Freitag, 19. Juni 2026

Z. Z. LXVII [»Link« von Walter Graf (2025)]

 


[Paul Delvaux »Landschaft mit Laternen« (1958)]



Es gibt keinen Mangel, der einschneidender isoliert. Der Impotente verfügt über eine innere Kraft, die seine Einmaligkeit hervorhebt, ihn unnahbar und paradoxerweise gefährlich macht: er erregt Furcht. [Emil M. Cioran »Zorn und Verzicht« (1956)]


Kann man sich eine impotente Ratte vorstellen? Den fraglichen Akt vollziehen die Nager ganz wunderbar. Dies kann man von den Menschen nicht behaupten: je mehr sie sich aus der Masse erheben, umso gravierender tritt bei ihnen dieses lebensentscheidende Gebrechen auf, das sie der Kette der Lebenden entreißt. - Die Sexualität macht uns gleich; besser: sie entwendet uns unser Geheimnis... Viel mehr als alle unsere sonstigen Bedürfnisse und Handlungen stellt sie uns auf die gleiche Stufe mit unseren Mitmenschen: je mehr wir sie praktizieren, umso mehr werden wir wie jedermann: im Vollzuge einer als tierisch geltenden Tätigkeit beweisen wir unsere Eigenschaft als Bürger: nichts ist so öffentlich wie der Sexualakt. [Emil M. Cioran »Zorn und Verzicht« (1956)]




[Paul Delvaux »Promenade La Nuit« (1958)]



Seine Einsamkeit werden wir ihm niemals verzeihen: sie demütigt uns ebenso sehr, wie sie uns anwidert; sie provoziert uns. [Emil M. Cioran »Zorn und Verzicht« (1956)]



Link



Noch im selben August, in dem ich Roswitha aufgesucht hatte, rief ich Willi Link an. Ich hatte mich bisher wohlweislich nie zuvor alleine mit ihm getroffen, nur immer in Begleitung meines ehemaligen Mitschülers Rolf Hilpert. Das letzte Mal, dies war schon drei oder vier Jahre her, war noch Rolfs Freundin Delphine dabei gewesen. Willi Link hatte uns in seinem Wohnzimmer übernachten lassen; er wohnte damals bereits in einer Neubausiedlung am Greifensee. War es nicht seltsam, dass wir trotz allem, was wir über ihn wussten, den Kontakt mit ihm aufrechterhielten?

Ich verabredete mich mit Link auf den Freitagabend in Nänikon. Er holte mich am Bahnhof ab. Obwohl er sieben Jahre älter als ich sein musste, sah man den Altersunterschied zwischen uns nicht mehr, da ich im Gegensatz zu ihm keine Langhaarfrisur mehr hatte; zudem war ich grösser als er. Notfalls hätte ich mich leicht gegen ihn zur Wehr setzen können. Link war ein Päderast, der als Halbwüchsiger in eine katholische Erziehungsanstalt gekommen war, weil er Kinder verführt und missbraucht hatte. Ich war aus dem Alter heraus, in dem ich noch etwas von ihm zu befürchten gehabt hätte. Als mein Schulfreund Rolf mich ihm vorgestellt hatte, waren wir höchstens elf gewesen.

Wir gingen unweit des Bahnhofs, der zwischen dem Dorf Nänikon und dem Städtchen Greifensee lag, in ein italienisches Restaurant. Link erzählte mir beim Abendessen von seiner Arbeit bei einem Bildhauer, der hauptsächlich mit Grabsteinen beauftragt wurde. Mehr rauchend als trinkend, machte er dennoch einen vergnügten Eindruck. Der warme Blick seiner feuchten Augen machte mich etwas verlegen; auch seine Stimme war voller Wärme. Plötzlich unterbrach er sich und sagte: «Du bist so ruhig.» Ja, das war ich. Was hätte ich dazu sagen sollen? Ich erzählte ihm von unserem gemeinsamen Bekannten Rolf Hilpert, der kürzlich nach Südamerika ausgewandert war. Aus seiner Antwort war herauszuhören, dass er ihm nicht mehr sonderlich nahestand, weil er es an «geistigen Interessen» fehlen liess. Rolf interessierte sich weder für Kunst noch für Literatur, erst recht nicht für Philosophie. Nun, dann weiss ich ja, womit man bei dir punkten kann, dachte ich.

