Mittwoch, 20. April 2022

Bzw. ۲ ۶ ۰ [»Fünf Haiku nach 与謝 蕪村« (1996) von R. A. ol-Omoum]

 


[» Sengyo (Jugijo) 宜暁 (国宝 十便十宜帖の一枚)«, Yosa Buson (1771)]




俳句


Meine Nachbarn hassen mich:

Sie klappern mit ihren Pfannen

in der Winternacht.



Nacht. Ich beiße den

gefrorenen Pinsel

mit meinem letzten Zahn.



Der Wintersturm

bläst kleine Steine

gegen die Tempelglocke.



Ein Licht

entzündet sich am andern

in der Frühlingsnacht.



Ein Eimer ohne Boden

rollt und rollt

im Herbstwind.


[Yosa Buson (1716 – 1783) in der Übersetzung von Dietrich Krusche]









[»Fünf Haiku« (1996). Partitur für Sopran, Flöte und Klavier von R. A. ol-Omoum (*1965)]



Haiku, die kleinste lyrische Form, die in der Weltliteratur zu Bedeutung gelangte, ist zugleich vollendeter dichterischer Ausdruck japanischen Geistes. Eine stets gegenständliche, naturnahe Kunstgebärde, die in ihrer Leichtigkeit von vieldeutigem Reichtum an Assoziations-Möglichkeiten umgeben ist. Ein hingehauchtes Bild, das den Leser und Betrachter in den Bann seiner fragmentarischen Vollkommenheit, den Zauber des Augenblicklichen zieht – und ihn entlässt, aber nicht mehr loslässt. [Dietrich Krusche]




[»Yosa Buson«, Matsumura Goshun (1939)]




Das Haiku ist weltweit zum poetischen Ideal geworden. Ein plötzliches Aufblitzen, ein Bild, das sich in das Echo der Dinge schmiegt, ein Klang – drei Zeilen und doch eine ganze Welt. Drei japanische Dichter haben das Haiku geprägt – der wandernde Basho mit seinen meditativen Inbildern, Buson mit seinen malerischen Miniaturen und Issa mit seiner Liebe selbst zu den kleinsten Kreaturen. Die Dichter der Beat Generation – Jack Kerouac, Allen Ginsberg und Gary Snyder – steckten mit ihrer Haiku-Begeisterung den gesamten Westen an und übertrugen das poetische Ideal in unsere Gegenwart. [Hans Jürgen Balmes]



Samstag, 9. April 2022

Bzw. ۲ ۵ ۹ [»Religiosität auf dem Rückzug in der islamischen Welt« von Bodo Bost]

 


[»Leben des Zarathustra«]



Ich mußte Zarathustra, einem Perser, die Ehre geben: Perser haben zuerst Geschichte im Ganzen Großen gedacht. [Friedrich Nietzsche »Fragmente aus dem Nachlass« (1884/85)]

Die Perser sind das erste geschichtliche Volk, Persien ist das erste Reich, das vergangen ist. Während China und Indien statarisch bleiben und ein natürliches vegetatives Dasein bis in die Gegenwart fristen, ist dieses Land den Entwicklungen und Umwälzungen unterworfen, welche allein einen geschichtlichen Zustand verraten. Das chinesische und indische Reich können nur an sich und für uns in den Zusammenhang der Geschichte kommen. Hier aber in Persien geht zuerst das Licht auf, welches scheint und Anderes beleuchtet, denn erst Zoroasters Licht gehört der Welt des Bewußtseins an, dem Geist als Beziehung auf Anderes. [G. W. F. Hegel »Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte« (1837)]




Religiosität auf dem Rückzug in der islamischen Welt



Meinungsforscher widerlegen die politisch instrumentalisierte Religionsstatistik in vielen islamisch geprägten Ländern. In Iran bekennen sich laut einer Umfrage der Universität Utrecht nur etwa 40 % der Bevölkerung zum Islam, in der offiziellen öffentlichen Statistik sind es aber 99,2%.



