Dienstag, 20. Juli 2021

Z. Z. XXI [Die erste Episode aus Val Sidals »Lunatikoa« (2007/2019)]

 


[»Shadow World Memories«, Lorena Kirk-Giannoulis (2021)]



Culture is shared meaning. Suppose we were able to share meanings freely without a compulsive urge to impose our view or conform to those of others and without distortion and self-deception. Would this not constitute a real revolution in culture? [David Bohm »Changing Consciousness« (1991)]



Profan



Mit Larissas Mutter kam Soljanka nach Kurzweiler. Das tausend Jahre alte Dorf wird Schauplatz eines globalen Konflikts. Als auch noch der Fußballverein verschwindet, verliert Larissa, ein schmächtiger, vorlauter Zappelphilipp, ihren letzten Halt.



Man kennt die Bilder:

In den Gotteshäusern wüst aufgeschlagene Zelte, Matratzenlager und Wäscheleinen, die kreuz und quer gespannt, durch das Kirchenschiff gezogen, die Luft, den Raum zerschneiden wie Hochspannungsleitungen, wie angeblich vergiftete Silberkondensstreifen den Himmel – die Welt – kreuzen.

Wie diese dunklen Gestalten grinsend in unser Land strömen, uns Not und Leid vorgaukeln!“, schreit ihr Vater den Bildschirm an, während Larissa eher mit der schwarzen Haut hadert: „Vor allem die Haut!“ – wie sie auf den Selfies glänzt! Mutter seufzt und Larissa könnte platzen: Ich hasse den vergeistigten Ausdruck in Muttis Visage bei Berichten über tüchtige, gute Menschen, die dem Teufel mit offenen Armen entgegenrennen!

Wie krank muss man sein, die Horden von notgeilen Testosteronbomben hereinzulassen? Du würdest dir am liebsten auch ein paar dicke Schwänze ins Haus holen, wie?! Die Beine breitmachen! Fotze!"

In Vaters Augen haben alles die Weiber verschuldet. Sie hätten keinen Sinn für die Realität. Für Fakten. Larissa stimmte Vater zu, wenn er daraufhin Mutter als komplett verblödete Kuh bezeichnete.

Die Welt ist kein Sandkasten! Und das Land, kein Garten Eden. In der Welt herrscht nun mal der Kampf ums Überleben. Schonungslos. Unfair. Heimtückisch und brutal. Ihr Weiber seid zu einfach strukturiert, um das zu kapieren!" – Solche Ausbrüche trafen sie und Larissa fand sie Mutter gegenüber unfair. So ist sie halt, sie kann auch nicht aus ihrer Haut! Manchmal hätte sie Mutter gerne verteidigt.

Mit heftigem Druck in der Stirn und in den Augen lauschte Larissa heute ihrem Herzschlag, beobachtete das Pumpen und Pochen in der Halsschlagader – rasend oder normal? Regelmäßig oder mit Aussetzer?

Sie hörte sich leben.

Dann brach das Glockengeläut der nahegelegenen Kirche durch das Fenster ein, und Larissa zuckte zusammen. Das Kribbeln in den Armen, in den tauben Fingern hörte sich unter der Haut wie der Gesang von tausend Ameisen an.

Larissa wusste, dass ihre Eltern schon längst die Kirchbank drückten, wie jeden Sonntag – die Ärsche, dachte sie. Dass sie schon lange weder von der Kirche, noch von Gott irgendwas erwarteten, war ihr klar. Es war nur wegen der Leute. Mutter - und das Gerede, als sich Larissa vor zehn Jahren geweigert hatte, jemals wieder eine Kirche zu betreten ... „Sag du auch mal was!", hatte sie ihren Mann angefleht, ihn verzweifelt angebrüllt. „Hat keinen Zweck", raunte er genervt, „es ist deine Schuld, deine Erziehung", und – „die ist nicht normal. Deine schlechten Gene! Lässt sich bemuttern, sich alles in den Arsch schieben … Die wird's nie zu etwas bringen." Vater sprach über Larissa gerne in der dritten Person, würdigte sie aber dabei keines Blickes.

Der Druck auf ihre Blase nahm zu, und Larissa öffnete die Augen, stieg aus dem Bett, stand auf, sank aber gleich wieder auf die Bettkante, weil ihr schwarz vor den Augen wurde – wie jeden Morgen. Es läge am Sauerstoffmangel – vielleicht am niedrigen Blutdruck. „Psychosomatisch. Sie sollten sich mal untersuchen lassen“, hatte die Therapeutin empfohlen.

Geerbt“, hatte Larissa gesagt – „meine Mutter hat das auch.“ Pech gehabt!

Wie oft musste sie von ihrem Vater hören, dass die Gene ihrer Mutter es schuld seien, und dass sie Pech gehabt hätte. In einer Sitzung hatte die Therapeutin erklärt, dass sie mit ihren Eltern wirklich Pech gehabt habe. „Denken Sie daran: Es ist nicht Ihre schuld!“, sagte sie, „Wiederholen Sie: Es ist nicht meine schuld!“

qui pro nobis sanguinem sudavit – wiederholte Larissa: „qui pro nobis sanguinem sudavit …“

Pech war das Schwarze Loch ihrer Seele, das ihr Selbstbewusstsein – und noch mehr, ihr Selbst und ihr Bewusstsein verschlang. Sie fühlte es. Materiell, heiß und zäh. Manchmal füllte es ihren Schädel ganz aus. Dann wurde ihr schwarz vor den Augen und erstarrt verlor sie sich im Tumult ihrer Stimmen. Pech, und – das Unaussprechliche. Das Teuflische.

Es ist wie ein Möbius-Band. Tag und Nacht dieselbe Seite, nur verschiedene Schleifen“, hatte Larissa einmal der Therapeutin gesagt. Wenn Mutter – unbeobachtet, wie sie glaubte – mit zitternder Hand, wieder das Cognac-Glas füllte, dann war es Vormittag. Wenn Vater durch die Tür kam, sich aufs Sofa stürzte und die geöffnete Flasche Bier entgegennahm, dann war es Nachmittag. Wenn es im Haus dunkel wurde, und in ihrem Kopfkino Vater und Mutter sich in der Wirtschaft vergnügten, wie es Erwachsene tun, dann brach die Nacht ein – die Zeit des Wartens und der Stimmen.

