Sonntag, 20. August 2023

Bzw. ۲ ۶ ۶ [»Fünf Gedichte« von Boris Greff]

 


γλυπτική«, Lorena Kirk-Giannoulis]



Wie ein heulender Nordwind, fährt die Gegenwart über die Blüthen unsers Geistes und versengt sie im Entstehen.

[Friedrich Hölderlin »Hyperion oder der Eremit in Griechenland«, I. Band, Erstes Buch, Hyperion an Bellarmin IV (1797)]





Αρχαίος«, Lorena Kirk-Giannoulis]





Karyatiden

 

Tragende Säulen wachsen aus deiner Wirbelsäule

die ganze Gebäudedecke auf deiner Schädeldecke

Tonnenschwere Tonnengewölbe auf zartem Schulterblatt

 

Keine Pupillen, um den milchigen Himmel zu spiegeln

blutleer gehen die kammerlosen Herzschläge ins Leere

Schwesternchor aus Stein, singender Torso und Rumpf

 

Verunsterblichte Sterbliche in Skulpturenglätte,

seelenlos beseelte Tempelheiligkeit,

schürt weiter das Feuer, Vestalinnen aus Stein.

 

Heiß vergossenes Herzblut, geronnen zu Alabaster,

weichfaltenes Tuchgewand, erstarrt zu Marmor,

Infusionen aus Träumen und Tränen, immer alt und neu.






γλυπτική II«, Lorena Kirk-Giannoulis]






nicht ersichtlich

 

Unversehens fiel dein Blick auf mich

nur langsam kam ich da wieder raus

ruhte so lange auf mir

dass ich einbrach

mir das Schweigen brach

spöttische Gesichtszüge mich überrollten

 

Fallengelassene Bemerkungen

wie Laubblätter, die auf dem Strom treiben

Richtung Vergessen

in stromschneller Verdrängung

elektrifiziert in wilden Gewässern

unlöschbar brennend im Ozean

flöße raustimmig verquere Silben

gesprächsflussabwärts

 

Falle sehenden Auges in die

Fußangeln deiner Wimpern

die nicht weinen wollen

zwinkerst mich aus deinem Blickfeld

ein ausgeriebener Fremdkörper:

Liebesmacht, blind.

 




Αρχαίος II«, Lorena Kirk-Giannoulis]


 



             City

 

 

Sonne rutscht über Glasschrägen,

blendet sich blind im Stahl;

horizontale Grasgräber,

an die nur vereinzelte Halme

als Unkraut verfemt

ritzenweise ankämpft.

Die asphaltene Schorfkruste

strapaziert von tonnenschwerem Verkehr

Infarkt in der Rush-Hour

eilig rast alles in den Stillstand;

und drückend, bedrückend

legt sich auf Lunge

zu Smog verbackene Peripheriefrischluft

glockenglasig über die Stadt.

Lebendig begrabene Hochhäuser

wolkenkratzen verzweifelt und stumm

am aufwallenden Dunstglockenwall.

Zufluchtssuchende Paare im Park

zwischen Frozen Yoghurt, Joggen und Yoga

verschmelzen mit dem Holzgerippe

einer initialengegerbten Bank.

Alte Bäume mitten im Großstadtdschungel,

braungeborkte Grünhoffnung

im kunstrasengrellen Plastinat,

umarmen wipfelwiegend

warmzartsuchendes Menschengetier.





γλυπτική III«, Lorena Kirk-Giannoulis]



Herbststraße

 

Kalt.

Schwarze Vogelsilhouetten

vor weißergrauten Wolkenleibern

leergelebtes Geäst

buntblättriger Abschied

sanft rauschen Autos

ein Hämmern nebenan

Fenstergerahmter Bleihimmel

und doch wärmt mich

in dieser zeitlosen Zeit

dein Bild.



[Aus: Boris Greff »Augenblicke und Wimpernschläge«, Treibgut Verlag, 2021; Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags]




Nachtflug

 

Unverzichtbar und doch entbehrlich;

federleicht und doch beschwerlich;

ein segensreicher Fluch;

ein seitenloses Buch:

wie mich der Alltag langsam wiederkäut,

ausspeit, auf tausend Wegen verstreut;

wär’ gern ein kühler Kiesel im Bett,

der rochierende König auf dem Schachbrett:

Ich müsst’ das hohe Gras mal wieder gründlich striegeln,

die kleine Wonne im Gefühl mal wieder entriegeln;

wie im Hula-Hoop kreisen die Planeten

kaum habe ich ihren Orbit betreten.

Du trägst an Deinem Finger Saturns hellsten Ring;

ich hielt ihn an die Sonne, bis er Feuer fing.

Beinahe ebenerdig öffnet sich nun der Sterne Pracht;

wir greifen den Kometenschweif und fliegen durch die Nacht.



[Aus: Boris Greff »Aus meinen Gedanken gerissen«, Athena Verlag, 2023; Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags]




Donnerstag, 20. Juli 2023

Bzw. ۲ ۶ ۵ [»Toccata. Es glitzert und funkelt an den Bruchstellen« (1994) für Klavier von R. A. ol-Omoum]

 


[Edvard Munch »Friedrich Nietzsche« (1906)]




Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen.