 Amtlichen Zahlen zufolge sind die allermeisten Bewohner der Region zwischen Marokko und Pakistan Muslime, oft mit Anteilen an der Bevölkerung von über 99%. Diese Zahlen ähneln in auffallender Weise den Ergebnissen der kommunistischen Parteien bei Wahlen in den ehemaligen Ostblockstaaten, jeder weiß, wie sie zustande kamen. Während als Christen nur diejenigen gelten, die getauft wurden und einer Kirche angehören, gilt beim Islam, wo es Religionswechsel oder Religionsabfall nicht geben darf,  das reine Abstammungsprinzip, deshalb gibt es auch die Pflicht zu einem islamischen Namen. Alle, die von muslimischen Eltern abstammen, sind deshalb automatisch Muslime. In Teilen der islamischen Theologie wird sogar das islamische Naturrechtprinzip vertreten, womit alle Neugeborenen, wenn sie nicht im Laufe ihres Lebens den Islam verleugnen, automatisch Muslime sind. Glaubenszweifel, wie sie in allen anderen Religionen möglich sind und oft sogar ein wesentlicher Bestandteil dieser Religionen sind, stehen im Islam unter Strafe und werden oft mit Gewalt unterbunden.

   Aber immer mehr Muslime zweifeln an ihrer Religion, nicht nur die, die in nichtislamische Länder auswandern, weil sie verfolgt wurden. Selbst hierzulande, wo sich sogar Verbände von Ex-Muslimen organisieren, versuchen Islamverbände mit gefälschten Zahlen und Mitgliederlisten die ausgewanderten Muslime mit Druck an sich zu binden und werden darin leider oft noch von der öffentlichen Verwaltung unterstützt. Die Säkularisierung wirkt jedoch bei Muslimen ebenso stark oder sogar stärker als bei Christen, für die Religion Privatsache ist. Für die Muslime in den offiziell muslimischen Ländern ist es genau umgekehrt, wegen des starken öffentlichen Drucks, bleiben für die allermeisten Muslime Glaubenszweifel Privatsache. Nicht die Religion, wie in den westlichen Ländern, ist es, die im Privaten gepflegt wird, sondern es sind die Religionszweifel. Einen öffentlichen Diskurs über diese Entwicklung gibt es in den muslimischen Ländern nicht, deshalb zweifelt auch niemand die offiziellen Religionsstatistiken an.

 

Der Islam wird zur Minderheit im Gottesstaat

 

Jetzt hat ein der Universität Utrecht angegliedertes Meinungsforschungsinstitut, "Group for Analyzing and Measuring Attitudes in Iran" (GAMAAN), in einer Umfrage unter über 50.000 Iranern über 19 Jahren die religiösen Glaubensinhalte untersucht und analysiert. Die Verantwortlichen von GAMAAN sind Dr. Ammar Maleki, Assistenzprofessor für vergleichende Politikwissenschaft an der Universität Tilburg, und Dr. Pooyan Tamimi Arab, Assistenzprofessor für Religionswissenschaften an der Universität Utrecht. Die Umfrage mit dem Titel "Iranians' attitudes towards religion" (Einstellungen der Iraner zur Religion) wurde vom 6. bis 21. Juni 2020 durchgeführt. Die Ergebnisse dieser Studie spiegeln die Ansichten der iranischen Einwohner aller Regionen und aller sozialer Schichten im Alter von über 19 Jahren wider und können mit einem Glaubwürdigkeitsniveau von 95% auf die Zielpopulation verallgemeinert werden. Ziel der Umfrage war es, die Einstellung der Iraner zur Religion und zu damit verbundenen politischen Konzepten zu messen und zu dokumentieren, über die im Iran aufgrund der derzeitigen Restriktionen nicht offen diskutiert werden kann.