Irgendwann half auch das Fernsehen nicht mehr. Wenn sie im Treppenhaus saß und auf der letzten Stufe mit automatischen Rhythmen die bösen Geister mit den Füßen verscheuchen versuchte, dann nahte die Zeit der Panik: Hoffentlich schlagen sie sich auf dem Heimweg nicht gegenseitig die Köpfe ein! Lieber Gott, lass sie bald die Tür aufschließen und grölend in die Diele torkeln…

Wenn die Glocken läuteten, dann war es Sonntag. Ihre Eltern beteten wohl gerade das letzte Vater-Unser, dachte Larissa: Die Entweihung der Kirche stand unmittelbar bevor. Der Bischof hatte beschlossen, dass die Profanation der Saint-Bernadette Kirche im Rahmen einer letzten Heiligen Messe vollzogen wird. Die Kirche gilt nach der Profanierung nicht mehr als geheiligter Raum, sondern als gewöhnliches Gebäude, hatte Vater erklärt, aber Larissa wusste, dass sie bereits entweiht wurde, als der Teufel in die Kirche einzog.

Die Schweine onanieren unterm Kreuz! Der fickt seine Frauen vor dem Altar! Und Vater redet nur!

Eine ritualisierte Zerstörung des Kirchengebäudes und des Altars war nicht vorgesehen – „Das wird irgendwann der Riesenbagger des Braunkohletagebaus ganz profan erledigen“, scherzte Vater – „das Problem wird sich von selbst lösen.“

Ob sie eine Freundin oder einen Freund habe, hatte sich die Therapeutin erkundigt. „Meine Freunde stehen zu mir“, hatte Larissa beteuert – allesamt ehemalige Klassenkameraden – „sie haben mich immer auf Schalke mitgenommen. Solange ich es noch schaffte, das Haus zu verlassen.“ Auch gestern musste sie sich überwinden, um nach mehreren Anläufen auf die Straße zu gelangen.

Der nasse Bürgersteig reflektierte verschwommen die Lichter der Straßenbeleuchtung. Obwohl der Wagen wochenlang ungenutzt auf dem Parkplatz gestanden hatte, sprang der Motor sofort an. Larissa lächelte zufrieden, und fuhr die paar hundert Meter zur Tankstelle mit Tempo 30. Bloß nicht auffallen! Nachdem sie den Benzinkanister gefüllt und auf dem Boden vor dem Beifahrersitz abgestellt hatte, blieb sie noch eine Weile sitzen und hörte zufrieden ihre Lieblingsband im Autoradio. Mit einer letzten heiligen Prozession mit dem Allerheiligsten, den Reliquien und Heiligenbildern wird die Profanation inszeniert, das war Larissa klar. Aber dass man das Haus einfach dem Teufel überlassen wollte, fand Larissa unerträglich.

Viele, die an der Prozession teilnehmen würden, kannte Larissa gut. Die meisten waren Vaters Meinung. Aber sie reden nur … Das Haus nicht verlassen zu können – heute war das ihre einzige Sorge.

Normale Menschen könnten sich nicht vorstellen, wie es ist, wenn schon der Gedanke daran das Herz zum Rasen bringt, die Knie zu zittern beginnen, und …

Ja – mehr hatte die Therapeutin dazu nicht zu sagen.

Larissa öffnete die Sporttasche, warf einen Blick hinein und zog zufrieden den Reißverschluss wieder zu. Es beruhigte sie etwas. Ich werde es heute schaffen! Ich muss!

Die Therapeutin hielt das Bild von Larissa in Stichpunkten fest – mehr war nicht nötig. Larissa sei nun erwachsen und wenn sie wieder auf die Beine kommen wolle, dann müsse sie für sich Verantwortung übernehmen, in eine eigene Wohnung ziehen – sie solle unbedingt aus dem elterlichen Haus ausziehen! Larissa entgegnete erregt, dass sie doch in ihrer eigenen Wohnung lebe – die Einliegerwohnung unterm Dach, zwei Zimmer, Küche, Diele, Bad, war extra für sie ausgebaut und eingerichtet worden. Und ja, sie sei für sich verantwortlich, habe seit zwei Jahren ein eigenes Konto, einen Job in der Firma ihres Vaters, einer kleinen Druckerei, wo sie aus dem Home-Office für die Buchführung zuständig ist, sie zahle Miete.

Die Therapeutin unterbrach sie mit der Frage, wie oft sie im Betrieb anwesend sein müsse. „Nie“ – Larissas zögerliche Antwort – schien sie erwartet zu haben, dennoch rutschte ihr die Bemerkung aus: „Das ist krank!“ Deswegen bin ich ja hier, hätte Larissa gerne gesagt, aber sie bekam keinen Ton heraus.

Wie sie auch sprachlos war, als die Therapeutin wissen wollte, ob sie ihren Vater liebe. „Ich bewundere ihn“, hatte sie geantwortet, „weil er so vielseitig interessiert und so erfolgreich ist. Und so viel weiß.“

Larissa erzählte von Vaters Vorträgen in der Gastwirtschaft beim Bier über Klimawandel und Finanzkrise, Tod und die Steuer, von Flüchtlingen. Von seinem Hass auf die Kirche, weil sie die Abschiebung von abgelehnten Asylanten verhindere und illegales Kirchenasyl gewähre. Juristisch sei es kein Unterschied, ob ein Mensch in einer Kirche, bei einer anderen Institution oder in einem Privathaushalt Zuflucht sucht. Bei dem Thema kochte er vor Wut: „Es gelten die üblichen Regeln wie Hausrecht, aber es gibt keine Sonderrechte für Kirchen! Wo soll das hinführen? Es gibt Härtefallregelungen – und damit basta!“

Und – stimmen Sie ihm zu?“, fragte bohrend die Therapeutin. „Ah, Vater redet nur...“

Als das Datum der Profanation feststand, fand ein Meeting der KFD statt. Jemand hat es gefilmt und im Internet gepostet. Es wurde heftig darüber diskutiert, was mit den zwei afghanischen Familien in der Kirche geschehen solle, denen die Abschiebung drohte.

