Dienstag, 10. November 2020

Bzw. ۲ ۴ ۷ [»Muzică de dans - Selected Piano Pieces in an Ancient Style II« (1992/93) by R. A. ol-Omoum]

 


["Danse Macabre II", Suria Kassimi]


Wo immer der Tanzende mit dem Fuß auftritt, da entspringt dem Staub ein Quell des Lebens. 

[Dschalal ad-Din Muhammad Rumi]




["Klavierstück I"]



Mein Tanzlied


Aus mir braust finstre Tanzmusik,

Meine Seele kracht in tausend Stücken;

Der Teufel holt sich mein Mißgeschick,

Um es ans brandige Herz zu drücken.


Die Rosen fliegen mir aus dem Haar

Und mein Leben saust nach allen Seiten,

So tanz ich schon seit tausend Jahr,

Seit meiner ersten Ewigkeiten.

[Else Lasker-Schüler]




["Danse Macabre III", Suria Kassimi]



Die Guten gehn im gleichen Schritt.

Ohne von ihnen zu wissen, tanzen die anderen um sie die Tänze der Zeit.

[Franz Kafka]







["Klavierstück XII"]



The desires of the heart are as crooked as corkscrews

Not to be born is the best for man

The second best is a formal order

The dance's pattern, dance while you can.

Dance, dance, for the figure is easy

The tune is catching and will not stop

Dance till the stars come down from the rafters

Dance, dance, dance till you drop.

[W. H. Auden]





["Klavierstück VIII"]



Nur im Tanze weiß ich der höchsten Dinge Gleichnis zu reden.

[Friedrich Nietzsche]




["Danse Macabre I", Suria Kassimi]



I have only danced my life. As a child I danced the spontaneous joy of growing things. As an adolescent, I danced with joy turning to apprehension of the first realisation of tragic undercurrents; apprehension of the pitiless brutality and crushing progress of life. [Isadora Duncan]





["Klavierstück V"]


I hope that schools have changed since I was a little girl. My memory of the teaching of the public schools is that it showed the brutal incomprehension of children. [Isadora Duncan]





I believe that we learn by practice. Whether it means to learn to dance by practicing dancing or to learn to live by practicing living, the principles are the same. In each, it is the performance of a dedicated precise set of acts, physical or intellectual, from which comes shape of achievement, a sense of one's being, a satisfaction of spirit. One becomes, in some area, an athlete of God. Practice means to perform, over and over again in the face of all obstacles, some act of vision, of faith, of desire. Practice is a means of inviting the perfection desired. [Martha Graham]



Dienstag, 20. Oktober 2020

Bzw. ۲ ۴ ۶ [»Unter der Asche« für Violoncello und Klavier (1994), R. A. ol-Omoum]

 


["Angelus Novus", Paul Klee (1920)]

Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm. [Walter Benjamin »Über den Begriff der Geschichte, These IX« (1940)]

Verbrennen musst du dich wollen in deiner eignen Flamme: wie wolltest du neu werden, wenn du nicht erst Asche geworden bist! [Friedrich Nietzsche »Also sprach Zarathustra« (1885)]



["Simurgh"]


Einen Vogel gibt es, der selbst sich erzeugt und erneuert.

Phoenix nennt der Assyrier ihn. Er lebt nicht von Frucht und

Kräutern, sondern von Zähren des Weihrauchs, vom Saft des Amomum.

Hat seines Lebens fünf Jahrhunderte dieser erfüllt, dann

baut er sich selbst mit den Klaun und dem reinen Schnabel ein Nest im

Eichengezweig oder auch im Wipfel der schwankenden Palme.

Hat er Casia dort und die Ähren der schmiegsamen Narde,

gelbliche Myrrhe dazu und gestoßenen Zimt unterbreitet,

bettet er selbst sich darauf und endet in Düften sein Leben.

