[»Die
Batterie der Toten«, Václav Sochor (1866)]
re:
qui em auf den Krieg
(Weinerlich,
langsam, getragen, lautmalerisch)
☻
ss-ch-w---
ei-ge-n
pe-in-l-ich krieg-e k-ei-ne-n mehr hoch
Ref
Rain:
Be-sie-gt
ver-l-ætzt in-ten-siv sta-tion-irrt
se-di-er-t
mit lie-be :║
ss-ch-w---
ei-ne-prie-st-er
ich krieg-e k-ei-ne-n hö-he-punkt
Ref
Rain:
Be-sie-gt
ver-l-ætzt in-ten-siv sta-tion-irrt
se-di-er-t
mit lie-be :║
ss-ch-w---
ei-ne
schw-es-ter be-so-rg-t es mir mit dr-oh-ne
Ref
Rain:
Be-sie-gt
ver-l-ætzt in-ten-siv sta-tion-irrt
se-di-er-t
mit lie-be :║
ss-ch-m---
au-s-ge-h-au-ch-t
nul-li-ni-e aus die m-aus
Ref
Rain:
Be-sie-gt
ver-l-ætzt in-ten-siv sta-tion-irrt
se-di-er-t
mit lie-be :║
Da
segno poi coda
Co
da
tränen
gab es
im
sonderangebot –
lach
kind!
[»Эшафот«,
Alexander Golovin (1900)]
Schafott
Seit
dem 18. Jahrhundert als Hundsklipp oder Gesteins bekannt, war die
enge Düsselklamm mit neun Höhlen und zwei Wasserfällen ein
landschaftliches Kleinod, das in der ersten Hälfte des 19.
Jahrhunderts von Künstlern der Malerschule besucht und in
zahlreichen Gemälden festgehalten wurde. Einer von ihnen, Der
Gänselins, verbrachte viel Zeit malend am Bach.
Beseelt
vom Anblick der unschuldigen Enten und Gänse und von der heilen Welt
des Tals ergriffen, reinigte Der Gänselins gerade die Farbpalette,
als ein Wanderer an ihn herantrat.
Der
Unbekannte schaute Dem Gänselins eine Weile zu und bat ihn
plötzlich, ihm zu erlauben, sich im Malen zu versuchen.
Nach
einigem Zögern stimmte Der Gänselins zu und ermunterte den
sonderbaren Fremden, der sich als Perückenmacher aus Leipzig ausgab,
die Enten im Bach zu malen.
„Der
Herr Kunstmaler möge mir nicht zuschauen. Sein Schatten würde meine
Augen trüben, sein Atem meine Seele betören. Auch ich zeige mein
Werk, die Perücke, erst nachdem der letzte Griff getan.“
Der
Gänselins entfernte sich und unternahm im kühlen Schatten der
Buchen und Erlen des Tals einen ausgedehnten Spaziergang.
Inbrünstig
begann der Unbekannte sein Werk.
Der
Perückenmacher zog seine Schuhe aus und watete barfuß im Bach, fast
so, als nehme er auf etwas im Wasser Rücksicht. Dann malte er
weiter.
Als
Der Gänselins zurückkam, eilte ihm der Perückenmacher sichtlich
erregt entgegen, packte seinen Arm und zog und zerrte ihn zur
Leinwand.
„Wie
findet der Herr Maler mein Werk?“ Er schaute mit glänzenden Augen
den bedrängten Künstler bohrend an.
Der
Gänselins hatte sich vorgenommen, das Tun des Fremden nicht allzu
hart zu bewerten. Es war löblich, wenn jemand, mit den
unzulänglichen Werkzeugen der menschlichen Gestaltung in der Hand,
die göttliche Perfektion, die beängstigende Leichtigkeit und
Flüchtigkeit der vollendeten Form einzufangen wagte, die in ewiger
Harmonie, mit dem Hoffnung und Sinn spendenden, immerwährenden
Werden verflochten, in der Gestalt einer Gans erstrahlte.