Mutter wirkte wie ausgewechselt. So kannte Larissa sie gar nicht. Sie argumentierte leidenschaftlich, aber besonnen. War immer um Ausgleich bemüht. Als Nachbarin Gaby Schlömers den Vorschlag einbrachte, die Flüchtlinge in der Prozession mit zu nehmen, sie zum Schutz vielleicht geheiligte Gegenstände tragen zu lassen, hatte Mutter zunächst verständnisvoll und zustimmend genickt. Die Aufnahme zeigte sie lächelnd, und Larissa musste das Abspielen stoppen.

Ich hatte Mutter nie zuvor so lächeln gesehen!“, brach es aus Larissa – ihre Augen in feuchtem Glanz.

Ich konnte kaum aufhören zu weinen“, erstickte Larissa ihr Gefühl. Die Therapeutin nickte einfühlsam.

Am Ende hatte man sich darauf verständigt, dass ein Transporter gemietet werden würde, um nach der Prozession die Asylanten aus der alten Kirche in die Nachbarkirche zu bringen. Es war nicht zu erkennen, wessen Stimme es war, eine leise Stimme aus dem Hintergrund, die bemerkte, dass es eigentlich illegal sei, Flüchtlinge aktiv aus einem Asyl ins andere zu bringen, das sei Fluchthilfe. Sie ging unter, ohne dass jemand darauf reagiert hätte. Zehn Frauen wollten beim Umzug helfen. Selbstverständlich auch Mutter: „Wir müssen anpacken, nicht immer nur reden!“ Wer da wem wohl helfe, hatte sich Larissa gefragt.

Vieles änderte sich, als Larissa Ego-Shooter wurde.



Engel Mike. Immer das gleiche Spiel: Angel Mike soll die Dämonen – den Teufel – vernichten, und scheitert. Oder er steigt eine Stufe auf, und Luzifer wird seine noch hässlicheren Fratzen zeigen, und der Engel wird wieder scheitern. Oder aufsteigen – im ewigen Krieg.



Wenn im Schatten des Dämmerlichts das Bier ihre glühenden Grauen Zellen geflutet und die Angst im Zigarettenqualm erstickt hat, bis sie im Pech der Nacht den Geist – das Spiel – aufgab, konnte Larissa endlich einschlafen.

Eternal War – Nacht für Nacht. Morgen für Morgen.

Eigentlich war Larissa in den Therapiegesprächen immer wortkarg geblieben, antwortete nur knapp, stellte selbst keine Fragen – mit einer Ausnahme.

Larissa wollte wissen, ob die Therapeutin als Seelenspezialistin nicht auch der Meinung sei, dass von den Flüchtlingen akute Gefahr ausginge. Ob nicht doch Vater recht hätte, dass wenn jemand bereits getötet hat, oder töten musste, dann eine Sicherung durchbrannte und die Schwelle mit jedem Male niedriger wäre, bis irgendwann auch eine Kleinigkeit, ein falsches Wort reichte … Ob Kinder, die ihr Leben lang von Morden und Mördern umgeben waren, den Umgang mit der Waffe und das Töten spielend lernten und Gewalt als völlig normal empfänden.

Vater sagte, dass Werte und Überzeugungen, wenn sie geprägt wurden, nicht einfach umprogrammiert werden könnten. So wie uns selbstverständlich erscheine, den Nachbarn anzuzeigen, wenn er seinen Hund in unseren Vorgarten kacken lässt, und uns darauf verlassen, dass wenn einer seine Schulden nicht bezahlt, das Gericht – zur Not mit polizeilicher Gewalt – sie bei ihm eintreibt, so würden die Flüchtlinge auch bei jeder Kleinigkeit zur Waffe greifen. Ist es nicht so, dass bei Ihnen Gottes Wille sowieso allem Willen vorausginge? Ihre Antwort enttäuschte Larissa.

Scheinbar sucht ihr Vater nach einer Haltung, die immer richtig ist, nach einer für Alle und alle Fälle gültigen Regel, die durchzusetzen gilt. Nach einer für jede neue Situation angemessene moralische Norm. Aber das ist keine Frage der Psychologie oder Psychiatrie. Nicht einmal des Rechts oder irgendeiner Wissenschaft. Wenn sie meine persönliche Meinung hören wollen“, sagte sie lächelnd, „dann geht es hier um Gewissensfragen. Und Gewissen ist individuell und nicht statisch, sondern es entfaltet sich erst, wenn es darauf ankommt. Es gibt keine Gewissenskonserve, aus der wir uns bei Bedarf bedienen könnten. Wenn wir antworten, vergewissern wir uns Selbst. Wie wir antworten, geben wir uns selbst zu erkennen. Wenn es Gott gibt, dann ist sein Geschenk an den Menschen nicht das Gebot, sondern das Gewissen“, sagte sie. So antwortet eine Frau, dachte Larissa und fand sich hundert Prozent auf Vaters Seite. Sie wünschte, sie hätte einen männlichen Psychotherapeuten. Pech gehabt!

Heute nahm sie sich Zeit für die Morgentoilette. Holte sich auch frische Unterwäsche aus dem Schrank, eine weiße Bluse (Mutter hatte sie gebügelt und ordentlich in den Schrank gehängt) mit goldenen Manschettenknöpfen, die Jeans und schwarze Socken dazu, und bereitete sie für später vor. Dann putzte sie sich die Zähne und duschte ausgiebig.

Larissa erinnerte sich dabei an das Schützenbiwak im Mai, als sie gegen drei Uhr morgens, im Festzelt, sich von oben bis unten vollgekotzt und die Jeans mit Urin besudelt hatte. Es war, das letzte Mal, dass sie die weiße Bluse mit den goldenen Manschettenknöpfen trug.

Was sollen die Leute denken“, hatte Mutter gejammert, und Vater, der ewige Adjutant des Obersts, lachte nur mit seinen Schützenbrüdern, als er spottete: „Mädchen können eben kein Bier vertragen.“

Haha! Hätte er sich wenigstens einmal entschuldigt, einmal zu mir gestanden! Einmal!!