 Die Ergebnisse zeigen, dass 78% der Iraner an Gott glauben, 37% glauben an ein Leben nach dem Tod, 30% glauben an Himmel und Hölle, 26% glauben an die Existenz von Dschinns und 26% glauben an das Kommen eines Erlösers. Etwa 20 % der Zielbevölkerung glauben an keine der oben genannten Dinge. Ungefähr die Hälfte der Bevölkerung gab an, ihre Religion verloren zu haben. Dagegen berichteten 41%, dass sich ihre religiösen oder nicht-religiösen Ansichten im Laufe ihres Lebens nicht wesentlich geändert haben. Etwa 6 % der Bevölkerung gaben an, von einer religiösen Orientierung zu einer anderen konvertiert zu sein. Etwa 60 % gaben an, dass sie nicht beten, während 27 % angaben, fünfmal am Tag zu beten. 68% der Bevölkerung waren der Meinung, dass religiöse Vorschriften aus der staatlichen Gesetzgebung ausgeschlossen werden sollten. 71% waren der Meinung, dass religiöse Institutionen für ihre Finanzierung selbst verantwortlich sein sollten. Auf der anderen Seite waren 10% der Meinung, dass alle religiösen Organisationen, unabhängig von ihrem Glauben, staatliche Unterstützung erhalten sollten, während nur 3% sagten, dass nur islamische Institutionen Anspruch auf solche Leistungen haben sollten. 41% waren der Meinung, dass alle Religionen ein Recht auf öffentliche Missionierung haben sollten, während nur 4% meinten, dass dieses Recht ausschließlich den Muslimen vorbehalten sein sollte. 56% wollten nicht, dass ihre Kinder in der Schule Religionsunterricht erhalten, aber rund 54% befürworteten, dass ihre Kinder die Möglichkeit haben, in der Schule etwas über verschiedene Glaubensrichtungen zu lernen. Rund 72% lehnen die Hijab-Pflicht ab, während 15% auf der gesetzlichen Verpflichtung zum Tragen des Hijab in der Öffentlichkeit bestanden. Fast 60% kannten die religiöse Legitimierung des Schleierzwangs überhaupt nicht. Trotz gesetzlich verordneter Alkoholabstinenz trinken etwa 35% der Bevölkerung gelegentlich oder regelmäßig Alkohol. Andererseits gaben 56% an, dass sie keine alkoholischen Getränke konsumieren. Fast 9 % trinken nicht, weil sie nicht wissen, wie sie alkoholische Getränke kaufen können.

   Sehr interessant waren die Ergebnisse bezüglich der religiösen Zugehörigkeiten: Nur 32% der Bevölkerung identifizierten sich als schiitische Muslime, weitere 5% als sunnitische Muslime und 3% als Sufis, während in den öffentlichen Statistiken 99,2% der Iraner als Muslime geführt werden. Erstaunlich hoch war der Anteil der Atheisten mit 9%, Spiritisten mit 7%, und Agnostiker mit 6%.  Überraschend auch der Anteil der Zoroastrier, der alten vorislamischen Zarathustra Religion des persischen Reiches, zu welcher sich 8% der Befragten bekannten. In den öffentlichen Statistiken werden Anhänger dieser altpersischen Religion mit weniger als 0,1% beziffert. Etwa 22% identifizierten sich mit keiner der oben genannten Weltanschauungen, die Christen waren mit 1,5% darunter und Bahai Anhänger mit 0,5%. Auch der Religionswissenschaftler Michael Blume hatte in seinem Buch „Islam in der Krise“ 2017 bereits die Wiederauferstehung des Zoroastrismus festgestellt, denn sogar in der kurdisch verwalteten Autonomiezone des Irak in Erbil war ein Tempel dieser Religion, die viele Iraner und Schiiten als die authentische Religion des alten Zweistromlandes ansehen,  errichtet worden. Auch andere Analysten waren in den letzten Jahren die leeren Moscheen und Gotteshäuser im Iran, die zu Zeiten des Schahs noch voll waren, aufgefallen.

 

Glauben kann man nicht verordnen, wie Fasten oder Gebete

 

   Pooyan Tamimi Arab betrachtet die Ergebnisse der Umfrage als Wunsch nach religiösem Wandel und als logische Folge der Säkularisierung des Iran. Die iranische Gesellschaft habe große Veränderungen durchlaufen: Die Alphabetisierungsrate sei enorm gestiegen, die Verstädterung massiv vorangeschritten, die wirtschaftliche Entwicklung habe die traditionellen Familienstrukturen aufgelöst, die Geburtenraten gleichen sich denen im Westen an", so Tamimi Arab im Gespräch mit der Deutschen Welle. Auch die intensive Verflechtung von Staat und Religion im Iran, offiziell nach der Staatsdoktrin der Vertreter-Herrschaft (Velayet e Fakih) ist der Iran ein Gottesstaat,  sorgt in der Bevölkerung für Unmut über die institutionalisierte Religion. Gebete und Fasten kann man verordnen, aber Glauben nicht. Reformen kann es jedoch laut Staatsverfassung nicht geben. Michael Blume diagnostizierte den Islam  in seinem Buch so: „Der Islam ist noch nicht tot, doch er gleicht einem Schwerkranken, der vor Verzweiflung und Schmerz um sich schlägt.“ Zur Heilung schlug Blume vor: „Die muslimischen Gelehrten und Theologen müssen einsehen, dass die Geschichte nicht linear verläuft, nach dem Motto: ‚Unsere Religion setzt sich durch – und der Rest, der ist irgendwie minderentwickelt.‘ Sondern, dass sie einsehen müssen, der Islam ist eine Religion wie andere Religionen auch. Er blüht auf, er hat Erfolge, er gerät aber auch in Krisen und er kann auch untergehen.“ [Bodo Bost]