[Friedrich Nietzsche »Nachgelassene Fragmente« (1888)]




[MM »No(r)way« (2023)]



Der Wille zur Wahrheit, der uns noch zu manchem Wagnisse verführen wird, jene berühmte Wahrhaftigkeit, von der alle Philosophen bisher mit Ehrerbietung geredet haben: was für Fragen hat dieser Wille zur Wahrheit uns schon vorgelegt! Welche wunderlichen schlimmen fragwürdigen Fragen! Das ist bereits eine lange Geschichte – und doch scheint es, daß sie kaum eben angefangen hat? Was Wunder, wenn wir endlich einmal mißtrauisch werden, die Geduld verlieren, uns ungeduldig umdrehn? Daß wir von dieser Sphinx auch unsrerseits das Fragen lernen? Wer ist das eigentlich, der uns hier Fragen stellt? Was in uns will eigentlich »zur Wahrheit«? – In der Tat, wir machten lange halt vor der Frage nach der Ursache dieses Willens – bis wir, zuletzt, vor einer noch gründlicheren Frage ganz und gar stehenblieben. Wir fragten nach dem Werte dieses Willens. Gesetzt, wir wollen Wahrheit: warum nicht lieber Unwahrheit? Und Ungewißheit? Selbst Unwissenheit? – Das Problem vom Werte der Wahrheit trat vor uns hin – oder waren wirs, die vor das Problem hintraten? Wer von uns ist hier Ödipus? Wer Sphinx? Es ist ein Stelldichein, wie es scheint, von Fragen und Fragezeichen. – Und sollte mans glauben, daß es uns schließlich bedünken will, als sei das Problem noch nie bisher gestellt – als sei es von uns zum ersten Male gesehn, ins Auge gefaßt, gewagt? Denn es ist ein Wagnis dabei und vielleicht gibt es kein größeres. [Friedrich Nietzsche »Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft; Aphorismus 1« (1886)]







[R. A. ol-Omoum »Toccata« (1994)] 



Nietzsche, sehen wir heute, inaugurierte den »vierten Menschen«, von dem man jetzt so viel spricht, den Menschen mit dem »Verlust der Mitte«, die man romantisch wieder zu erwecken sucht. Der Mensch ohne moralischen und philosophischen Inhalt, der den Form- und Ausdrucksprinzipien lebt. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, der Mensch habe noch einen Inhalt oder müsse einen haben. Der Mensch hat Nahrungssorgen, Familiensorgen, Fortkommensorgen, Ehrgeiz, Neurosen, aber das ist kein Inhalt im metaphysischen Sinne mehr. Das ist nicht mehr der Animismus der frühen Stufen, der in magischer Verbundenheit mit der Natur und ihren bildenden Kräften im Menschen selber noch Kräfte und Verwandlungen bewog. Dieser beschwörende Mensch ist nicht mehr da. Es ist überhaupt kein Mensch mehr da, nur noch seine Symptome. [Gottfried Benn »Nietzsche nach 50 Jahren« (1950)]



Dienstag, 20. Juni 2023

Bzw. ۲ ۶ ۴ [»Falak« (1996) für Klavier von R. A. ol-Omoum]

 


[Paul Zenker »Les Jardins des Roses« (1942)]





عالم را نشاید که سفاهت از عامی به حلم در گذراند که هر دو طرف را زیان دارد، هیبت این کم شود و جهل آن مستحکم

[Aus: Saadi »Golestān« (1258)]




[»Falak« R. A. ol-Omoum (1996)]





 فلك

 



کارها به صبر برآید و مستعجل به سر درآید

[Aus: Saadi »Golestān« (1258)]




[Goedart Palm »Europa nach dem Regen« (2023)]





بـنـی آدم اعــضــای یکديگرند
که در آفـرينــش ز یک گوهرند
چو عضوى به درد آورد روزگار
دگر عـضـو ها را نـمـاند قـرار
تو کـز محنت دیگران بـی غمی
نـشــایـد که نـامـت نهند آدمی

[Saadi »Golestān« (1258); 1. Kapitel, Über den Weg der Könige, 10. Erzählung]



Samstag, 20. Mai 2023

Z. Z. XLII [»Der Einschnitt« von Walter Graf (2022)]

 


[Goedart Palm »The Love For Three Apples« (2015)]



Souvenirs ou regrets, espérance ou désir, avenir et passé se taisaient; je ne connaissais plus de la vie que ce qu'en apportait, en emportait l'instant. [André Gide »L'Immoraliste« (1902)]




[Goedart Palm »Rosenstudie« (2017)]






Der Einschnitt



Schon als Kind wurde ich nachts von Albträumen heimgesucht. Das erste Mal, an das ich mich erinnern kann, in jenem Sommer, als ich ein paar Wochen bei Tante Rosa in Bern verbringen durfte. Noch ging ich damals nicht zur Schule.

Es war an dem Abend, als ich von meiner Tante vorzeitig ins Bett geschickt wurde, weil ich mich nach ihrer Siedfleischsuppe, auf die sie so stolz gewesen war, hatte übergeben müssen. Mir schien, als hätte sie mich für meinen Widerwillen gegen die Fettaugen, die in meinem Teller schwammen, bestrafen wollen; hatte sie dabei doch eine gehässige Bemerkung fallen lassen: „Deine Mutter kocht wohl immer nur Fertigsüppchen?“ Jedenfalls war sie so verstimmt, dass sie es ihrem Mann, Onkel Edwin, überliess, mir, um meinen Magen zu beschwichtigen, ein halbes Glas Cognac zu bringen. Ich erinnere mich, wie ich das honigfarbene Getränk tapfer, als wäre es eine Medizin, in kleinen Schlucken zu mir nahm. Mein Onkel, der es sicherlich gut mit mir gemeint hatte, war weit entfernt davon zu ahnen, was er damit heraufbeschwören sollte.