Hier, so sagt man, entsteht aus dem Leibe des Vaters ein kleiner

Phoenix, dem ebensoviel an Jahren zu leben bestimmt ist.

Hat sein Alter dem die Kraft es zu tragen verliehen,

löst er des hohen Baumes Gezweig von der Last seines Nestes,

trägt seine Wiege – und das Grab seines Vaters – er fromm, und

wenn durch die flüchtige Luft er die Stadt Hyperions erreicht hat,

legt er am heiligen Tor des Sonnentempels es nieder.


[Publius Ovidius Naso »Metamorphosen«, Buch XV, V. 392 – 407 (8 n. Chr.)

in der Übertragung von Erich Rösch]



["Benu"]


Noch einen heiligen Vogel gibt es, der heißt Phoinix. Ich habe ihn nur abgebildet gesehen, denn er kommt selten nach Ägypten, in Heliopolis sagt man, nur alle fünfhundert Jahre. Er soll nur dann kommen, wenn sein Vater gestorben ist. Wenn das Bild richtig ist, sieht er folgendermaßen aus. Sein Gefieder ist teils golden, teils ganz rot. In Bau und Größe gleicht er am meisten dem Adler. Von seinem Tun erzählt man folgendes, was mir aber nicht glaubhaft scheint. Er komme aus Arabien hergeflogen und bringe die Leiche seines Vaters, in Myrrhen gehüllt, in den Tempel des Helios, wo er sie begrabe. Er trage den Leichnam folgendermaßen. Zunächst forme er ein Ei aus Myrrhen, so groß er es tragen könne, und versuche es aufzuheben. Wenn er es erprobt, höhle er das Ei aus und lege die Leiche des Vaters hinein. Die Stelle, wo er das Ei ausgehöhlt und den Vater hineingelegt, klebe er dann wieder mit Myrrhen zu, und das Ei sei nun ebenso schwer wie vorher. Und nun trage er es nach Ägypten in den Tempel des Helios. So erzählt man von diesem Vogel. [Herodot »Historien II, 73« (5. Jahrhundert v. Chr.)]

Unsere Leidenschaften sind wahre Phönixe. Wie der alte verbrennt, steigt der neue sogleich wieder aus der Asche hervor. [Johann Wolfgang von Goethe »Die Wahlverwandtschaften« (1809)]




["Unter der Asche", R. A. ol-Omoum (1994)]



Das grösste Schwergewicht. – Wie, wenn dir eines Tages oder Nachts, ein Dämon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sagte: ‚Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und Seufzer und alles unsäglich Kleine und Grosse deines Lebens muss dir wiederkommen, und Alles in der selben Reihe und Folge – und ebenso diese Spinne und dieses Mondlicht zwischen den Bäumen, und ebenso dieser Augenblick und ich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht – und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!‘ – Würdest du dich nicht niederwerfen und mit den Zähnen knirschen und den Dämon verfluchen, der so redete? Oder hast du einmal einen ungeheuren Augenblick erlebt, wo du ihm antworten würdest: ‚du bist ein Gott und nie hörte ich Göttlicheres!‘ Wenn jener Gedanke über dich Gewalt bekäme, er würde dich, wie du bist, verwandeln und vielleicht zermalmen; die Frage bei Allem und Jedem ‚willst du diess noch einmal und noch unzählige Male?‘ würde als das grösste Schwergewicht auf deinem Handeln liegen! Oder wie müsstest du dir selber und dem Leben gut werden, um nach Nichts mehr zu verlangen, als nach dieser letzten ewigen Bestätigung und Besiegelung? [Friedrich Nietzsche, »Die fröhliche Wissenschaft IV, Aph. 341« (1882/1887)]




["Phönix" (12. Jahrhundert)]