Nach dem Essen, das nicht schlecht gewesen war, machten wir uns auf den Weg in die Neubausiedlung, in der er wohnte. Da die Häuser, zwischen denen wir hindurch gingen, einander alle gleichsahen, hätte ich mich allein schwerlich zurechtgefunden. Der See war nirgends in Sicht. Link war wohl der Einzige in dieser Gegend, der kein Auto besass. Ich folgte ihm in ein Treppenhaus, wo wir den Lift in den dritten Stock nahmen. Seine Wohnung kannte ich bereits; als ich vor drei oder vier Jahren mit Rolf und Delphine hier gewesen war, hatte er sie uns als «Luxuswohnung» gepriesen. Ich rang mir also ein paar bewundernde Bemerkungen ab. Am luxuriösesten mutete mir das Badezimmer an. Im Wohnzimmer inspizierte ich erst sein Büchergestell, bevor ich mich zu ihm aufs Sofa setzte. Er hatte immer noch dieselben Bücher wie früher, als er noch bei seinen Eltern wohnte. Als Novität war lediglich Hubert Fichtes «Versuch über die Pubertät» hinzugekommen – immerhin.

Im Sofa sitzend, setzten wir unsere Unterhaltung fort, während im Hintergrund Modernjazz lief. Willi erzählte mir von dem Jesuitenpater, der ihn in der Anstalt betreut hatte; er musste inzwischen ein alter Mann sein. Der Pater, der ihn immer gefördert hatte, stand noch in Verbindung mit ihm; mitunter kam er ihn sogar besuchen. Bei seinem letzten Besuch rief er, als Willi ihm seine neuen Bilder zeigte, begeistert: «Du bist ein Genie!» Ich erinnerte mich wieder daran, dass schon Rolf mir gesagt hatte, Link sei ein Genie. Ein Alleskönner, der zum Zeichnen, Schreiben und Musizieren gleichermassen begabt sei. Er brauche nur ein Instrument zur Hand zu nehmen, und alsbald könne er ihm eine Melodie entlocken. Hatte er nicht am Schulsilvester jeweils mit ein paar Kollegen zusammen in einer Band gespielt? Später, als Rolf und ich in der Schriftsetzerlehre waren, wollte Link die Matura nachholen, um studieren zu können. Daraus wurde jedoch nichts; es wurde nichts als ein Hilfsarbeiter aus ihm, so wie auch aus mir.

Er liess sich nicht lange bitten, mir seine Bilder zu zeigen. Er brachte einen ganzen Stapel von Gemälden aus seinem Schlafzimmer, von denen er eines nach dem anderen an den Fernseher lehnte, damit ich sie in aller Ruhe besichtigen konnte. Nicht unbeeindruckt, gab ich ein paar Laute der Bewunderung von mir. Es handelte sich vorwiegend um surrealistische Bilder in beinahe klassizistischer Manier. Man sah menschliche Figuren nackt zwischen Marmorsäulen antiker Tempel wandeln. Lieber als nackte Männer hätte ich zwar nackte Frauen gesehen, so wie bei Paul Delvaux, dem Link auch sonst nicht das Wasser zu reichen vermochte; aber für jemanden wie ihn, einen, der wie ich am Dreispitz aufgewachsen war, schienen mir diese Bilder durchaus beachtenswert zu sein. Nachdem ich ihm meine Achtung hinreichend bekundet hatte, las er mir noch ein Gedicht, das er selbst verfasst hatte, vor:  «An den Sonnenjüngling». Das Pathos, mit dem er es vortrug, wäre vielleicht angemessen gewesen, hätte er in seiner Hymne einen griechischen Gott besungen. Doch wer war mit diesem «holden Sonnenjüngling» gemeint, wenn nicht wieder irgendein Strichjunge?