Beim
Anblick des Werkes erschauderte er.
Das
Leinentuch war durch einen dicken, dunklen Strich in ein oberes
Drittel und den unteren Teil getrennt.
Oben
schimmerte der Himmel in einem noch nie da gewesenen Blau. Mal sog
und zog es den Betrachter in unendliche Fernen, mal strömte es ihm
wärmstes Licht strahlend entgegen.
Die
unteren zwei Drittel ruhten sauerstoffarm und fäulnisgrün. Der
Gänselins wusste, niemand könnte totes Wasser besser malen. In der
Tiefe des verdorbenen Baches, wie an unsichtbaren Fäden suspendiert,
trieben tote Enten und Gänse, verschränkt und teilweise
verstümmelt.
Der
Perückenmacher redete nun unentwegt.
„Sie
haben sehr gelitten, glauben Sie es mir! Die Flut kam völlig
unerwartet. Sozusagen aus heiterem Himmel.“ Er zeigte aufgeregt auf
den blauen Streifen auf der Leinwand. „Die armen Tiere hatten keine
Zeit sich zu retten. Riesengeschrei und Flügelflattern! Zwecklos!
Dem Hunger des Wassergeistes entkommt niemand!“ Dabei zeichnete er
mit dem Zeigefinger auf der grünen Fläche einen unsichtbaren
Strudel und beobachtete schräg die Reaktion des Künstlers.
Der
Gänselins war sprachlos.
Was
soll man sagen, dachte er, wenn das, was man sein Leben lang sucht,
und ahnt, wahrscheinlich nie zu finden, einem unvermittelt und in
voller Größe und Kraft entgegentritt.
Alle
Irrtümer und Vorurteile werden auf einen Schlag entlarvt und
vernichtet. Mühelos und zweifelsfrei wird die grausame Wahrheit
offenbar: „Es ist ein Meisterwerk!“
Als
die erste Verblüffung durch die Gewissheit zersetzt wurde, es nie
greifen, nie erreichen zu können, spürte er das erhebende Gefühl:
Als blickte er auf ein fernes, von Raum und Zeit losgelöstes,
jenseitiges Ufer, getrennt von dem, was ihm, Dem Gänselins,
anstrebbar und zugänglich war.
Er
würde sich nie wieder mit den gleichen Sinnen und Ansinnen einem
Bach, einer Gans zuwenden können: Ich gehöre nun zu den
Auserwählten und zugleich Verdammten, die der wahren Kunst begegnet
sind – dem Genius!
„Wie
haben Sie das gesehen?“
Der
Fremde starrte ihn an.
„Sehen
sie es nicht?“, staunte er.
„Nein“,
bekannte Der Gänselins, „ich sehe ein friedlich tänzelndes
Bächlein und niedlich schwimmende Entlein.“
„Das
ist richtig“, nickte der Fremde, „das sieht jeder! Das ist jetzt.
Ich dachte, der Künstler malt, was nur er sehen kann – das, was
war, oder das, was hinter oder in dem ist, was jeder sehen kann. Und
ich habe das gemalt, was kommen wird!“, protzte er mit breiter
Brust.
Der
Fremde zog dann weiter und hinterließ ein Vakuum, das, um Den
Gänselins nicht zu vernichten, irgendwie gefüllt werden musste.
Was
für ein göttlicher Irrtum, dachte er. Gott ist ein Narr, wenn er
die kostbarste Gabe, die einem Menschen ermöglicht, einen Blick in
die Magie der Schöpfung zu werfen, und, gewissermaßen als Beleg
dafür, ihm erlaubt, unvergängliche Kunstwerke hervor zu bringen, an
einen Perückenmacher verschwendet.
Die
ersehnte Erleichterung des Gemüts konnte er aber mit dem Lamento
nicht erfahren. Doch die quälende Leere füllte sich allmählich mit
den gewöhnlichen Partikeln einer Seele in Not. Er warf einen letzten
Blick auf das Bild des Fremden. Er konnte es niemandem zeigen: Keine
Galerie der Welt würde es ausstellen.