There was a silly damn bird called a phoenix back before Christ, every few hundred years he built a pyre and burnt himself up. He must have been the first cousin to Man. But every time he burnt himself up he sprang out of the ashes, he got himself born all over again. And it looks like we're doing the same thing, over and over, but we're got on damn thing the phoenix never had. We know the damn silly thing we just did. We know all the damn silly things we've done for a thousand years and as long as we know that and always have it around where we can see it, someday we'll stop making the goddamn funeral pyres and jumping in the middle of them. We pick up a few more people that remember every generation. [Ray Bradbury »Fahrenheit 451« (1953)]



Samstag, 10. Oktober 2020

Bzw. ۲ ۴ ۵ [»Rastlose Liebe (nach Johann Wolfgang von Goethe)« für Sopranstimme, Kontrabass und Klavier (1994) von R. A. ol-Omoum]

 


["Small Trials", Lorena Kirk-Giannoulis (2020)]



Unsere Wünsche sind Vorgefühle der Fähigkeiten, die in uns liegen, Vorboten desjenigen, was wir zu leisten imstande sein werden. Was wir können und möchten, stellt sich unserer Einbildungskraft außer uns und in der Zukunft dar; wir fühlen eine Sehnsucht nach dem, was wir schon im Stillen besitzen. So verwandelt ein leidenschaftliches Vorausgreifen das wahrhaft Mögliche in ein erträumtes Wirkliches. [Johann Wolfgang von Goethe »Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit; Band 2« (1811 – 1812)]




["Pegasus", Lorena Kirk-Giannoulis (2020)]


Rastlose Liebe


Dem Schnee, dem Regen,
Dem Wind entgegen,
Im Dampf der Klüfte,
Durch Nebeldüfte,
Immer zu! Immer zu!
Ohne Rast und Ruh!

Lieber durch Leiden
Möcht ich mich schlagen,
Als so viel Freuden
Des Lebens ertragen.
Alle das Neigen
Von Herzen zu Herzen,
Ach, wie so eigen
Schaffet das Schmerzen!

Wie soll ich fliehen?
Wälderwärts ziehen?
Alles vergebens!
Krone des Lebens,
Glück ohne Ruh,
Liebe, bist du!


[Johann Wolfgang von Goethe (1776)]








Freiwillige Abhängigkeit ist der schönste Zustand, und wie wäre der möglich ohne Liebe! [Johann Wolfgang von Goethe »Die Wahlverwandtschaften« (1809)]

Die Welt ist so leer, wenn man nur Berge, Flüsse und Städte darin denkt, aber hie und da jemand zu wissen, der mit uns übereinstimmt, mit dem wir auch stillschweigend fortleben: Das macht uns dieses Erdenrund erst zu einem bewohnten Garten. [Johann Wolfgang von Goethe »Wilhelm Meisters Lehrjahre« (1796)]




["Playing With My Painting", Lorena Kirk-Giannoulis (2020)]


Der Aberglaube gehört zum Wesen des Menschen und flüchtet sich, wenn man ihn ganz und gar zu verdrängen denkt, in die wunderlichsten Ecken und Winkel, von wo er auf einmal, wenn er einigermaßen sicher zu sein glaubt, wieder hervortritt. [Johann Wolfgang von Goethe »Wilhelm Meisters Wanderjahre« (1829)]



["Goethe in der Campagna", Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1786)]


Die allgemeine, die natürliche Religion bedarf eigentlich keines Glaubens: denn die Überzeugung, daß ein großes, hervorbringendes, ordnendes und leitendes Wesen sich gleichsam hinter der Natur verberge, um sich uns faßlich zu machen, eine solche Überzeugung dringt sich einem jeden auf; ja wenn er auch den Faden derselben, der ihn durchs Leben führt, manchmal fahren ließe, so wird er ihn doch gleich und überall wieder aufnehmen können. Ganz anders verhält sich's mit der besondern Religion, die uns verkündigt, daß jenes große Wesen sich eines Einzelnen, eines Stammes, eines Volkes, einer Landschaft entschieden und vorzüglich annehme. Diese Religion ist auf den Glauben gegründet, der unerschütterlich sein muß, wenn er nicht sogleich von Grund aus zerstört werden soll. Jeder Zweifel gegen eine solche Religion ist ihr tödlich. Zur Überzeugung kann man zurückkehren, aber nicht zum Glauben. [Johann Wolfgang von Goethe »Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit; Band 1« (1811)]