Sonntag, 20. März 2022

Bzw. ۲ ۵ ۸ [Tamana Amanzada's »Memories of Kabul« in a translation by Zoé Finkler & Aaron Peter]

 


[»Resentment«, Ladan Maalizadeh (2021)]




I want to sing like the birds sing, not worrying about who hears or what they think.

[Rumi]





لا تجزع من جرحك، وإلا فكيف للنور أن يتسلل إلى باطنك؟

[جلال الدین محمد بن شيخ بهاء الدين محمد بن حسين بلخى رومی]




کابل


Memories of Kabul


My name is Tamana and I was born in Kabul, Afghanistan. I can‘t remember too many details about my childhood but there are some events that I can remember as if they had happened yesterday. Unfortunately, those are unpleasant memories.

For instance, I remember exactly how my brother hurt my eye and my mother couldn’t take me to a doctor or to a hospital. My brother and I loved to play with whatever was around. Therefore, in winter for example, we used to play with the matches which were always lying near the fireplace. One day my brother lit one of the matches by the fireplace and hurt my eye. I thought I’d gone blind because I wasn’t able to open my eyes. To this day, I vividly remember the pain and how I was crying all day long. My mother was helpless and just couldn’t take me to a doctor, because she feared the local Taliban, who were still active in the area. There was no ambulance or emergency doctor for us to call. We had to wait for my father to come home and take me to the doctor.

Women didn’t dare to go outside alone. But my dad came home from work very late. It was already dark outside, and the streets were not safe anymore. My dad took me into his arms and got me to open my eyes. I opened my eyes and, luckily, I was able to see everything normally. He covered my eyelids with an ointment, and I felt better immediately. My memories of this event are so vivid because it makes me realize how helpless we were.

I keep asking myself what happened to those families who had lost all their male members due to the war, because the women were locked inside of their own houses. As time went on, the influence of the Taliban decreased, so that also girls could attend school. However, the Taliban were still active in the hidden making sure that the population continued to live in fear. Most of them didn‘t dare to oppress the population in plain sight anymore but they had new methods like suicide attacks or spontaneous assaults. I remember sitting in class at school when we suddenly heard a loud bang. It was during art class, which was my favorite subject back then. Everyone was busy painting pictures when we heard this terribly loud bang. We all looked at our teacher but at that time she didn‘t know either what had happened and how to best behave. She said we had to leave the classroom and we did. In the hallway, everyone was running around, across the entire school building. Some students were crying, others were screaming because the bang had been so loud, and you could hear gunshots. Many of us thought that now our school was being attacked as well. I, on the other hand, was just mad that on account of this we had to end art class early because, as always, I had been impatiently waiting all week for my favorite lesson. I just wanted to continue and finish my painting. Eventually, I realized that our teacher wasn‘t there anymore. She had run away trying to get to her family who lived nearby. A student came and sat down next to me. Her face was very pale, and I asked her if she was alright. She said no because her father had promised to call her but hadn’t called. She was worried because her father owned a shop nearby and he and her brother were always there. I tried to comfort her for a while but the call just never came.

Our art teacher returned and told us to go back into the classroom. We followed her but the shots were still to be heard. We had to stay at school a bit longer than usual. When school was over, and we could go home, I saw a lot of blood and broken glass on the road. There were policemen and soldiers everywhere. It was obvious that the Taliban had, once again, attacked a military convoy. The area around my school was blocked so that no one could get in from outside. Hence, we all had to walk home alone. When I finally arrived at our house, I saw my mother crying on the steps waiting for me. We went inside and all that mattered was that I was okay. After that, for a long time, I didn’t see the pale-looking student who had been sitting next to me. When I finally met her gain, she told me that both her father and her eldest brother had died in the attack that day. The Taliban had launched a missile and had then attacked the military convoy with firearms. Due to the missile strike, many civilians, including the father and the brother of the student, had lost their lives. I cannot put into words how sad I was but that was how things were over there.