Von den Eindrücken des vergangenen Tages beunruhigt, konnte ich lange nicht einschlafen. Am Vormittag hatte ich zum ersten Mal versucht, meinen Namen zu schreiben. Unter der Anleitung meiner Tante, die es wohl für eine Zeitverschwendung hielt, bloss zum Vergnügen zu zeichnen, gelang es mir, die Buchstaben, aus denen mein Name bestand, in der richtigen Reihenfolge aufs Papier zu bringen. Als ich ihr das Ergebnis zeigte, lobte sie mich nicht, wie ich erwartet hätte, sondern fuhr mich kopfschüttelnd an, als wäre mir ein unverzeihlicher Fehler unterlaufen. Die Buchstaben, die ich aneinandergereiht hatte, stimmten zwar, aber sie schauten in die falsche Richtung. Es stellte sich heraus, dass ich Linkshänder war. Eine Entdeckung, auf die meine Tante so reagierte, als wäre dies das Zeichen einer geistigen Behinderung. Ich liess mich jedoch nicht von ihr entmutigen, ich wiederholte die Übung, bis das Ergebnis ihren Anweisungen gemäss ausfiel. Mein Zeichenblatt triumphierend in der Hand schwenkend, lief ich ihr in den Gang nach, wo sie in diesem Moment die Türe zum Badezimmer aufstiess, so dass ich einen Blick auf Onkel Edwin erhaschte, der sie aus der Badewanne anlachte, als hätte er nur auf sie gewartet.

Je dunkler es im Kinderzimmer wurde, umso deutlicher sah ich den nackten Mann wieder vor mir. Er lag im dampfenden Wasser und stiess sich im selben Augenblick, in dem seine Frau eintrat, mit einem Hüftschwung ab, um die Schaumdecke mit seinem lotrecht abstehenden Glied zu durchbrechen. Eine weisse Stange aus Fleisch. Tante Rosa kreischte auf und schlug mir die Tür vor der Nase zu.

Das Bild des männlichen Geschlechtsteils ging mir nach. Ich fragte mich, ob ich das, was meine Tante dermassen beeindruckt hatte, nicht auch hinkriegen würde. Sogar Onkel Edwin, der im Vergleich zu mir ein Riese war, hatte einmal klein angefangen. Ich machte mir also unter der Decke an meinem Zipfelchen zu schaffen, bis es sich zu regen begann. Nahm es auch nicht gerade eine solche Dimension an wie bei meinem Onkel, so handelte es sich bei dem, was ich zuwege brachte, im Prinzip doch um das Gleiche. Die Entdeckung, die ich damit machte, erfüllte mich mit Stolz; es war mir jedoch bewusst, dass ich sie vor den Erwachsenen geheim halten musste. Um seine Erregung aufrechtzuerhalten, liess ich die Hände nicht mehr von meinem Glied, bis die letzten Lichter und Laute um mich herum erstorben waren. Die Stille und die Finsternis, die als einziges zurückgeblieben waren, gemahnten mich daran, dass ich endlich hätte schlafen sollen.

Überreizt und übermüdet zugleich, begann ich schon zu träumen, bevor ich eingeschlafen war. Ich sah mich in einem Gewühl von Menschen, die aufgeregt durcheinanderredeten. Wetterleuchten am Horizont. Man führte mich zu einem Rollstuhl, um den sich die Menschenmenge gelichtet hatte. Von hinten sah ich zunächst nur die bucklige Gestalt einer Hexe, deren Kopftuch unter dem Kinn verknotet war. Als sie sich samt ihrem Rollstuhl umwandte, erkannte ich mit Schrecken meine Mutter in ihr - mit Schrecken, weil ich sie ganz anders in Erinnerung gehabt hatte. Sie hatte ein feistes Gesicht, in dem sich der zuckende Feuerschein der Fackeln, die ihre Schergen trugen, widerspiegelte. Die Hand hebend, wies sie mit ihrem gichtigen Zeigefinger auf den Scheiterhaufen, der auf dem Platz errichtet worden war, und sagte mit verkniffenem Mund: „Du wirst verbrannt!“ Schon stoben die Funken von den ersten Flammen auf, als ich von beiden Seiten gepackt wurde. Schwarzer Qualm, Lärm und Gestank… Den unerbittlichen Urteilsspruch meiner Mutter noch im Ohr, schüttelte ich mich im Bett, um den Albdruck loszuwerden.

Nun vermochte ich erst recht nicht mehr einzuschlafen. Was konnte: „Du wirst verbrannt!“ denn anderes bedeuten als: „Du kommst in die Hölle!“? Kam dies nicht einem Verdammungsurteil gleich - umso mehr, als es von meiner Mutter ausgesprochen worden war, die mich, soweit ich mich zurückerinnern konnte, doch geliebt hatte. Was immer in dieser Nacht mit mir geschehen war, ich hatte danach das unabweisbare Gefühl, nicht mehr derselbe zu sein wie davor. Es war, als würde ich fortan die Last eines Fluches mit mir herumschleppen - eines Bannfluchs, der mich aus dem Kreis der anderen verstiess.

Als ich am darauffolgenden Morgen aus dem Zimmer trat, sah ich gerade noch, wie Onkel Edwin seiner Frau statt des Kusses, mit dem er sich sonst von ihr zu verabschieden pflegte, eine Ohrfeige gab, bevor er das Haus verliess. Ob sie sich meinetwegen gestritten hatten, weil Tante Rosa mich am Vorabend dazu hatte zwingen wollen, ihre mastige Siedfleischsuppe aufzuessen? Wie dem auch sein mochte, ich konnte mir die Genugtuung, die ich insgeheim empfand, nicht verhehlen.