Sonntag, 20. September 2020

Z. Z. X [»Nervensegen I« (2020)]



["Johannes der Täufer in der Wildnis", Hieronymus Bosch (um 1482)]


Als nun der ganze Leib der Natur in der Räumlichkeit dieser Welt gleichwie im harten Tode erstarret war und doch das Leben darinnen verborgen war, so bewegete Gott den ganzen Leib der Natur dieser Welt am vierten Tage und gebar aus der Natur aus dem aufgegangenen Lichte die Sternen. Denn das Rad der Geburt Gottes bewegete sich wieder, wie es von Ewigkeit getan hatte. [Jakob Böhme »Aurora oder Morgenröte im Aufgang« (1612)]

Einer staunte darüber, wie leicht er den Weg der Ewigkeit ging; er raste ihn nämlich abwärts. [Franz Kafka »Die Zürauer Aphorismen« (1917/18)]

Der Begriff der Ewigkeit ist für uns unfaßbar, weil wir zu ihrer Beurteilung nur die Zeit haben, welche ein endlicher Begriff ist. Ob wir zu der Ewigkeit eine Minute oder eine Million Jahrhunderte hinzutun oder davon hinwegtun, ist gleichgültig, denn es bleibt immer Ewigkeit. [Otto von Corvin »Der Pfaffenspiegel« (1845)]



["Hl. Johannes der Evangelist", Jacopo da Pontormo (1525)]




Präpositionalpredigten (Pfarrersprech)

Gott sei vor dir, wenn du den Weg nicht weißt, Gott sei neben dir, wenn du unsicher bist, Gott sei über dir, wenn du Schutz brauchst, Gott sei in dir, wenn du dich fürchtest. Gott sei um dich wie ein Mantel, der dich wärmt und umhüllt.
Einen Mantel, Herrgott nochmal, zieht doch heutzutage kein Mensch mehr an. Versuch bloß auch mal einer im Mantel ins Auto einzusteigen! Das Auto steht in der geheizten Garage, meins jedenfalls, oder du heizt es dir vor, wenn's denn partout nochmal draußen stehen musste. Wozu gibt's intelligente Technik? Wer den lieben Gott schon braucht, weil's kalt ist, was macht der denn, wenn's wirklich mal'n Problem gibt?
Schutz braucht man, das ist Alltag. Ich sag nur Datensicherheit, überhaupt Sicherheit. Das A und O: rechtzeitig drum kümmern und dran bleiben. Versicherung, zum Teil ja auch unvermeidlich, Beispiel Auto, oder Kredit. Meine Meinung: hinter dir muss etwas stehen, nicht über dir. Das tun sie noch genug, die Versicherungsfritzen, regelrechte Akrobaten vom Kleingedruckten.
Ich sag', auskennen muss man sich. Unsicher sind besser die andern. Alles ein Poker. Die Wimper soll mir erst noch wachsen, wo ich damit zucke! 
Und vorne, mal ehrlich, bin ich am liebsten selber. Der Weg entsteht beim Gehen. Oder gleich Google Maps. Was anderes haben die andern auch nicht. Was heißt da, den Weg nicht wissen? Wege weiß man, oder es sind keine.