My family often had a lot of luck, thank God. At one point, there even was an attack right above our heads. We were all sleeping when, suddenly, there was a very loud noise. All windows shattered and there was broken glass all over the floor, even on our blankets. We all went hiding in the basement and my sister and I hugged my father very tightly because we sought his protection. The Taliban ran right across our roofs and led their attack. The attack lasted very long because the police and the soldiers wanted to avoid civil victims. We couldn‘t sleep for the rest of the night. The next day came and eventually it all stopped. An announcement from the local police said that they had defeated and arrested the terrorists. At the end of the day, the only thing that mattered to us was that we were still alive. That was our life. Every day, we had to pray and make sure that we survived the next day, and nothing bad happened to us.

For me, all this was so unbelievable, because how, I wondered, could some people be willing to injure or even kill innocent people. Life in Afghanistan is not so easy. Not only were we afraid of explosions, but as girls we were harassed outside by strange men, even policemen. It didn't matter whether you went out wearing a headscarf or a burqa. Therefore, as girls, we had to stay at home all the time and we could only go out with our parents. Because of the harassment the girls experienced, it was not possible for us to play outside or simply go to the grocery store, for example. Sometimes I wished I had been born a boy, because as a boy I would have at least had the freedom to go outside to play without anyone harassing me. My sister and I were always at home, while my brothers were allowed to go out and play normally. I always wanted to play outside or go to the corner store to buy some candy like my brothers. However, I was always supposed to stay home because I had to be protected from harassment due to my gender. The way my childhood was, as a girl in Afghanistan, I don't wish it on any child in this world. I wish I had also had a beautiful childhood, a childhood with all the freedoms a child needs and should enjoy.

My mother once wanted to visit somebody, and she took me with her. I was six or seven years old, and I was happy every time I was taken somewhere, no matter where, as long as I could get out of the house. We had taken a cab and I was not wearing a headscarf because I was still a small child. The cab driver looked at me and asked me how old I was. I looked at my mother and my mother answered his question. The cab driver then asked me why I wasn't wearing a headscarf since I was now an adult and had to wear one. I was shocked that in his eyes I was already so old that I was expected to be wearing a headscarf. I thought he was one of the Taliban and was about to punish or kill me on the spot for not wearing a headscarf. My mother was also worried because my father was not with us. I wanted to tell the cab driver that I wasn’t even going to school yet and that as soon as I was, I would always wear a headscarf as part of my school uniform. In Afghanistan, students have to wear a school uniform. For the girls, the uniform consisted of a black coat and a white headscarf. But before I could say that, my mother told the cab driver that I had forgotten to put on my headscarf because we had been in a hurry, and besides, it was not so bad because I was still young and not even old enough to go to school.

As soon as we got out of the cab, my mother bought me a headscarf and said that from now on I would always have to wear a headscarf, which I did.

Since I had to wear a headscarf so early on, I didn't know for a very long time that I had such full, voluminous, and curly hair, because I had always tied my hair up so tightly that not even my mother had noticed my curls.

I don't want to suggest that I hated or hate the headscarf. I only hate the fact that we were not given the opportunity to wear the headscarf out of our own conviction. By wearing a headscarf, girls like me were supposed to be protected from bad men. The headscarf thus had neither a religious purpose nor did it have anything to do with a person’s own character or with the free expression of one's own personality. Because of this experience, there is one thing that I cannot understand to this day: Men behave immorally, violate good manners, and harass women, but as a reaction to this, we, the women, must hide, give up our freedoms and restrict our scope of action. Even as a child, I wondered why such men were not being punished instead of girls being forced to hide, give up their freedoms and massively restrict their scope of action. This approach only means that our gender is a problem, because, naturally, we are physically weaker than men due to our gender. It's not our fault that we were born as girls. It is the men who are misbehaving, so they should be punished rather than us, because we are not the cause of the problem! All these thoughts were constantly on my mind throughout my childhood. Moreover, we were not even safe at our own homes, because at home there was a constant fear that a bomb would explode and hit our house. I remember well how, on a holiday, a bomb detonated a bit further away from our house and we learned about it through the news. It was a normal day, and we were all sitting at the table eating together; the day had been peaceful until we turned on the TV. It was incomprehensible to me that in the same city, some people had to fight for their survival or were lying injured on the blood-covered street, while we were sitting at home and within our own four walls the world seemed all peaceful and normal, as if nothing bad had happened. I think we had just gotten used to it and therefore we were not afraid anymore.