Als die Therapeutin wissen wollte, ob in der Ehe der Eltern Gewalt eine Rolle spielte – und als Larissa stutzte, sie die Frage zuspitzte: „Schlägt er ihre Mutter?“ – weigerte sich Larissa zu antworten. Vater kam nur einfach mit ihrem Helfersyndrom nicht zurecht. Und der Alkoholnatürlich. Sie wollte immer schon jedem helfen, jeden aufnehmen. „Uns geht es gut, wir haben mehr als genug – wir sollten dankbar sein und teilen“, sagte Mutter, und Vater spuckte ihr vor die Füße: „Was hast du, was nicht ich erwirtschaftet hätte? Du verfickte, armselige, russische Hure!“ Als sie ein Blatt mit dem Spruch Glück vermehrt sich durch Teilen! mit Tesafilm auf die Kühlschranktür geklebt hatte, geriet Vater in Rage und klebte ihr eine. „Machst du dir eigentlich klar, warum es uns gut geht? Woher unser Wohlstand kommt? Warum ihr euch den Luxus eurer edlen Haltung leisten könnt? Er wird von Männern wie mir, im täglichen Überlebenskampf errungen und verteidigt! Das sollten die Herrschaften Asylanten erst mal bei sich zu Hause leisten!“

Am Ende stimmte Larissa doch immer Vater zu. Aber der redet nur.

Mit abwesendem Blick stellte sie eine Tasse in die Kaffeemaschine, die ihr ihre Eltern zum zwanzigsten Geburtstag geschenkt hatten – bald fiele ihnen kein Geschenk mehr ein, hatte Vater gesagt, es war als Scherz gemeint. Larissa erstickte damals ihre Wut mit einem Lächeln, weil es stimmte: als sie vor zwei Jahren ihren Wagen zu Schrott gefahren hatte, durfte sie sich ein neues Modell aussuchen – Vater würde es bezahlen, wie das Heimkino, den ultraschnellen Computer, die … – alles, immer schon. Larissa hasste ihn dafür. Und hasste sich, dass sie immer alles angenommen hatte.

Das Krächzen der integrierten Kaffeemühle übertönte das Brummen des Föns. Ihre Hand zitterte beim Anziehen der weißen Bluse und ein goldener Manschettenknopf fiel auf den Boden.

Beim Bücken und Aufheben wurde ihr leicht schwindelig.

Sie durfte die Prozession auf keinen Fall verpassen – wenn sie es überhaupt bis zur Kirche schaffte. Ohne sich zu setzen, nahm sie einen kräftigen Schluck vom frischgebrühten Cappuccino, legte die Tasse auf den Küchentisch und griff nach der Sporttasche. Sie prüfte nochmal den Inhalt und verließ ihre Wohnung.

der für uns Blut geschwitzt hat …Haha! O Herr! Das ich nicht lache, dachte Larissa. Erst wenn das Möbiusband durchgeschnitten würde, dann wäre alles einfach: mit dem Ende bekäme der Anfang seinen Sinn. Die Dinge klärten sich. Zwei Seiten – oben und unten.

Was, wenn das Leben einfach vorbei wäre, wie ein Gewitter, das seine Kraft und Energie ablädt und für immer vorbeizieht, oder eine Pfütze, die auf dem Asphalt einfach verdampft, ohne ein Zeichen zu hinterlassen, spurlos verschwindet – wenn also der Tod keine Strafe sei, keine Sühne im Fegefeuer verheißen würde – wozu soll das Leiden gut gewesen sein? Warum soll das Überleben erstrebenswert sein? Nicht die Vorstellung, dass sie in der Hölle landen würde ängstigte Larissa, sondern dass sie alle ungestraft davonkommen würden. Wenn nicht nach dem Tod – wann käme die Wahrheit ans Tageslicht, fragte sich Larissa, wo bliebe die Gerechtigkeit?

Der für uns Blut geschwitzt hat … – Hast du mich einmal in den Arm genommen? Gedrückt? Einmal …? Ach! Ich vergaß – du bist ja tot, gekreuzigt! Aber sicher nicht für mich!!

Auf den Treppen wurde ihr wieder schwindelig, sie musste kurz verschnaufen. Die Tabletten schienen noch nicht zu wirken. Aber die Zeit drängte. Wankend erreichte sie die Haustür und atmete tief durch. Auf der Straße war Larissa niemandem begegnet.

Von den ehemals 1.200 Einwohnern des Dorfes warteten nur noch etwa zweihundert Seelen auf die Entschädigung durch die Energie AG und taten heute Gott einen besonderen Dienst: sie entweihten sein Haus.

Ein kalter Wind wehte ihr ins Gesicht, und Larissa fragte sich, ob sie dem Leibhaftigen von Angesicht zu Angesicht begegnen würde. Wäre Sie imstande es zu ertragen.

Der volle Benzinkanister in der Sporttasche wog schwer und sie hörte ihr Herz rasen. Nicht schlappmachen, Mike! Nicht heute!

An der verlassenen Tankstelle vorbei, über den leeren Parkplatz des Supermarktes erreichte sie den Friedhof und hielt zögernd an, entschloss sich dann doch den Umweg in Kauf zu nehmen, um noch einmal einen Blick auf Großvaters Grab zu werfen.

Die Glocken verabschiedeten gerade ein letztes Mal die Gemeinde, als Larissa den Kirchplatz erreichte und erschöpft auf die Bank gegenüber der Kirche sackte.

Als die Ministranten mit dem Allerheiligsten aus der Kirche traten, gefolgt vom Bürgermeister, dem Pfarrer und den Schützenbrüdern in ihren Festtagsuniformen, begann der Umzug, und Larissa fragte sich, wie lange er wohl dauern würde.

Wie ein Wurm kroch die Prozession aus der Kirche, und die Kapelle spielte Musik, die entfernt an Chopins Trauermarsch erinnerte. Sie bog nur wenige Meter vor Larissa ab und nahm den Weg um das Hauptschiff herum, bis die Tuba kaum noch hörbar war.