Alliterationspredigt (Pfarrersprech II)

Mögen die Regentropfen sanft auf dein Haupt fallen. Möge der weiche Wind deinen Geist beleben. Möge der sanfte Sonnenschein dein Herz erleuchten. Mögen die Lasten des Tages leicht auf dir liegen.
Wer nicht schwer heben kann, der soll verdammt nochmal die Finger von allem lassen, was besser jüngere Leute schleppen. Die wissen noch gar nichts von einem Rücken und sollen sich gern wichtig machen mit etwas so Lächerlichem wie Körperkraft! Bloß Ablenkung von dem, was wirklich schwer ist!
Und dann vor allem Licht, und zwar gutes! Wenn man ein Problem überhaupt erst mal sieht, ist es meist schon keins mehr. Das hebt die Stimmung! Komm mir einer mit "Depressionen"! Der Grund ist: der kann nichts. Wer was kann, der ist nicht mies drauf, warum auch? Was anderes ist Ärger. Es gibt ja kaum jemanden, über den man sich nicht ärgert. Schon dass einem ständig einer im Weg steht! Aber, sag ich, Arsch zusammenkneifen und durch die Zähne pfeifen: Hab' Sonne im Herzen.
Wind, auch so'n Problem. Draußen kannst du praktisch nichts hinlegen, was nicht demnächst irgendwie rumflattert. Schon Zeitunglesen draußen ist eigentlich eine Qual. Und regnen tut's ja sowieso fast immer.


Die Denunzianten (Der Erzählung erster Teil)

Wer sich die Sache mit der Parkzeitbegrenzung auf dem Parkplatz auf einem Abrissgrundstück überlegt hatte, war nicht bekannt. Eigentlich wurde der Parkplatz an dieser beliebigen Stelle der Durchgangsstraße in the middle of nowhere des recht abgeliebten Dorfes auch gar nicht gebraucht. Hier parkte der eine oder andere Anwohner oder auch ein Besucher, meistens gar keiner. Das Schild Parken mit Parkscheibe fand höchstens als Kuriosum Beachtung, und natürlich kannte jeder die Geschichte vom Leiter der Ortspolizeibehörde, der hier auf dem Nachhauseweg am Abend vom Amt einen Abstecher gemacht hatte um Parkscheiben zu kontrollieren. Ein einzelnes Auto hatte dagestanden, nicht bloß, wie man sich denken kann, mit abgelaufener, sondern überhaupt ohne Parkscheibe. Prompt, da es noch nicht 19 Uhr war, wurde Anzeige erstattet. Dafür entschädigte aber der Lacher, der jedes Mal erfolgte, wenn der Verkehrssünder davon erzählte, zumal alle im Dorf den Polizeiamtsleiter kannten, über den auch noch weitere kuriose Geschichten zirkulierten.
Bei solchen Gelegenheiten wurde auch darüber spekuliert, was sonst noch so zur Anzeige gebracht werden könnte, verboten waren schließlich die alltäglichsten Dinge, im Grunde machte man sich auf Schritt und Tritt strafbar, sündigte jedenfalls, wenn man auch nicht zur Beichte musste, dafür wurde man geblitzt, und was schlimmer war als Beten, zur Kasse gebeten, fünfzehn Euro hier, 25 da, das konnte ins Geld gehen. Manche waren aber auch glühende Verfechter des fest installierten Radars, zwecks Verkehrsberuhigung, wozu übrigens jeder Bürger durch "vorschriftsmäßiges" Parken vor seinem Haus seinen Beitrag leisten konnte. Ruhenden Verkehr gab es schließlich ein Mehrfaches im Vergleich zum fließenden. Eigentlich waren stehende Autos geradezu das Gegenteil von Autos überhaupt.
Die beiden Hinzbergers, Rentnerin und Rentner nach vierzigjähriger Berufstätigkeit, leisteten ihren Beitrag sowohl zum fließenden als auch zum ruhenden Verkehr, indem ihnen das Auto ein überaus angenehmer Aufenthaltsort war, mochte es sanft brummend und schaukelnd rollen, oder auch stehen. Ein Dach überm Kopf hatte man jedenfalls, man saß darin abgeschottet, windgeschützt und trocken und konnte den Ausblick nach Belieben variieren, anders als vom häuslichen Fenster aus, wo sich dem Blick bloß die immer gleiche Nachbarschaft bot.
Dort in der Nachbarschaft hatte in letzter Zeit der soziale Druck doch spürbare Formen angenommen. Die Hinzbergers hatten erkennbar bombastisch ihr Haus in einem Neubaugebiet errichten lassen. Die weiter entstehenden Allerweltseinfamilienhäuser, blieben schuldenbedingt hinter dem zurück, was das Rentnerehepaar sich verdientermaßen mit seinem Schmuckstück leistete.
Als solchen, die eher am Platz waren, zollte man den beiden Ergrauten den üblichen Respekt, hörte auch mit dem amerikanisch toleranten halb fragenden ok? die fachmännischen Statements Herrn Hinzbergers an, der im Beruf irgendeine Art Ingenieur gewesen sei, das Genauere hatte man sich nicht gemerkt. Der eine oder andere Bauarbeiter fragte sich indessen, was den alten Mann eigentlich anderer Leute Baustellen angingen, versuchte aber anfangs noch wegzuhören und sonstwie auszuweichen. Dann mussten aber doch auch Widerworte gefallen sein, mehr oder weniger feinfühlende Äußerungen der Ungeduld und des Missfallens, noch dazu hinweg über Sprachbarrieren, weit über die hinaus, des Italienischen nämlich, die man aus seiner eigenen Zeit ja kannte und zurechtzukommen wusste, man musste besonders laut sprechen, duzen und Infinitive verwenden. Die Frechheit anstatt zu verstehen sich einem Kollegen in einer völlig unbekannten Sprache zuzuwenden, schlug dann doch dem Fass den Boden aus.
Ein vorläufiger Höhepunkt des sich in dieser Weise entwickelnden und nach und nach festsetzenden Dissenses zwischen Nachbar und Bauleuten wurde erreicht, als Herr Hinzberger den vergleichsweise ahnungs-, darüber hinaus aber auch arglosen Bauherren Baumängel und Schlampereien erklärte, diese bezüglich des Hauses einerseits ängstigend, andererseits aber auch in Verlegenheit bringend. Mit dem umgänglichen Anführer des Trupps und Vertreter der Firma, mit der sie den Vertrag abgeschlossen hatten, pflegen sie den modern gewordenen kumpelhaften Ton ungefährer Altersgenossenschaft.