Mittwoch, 19. April 2023

Z. Z. XLI [»Aufregen bringt Segen VIII«]

 


[»Theobromin«]






Daimones


Für den Fall, dass einige der Dämonen, bei der letzten Zählung waren es dreizehn an der Zahl, die mir gelegentlich zusetzen, allzu aufdringlich werden, habe ich stets die Rufnummer eines Exorzisten griffbereit; meist genügt es allerdings, wenn ich mich in feierlichem Ernst mit hoch erhobenem Kopf und geschlossenen Augen in alle vier Himmelsrichtungen verneige und in scharfem Flüsterton viermal hintereinander etwa ausrufe: „Weiche von mir, Dämon der Liebe!“ Das Blinzeln ist hierbei wohlgemerkt strengstens untersagt. Um bei der Wahrheit zu bleiben, den Mentalisten habe ich bisher nie wirklich benötigt, da ich Dinge an und für sich gern selbst im Griff habe, zumal ich den Kerl ohnehin für einen Scharlatan und Halsabschneider halte. Würde ich die Spur ernsthaft verfolgen, wozu ich, offen gesagt, überhaupt keine Lust habe, erwiese sich die mir vorliegende Bankverbindung gewiss als eines dieser Offshore-Konten auf den Cayman Islands. Übrigens ist es schon eine ganze Weile her, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, spielte sich die Sache auf irgendeiner Brücke in Berlin ab, dass mir ein besorgter Passant besagte Rufnummer kommentarlos zugesteckt hatte. Offenbar erweckte ich damals den Anschein, dass ich springen wollte, und tatsächlich quälte mich seinerzeit ein geradezu fataler Liebeskummer, den ich mir, wie so oft, durch mein zügelloses Wesen selbst eingebrockt hatte. Möglicherweise, und das kommt mir erst jetzt nach all den Jahren in den Sinn, handelte es sich ja bei dem Passanten, der mir seine Anteilnahme bloß vorgegaukelt hatte, um den Exorzisten selbst, der sich auf diese Weise um Kundschaft bemühte. Dass es allerorts von Hochstaplern und Betrügern nur so wimmelt, davor hatte mich schon meine hochverehrte Großmutter im Vorschulalter gewarnt, die mir, und dies nur am Rande, auch beibrachte, wie man einen Dämon selbstständig und nachhaltig zügeln kann. Zugegebenermaßen sind dreizehn Dämonen gelegentlich recht lästig, die meisten Leute, mit denen ich zu tun hatte, plagten sich, so viel ich weiß, allerhöchstens mit zwei oder drei herum und empfanden dies schon als Qual. Manchen hatte ich den Rat gegeben, ganz im Geiste meiner Großmutter und freilich umsonst, sich am besten mit ihren Dämonen auszusöhnen oder, sofern gerade ein neuer hinzugekommen war, sich mit diesem unvermittelt anzufreunden, noch bevor er anfangen konnte, irgendwelche Mätzchen zu machen.

Häufig erwiesen sich die Biester im Laufe der Zeit als weitaus harmloser, als man vielleicht anfangs anzunehmen geneigt war. An langatmigeren Tagen, angeblich sind Weihnachtsfeiertage in besonderem Maße für derartige Rituale geeignet, rede ich den Geistern gut zu oder gebe ihnen Namen; hie und da ist es durchaus auch einmal sinnvoll, den einen oder anderen mit scharfen Worten anzuherrschen: „Benimm dich anständig, Don Alfonso!“ Im Normalfall hat man dann umgehend seine Ruhe. Der Dämon der Liebe ist allerdings, insbesondere bei älteren Herren, ein wahrer Plagegeist, dem man unter gar keinen Umständen respektvoll begegnen darf. Schon in frühester Jugend hatte ich mir angewöhnt, diesen Racker zu duzen, ganz gleich, wie verspielt oder erhaben er sich auch aufzuplustern verstand, woraus ich bis zum heutigen Tag die Lehre zog, dass falsche Scham und Ehrfurcht vor den Dämonen die Seele vergiften und allein schon aus diesem Grund wäre ich auch damals schon sicherlich niemals in die Spree gesprungen, zumal ich unter erheblicher Höhenangst leide, auch dies ein Geniestreich eines Vertreters dieser Schicksalsmächte, den ich Erdwin nenne. Den Geist der Liebe nenne ich seit kurzem kameradschaftlich Hardy und denke dabei, was ich ihn natürlich nicht wissen lasse, an Novalis. Beunruhigend, selbst für mich, wird die Sphäre des Dämonischen, wenn die für gewöhnlich männlichen Kräfte in weiblicher Gestalt als Musen auftreten; oft entpuppen sich jene ideellen Wesen nämlich schlicht als identisch mit ihren männlichen Kollegen. Mit einigen dieser im Grunde genommen herzerfrischenden Erscheinungen, deren gewöhnliche Namen im Übrigen seit rund drei Jahrtausenden dieselben geblieben sind, sollte man es sich erfahrungsgemäß keinesfalls verscherzen, da man sich sonst rasch auf irgendeiner viel zu hohen Brücke wiederfinden könnte. Das bewährteste Heilmittel, wobei hier guter Rat durchaus sehr teuer werden kann, ist bekanntermaßen die Musik, die abhängig von Dosierung und Dauer der Behandlung noch so tiefe Schürfwunden kuriert; bedauerlicherweise wird auch mit diesem Tonikum viel Schindluder getrieben.

Immer wieder suchte mich in den vergangenen Monden eine Maid in meinen Träumen heim, die sich aller griechischen Mythologie zum Trotz mit einem Antlitz eher aus dem nordafrikanischen Raum als Esmeralda zu erkennen gab, auch wenn kein Zweifel daran bestehen konnte, dass sie Erato, wie wir sie mit ihrem durchsichtigen blauen Gewand, einer Art Negligée, und dem knabenhaften Gesicht von dem antiken Fresko aus Pompeji her kennen, täuschend ähnlich sah. Sie, die Liebevolle, trug eine Brille, spielte statt auf der Harfe auf einer Rasem, und ihr Busen wirkte sehr viel voller als der auf dem Fresko, wenn auch durchaus noch nicht üppig. Als sich unsere Lippen auf dem Höhepunkt der traumhaften Begegnung beinahe berührten, fragte sie brüsk, aber nicht ohne eine gewisse Koketterie: „Wann haben Sie zum letzten Mal einen Zahnarzt aufgesucht, Wertester?“ Der Schmerz darüber, dass mich Esma, die Erhabene, wie ich sie fortan zärtlich nannte, siezte, begleitete mich bis zu unserer nächsten Begegnung.

