[»Silent
Guardians« (2015),
Goedart Palm]
[In:
Friedrich-Karl Praetorius »Botschaften
von einem anderen Stern«
(2009)]
[»Arbeitsplatz«
(2018),
Goedart Palm]
Endlich
arbeitslos
Tödliches
Glück
Roman
von
FRIEDRICH-KARL
PRAETORIUS
Kapitel
2
Während
der ersten drei Monate nach seiner Entlassung verbrachte Kessler die
meiste Zeit am Fenster sitzend im Gästezimmer seines großen Hauses.
Die 35 kg Übergewicht schob er der Schule in die Schuhe.
Dennoch
empfand er keinen Groll. In seiner Kündigung sah er nichts
Unrechtes.
„Ich
habe stets darauf geachtet, gegen den Strom zu schwimmen“, erklärte
er seiner Frau, Irma. „Es war bekannt, dass mein Verhalten darauf
ausgerichtet war, Weisungen der Schulbehörde nicht automatisch Folge
zu leisten.“
Der
boshafte Rat eines Kollegen, sich im eigenen Interesse auf seinen
Geisteszustand untersuchen zu lassen, schmeichelte Kessler. Er fühlte
sich aufrichtig geehrt und sah in dem Ratschlag eine Aufforderung,
seine allgemein bewunderten und gefürchteten Intuitionen in den
Dienst neurologischer Forschung zu stellen.
Da
die einseitige und fristlose Kündigung rechtskräftig war, hatte
Kessler, der mit seiner Frau, Irma, und den drei gemeinsamen Kindern,
Nora, 14, David, 13 und Amanda, 7 Jahre alt, ein eigenes Haus am
Stadtrand bewohnte, von der nahe gelegenen Agentur für Arbeit weder
Bezüge, noch Angebote zu erwarten.
Von
einer Erbschaft, die ihm gleich nach seiner fristlosen Kündigung
zuteil geworden war, hatte er sich einen imposanten Jahreswagen der S
- Klasse gekauft, den er ‚Dienstfahrzeug des ukrainischen
Präsidenten’ taufte.
Dieses
Auto musste immer in Sichtweite stehen, denn er selbst hatte sich zum
freiberuflich arbeitenden „Chauffeur des Dienstfahrzeugs des
ukrainischen Präsidenten“ ernannt. Seiner Frau, Irma, hatte er
gleich zu Beginn seiner kündigungsbedingten Freiheit mitgeteilt:
„Auf diesem Stuhl werde ich von nun an sitzen. Was die
Nahrungszufuhr angeht, bin ich auf Eure Güte angewiesen. Das Fenster
hier eröffnet mir eine schmale Sicht zur Hauptstraße hin. Dort
steht das ‚Dienstfahrzeug des ukrainischen Präsidenten’. Sollte
also eine Arbeit vorbeikommen, werde ich zuschnappen. Denn in der
Regel ist jede Arbeit beweglich und kommt von draußen her.“
Wieso
jede Arbeit von draußen käme, wollte Irma wissen. Immerhin habe
der
angesehenen Fachverlag Schrader&Schrader bereits zwei Manuskripte
von Kessler veröffentlicht, und die habe er doch wohl drinnen im
Haus geschrieben.
Dennoch,
erwiderte Kessler, habe er seine Arbeit im Haus erst begonnen,
nachdem Alex Weber, der Verleger von Schrader&Schrader, vor
einigen Jahren mit der Bitte, etwas zu schreiben, an ihn
herangetreten sei. Diese Bitte sei ihm von Weber schriftlich über
einen Kurier eines privaten Zubringerdienstes überbracht worden. Und
zwar von draußen.
Irma
fragte, warum er sich so geschraubt ausdrücke.
Er
drücke sich nicht geschraubt aus, sondern lediglich so langsam und
deutlich, dass die Wahrscheinlichkeit, sich wiederholen zu müssen,
so gering wie möglich ausfalle. Bei seinen Schätzungen stütze er
sich auf Erfahrungswerte, von denen es in ihrer bald zwanzigjährigen
Ehe ausreichend viele gäbe.
Irmas
Lächeln geriet ins Süßsaure, als sie wieder einmal feststellen
musste, für wie blöd ihr geliebter Ehemann sie hielt.
Kessler
bedauerte, dass er diese Reaktion leider befürchtet habe. Gehofft
habe er auf eine andere.
Typisch
sei das, erwiderte Irma. Er wolle Menschen wie Hunde abrichten und
setze auf eine Art ‚Pawlowschen Reflex’. Das aber könne er mit
Menschen nicht machen.
In
der Tat bedaure er, erwiderte Kessler, dass die nur in seltenen
Fällen aussetzende Beißhemmung, die sich unter Hunden bewährt
habe, im menschlichen Verhalten keine Rolle mehr spiele. Ein Appell
an die Vernunft werde leicht unterwandert, und so habe er zum
Beispiel feststellen können, dass ein zwar nicht erlaubter kleiner
Hieb mit dem Stock oder eine Ohrfeige mit dosierter Schlagkraft sich
positiv auf die Lernfähigkeit auswirke.