Attributpredigt (Pfarrersprech III)

Mögest du warme Worte an einem kalten Abend haben, Vollmond in einer dunklen Nacht und eine sanfte Straße auf dem Weg nach Hause.
Also Thema Heizung: für mich ganz klar, daheim will ich nicht frieren, und ich meine, wirklich nicht frieren!
Auch Licht; was heißt hier Strom sparen? Der Strom wird doch billiger, je mehr man verbraucht, einfaches Marktgesetz. Strom sparen ist also rein verschenktes Geld. Tja, bei Dunkelheit mit kaltem Hintern woll'n die Grünen überwintern.
Da ist natürlich auch nichts mit Straßenbau.


Allessegen (Pfarrersprech IV)

Mögen alle deine Himmel blau sein, mögen alle deine Träume wahr werden, mögen alle deine Freunde wahrhaft wahre Freunde und alle deine Freuden vollkommen sein, mögen Glück und Lachen alle deine Tage ausfüllen, heute und immerzu ja, mögen sich alle deine Träume erfüllen.
Sagen wir mal: Immer schön Wetter kann einem auch auf den Zwirn gehen. Und von den meisten Träumen, mal ehrlich, ist man doch froh, dass es Gott sei Dank bloß geträumt war. Gerade, was man beispielsweise auch ausgerechnet von Freunden träumt. Vollkommener Stuss, wenn man mich fragt. Wo kämen wir auch hin! Mit den Träumen ist es so wie mit kleinen Kindern, die nicht wissen, wann man besser den Mund hält. Der Erwachsene denkt sich seinen Teil und kommt trotzdem auf seine Kosten. Dazu muss man sich auch nicht den lieben langen Tag den Bauch halten vor Lachen. Es soll sich ja schon einmal ein ganzes Volk totgelacht haben, drunten in Afrika, oder so. Überhaupt der südliche Mensch, der reinste Kindergarten!