Nur wenige Eingeweihte wissen, dass schon ein einziger Akkord auf dem Blasinstrument genügte, um nicht nur alle bösen Geister, sondern vor allem die zum Teil wohlgesonnene Schar der Musenkonkurrenz ein für allemal aus dem Verkehr zu ziehen, vorausgesetzt natürlich, man gelobt der Erhabenen, ihr und ihrem Spiel nicht mehr zu entkommen zu versuchen. „Meine Ergebenheit und Treue, o Sia“, beteuerte ich alsbald, „gehören dir allein.“

Träume brechen in der Regel jäh ab, so auch diese wahre Begebenheit; der weiche und feine Klang der Kürbismundorgel begleitet den Erzähler jedoch seitdem ohne Unterlass.



Streicherquartett


Der Kontrabass, durch und durch loyal, eröffnet den Sinnenkitzel mit einem langen Bogenstrich, dem, wenn man ihn in Worte übersetzte, und nichts anderes ist hier der Fall, der Geruch des gekauften Brotes vom Vorabend noch anhaftete. Sein Pizzicato mischt sich unter die stummen Mitwirkenden, weitere fünfzehn an der Zahl, ganz ohne Instrument, und zieht sich bis ans Ende der Komposition, den Duft frisch gezapften Weizenbiers verströmend, bis sich die Stimme der Bratsche in die gezupften Saiten des blonden Hünen mengt, zunächst kaum hörbar, nach und nach betonter, virtuos ausgeführt im Tempo des Wischens auf dem Smartphone und den Schattierungen unzähliger Netflixserien, stets taktvoll, mit gelegentlich argwöhnischem Blick auf die Violine, deren zu Gehör gebrachte Vierteltöne im Geiste der Arabeske ihr gänzlich unzugänglich sind – ein hoffnungsloser Fall im ¾-Takt der beiden Herzen, wie man sagt, am rechten Fleck. Der Einsatz des Violoncellos ist an Virtuosität, jedenfalls wenn es mit rechten Dingen zugeht, unerreichbar, ohne sich indessen in den Vordergrund drängen zu wollen, sodass stets Raum für das fortfolgende Col-legno-Spiel der Ausführenden bleibt. Im Stil knüpfen die Darbietungen des Instruments an die Tradition höfischer Musik, aber auch an die erlesensten Klänge später Romantik an, um so in vollendeter Weise Neues entstehen zu lassen. Stolz und erhaben wirken die für den unbeteiligten Außenstehenden mikrokosmischen Verzierungen der Violine, die ganz entfernt und dunkel, andeutungsweise vielleicht, teils undurchsichtig, teils zart, an eine Variation über die Mondscheinsonate erinnern mögen, bei genauerem Aufmerken und Aufhören aber den verschwommen heimatlosen Zauber der Reisenden verrät, deren Sehnsucht nach Rückkehr unstillbar bleibt, dem wandernden Stern gleich, dessen Anziehung auf seiner Unnahbarkeit beruht, was, ganz im Sinne der Komposition, allenfalls für das aus Leidenschaft mit Humor gesegnete Ohr einen tieferen sympathetischen Sinn ergibt. Sie entsprechen im gedämpften Tonfall und unnachahmlichen Klang dem universellen „Ya Rayah“ des Einwanderers sowie dem leisen Einwand des tagträumenden Mondkindes, dem man nachsagt, es wandere mit rötlichen Augen durch die Krater der Mondlandschaften, deute die Geheimnisse des Donners, umgeben von Hexen und Magiern, deren Zeit in den wenigen bewohnbaren Regionen der unwirtlichen Wälder nunmehr, entgegen vehementer Interventionen der zuständigen Bauämter, wieder gekommen zu sein scheint; es übersetze die Sprache der Farne, Moose und Pilze, zähme die Blitze, den Graupel und den Hagel, wettere wider die Götter der Technokratie, gegen die Strahlung und die Statistik, hüte den Tau, den Nebel und den Regen. Manche fürchten sein vernarbtes, verhärtetes Gesicht (Xeroderma pigmentosum), andere widmen ihm Tänze und Gesänge: „Wie schön scheint der Mond! Wirklich, wie schön!“ Trotz präzise notierter Abweichungen und Abschweifungen endet die west-östliche Komposition im Unisono als Lobgesang auf den Golestān: „Gibt es eine Rose, im Rosengarten dieser Welt, ohne Dornen?“ Da capo.




Wolga wohl gar?



Du hast im Himmel viel' Engel bei dir

Schick' doch einen davon auch zu mir.

[Bela Jenbach]




Hast du in den Medien verfolgt, dass seit Tagen die Wolga dunkelblutrot durch Moskau strömt? Ein Rätselraten sondergleichen, die CIA sei es gewesen, was allerdings auch die russische Führung heftig dementiert. Die hätten vielleicht die Nordstreamröhren gesprengt, ja, in der Ostsee. In Moskau liefen wohl auch genügend schräge Spione der USA herum, aber richtig etwas zustande gebracht hätten die doch noch nie.

Die Regierung hat nun provisorisch die Wolga mit farbigem Licht angestrahlt, herausgekommen ist dabei aber kaum etwas Vernünftiges, zumal das Phänomen ja nachts sowieso weniger auffällt. Wie überhaupt derart große Mengen Farbe und auch wo in den Fluss kämen, kann sich keiner erklären. Die Leute fangen jetzt an über Heuschrecken und Frösche zu fantasieren, was aber schon unter Strafe stehen soll. Es sind ja auch böse Scherze, und besonders erbost darüber soll der Patriarch von Moskau sein. Fehlte nur, dass jemand angesichts des Heldentods so vieler russischer Jungen beginnt von massenhaftem Sterben der Erstgeburt zu faseln. Wenn der Satz nicht mal nach hinten losgeht!