Donnerstag, 10. März 2022

Bzw. ۲ ۵ ۷ [»Mensch, Pflanze, Tier« 10 Gedichte von Gerd de Bruyn (2022)]

 


[»Please Don't Kill Me, I Love My Life«, Lorena Kirk-Giannoulis (2018)]






Ein Mensch sieht ein - und das ist wichtig: Nichts ist ganz falsch und nichts ganz richtig.

[Eugen Roth]





[»Finally Springtime«, Lorena Kirk-Giannoulis & Beverly Farber Kaye (2017)]






komischer vogel



am liebsten bin ich allein

und steh auf einem bein

wär ich ein flamingo

stünd ich geradeso

aber äußerst enge

inmitten der menge





Im Düstern



Wenn die Wolfshunde bellen

muss man sein Feld bestellen

Heulen sie, dann fliegen hoch

und höher die Eulen, dass man

den Flügelschlag nicht mehr hört



Das ist der Moment, in dem

die Nixe den alten Nöff betört

Ein Gejohle ist‘s und Gewimmel

schon stürzen die ersten

Eulen vom Himmel





konfession



gehöre zu den ärgsten spöttern

bete zu den falschen göttern

lasse aus der hand mir lesen

reite einen morschen besen






[»Simple Things«, Lorena Kirk-Giannoulis (2020)]





Utopie



Das gnädige Alter

gleicht einem Falter

der von der Abendsonne

sich bescheinen lässt

und es voller Wonne genießt

wie ihn die Lebenskraft verlässt





Prayer



For God I became born too late forever

The word of pastors touched me never

With my selfishness all humility was lost

not afraid of the devil was the result it cost






[»Sculpture«, Lorena Kirk-Giannoulis (2017)]






Konstruktivismus



Netze von Spinnen gewinnen

stets bei näherer Betrachtung

der Menschen Hochachtung

Auf Bauten von Konstrukteuren

unserer Art hingegen schwören

sämtliche Insekten und Fliegen

bevor die Spinnen sie kriegen


 

 


Verroht



Allen tat leid wie es

ohne Schuhe ohne Kleid

die Straße runter kam

die Hände aus Scham

vors Gesicht geschlagen

Stumm blickten sie ihm hinterher

doch als es keiner mehr sah

war vergessen was geschah





Dorfidylle



Lerchen zwitschern in der Luft

Blumen verströmen ihren Duft

Ein Hund trinkt aus der Pfütze

Das Dorf schmort in der Hitze



Von fern schlägt eine Uhr

So lieben wir die Natur

Als vollkommene Idylle

Wär da nicht die Gülle …






indiskret



ineinander gefaltet wie

fest verschlossene knospen

sind die finger eines jungen paars

das am seeufer entlang streift

seht ihre erhitzten gesichter

und wundgeküssten lippen






Autoren



die nicht im Gedächtnis bleiben

aber Bestseller schreiben

werden zuhauf geboren

wogegen die Zahlen derer

die Bleibendes dichten

sich empfindlich lichten



Bin vermutlich der letzte

der den vorletzten ersetzte




Samstag, 19. Februar 2022

Z. Z. XXX [»Endlich arbeitslos. Tödliches Glück« - Kapitel 2 aus einem bisher unveröffentlichten Roman von Friedrich-Karl Praetorius]

 


[»Silent Guardians« (2015), Goedart Palm]





[In: Friedrich-Karl Praetorius »Botschaften von einem anderen Stern« (2009)]






[»Arbeitsplatz« (2018), Goedart Palm]






Endlich arbeitslos


Tödliches Glück


Roman

von

FRIEDRICH-KARL PRAETORIUS




Kapitel 2




Während der ersten drei Monate nach seiner Entlassung verbrachte Kessler die meiste Zeit am Fenster sitzend im Gästezimmer seines großen Hauses. Die 35 kg Übergewicht schob er der Schule in die Schuhe.

Dennoch empfand er keinen Groll. In seiner Kündigung sah er nichts Unrechtes.