Mögliches und allzu Mögliches

Möge dein Magen mögen, was die Waagen wögen oder nur immer zu wiegen wagen!



["Spielendes Kind", Hieronymus Bosch (um 1500)]



Blumenpredigt (Pfarrersprech V)

Mögen aus jedem Samen, den du säst, wunderschöne Blumen werden, auf dass sich die Farben der Blüten in deinen Augen spiegeln und sie dir ein Lächeln auf dein Gesicht zaubern.
Grinsen, auch so eine amerikanische Sitte, am besten vor sonst noch einem fotogenen Hintergrund. Dabei denkt kein Mensch an Käse, wenn "cheese" gesagt wird. Die Leute sollen aussehen, wie sie aussehen, Ernst ist nichts Böses! Farben sind normal und dienen der Orientierung, im Normalfall. Das ist auch bei Blumen so. Übrigens blüht alles, bloß das meiste stellt man sich nicht in die Vase.


Irre Nervensägen (Pfarrersprech VI)

Wenn du strauchelst, weil dir die Arbeit zu schwer wird, möge die Erde tanzen, um dir das Gleichgewicht wiederzugeben.
Zu schwere Arbeit, meiner Ansicht nach ganz klarer Fall für die Gewerkschaft. Oder falsches Arbeiten, zum Beispiel ohne das richtige Werkzeug. Das ist sogar bei Büroarbeit nicht anders. Eine Arbeit, die zu schwer wird, ist einfach falsch angepackt. Wenn dann auch noch alles zu wackeln anfangen würde, ja dann gut Nacht!


Wundersegen (Pfarrersprech VII)

Mögest du dir die Zeit nehmen, die stillen Wunder zu feiern, die in der lauten Welt keine Bewunderer haben.
Zeit haben beispielsweise Pfarrer ja. Ich will nicht behaupten, schließlich ist nur sonntags Kirche, denn beerdigt wird ja auch die Woche über.
In richtigen Berufen hat man gerade keine Zeit. Wo du nicht sofort bist, da waren schon drei andere. Wer stille Wunder feiert, der wird sein blaues Wunder erleben, bei dem ist nämlich bald Feierabend.
Lärmschutz ist wichtig und ja auch vorgeschrieben. Richtig mal die Wände wackeln lassen, das braucht der Mensch aber auch. Die Stones. ACDC. Gott sei Dank ist die Welt laut. Wo Betrieb ist, da ist auch Krach. Jeder freut sich aufs Wochenende, aber doch nicht zum Trübsalblasen.


Parallelpredigt (Pfarrersprech VIII)

Nimm dir Zeit zum Träumen, das ist der Weg zu den Sternen. Nimm dir Zeit zum Nachdenken, das ist die Quelle der Klarheit. Nimm dir Zeit zum Leben, das ist der Reichtum des Lebens. Nimm dir Zeit zum Freundlichsein, Gott sei neben dir, wenn du unsicher bist, das ist das Tor zum Glück.
Absichtlich zu Träumen ist wie Lachen auf Kommando. Nach den Sternen schaut ja auch der Hans-guck-in-die-Luft.
Nachdenken allerdings geht auf Kommando und sogar mit dem Blick nach oben, oder besser nach innen. Aber aufgepasst, da fängt auch bald die Spinnerei an. Also besser genau hinsehen!
Wer etwas fertigbringt, der hat auch Zeit und somit gute Laune, ganz ohne künstliche Freundlichkeit. Ewiges Grinsen aus Unsicherheit kann mir gestohlen bleiben!