Jemand hätte also irgendeinen Farbmist in die Wolga gekippt. Verdammt, wer sich dabei erwischen lässt! Die Leute sind nämlich abergläubisch, besonders in Fragen der Religion. Was wäre die Religion ohne Aberglaube! Mein Onkel Karl Ludwig hat als Teenager mit ein paar Kumpels einen Eimer Seifenpulver bei uns im Dorf in den Springbrunnen geschüttet. Der Schaum soll weiß Gott wie weit überall rumgeflockt sein. Wobei die Leute damals fanden - oder war das bloß ich, ich meine, einen ganzen Eimer Seifenpulver einfach so verpulvern, als Gag! Oder später, das Auto, das sie zerdeppert haben, mit Vorschlaghämmern, ich glaube tatsächlich in Rüsselsheim. Das sollte Kunst sein? Die Opelaner haben sich ganz schön aufgeregt. Erstens, bau mal so einen Wagen zusammen, das sind so und so viele Arbeitsstunden! Und leisten konnte sich der Durchschnittsopelaner den Kadett mal gerade eben so. Aber Künstler haben ihre Mäzene. Die kaufen so einen Kadett wie nichts, und dann wird der zusammengedroschen, mit Vorschlaghämmern! Die Stadt erlaubt sowas, und dabei war der Kulturdezernent von der SPD. Ja, Tatsache! Der Arbeiter sollte befreit werden vom Fetisch der Wohlstandsgesellschaft. So ist es immer, wenn man von etwas befreit wird, klar, von Leuten, die schon befreit sind, Papa hat's bezahlt. Ein weißer Kadett war's, ich seh' ihn noch vor mir wie heute.

Und das geht bestimmt auch dem Putin durch den Kopf. Blut in der Wolga ist nochmal eine ganz andere Sauerei als Waschpulver im Springbrunnen im Dorf. Aber doch auch ein Dreck, schon aus Umweltsgesichtspunkten. Das machen dann solche „Aktivisten“. Da hat er schon recht, der Putin, und dafür lieben ihn auch die Leute. Auch in Russland müssen die Leute sparen, der Putin selber jetzt nicht, aber sonst schon viele. Autos zu zertrümmern ist definitiv keine Kunst, jedenfalls keine richtige, über die die Nachwelt staunt. Und die Sache mit dem Blut in der Wolga, es ist ja kein richtiges Blut, aber schon ein ziemliches Zeug, denn Tatsache, der Fluss ist seit Tagen ritzerot, also das ist auch irgendwie gegen die kleinen Leute. So wie sie jetzt in Museen Spaghetti oder sonstwas auf kostbare Gemälde schmeißen. Sollte das nun auch in Russland damit losgehen, dazu wird ein Präsident gebraucht, der durchgreift. Soll er die komplette Feuerwehr entlassen, wenn die die Wolga nicht mehr sauber kriegen. Überhaupt, irgendwo müssen die doch das Zeug permanent reinkippen. Aber das ist es ja gerade, sie finden die Stelle nicht, der ganze Fluss übelst rot, es ist nicht zu fassen!


* * *


Die Zeitungen überschlugen sich, obwohl eigentlich von Anfang an klar war, dass das schon mal nicht stimmte. Der Witz war, dass es auf seine Weise durchaus seine Wirkung erzielte. Zum Beispiel wurde ein Weiterleiten der "Nachricht" sofort unter Strafe gestellt. Und die russischen Medien überschlugen sich vor Beweisen, dass es sich hier um Fake News handelte. Das wiederum rief etliche Witzbolde auf den Plan, zum Beispiel sollen Jugendliche in irgendeinem Kaff im Ural oder weiß Gott in welcher Pampa rote Farbe in einen dörflichen Springbrunnen geschüttet haben. Das Zeug hatte die Umwälzpumpe verstopft und klumpte bald nur noch erbärmlich in dem verschrammten Becken aus irgendeiner Vorzeit. Nichtsdestotrotz fuhren sie ganz großes Geschütz auf. Ein paar bleiche, spillerige Jungen wurden in Polizeiautos gezerrt und müssen mit mittelalterlich martialischen Strafen rechnen. Irgendein Provinzgeistlicher wetterte etwas von westlicher Verwahrlosung und Schändung heiliger Symbole. Die Seelen der Jugend verrotteten  unter der Flut amerikanischer Verderbnis. Mit Stumpf und Stiel müsse ausgerottet werden, was an der gesunden Volksseele nage. Richtig in Rage hatte sich der Typ geschimpft. Eigentlich hörte ihm keiner zu, denn die dummen Jungen taten doch allen leid. Es war ein Dummerjungenstreich und nichts weiter. Gut, betete man halt für ihre armen Seelen. Vielleicht ließ sich auch bei der Polizei etwas machen, ordentlich verdienen tat man da schließlich nicht. Und die Polizisten hatten selber Kinder, und die waren auch keine Engel. Ich war ja selber dabei, damals bei dieser Aktion mit dem Seifenpulver. Mit Politik hatte das nichts zu tun, für uns jedenfalls nicht. Wir waren einfach übermütig, wenn du mich fragst. Aber das hätten wir ja nicht so genannt. Wie das eben so geht unter Jugendlichen, einer hat eine verrückte Idee, und dann schaukelt sich die Sache hoch. Einer allein hätte das Geld nicht ausgegeben für den Eimer Waschmittel. Da aber jeder etwas gab, war am Ende sogar etwas mehr da, als der blödsinnige Eimer kostete. Dash, weißer geht's nicht. Das Zeug hat am Anfang gar nicht richtig geschäumt. Weil wir auch zu zaghaft waren. Dann hat einer von hinten geschubst, und der ganze Eimer ist mit reingefallen. Den haben wir rausgefischt. Sah irgendwie nicht richtig aus mit dem schaukelnden Eimer. Und dann ging ja auch wie auf Kommando die Fontäne los. Klar, dann hat's geschäumt. Aber wie! Nicht die ganze Straße runter, wie's nachher geheißen hat, aber schon ganz ordentlich. Irgendwann, als alles schon mehr oder weniger vorbei war, ist auch die Polizei gekommen. Richtig aufgeregt haben die sich auch nicht.