„Ich habe stets darauf geachtet, gegen den Strom zu schwimmen“, erklärte er seiner Frau, Irma. „Es war bekannt, dass mein Verhalten darauf ausgerichtet war, Weisungen der Schulbehörde nicht automatisch Folge zu leisten.“

Der boshafte Rat eines Kollegen, sich im eigenen Interesse auf seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen, schmeichelte Kessler. Er fühlte sich aufrichtig geehrt und sah in dem Ratschlag eine Aufforderung, seine allgemein bewunderten und gefürchteten Intuitionen in den Dienst neurologischer Forschung zu stellen.

Da die einseitige und fristlose Kündigung rechtskräftig war, hatte Kessler, der mit seiner Frau, Irma, und den drei gemeinsamen Kindern, Nora, 14, David, 13 und Amanda, 7 Jahre alt, ein eigenes Haus am Stadtrand bewohnte, von der nahe gelegenen Agentur für Arbeit weder Bezüge, noch Angebote zu erwarten.

Von einer Erbschaft, die ihm gleich nach seiner fristlosen Kündigung zuteil geworden war, hatte er sich einen imposanten Jahreswagen der S - Klasse gekauft, den er ‚Dienstfahrzeug des ukrainischen Präsidenten’ taufte.

Dieses Auto musste immer in Sichtweite stehen, denn er selbst hatte sich zum freiberuflich arbeitenden „Chauffeur des Dienstfahrzeugs des ukrainischen Präsidenten“ ernannt. Seiner Frau, Irma, hatte er gleich zu Beginn seiner kündigungsbedingten Freiheit mitgeteilt: „Auf diesem Stuhl werde ich von nun an sitzen. Was die Nahrungszufuhr angeht, bin ich auf Eure Güte angewiesen. Das Fenster hier eröffnet mir eine schmale Sicht zur Hauptstraße hin. Dort steht das ‚Dienstfahrzeug des ukrainischen Präsidenten’. Sollte also eine Arbeit vorbeikommen, werde ich zuschnappen. Denn in der Regel ist jede Arbeit beweglich und kommt von draußen her.“

Wieso jede Arbeit von draußen käme, wollte Irma wissen. Immerhin habe

der angesehenen Fachverlag Schrader&Schrader bereits zwei Manuskripte von Kessler veröffentlicht, und die habe er doch wohl drinnen im Haus geschrieben.

Dennoch, erwiderte Kessler, habe er seine Arbeit im Haus erst begonnen, nachdem Alex Weber, der Verleger von Schrader&Schrader, vor einigen Jahren mit der Bitte, etwas zu schreiben, an ihn herangetreten sei. Diese Bitte sei ihm von Weber schriftlich über einen Kurier eines privaten Zubringerdienstes überbracht worden. Und zwar von draußen.

Irma fragte, warum er sich so geschraubt ausdrücke.

Er drücke sich nicht geschraubt aus, sondern lediglich so langsam und deutlich, dass die Wahrscheinlichkeit, sich wiederholen zu müssen, so gering wie möglich ausfalle. Bei seinen Schätzungen stütze er sich auf Erfahrungswerte, von denen es in ihrer bald zwanzigjährigen Ehe ausreichend viele gäbe.

Irmas Lächeln geriet ins Süßsaure, als sie wieder einmal feststellen musste, für wie blöd ihr geliebter Ehemann sie hielt.

Kessler bedauerte, dass er diese Reaktion leider befürchtet habe. Gehofft habe er auf eine andere.

Typisch sei das, erwiderte Irma. Er wolle Menschen wie Hunde abrichten und setze auf eine Art ‚Pawlowschen Reflex’. Das aber könne er mit Menschen nicht machen.

In der Tat bedaure er, erwiderte Kessler, dass die nur in seltenen Fällen aussetzende Beißhemmung, die sich unter Hunden bewährt habe, im menschlichen Verhalten keine Rolle mehr spiele. Ein Appell an die Vernunft werde leicht unterwandert, und so habe er zum Beispiel feststellen können, dass ein zwar nicht erlaubter kleiner Hieb mit dem Stock oder eine Ohrfeige mit dosierter Schlagkraft sich positiv auf die Lernfähigkeit auswirke.