Dann
zerschnitt er es behutsam, als wäre er bemüht, bei der heiklen
Operation so wenig Schmerzen wie möglich zu verursachen. Doch,
obwohl in kleinste Schnipsel zerlegt, blieb die diabolische Kraft und
finstere Magie des Tuches unversehrt. Er beschloss, alles zu
verbrennen. Es für sich zu behalten, hätte bedeutet, nie wieder
einen Pinsel in die Hand nehmen zu können.
Viele
Jahre nach der Begegnung erfuhr Der Gänselins aus einem Brief eines
Freundes vom späteren Schicksal des Perückenmachers:
„Das
Schaffot war mitten auf dem Markt gebaut. 54 Cürassiere von Borna
hielten Ordnung um das Schaffot; das Halsgericht wurde auf dem
Rathause gehalten.
Kurz vor halb 11 Uhr war der Stab
gebrochen, dann kam gleich der Delinquent aus dem Rathause, Goldhorn
und Hänsel gingen zur Seite und die Rathsdiener in Harnisch,
Sturmhaube und Piken voran, rechts und links; die Geistlichen blieben
unten am Schaffot; der Delinquent ging mit viel Ruhe allein auf das
Schaffot, kniete nieder und betete laut mit viel Umstand, band sich
das Halstuch selbst ab, setzte sich auf den Stuhl und rückte ihn
zurecht, und schnell mit großer Geschicklichkeit hieb ihm der
Scharfrichter den Kopf ab, so dass er noch auf dem breiten Schwerdte
saß, bis der Scharfrichter das Schwerdt wendete und er herabfiel.
Das Blut strömte nicht hoch
empor; sogleich öffnete sich eine Fallthür, wo der Körper, der
noch ohne eine Bewegung gemacht zu haben auf dem Stuhl saß,
hinabgestürzt wurde; sogleich war er unten in einen Sarg gelegt und
mit Wache auf die Anatomie getragen.
Alsbald wurde auch schnell das
Schaffot abgebrochen, und als dies geschehen war, ritten die
Cürassiere fort. Die Gewölbe, die vorher alle geschlossen waren,
wurden geöffnet und alles ging an seine Arbeit.
Dass vormittags keine Schule war,
versteht sich.“
Es
war eine gerechte Strafe, dachte Der Gänselins, denn der
Perückenmacher hatte seine Geliebte getötet. Er wollte sich für
geisteskrank erklären, aber in zwei Gutachten, erstellt von einem
verdienstvollen Hofrat und Professor der Anatomie und Chirurgie, der
ihn in je fünf Gesprächen untersucht hatte, wurde ihm
Zurechnungsfähigkeit attestiert: Er sei zwar „tiefsinnig“,
Stimmen hätten ihm zugerufen „spring ins Wasser“, was zu einem
Suizidversuch führte. Es konnte auch festgestellt werden, dass er
unter Herzjagen litt und von dem Gefühl gequält und geängstigt
wurde, sein Herz würde „mit einer Nadel berührt“. Seinen
Behauptungen, er würde „gezupft“ und „es“ gehe „neben
ihm“, oder er habe streitende Stimmen gehört und leide unter dem
Zwang, laut redend allerhand bei sich auszufechten, oder dass er
unterirdisches Glockenläuten und Stimmen höre, die ihm zurufen „o,
komm doch!“, und eine „Stimme“, die ihn auffordere, „stich
die Frau tot!“ –, diesen Behauptungen kann kein Glauben geschenkt
werden. Im Gutachten hieß es weiter: Die „drei feurigen Gesichter“
am Himmel, „Geister“ und „die Freimaurer“, die ihn
verfolgten, seien zweifellos frei erfunden.
Der Gänselins wandte sich endgültig
vom Bach ab und malte fortan romantische Szenen für den guten
Geschmack.