Montag, 20. März 2023

Z. Z. XL [Zwei Texte aus Val Sidals »Zeit. E - Voicings« (2013)]

 


[»Die Batterie der Toten«, Václav Sochor (1866)]





re: qui em auf den Krieg

 

(Weinerlich, langsam, getragen, lautmalerisch)

 

ss-ch-w---

ei-ge-n pe-in-l-ich krieg-e k-ei-ne-n mehr hoch

 

Ref Rain:

Be-sie-gt  ver-l-ætzt  in-ten-siv sta-tion-irrt

se-di-er-t mit lie-be :

 

ss-ch-w---

ei-ne-prie-st-er ich krieg-e k-ei-ne-n hö-he-punkt

 

Ref Rain:

Be-sie-gt  ver-l-ætzt  in-ten-siv sta-tion-irrt

se-di-er-t mit lie-be :

 

ss-ch-w---

ei-ne schw-es-ter be-so-rg-t es mir mit dr-oh-ne

 

Ref Rain:

Be-sie-gt  ver-l-ætzt  in-ten-siv sta-tion-irrt

se-di-er-t mit lie-be :

 

ss-ch-m---

au-s-ge-h-au-ch-t nul-li-ni-e aus die m-aus

 

Ref Rain:

Be-sie-gt  ver-l-ætzt  in-ten-siv sta-tion-irrt

se-di-er-t mit lie-be :

 

 

 

Da segno poi coda

 

 

Co da

tränen gab es

im sonderangebot –

lach

kind!





Эшафот«, Alexander Golovin (1900)]





Schafott



Seit dem 18. Jahrhundert als Hundsklipp oder Gesteins bekannt, war die enge Düsselklamm mit neun Höhlen und zwei Wasserfällen ein landschaftliches Kleinod, das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Künstlern der Malerschule besucht und in zahlreichen Gemälden festgehalten wurde. Einer von ihnen, Der Gänselins, verbrachte viel Zeit malend am Bach.

Beseelt vom Anblick der unschuldigen Enten und Gänse und von der heilen Welt des Tals ergriffen, reinigte Der Gänselins gerade die Farbpalette, als ein Wanderer an ihn herantrat.

Der Unbekannte schaute Dem Gänselins eine Weile zu und bat ihn plötzlich, ihm zu erlauben, sich im Malen zu versuchen.

Nach einigem Zögern stimmte Der Gänselins zu und ermunterte den sonderbaren Fremden, der sich als Perückenmacher aus Leipzig ausgab, die Enten im Bach zu malen.

Der Herr Kunstmaler möge mir nicht zuschauen. Sein Schatten würde meine Augen trüben, sein Atem meine Seele betören. Auch ich zeige mein Werk, die Perücke, erst nachdem der letzte Griff getan.“

Der Gänselins entfernte sich und unternahm im kühlen Schatten der Buchen und Erlen des Tals einen ausgedehnten Spaziergang.

Inbrünstig begann der Unbekannte sein Werk.

Der Perückenmacher zog seine Schuhe aus und watete barfuß im Bach, fast so, als nehme er auf etwas im Wasser Rücksicht. Dann malte er weiter.

Als Der Gänselins zurückkam, eilte ihm der Perückenmacher sichtlich erregt entgegen, packte seinen Arm und zog und zerrte ihn zur Leinwand.

Wie findet der Herr Maler mein Werk?“ Er schaute mit glänzenden Augen den bedrängten Künstler bohrend an.

Der Gänselins hatte sich vorgenommen, das Tun des Fremden nicht allzu hart zu bewerten. Es war löblich, wenn jemand, mit den unzulänglichen Werkzeugen der menschlichen Gestaltung in der Hand, die göttliche Perfektion, die beängstigende Leichtigkeit und Flüchtigkeit der vollendeten Form einzufangen wagte, die in ewiger Harmonie, mit dem Hoffnung und Sinn spendenden, immerwährenden Werden verflochten, in der Gestalt einer Gans erstrahlte.

Beim Anblick des Werkes erschauderte er.

Das Leinentuch war durch einen dicken, dunklen Strich in ein oberes Drittel und den unteren Teil getrennt.

Oben schimmerte der Himmel in einem noch nie da gewesenen Blau. Mal sog und zog es den Betrachter in unendliche Fernen, mal strömte es ihm wärmstes Licht strahlend entgegen.

Die unteren zwei Drittel ruhten sauerstoffarm und fäulnisgrün. Der Gänselins wusste, niemand könnte totes Wasser besser malen. In der Tiefe des verdorbenen Baches, wie an unsichtbaren Fäden suspendiert, trieben tote Enten und Gänse, verschränkt und teilweise verstümmelt.

Der Perückenmacher redete nun unentwegt.

Sie haben sehr gelitten, glauben Sie es mir! Die Flut kam völlig unerwartet. Sozusagen aus heiterem Himmel.“ Er zeigte aufgeregt auf den blauen Streifen auf der Leinwand. „Die armen Tiere hatten keine Zeit sich zu retten. Riesengeschrei und Flügelflattern! Zwecklos! Dem Hunger des Wassergeistes entkommt niemand!“ Dabei zeichnete er mit dem Zeigefinger auf der grünen Fläche einen unsichtbaren Strudel und beobachtete schräg die Reaktion des Künstlers.

Der Gänselins war sprachlos.

Was soll man sagen, dachte er, wenn das, was man sein Leben lang sucht, und ahnt, wahrscheinlich nie zu finden, einem unvermittelt und in voller Größe und Kraft entgegentritt.

