfemt

ritzenweise ankämpft.

Die asphaltene Schorfkruste

strapaziert von tonnenschwerem Verkehr

Infarkt in der Rush-Hour

eilig rast alles in den Stillstand;

und drückend, bedrückend

legt sich auf Lunge

zu Smog verbackene Peripheriefrischluft

glockenglasig über die Stadt.

Lebendig begrabene Hochhäuser

wolkenkratzen verzweifelt und stumm

am aufwallenden Dunstglockenwall.

Zufluchtssuchende Paare im Park

zwischen Frozen Yoghurt, Joggen und Yoga

verschmelzen mit dem Holzgerippe

einer initialengegerbten Bank.

Alte Bäume mitten im Großstadtdschungel,

braungeborkte Grünhoffnung

im kunstrasengrellen Plastinat,

umarmen wipfelwiegend

warmzartsuchendes Menschengetier.





[»γλυπτική III«, Lorena Kirk-Giannoulis]



Herbststraße

 

Kalt.

Schwarze Vogelsilhouetten

vor weißergrauten Wolkenleibern

leergelebtes Geäst

buntblättriger Abschied

sanft rauschen Autos

ein Hämmern nebenan

Fenstergerahmter Bleihimmel

und doch wärmt mich

in dieser zeitlosen Zeit

dein Bild.



[Aus: Boris Greff »Augenblicke und Wimpernschläge«, Treibgut Verlag, 2021; Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags]




Nachtflug

 

Unverzichtbar und doch entbehrlich;

federleicht und doch beschwerlich;

ein segensreicher Fluch;

ein seitenloses Buch:

wie mich der Alltag langsam wiederkäut,

ausspeit, auf tausend Wegen verstreut;

wär’ gern ein kühler Kiesel im Bett,

der rochierende König auf dem Schachbrett:

Ich müsst’ das hohe Gras mal wieder gründlich striegeln,

die kleine Wonne im Gefühl mal wieder entriegeln;

wie im Hula-Hoop kreisen die Planeten

kaum habe ich ihren Orbit betreten.

Du trägst an Deinem Finger Saturns hellsten Ring;

ich hielt ihn an die Sonne, bis er Feuer fing.

Beinahe ebenerdig öffnet sich nun der Sterne Pracht;

wir greifen den Kometenschweif und fliegen durch die Nacht.



[Aus: Boris Greff »Aus meinen Gedanken gerissen«, Athena Verlag, 2023; Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags]




Donnerstag, 20. Juli 2023

Bzw. ۲ ۶ ۵ [»Toccata. Es glitzert und funkelt an den Bruchstellen« (1994) für Klavier von R. A. ol-Omoum]

 


[Edvard Munch »Friedrich Nietzsche« (1906)]




Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen.

[Friedrich Nietzsche »Nachgelassene Fragmente« (1888)]




[MM »No(r)way« (2023)]



Der Wille zur Wahrheit, der uns noch zu manchem Wagnisse verführen wird, jene berühmte Wahrhaftigkeit, von der alle Philosophen bisher mit Ehrerbietung geredet haben: was für Fragen hat dieser Wille zur Wahrheit uns schon vorgelegt! Welche wunderlichen schlimmen fragwürdigen Fragen! Das ist bereits eine lange Geschichte – und doch scheint es, daß sie kaum eben angefangen hat? Was Wunder, wenn wir endlich einmal mißtrauisch werden, die Geduld verlieren, uns ungeduldig umdrehn? Daß wir von dieser Sphinx auch unsrerseits das Fragen lernen? Wer ist das eigentlich, der uns hier Fragen stellt? Was in uns will eigentlich »zur Wahrheit«? – In der Tat, wir machten lange halt vor der Frage nach der Ursache dieses Willens – bis wir, zuletzt, vor einer noch gründlicheren Frage ganz und gar stehenblieben. Wir fragten nach dem Werte dieses Willens. Gesetzt, wir wollen Wahrheit: warum nicht lieber Unwahrheit? Und Ungewißheit? Selbst Unwissenheit? – Das Problem vom Werte der Wahrheit trat vor uns hin – oder waren wirs, die vor das Problem hintraten? Wer von uns ist hier Ödipus? Wer Sphinx? Es ist ein Stelldichein, wie es scheint, von Fragen und Fragezeichen. – Und sollte mans glauben, daß es uns schließlich bedünken will, als sei das Problem noch nie bisher gestellt – als sei es von uns zum ersten Male gesehn, ins Auge gefaßt, gewagt? Denn es ist ein Wagnis dabei und vielleicht gibt es kein größeres. [Friedrich Nietzsche »Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft; Aphorismus 1« (1886)]







[R. A. ol-Omoum »Toccata« (1994)] 



Nietzsche, sehen wir heute, inaugurierte den »vierten Menschen«, von dem man jetzt so viel spricht, den Menschen mit dem »Verlust der Mitte«, die man romantisch wieder zu erwecken sucht. Der Mensch ohne moralischen und philosophischen Inhalt, der den Form- und Ausdrucksprinzipien lebt. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, der Mensch habe noch einen Inhalt oder müsse einen haben. Der Mensch hat Nahrungssorgen, Familiensorgen, Fortkommensorgen, Ehrgeiz, Neurosen, aber das ist kein Inhalt im metaphysischen Sinne mehr. Das ist nicht mehr der Animismus der frühen Stufen, der in magischer Verbundenheit mit der Natur und ihren bildenden Kräften im Menschen selber noch Kräfte und Verwandlungen bewog. Dieser beschwörende Mensch ist nicht mehr da. Es ist überhaupt kein Mensch mehr da, nur noch seine Symptome. [Gottfried Benn »Nietzsche nach 50 Jahren« (1950)]



Dienstag, 20. Juni 2023

Bzw. ۲ ۶ ۴ [»Falak« (1996) für Klavier von R. A. ol-Omoum]

 


[Paul Zenker »Les Jardins des Roses« (1942)]





عالم را نشاید که سفاهت از عامی به حلم در گذراند که هر دو طرف را زیان دارد، هیبت این کم شود و جهل آن مستحکم

[Aus: Saadi »Golestān« (1258)]




[»Falak« R. A. ol-Omoum (1996)]





 فلك

 



کارها به صبر برآید و مستعجل به سر درآید

[Aus: Saadi »Golestān« (1258)]




[Goedart Palm »Europa nach dem Regen« (2023)]





بـنـی آدم اعــضــای یکديگرند
که در آفـرينــش ز یک گوهرند
چو عضوى به درد آورد روزگار
دگر عـضـو ها را نـمـاند قـرار
تو کـز محنت دیگران بـی غمی
نـشــایـد که نـامـت نهند آدمی

[Saadi »Golestān« (1258); 1. Kapitel, Über den Weg der Könige, 10. Erzählung]