Als Mutter sie entdeckt hatte, schubste sie leicht Vaters Arm, lächelte – dieses Lächeln! – und winkte Larissa verhalten zu. Vaters flüchtiger Blick wirkte leer, und in seiner Ausdruckslosigkeit hart.

Einzelne Mitglieder scheuten wohl den ganzen Weg, scherten aus und eilten in Richtung Parkplatz, oder nach Hause.

Die Turmuhr zeigte zwölf Uhr siebenundzwanzig, als außer Larissa niemand mehr auf dem Kirchplatz zu sehen war.

Jetzt bemerkte sie den gemieteten weißen Transporter. Er stand im Schatten der Kirche. Ein Fahrer war nicht zu sehen.

Larissa warf noch einen Blick auf die Kirchenuhr – die Leere und Stille fühlte sich endlos und ewig an. Sie schüttelte sich.

So Mike, es ist soweit! Reiß dich zusammen und zieh es durch!

Larissa griff nach der Sporttasche, stand auf, und wollte gerade losgehen, als ein Polizeiwagen mit Blaulicht fast geräuschlos auf den Kirchplatz raste und sich mit quietschenden Reifen quer stellte. Ihm folgten zwei gepanzerte Mannschaftswagen und zwei weitere Streifenwagen. Die Uniformierten brachten sich mit ihren Maschinenpistolen in Stellung.

Aus einem Lautsprecher dröhnten Befehle und aus den Mannschaftswagen sprangen schwarzgekleidete, maskierte Beamte der Spezialeinheit Terrorabwehr, drangen durch die Tür in die Kirche und vollzogen endgültig die Profanation.



Sonntag, 20. Juni 2021

Z. Z. XX [Zwei Episoden aus Val Sidals »Lunatikoa« (2007/2019)]

 


[»φτερό«, Lorena Kirk-Giannoulis (2021)]





Unterunten



Lars will den Beginn der Diplomarbeit nicht abwarten und beschließt, Australien auf eigene Faust zu erkunden. Im Flüchtlingslager in Traiskirchen bei Wien täuscht er vor Flüchtling zu sein, um die Reise nach Australien durch die Caritas finanzieren zu lassen. Er ahnt nicht, dass es zu einem Bumerang werden könnte.



Weißt du, umgeben von zweifelhaften Individuen wachte Lars schweißgebadet auf. Jetzt bildeten sie einen Kreis um sein Bett. Er wusste, sie würden ihm solange nicht mehr von der Seite weichen, bis er gefunden hatte, was zu suchen war.

Der Meister und seine Tochter sprachen leise: „Erkenne, damit du glauben kannst! Werte Worte nach ihrem Wesen, denn sie sind das Werden!

Du sollst sie lieben wie sie sind; ein Nicht-Gott, ein Nicht-Geist, eine Nicht-Person, ein Nicht-Bild, mehr noch: wie sie ein lauteres, reines, klares Eins sind, abgesondert von aller Zweiheit.“

Und in diesem Einen sollen wir ewig versinken, vom Etwas zum Nichts, um wieder Etwas werden zu können“, sagte einer, der sich Lövenix nannte.

Das Senfkorn zeigt hier Tiefe ohne Grund. Schach und Matt der Zeit, den Formen, dem Ort! Der Wunderring ist Ursprung, unbeweglich steht sein Punkt. Werde wie ein Kind, werde taub, werde blind! Dein eigenes Ich muss zunichtewerden, alles Etwas und alles Nichts treibe hinweg! Lass Raum, lass Zeit, meide auch das Bild! Gehe ohne Weg den schmalen Pfad, dann findest du der Wüste Fußspur.“

Wie wünschte ich, ich wüsste, wer ich bin! Was in der Welt ist, welche ich will!“, seufzte Lars.

Bekenne dich doch zu deiner Unwissenheit!“, sagte der, der sich Krebs nannte.

Und doch gibt es in der Natur eine gewisse reine Substanz, welche, wenn sie entdeckt und durch Kunstfertigkeit in ihren vollkommenen Zustand gebracht wird, alle unvollkommenen Körper, welche sie berührt, zur Vollkommenheit verwandelt!“

Die Stimme klang streitlustig. Es war einer, der aus der neuen Stadt kam. Sein Freund ergänzte: „Man findet sie auf dem Land, in Dörfern und Städten, in allen Dingen. Reich und Arm legen gleichermaßen jeden Tag Hand an sie, Diener werfen sie auf die Straße, und Kinder spielen damit. Niemand schätzt sie, obwohl sie das kostbarste auf Erden ist, das Könige und Prinzen vernichten kann. Aber man betrachtet sie als das gemeinste, niedrigste aller Dinge.“

Lars erschauderte, heiße und kalte Wellen strömten durch seinen Körper, von vorne nach hinten, von oben nach unten – immer wieder. Er bekam eine Erektion.

Warum quält ihr mich, da ihr wisst, keine Gewissheit konnte mein Geist empfangen, ohne auf dem Prüfstand meiner Seele als zu leicht befunden und abgestoßen worden zu sein?“ Eine Eruption – ein kalter Samenerguss raubte ihm für den Bruchteil einer Sekunde den Verstand. „Wer bin ich, dass Ihr glaubt, die Kraft und die Weisheit zu besitzen, eurem Widerstreit entfliehen zu können? Gott, bin ich ein Schwachkopf, dass ich glaube, über meinen Geist überhaupt sprechen zu können!“

Einer aus der Runde kam näher und legte seine Hand auf seine Stirn. „Es ist der Geist Gottes, der uns ein Ding auf eine bestimmte Weise und ein zweites auf eine andere Weise verstehen lässt“, verteidigte Krebs die Gruppe.

Wie ein in einem Kreis beschriebenes Vieleck, das die Zahl seiner Seiten vermehrt und doch nie ein Kreis wird, so nähert sich deine Erkenntnis der Wahrheit an, stimmt aber nie ganz mit ihr überein... Wissen ist also im besten Fall Vermutung.“, ergänzte ruhig Lövenix.