Leider gab es in der ganzen Wohnung meines Gastgebers nichts zu saufen. Unter diesen Umständen bestand kein Grund für mich, den Abend zu überziehen. Und Willi, der gearbeitet haben musste, war wohl auch froh, wenn es nicht allzu spät wurde. Er gab mir die Abfahrtszeit des nächsten Zuges, der nach Oerlikon fuhr, an und verabschiedete sich mit einem warmen Händedruck. Draussen war inzwischen die Nacht hereingebrochen. Wenn man vom Greifensee auch nichts sah, so roch man ihn doch wenigstens. (Ein Geruch, der mir umso vertrauter war, als ich an der Glatt, dem Abfluss des Sees, aufgewachsen war.) Als hätte ich vorausgeahnt, dass ich innert anderthalb Stunden auf demselben Weg zu Link zurückkehren würde, prägte ich mir die Lage der Häuser und die Strassennamen bewusst ein.

Das Restaurant, in dem wir zu Abend gegessen hatten, war noch offen. Ich bestellte ein Fläschchen Spezialbier und schaute auf die Uhr. Wenn ich statt dem nächsten erst den übernächsten Zug nahm, konnte ich noch ein weiteres Fläschchen trinken. Nun, nach dem Gespräch mit Willi Link, bei dem er rückhaltlos offen gewesen war, wurde mir klar, dass er sich nicht mehr an den Anfang unserer Bekanntschaft erinnerte. Er wusste nicht mehr, dass ich einer der kleinen Jungen gewesen war, an denen er sich vor zehn Jahren vergangen hatte. Es war der kleine Rolfli gewesen, der Nachbarsjunge, der mich ihm zugeführt hatte. Ja, die Familien Links und Hilperts wohnten unmittelbar nebeneinander. Mein Schulkamerad, der längst von ihm abgerichtet worden war, griff ihm, als wir zu dritt in seinem Zimmer waren, vertraulich in den Schritt und fragte: «Ist er schon hart?» Dann liess er mich allein mit ihm.

Willi hatte heute so mit mir geredet, als wäre nie etwas gewesen zwischen uns. Dabei hätte meine Entwicklung ohne ihn einen ganz anderen Verlauf nehmen können – einen normalen Verlauf. Auch wenn jener Zwischenfall damals mich nicht aus der Bahn warf, so gab er meinem Leben doch eine Wendung, die nicht vorgesehen war. Die Frage war nur, ob ich Link deswegen böse oder dankbar hätte sein sollen. Ich neigte eher zur Dankbarkeit, weil ich nicht viel Wert darauf legte, so wie jedermann zu sein. Seit meinen Besuchen bei Roswitha zweifelte ich allerdings ein bisschen an mir selbst: Was war ich denn nun eigentlich, hetero-, homo-, bi- oder asexuell? Andere in meinem Alter waren schon lange nicht mehr unbeweibt; sie brauchten sich nicht mit solch einem lächerlichen Problem herumzuschlagen.

Noch bevor ich ausgetrunken hatte, kam der Kellner an meinen Tisch und kassierte ein. Offenbar war ich der letzte Gast. Als ich das Restaurant verliess, wurde es geschlossen. Vor dem Fahrplan stehend, sah ich erst, dass der Zug, den ich ausgelassen hatte, der letzte gewesen wäre. Einzig am Sonnabend fuhren die Züge bis Mitternacht. Ich trat in die Telefonkabine, um Willi anzurufen. Er erklärte sich bereit, mich bei sich übernachten zu lassen. Denselben Weg zwischen Äckern und Feldern hindurch zurück zu den Häusern der Neubausiedlung.

Es schien, als wäre Willi, als ich klingelte, drauf und dran gewesen, vor dem Fernseher einzunicken. Leicht verstimmt wirkend, reichte er mir ein Kissen und eine Wolldecke. Ich hatte ihm am Telefon versichert, dass ich seine Gastfreundschaft nicht strapazieren wollte und zufrieden wäre, wenn ich mich auf dem Fussboden ausstrecken könnte. Er selbst legte sich, da er sein Schlafzimmer als Atelier benutzte, auf das Sofa, dessen Matratze er bereits herausgezogen hatte. Hatte ich nicht schon vor drei, vier Jahren, als ich mit Rolf und Delphine hier gewesen war, auf dem Spannteppich geschlafen?