Er
halte es für fahrlässig, aus einem vorhandenen Erfahrungsschatz
nicht lernen zu wollen. Es ginge ihm ausschließlich um Effizienz.
Ein Maximum an Effizienz sei dann erreicht, wenn kaum noch Energie
als Entropie entweiche.
Irma
fragte, was Entropie sei.
Kessler,
der gerade einen Blick zum Fenster hinaus warf, rief „Siehst Du den
gelben jungen Mann auf dem Fahrrad, Irma, wie offensichtlich er sich
bemüht, den Eindruck von Betriebsamkeit zu erzeugen, wie
arbeitseifrig er in die Pedale tritt und die Briefkästen anpeilt?
Der größte Teil seiner Energie wird in die Selbstdarstellung
investiert, also vergeudet. Das ist Entropie. Nach dem zweiten
Hauptsatz der Thermodynamik auch ‚Wärmetod’ genannt. Etwas
gelassener hätte der junge Postbote vermutlich einen besseren
Überblick und könnte viel effizienter seine Arbeit verrichten.“
Irma
protestierte. „Er ist jung und deshalb eifrig. Er wirbt für sich
und macht diesen Wind im eigenen Interesse. Vielleicht wird ein
privater Postdienst so auf ihn aufmerksam.“
Das
sei ein Trugschluss, sagte Kessler. Die Dinge müssten reibungslos
verlaufen, wie geschmiert. Nur dann würfen sie keine Fragen auf. Wo
Einklang herrsche, bestünde kein Erklärungsbedarf. Die meisten
Dinge erklärten sich selbst. Aber die so genannte
Richtlinienkompetenz nötige den Lehrern auf, die Dinge solange zu
zerlegen, bis sie von ihrem ursprünglichen und ganzheitlichen
Aussehen entfremdet seien. Man verzerre sie ins Rätselhafte, um den
Ertrag des Erklärungsbedarfs zu erwirtschaften. Dabei ginge es nicht
um die Deckung, sondern um den Erhalt des Bedarfs. Der gewünschte
Ertrag sei somit der Bedarf. Genauso wie es später der Arbeitsplatz
sei, der erwirtschaftet werde und nicht etwa das durch Arbeit
erwirtschaftete Geld. Denn mit jeder neuen Belegung eines neuen
Platzes, falle ein Arbeitsloser aus der Statistik. Deswegen stünde
in der Rangliste der Bemitleidenswerten der Mittellose noch über dem
Arbeitslosen.
Entsprechend
würden im Vorfeld der Arbeit, in den Schulen, Fragen konstruiert,
die kein Schüler von sich aus gestellt hätte. Die Antworten seien
für die Fragen gemacht und nicht zur Erweckung von Perspektiven, die
einem Schüler zum Lernen verführten.
Würde
sich in einer Gesellschaft das Primat der Schlüssigkeit durchsetzen,
würde man nicht nur einen Großteil von Lehrern entlassen müssen,
sondern mit ihnen würden auch etliche Ideale und Werte sich nicht
mehr ernsthaft vermitteln lassen.
Eine
schlüssige Ohrfeige, wie er, Kessler sie bevorzuge, käme einer
Revolte gegen den Bildungsauftrag gleich.
Doch
Irma insistiert immer noch auf eine schlüssige Antwort auf ihre
Frage: „Wieso kommt Arbeit immer von draußen?“
„Weil
erst eine Nachfrage von draußen eine Arbeit ins Leben ruft,“
erklärte Kessler.
Schon
im Liedgut hieße es so doch: ‚Horch, was kommt von draußen rein’.
Arbeit
bewege sich immer von draußen nach drinnen, nie von drinnen nach
draußen.
„Das
ist ein Naturgesetz, dass Arbeit nur eine Richtung kennt. Man
arbeitet immer gegen die Entropie“. Es sei sicher zutreffend, dass
Arbeit beweglich sei, dennoch könne man aus dem Zuwachs an
Beweglichkeit nicht automatisch auf einen Zugewinn an Ordnung
schließen. Im Gegenteil, gerade starke Energien schlummerten als
Ruhemasse, bevor eine Initialzündung eine nukleare Kettenreaktion
auslöse. Im übertragenen Sinne gelte diese Vorstellung auch für
zurück gehaltene oder aufgestaute Gefühle, irgendwann sei das Fass
eben zum Überlaufen voll!
Irma
empfand die Länge seiner Erklärungen als unangebracht und lästig.
Aber
da sie Humor hatte, bemerkte sie: „Dann ist also dieser Stuhl, auf
dem Du sitzt, ein echter Arbeitsplatz.“