Jawohl - coincidentia oppositorum, die Vereinigung von Gegensätzen führt zur Vereinigung von Gegensätzen: ein Kreis mit unendlich großem Radius hat eine Gerade als Umfang!“

Als Luther der Medizin kann ich dir sicher helfen“, sagte bombastisch einer aus der Gefolgschaft von Hermes, einem stummen Beobachter der Szene zugewandt, der eine Smaragdtafel vor sein Gesicht hielt, um sein amüsiertes Lächeln zu verbergen. Er wusste ja, was kommen würde.

Laudatus Laudanum!“, schrie also Luther und holte aus einem Beutel ein golden glänzendes Kügelchen, das wie Mäuseexkremente geformt war.

Lars schluckte die bittere Pille. Er fiel erneut in einen tiefen Schlaf – um zu träumen.

Als er wieder aufwachte, waren die Individuen verschwunden. Stattdessen kam seine Mutter auf ihn zu und reichte ihm ein mit Schinken belegtes Sandwich und Lars erzählte ihr von den Figuren seiner Traumzeit.

Wie sollte sie Ihn bloß beruhigen, fragte sie sich. „Auch große Geister unterliegen Irrtümern, weißt du? Täuschungen aus der Tiefe dieser Individuen sind wirr und vielfältig; ihre Dogmen trennen, was nicht zu trennen ist und führen zusammen, was nicht zusammengehört – sie bringen alles durcheinander. ie tragen ihre Trugbilder auf den Markt und beschädigen dabei das wichtigste Instrument des zwischenmenschlichen Verkehrs – die Sprache. Auch unser Verstand macht Fehler – und diese Fehler sind am schwierigsten zu erkennen und zu vermeiden.“ Mutters Stimme wirkte wie Balsam auf sein entzündetes Gemüt. „Du solltest mal wieder malen, es entspannt dich doch so schön“, empfahl sie.

Das ist nicht mehr so. Das Monster in mir zwingt mich in der letzten Zeit immer wieder zu versuchen, mich selbst zu malen. Könnte ich doch nur meinen Geist erfassen! ES malen!“

Gib nicht auf, hätte sie gerne gesagt …er hört ja nie zu!

Ich kann die Welt nicht malen, weil ich sie nicht ertragen kann! Im selben Maß, in dem wir durch Technik die Welt und das All eroberten, haben wir auch begonnen, die Welt und uns selbst zu zerstören!“

Mutter schüttelte nur den Kopf – Lars trat ihr in den Bauch und schnürte ihr den Hals zu. Er nahm eines seiner Selbstporträts in die Hand und zerschnitt es.

Ich habe den Schinken selbst gemacht. Schmeckt er dir?“, fragte die Mutter ihren Sohn, um ihn auf andere Gedanken zu bringen.

Durchwachsen...“, antwortete er.

Vaters Worte kamen ihm in den Sinn: „Die Menschen verstehen nicht was sie denken. Sie hören sich sprechen, verstehen aber nicht, was sie sagen. Hüte dich vor ihnen. Hüte dich vor denen, die sagen, die Wahrheit zu kennen. Zeige ihnen aber das Gegenbeispiel, das du findest nicht. Sie könnten dich dafür töten. Halte dich fern von denen, die in spitzfindigen Diskussionen nach dem Ersten Beweger oder nach der Weltseele suchen. Wenn du etwas finden möchtest, suche es. Wenn du eine Vorstellung hast, probiere es aus. Der Traum wird dir immer den Weg weisen.“

Um seine Gedanken zu ordnen, begann er all das, was er zu wissen glaubte, in einer Tabelle, mit der Überschrift „Entitäten“ zu sammeln. Er zählte sie, ordnete sie immer wieder neu, suchte das eine Bild, welches seinen Geist befriedigte und seine Seele besänftigen würde. Als die Tabelle eine Größe erreicht hatte, die auch mehrfach gefaltet, den Boden des ganzen Zimmers abdeckte, hielt er inne.

Du bist auf dem Holzweg. Sein und Denken sind unvereinbar. Alles, was du in die Tabelle eingetragen hast, sind Verallgemeinerungen, sie haben mit den Einzeldingen nichts mehr zu tun. Das Bild, das ich entworfen habe, kann zwar in sich logisch sein, es hilft mir aber nicht, die Wirklichkeit zu erkennen. So bleibt die Welt für dich unergründlich. Ich muss sie als unverstanden hinnehmen. Ich bin unfähig, eine göttliche Ordnung in der Welt zu erkennen, so ist für mich auch der Wille Gottes unergründlich. Die Welt ist durch die Vernunft nicht beweisbar. Man kann über die Welt also nichts wissen. Du musst glauben!

Hier angekommen, begann er zu weinen. Nach einer Suche, die Tage und Nächte der letzten Monate gedauert hatte, war er an seinem Ausgangspunkt angekommen.

Mutter versuchte ihn zu trösten.

Er stand auf, ging ins Bad und holte Vaters Rasiermesser. Ein sehr scharfes Gerät der Marke Ockham.

Was machst du da?“, schrie Mutter verängstigt.

Sei ruhig, ich bringe mich schon nicht um!“

Ich hoffe, der Junge kommt mit heiler Haut davon, sagte sich die Mutter und ließ ihn mit seiner Pubertät allein.

Er verbrachte noch einmal Wochen und Monate damit, Zellen der Tabelle mit dem Rasiermesser aus- oder abzuschneiden.

Übrig blieb etwas, was er ohne Mühe auf dem Wohnzimmertisch ausbreiten konnte – eine Tabelle mit achtzehn Spalten und sieben Zeilen. In den Zellen hatte er nur noch Buchstaben und Zahlen mit tiefer Bedeutung eingetragen – Schönheit und Einfachheit! Die Tabelle begeisterte ihn. Ein Traum – Mendelejews Traum. Er sah schon fast das Ende des Tunnels.

Dann meldeten sich die Geister wieder. Sie ließen nicht locker.

Und was ist mit der Zelle in der Spalte vierzehn und Zeile sieben? Warum hast du dort keinen Buchstaben eingetragen?“

Ich hätte schon die Buchstaben dafür, wenn ich nur wüsste, was in die Zelle gehört“, antwortete er. „Dann finde es! Und denk dran es ist die magische Zelle, sogar die doppeltmagische!“

Wo soll ich es denn finden?“

Wo du es suchst, dort findest du es.“

Wie soll ich es denn finden?“

Wie du es suchst, so findest du es.“

Was soll ich denn suchen?“

Was du suchst, das findest du.“

Wann soll ich denn suchen?“

Wenn du suchst, dann findest du.“

Warum soll ich suchen? Wozu?“, fragte er schließlich.