Ich blätterte, bis Willi das Licht löschte, noch etwas in Hubert Fichtes neuem Buch; dann liess ich meinen Kopf auf das Kissen sinken. Die Kleider, die ich ausgezogen hatte, lagen in Reichweite auf einem Sessel. Wie immer, wenn ich nicht im eigenen Bett lag, hatte ich einen leichten Schlaf. Trotzdem musste ich eine Zeit lang weggewesen sein. An den Traum, den ich hatte, erinnere ich mich nicht mehr. Ich weiss nur noch, dass ich mitten in der Nacht, von einem heftigen Orgasmus durchgeschüttelt, aufschrak. So angestrengt ich auch horchte, ich vernahm keinen verdächtigen Laut in der Dunkelheit. Nachdem ich mich beruhigt hatte, legte ich mir meine Kleider über den Arm und tappte damit lautlos ins Badezimmer. Dort schloss ich mich ein und machte das Licht an. Meine Unterhose warf ich ins Lavabo, um sie auszuwaschen, sobald ich geduscht hatte. Danach stieg ich in meine Jeans und versteckte die Unterhose, die ich ausgewrungen hatte, für einstweilen. In der Hoffnung, nochmals einschlafen zu können, legte ich mich wieder hin.

Was war in dieser Nacht bloss geschehen? Dass mir ausgerechnet unter Voraussetzungen wie diesen ein Schuss abgehen würde, hätte ich nie für möglich gehalten. Ich hütete mich jedoch, daraus voreilige Schlüsse zu ziehen. Was bewies die Tatsache schon, dass ich bei einem Schwulen, der im selben Raum schlief wie ich, ejakuliert hatte? Vielleicht hatte er in dem Moment, wo mir dies passiert war, einfach zu lebhaft an mich gedacht? Es war ja nicht undenkbar, dass er auf telepathischem Weg einen Samenerguss bei mir auslöste, indem er sich in seinem Bett auf mich konzentrierte. Bedauerlich war nur, dass es dazu nicht bei Roswitha gekommen war. Bei ihr hätte man ein solches Vorkommnis noch zu meinen Gunsten auslegen können.

Am nächsten Morgen war Willi Link wieder gut gelaunt, wie am Vorabend. Er brachte zwei Tassen Kaffee aus der Küche herein und setzte sich, noch in der Unterwäsche, zu mir auf den Fussboden. Wenn er von der Verlegenheit, in die ich nachts geraten war, etwas mitbekommen hatte, liess er sich nichts davon anmerken. An seine gestrigen Ausführungen anknüpfend, sprang er auf und holte einen Stapel von Poesie- und Fotoalben aus dem Atelier, die ausschliesslich seinen Sonnenjünglingen gewidmet waren. Im Schneidersitz am Boden hockend, blätterte er die Alben der Reihe nach durch und wies mich auf die besonderen Vorzüge seiner verflossenen Liebschaften hin, wobei diese, je öfter er sie fotografiert hatte, umso weniger Kleider am Leib trugen – am Schluss waren sie jeweils zur Gänze nackt. Ich liess seine Schwärmereien, verständnisvoll nickend, über mich ergehen, ohne seine Begeisterung nachvollziehen zu können. Die Idealisierung von Knabengestalten war mir zwar nicht neu, hatte ich doch Stefan Georges Huldigungen an Maximin auch gelesen; aber sie liess mich kalt. Während Link sich wieder in Feuer redete, schöpfte ich insgeheim den Verdacht, dass er mich zur Knabenliebe zu bekehren versuchte. Umsonst. Was immer sich in seiner Unterhose, in der er mit gespreizten Beinen vor mir sass, auch regen mochte, es interessierte mich nicht im Geringsten.

Nachdem ich meinen Kaffee ausgetrunken hatte, begab ich mich auf den Heimweg. Auf den Regionalzug wartend, fragte ich mich, ob ein heterosexueller Mann wohl auch nichts anderes als Mädchen im Kopf hatte. Wo käme man denn da hin? Das war doch kein Lebensinhalt – oder? Ich sah jedenfalls nicht ein, was Willis Schwanzbesessenheit mit «geistigen Interessen» hätte zu tun haben sollen. Mag sein, dachte ich, dass ich ein trockener Knochen bin – zu trocken für menschliche Leidenschaften.

Nach den Achtzigerjahren, welche die Aids-Welle mit sich gebracht hatten, hörte man nichts mehr von Link. Über meinen denkwürdigen Besuch bei ihm habe ich nie jemandem etwas gesagt.



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