Er halte es für fahrlässig, aus einem vorhandenen Erfahrungsschatz nicht lernen zu wollen. Es ginge ihm ausschließlich um Effizienz. Ein Maximum an Effizienz sei dann erreicht, wenn kaum noch Energie als Entropie entweiche.

Irma fragte, was Entropie sei.

Kessler, der gerade einen Blick zum Fenster hinaus warf, rief „Siehst Du den gelben jungen Mann auf dem Fahrrad, Irma, wie offensichtlich er sich bemüht, den Eindruck von Betriebsamkeit zu erzeugen, wie arbeitseifrig er in die Pedale tritt und die Briefkästen anpeilt? Der größte Teil seiner Energie wird in die Selbstdarstellung investiert, also vergeudet. Das ist Entropie. Nach dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik auch ‚Wärmetod’ genannt. Etwas gelassener hätte der junge Postbote vermutlich einen besseren Überblick und könnte viel effizienter seine Arbeit verrichten.“

Irma protestierte. „Er ist jung und deshalb eifrig. Er wirbt für sich und macht diesen Wind im eigenen Interesse. Vielleicht wird ein privater Postdienst so auf ihn aufmerksam.“

Das sei ein Trugschluss, sagte Kessler. Die Dinge müssten reibungslos verlaufen, wie geschmiert. Nur dann würfen sie keine Fragen auf. Wo Einklang herrsche, bestünde kein Erklärungsbedarf. Die meisten Dinge erklärten sich selbst. Aber die so genannte Richtlinienkompetenz nötige den Lehrern auf, die Dinge solange zu zerlegen, bis sie von ihrem ursprünglichen und ganzheitlichen Aussehen entfremdet seien. Man verzerre sie ins Rätselhafte, um den Ertrag des Erklärungsbedarfs zu erwirtschaften. Dabei ginge es nicht um die Deckung, sondern um den Erhalt des Bedarfs. Der gewünschte Ertrag sei somit der Bedarf. Genauso wie es später der Arbeitsplatz sei, der erwirtschaftet werde und nicht etwa das durch Arbeit erwirtschaftete Geld. Denn mit jeder neuen Belegung eines neuen Platzes, falle ein Arbeitsloser aus der Statistik. Deswegen stünde in der Rangliste der Bemitleidenswerten der Mittellose noch über dem Arbeitslosen.

Entsprechend würden im Vorfeld der Arbeit, in den Schulen, Fragen konstruiert, die kein Schüler von sich aus gestellt hätte. Die Antworten seien für die Fragen gemacht und nicht zur Erweckung von Perspektiven, die einem Schüler zum Lernen verführten.

Würde sich in einer Gesellschaft das Primat der Schlüssigkeit durchsetzen, würde man nicht nur einen Großteil von Lehrern entlassen müssen, sondern mit ihnen würden auch etliche Ideale und Werte sich nicht mehr ernsthaft vermitteln lassen.

Eine schlüssige Ohrfeige, wie er, Kessler sie bevorzuge, käme einer Revolte gegen den Bildungsauftrag gleich.

Doch Irma insistiert immer noch auf eine schlüssige Antwort auf ihre Frage: „Wieso kommt Arbeit immer von draußen?“

„Weil erst eine Nachfrage von draußen eine Arbeit ins Leben ruft,“ erklärte Kessler.

Schon im Liedgut hieße es so doch: ‚Horch, was kommt von draußen rein’.

Arbeit bewege sich immer von draußen nach drinnen, nie von drinnen nach draußen.

„Das ist ein Naturgesetz, dass Arbeit nur eine Richtung kennt. Man arbeitet immer gegen die Entropie“. Es sei sicher zutreffend, dass Arbeit beweglich sei, dennoch könne man aus dem Zuwachs an Beweglichkeit nicht automatisch auf einen Zugewinn an Ordnung schließen. Im Gegenteil, gerade starke Energien schlummerten als Ruhemasse, bevor eine Initialzündung eine nukleare Kettenreaktion auslöse. Im übertragenen Sinne gelte diese Vorstellung auch für zurück gehaltene oder aufgestaute Gefühle, irgendwann sei das Fass eben zum Überlaufen voll!

Irma empfand die Länge seiner Erklärungen als unangebracht und lästig.

Aber da sie Humor hatte, bemerkte sie: „Dann ist also dieser Stuhl, auf dem Du sitzt, ein echter Arbeitsplatz.“