Wer ist du eigentlich?“

Wessen Geist Kind?“, antworteten die Geister.

Gequält von den Geistern, die er rief, sah er die einzige Chance ihnen zu entkommen in der Flucht.

Ohne etwas mit zu nehmen, oder zu prüfen, wieviel Sprit noch im Tank seines Geländewagens war, fuhr er einfach los.

Nach etwa drei Stunden Fahrt auf dem Highway bog Lars in einen sandigen Weg ab. Hätte ihn jemand gefragt: „Mensch, warum verlässt du die Hauptstraße, ist das nicht gefährlich?“, hätte er geantwortet: „Gefährlicher als der Busch ist die Hauptstraße, die mich zur Umkehr bewegen versucht: Wende, fahr nach Hause, trink ein kaltes Bier und genieße die Kühle der Klimaanlage. Sei nicht dumm! Es geht nicht um das Wissen. Nur um die Wissenschaft. Klug ist nicht wer erkennt, sondern der Wissen Schaffende!

Der aufgewirbelte Staub markierte seinen Pfad, wie ein roter Faden. Hätte er es sich anders überlegt, dann hätte er, auch nach dem er diesen schmalen, einspurigen Buschweg verlassen hatte, vom Ariadnefaden des Staubes geleitet, zurückgefunden.

Lasst ihn! Er hatte es sich noch nicht anders überlegt! Und als es so weit war, als Hunger, Durst und die Hitze gesiegt hatten, hatte er seinen Wagen schon längst, mit leerem Tank, irgendwo unauffindbar liegen gelassen.

Für die Fledermäuse war die Zeit gekommen, aufzuwachen und in einem Schwarm mit tausenden Flügelpaaren sich auf Nahrungssuche in die Eukalyptusweiten aufzumachen. Jetzt hätte er gerne die arrogant-klugen Stimmen seiner Geister gehört. Aber das Schreien der Tiere übertönte alles.

OK. ich gebe auf. Ich bin zu schwach und zu feige für diese Welt. Ich werde ein paar Stunden schlafen und beim Sonnenaufgang werde ich nach Hause gehen.

Seht ihr? Er gibt doch auf!

Python beobachtete sehnsüchtig seinen kleinen, verzweifelten Freund.

Die Geister waren ihm nie von der Seite gewichen, weißt du? Sie wandelten nicht ihr Wesen, sondern nur ihre Form. Bei dem Gedanken erschauderte Lars. Am Abend des nächsten Tages wusste er, dass sein „Zuhause“ etwas Fernes, Unerreichbares und Fremdes geworden war.

Wo du suchst, dort findest du. Was du suchst, das findest du…“, hallte es nun aus jener Ferne. Er folgte der Stimme, der einzigen und letzten Verbindung zu seiner alten Welt, denn der Busch, in seiner eintönigen Gleichförmigkeit, machte den Unterschied nicht mehr. Länge und Breite verloren das Maß. Tiefe und Höhe, die wahrnehmbar übrigblieben, waren ihm nicht vertraut. Er hatte sich verlaufen. Man kannte die Geschichten von Leichtsinnigen, die im Outback die Orientierung verloren hatten und häufig erst nach aufwändigen Suchaktionen in der Regel nur noch tot gefunden werden konnten.

Ich habe Angst! Er spürte aber zugleich, dass das Wort sein Gefühl nicht richtig beschrieb. Es war nämlich ein neues, fremdes Gefühl. Das Atmen fiel ihm schwer, aber das erste Mal in seinem Leben bemerkte er überhaupt die einströmende Luft – mit Haut und Haar. Immerhin! Die Luft… Seine Augen brannten. Er fühlte sich von seinen Augen im Stich gelassen. Hatten sie früher alles Wichtige über die Welt blitzschnell weitergeleitet, so versagten sie nun. Trugbilder und Schwärze wechselten sich ab. Fehlgeleitet von den sich nicht mehr auffällig genug abhebenden Ähnlichkeiten, beschlossen sie, ein Standbild zu zeigen. Seine Ohren sendeten nur noch das Brummen eines Lautsprechers mit verstärkten Wackelkontakten. Noch einmal drang eine Stimme zu ihm. Sie kam aber diesmal von weit draußen: „Wer bist du?“

Es war eine weiche, zarte Stimme.

In Sydney, hatte ich noch einen klaren Auftrag im Sinn: Eine Mission. Auf dem Flug verblasste aber alles. Nach der Landung in Düsseldorf wusste ich nur noch, dass ich alles daransetzen musste, den Auftrag zu erfüllen.

Denk an den Auftrag! – hallte ES hohl.

Nicht, dass ICH etwas vergessen hätte. ES war nur, als hätte jemand während des Fluges an ihm herumgeschnipselt: ICH fand darin immer weniger Sinn. Die Bedeutung schien allmählich den Worten zu entweichen – sie verloren ihre Tiefe:



Tu, tu, scerpa, tu!

Scerpaforma lucitu!

Lumiscerpa cogitu!

Scerpatempo fugitu!

Tu, tu, locco tu!



Ob das hier ein Albtraum ist?

Weißt DU, als ICH merkte, dass die Worte nicht Sinn machten, war ICH besorgt: Was, wenn alles verloren wäre, was ICH in Australien erreicht hatte?

Wie konnte ES unbemerkt passieren?

War ES die Bruderschaft von Thalibali?

Soll ICH versagt haben?

Es war eine traumhafte Zeit ... – die irgendwo im endlosen Outback endete.




[»Car Tire Print«, Lorena Kirk-Giannoulis (2021)]




Weg



Nach Mira-Maries und Ramonas Tod folgt eine tiefe Krise. Die Zwillinge kommen in die Obhut des Jugendamtes. Durch das Tuba-Studium findet Lars den Weg aus der Depression und begegnet dabei Larissa.



Wir trockneten uns gegenseitig ab und legten uns nackt auf das Bett.