Alle Irrtümer und Vorurteile werden auf einen Schlag entlarvt und vernichtet. Mühelos und zweifelsfrei wird die grausame Wahrheit offenbar: „Es ist ein Meisterwerk!“

Als die erste Verblüffung durch die Gewissheit zersetzt wurde, es nie greifen, nie erreichen zu können, spürte er das erhebende Gefühl: Als blickte er auf ein fernes, von Raum und Zeit losgelöstes, jenseitiges Ufer, getrennt von dem, was ihm, Dem Gänselins, anstrebbar und zugänglich war.

Er würde sich nie wieder mit den gleichen Sinnen und Ansinnen einem Bach, einer Gans zuwenden können: Ich gehöre nun zu den Auserwählten und zugleich Verdammten, die der wahren Kunst begegnet sind – dem Genius!

Wie haben Sie das gesehen?“

Der Fremde starrte ihn an.

Sehen sie es nicht?“, staunte er.

Nein“, bekannte Der Gänselins, „ich sehe ein friedlich tänzelndes Bächlein und niedlich schwimmende Entlein.“

Das ist richtig“, nickte der Fremde, „das sieht jeder! Das ist jetzt. Ich dachte, der Künstler malt, was nur er sehen kann – das, was war, oder das, was hinter oder in dem ist, was jeder sehen kann. Und ich habe das gemalt, was kommen wird!“, protzte er mit breiter Brust.



Der Fremde zog dann weiter und hinterließ ein Vakuum, das, um Den Gänselins nicht zu vernichten, irgendwie gefüllt werden musste.

Was für ein göttlicher Irrtum, dachte er. Gott ist ein Narr, wenn er die kostbarste Gabe, die einem Menschen ermöglicht, einen Blick in die Magie der Schöpfung zu werfen, und, gewissermaßen als Beleg dafür, ihm erlaubt, unvergängliche Kunstwerke hervor zu bringen, an einen Perückenmacher verschwendet.

Die ersehnte Erleichterung des Gemüts konnte er aber mit dem Lamento nicht erfahren. Doch die quälende Leere füllte sich allmählich mit den gewöhnlichen Partikeln einer Seele in Not. Er warf einen letzten Blick auf das Bild des Fremden. Er konnte es niemandem zeigen: Keine Galerie der Welt würde es ausstellen.

Dann zerschnitt er es behutsam, als wäre er bemüht, bei der heiklen Operation so wenig Schmerzen wie möglich zu verursachen. Doch, obwohl in kleinste Schnipsel zerlegt, blieb die diabolische Kraft und finstere Magie des Tuches unversehrt. Er beschloss, alles zu verbrennen. Es für sich zu behalten, hätte bedeutet, nie wieder einen Pinsel in die Hand nehmen zu können.

Viele Jahre nach der Begegnung erfuhr Der Gänselins aus einem Brief eines Freundes vom späteren Schicksal des Perückenmachers:



Das Schaffot war mitten auf dem Markt gebaut. 54 Cürassiere von Borna hielten Ordnung um das Schaffot; das Halsgericht wurde auf dem Rathause gehalten.

Kurz vor halb 11 Uhr war der Stab gebrochen, dann kam gleich der Delinquent aus dem Rathause, Goldhorn und Hänsel gingen zur Seite und die Rathsdiener in Harnisch, Sturmhaube und Piken voran, rechts und links; die Geistlichen blieben unten am Schaffot; der Delinquent ging mit viel Ruhe allein auf das Schaffot, kniete nieder und betete laut mit viel Umstand, band sich das Halstuch selbst ab, setzte sich auf den Stuhl und rückte ihn zurecht, und schnell mit großer Geschicklichkeit hieb ihm der Scharfrichter den Kopf ab, so dass er noch auf dem breiten Schwerdte saß, bis der Scharfrichter das Schwerdt wendete und er herabfiel.

Das Blut strömte nicht hoch empor; sogleich öffnete sich eine Fallthür, wo der Körper, der noch ohne eine Bewegung gemacht zu haben auf dem Stuhl saß, hinabgestürzt wurde; sogleich war er unten in einen Sarg gelegt und mit Wache auf die Anatomie getragen.

Alsbald wurde auch schnell das Schaffot abgebrochen, und als dies geschehen war, ritten die Cürassiere fort. Die Gewölbe, die vorher alle geschlossen waren, wurden geöffnet und alles ging an seine Arbeit.

Dass vormittags keine Schule war, versteht sich.“



Es war eine gerechte Strafe, dachte Der Gänselins, denn der Perückenmacher hatte seine Geliebte getötet. Er wollte sich für geisteskrank erklären, aber in zwei Gutachten, erstellt von einem verdienstvollen Hofrat und Professor der Anatomie und Chirurgie, der ihn in je fünf Gesprächen untersucht hatte, wurde ihm Zurechnungsfähigkeit attestiert: Er sei zwar „tiefsinnig“, Stimmen hätten ihm zugerufen „spring ins Wasser“, was zu einem Suizidversuch führte. Es konnte auch festgestellt werden, dass er unter Herzjagen litt und von dem Gefühl gequält und geängstigt wurde, sein Herz würde „mit einer Nadel berührt“. Seinen Behauptungen, er würde „gezupft“ und „es“ gehe „neben ihm“, oder er habe streitende Stimmen gehört und leide unter dem Zwang, laut redend allerhand bei sich auszufechten, oder dass er unterirdisches Glockenläuten und Stimmen höre, die ihm zurufen „o, komm doch!“, und eine „Stimme“, die ihn auffordere, „stich die Frau tot!“ –, diesen Behauptungen kann kein Glauben geschenkt werden. Im Gutachten hieß es weiter: Die „drei feurigen Gesichter“ am Himmel, „Geister“ und „die Freimaurer“, die ihn verfolgten, seien zweifellos frei erfunden.

Der Gänselins wandte sich endgültig vom Bach ab und malte fortan romantische Szenen für den guten Geschmack.