Ich bin froh, wieder in der Heimat zu sein …“

Es könnte sein, dass du dir alles nur eingebildet hast. Niemand außer dir hat irgendwas gesehen, und du hast eine lebhafte Phantasie…“, antwortete Larissa vorsichtig.

Es kann nicht sein! Ich kann sehr wohl unterscheiden. Außerdem gibt es einen eindeutigen Beweis.“

Welchen?“

Ich wusste vorher das Was, das Wo, das Wann und das Wie!“

Das ist ja gerade das Problem. DU wusstest es, und DU hast es gesehen. Wenn es aber niemand sonst gesehen hat, dann ist das kein Beweis…“, sagte Larissa sanft, offensichtlich bemüht, mich nicht zu verletzen.

Das ist Blödsinn. Dann kann nie etwas bewiesen werden. Schon Heraklit wusste, dass man nicht zweimal in denselben Fluss steigen kann. Wenn alle Dinge sich verwandeln und nichts beharrt, so ist es nicht möglich zu behaupten, es gebe von irgendetwas ein Wissen. Das, was wir Sein nennen, hat eben Gemeinschaft mit dem Denken, und das, was wir Werden nennen, mit dem Wahrnehmen. Das Chaos des veränderlich Werdenden zu Gestalt zu bannen, zu Ruhe, zu Sein, zu Ewigkeit ist Funktion des Denkenden Ichs. Dadurch erst entsteht Erkenntnis, und darum verhält sich das Sein zum Werden wie die Wahrheit zum Wähnen.“

Rangurrayi hatte mich gelehrt, dass nur das Träumen das Erkennen im Fluss möglich macht. „Es geht nicht um die Wahrheit, denn die Geschichte ist ungeteilt, sie ist nicht wahr oder unwahr; sie ist ein Fluss ohne Ufer.“

ICH kann den Fluss kreuzen oder nicht.

DU kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen, weil ICH dafür einmal aussteigen müsste.

ICH kann nicht aus dem Fluss der Geschichte aussteigen. DU kann nicht in den Fluss steigen.

ES gibt den Fluss.

ES ist nicht möglich oder unmöglich.

GSB sagt, ES gibt den Beweis, Riemanns Hypothese ist bewiesen. Nur— niemand außer GSB versteht ihn.

Schon gut. Du mit deinem Rangurrayi und deinen Griechen. Ich will nur wissen, ob wir die Steine gefunden haben oder nicht. Ob die Suche aufhört oder nicht“, sagte Larissa.

GSB ist kein Grieche… Er ist ein Engländer…“

Ich will es aber wissen…“

Wenn DU wissen will, dann muss ICH still sein. ES fließt.“

Wenn es fließt, dann kommt es von A nach B…“

A und B machen aber keinen Unterschied, sie wählen ihre Geschichten; ES ist dasselbe. Nur die Zeit macht den Unterschied.“

Wie können dann WIR entscheiden?“, fragte sie.

ICH kann ent-scheiden. DU weißt. ES ist der Beweis.“

Sei vernünftig!“

Nicht alles, was nicht vernünftig ist, ist auch unvernünftig!“

Der Beweis müsste da sein, auch wenn es dich nicht gäbe, so wie es diesen Tisch gibt, unabhängig davon, ob wir da sind oder nicht…“

Nur die Geschichte vom Tisch ist unabhängig von uns. Wenn wir nicht da sind, ist er nicht mehr derselbe Tisch, dann ist er der Tisch ohne uns und nicht der Tisch mit uns. Nur der Tisch in der Geschichte ist derselbe Tisch, weil die Geschichte ungeteilt Eins ist. Nur die Zeit macht den Unterschied.“

Ich umarmte sie und wiederholte tausendmal „weiß nicht“, während wir uns liebten.

Ich habe eine Idee“, sagte Larissa.

Löst du auch beim Sex Probleme?“, fragte ich.

Du hast wirklich keine Ahnung von Frauen…“

Wieso?“

Ihr Jungs, wenn ihr geil seid, wenn ihr hochkommt, dann habt ihr nur noch das rettende Ufer im Sinn, wie Hunde: je heftiger der Strom, umso schneller wollen sie ans Ufer.

Wir Frauen sind anders. Wir bekommen nie das Gefühl, wir könnten platzen, wenn der Höhepunkt nicht bald kommt. Wir wollen nicht kommen. Und wenn wir kommen, dann ist es wie ein Fluss, in den man nicht zweimal steigen kann, denn dafür müssten wir einmal aussteigen. Wir wollen nicht unbedingt zum anderen Ufer. Wir verlieren nicht den Verstand im Fluss. Mal erleben wir den Fluss als seichtes Bächlein, mal als wilde Flut. Aber es ist immer der Fluss und wir sind der Fluss und unser Verstand beobachtet ihn. Manchmal sagt er, heute plätschert der Fluss seicht dahin – ich sollte vielleicht morgen einen Termin beim Friseur machen.“

Mir wurde bewusst, dass eine unnachahmliche Gelassenheit, mit diesem Werden und Vergehen und Wiederwerden zusammenhängen muss. „Ist es denn verwunderlich, wenn ich auch immer wieder werden möchte“, fragte ich mich. „Ist es verwerflich, dass ich als Krone der Schöpfung, mich nicht mit einem Leben zufriedengeben will?“

In der Tiefe der Nacht kam Mira-Marie dazu. Sie war die ganze Zeit da. Unerwähnt und unerkannt. Larissa trug sie in ihrem Herzen und ich verbarg die Splitter in meinem Kopf. Aber es wurden immer mehr Splitter und ich konnte Mira-Marie immer deutlicher erkennen. Mit jedem weiteren Splitter wurde sie mächtiger und klarer.

Auf dem Broadway wird heute Das Phantom der Oper aufgeführt“, sagte Larissa und lachte.

Im Madison Square Garden wird heute Nacht geboxt“, sagte ich.

Wir hatten Tränen in den Augen.

Larissa schwebte mit mir auf Quetzals Wellen und drückte ihre Brüste und ihr Becken fest an mich, um nicht für immer abzuheben.

>Shuffle<

Sie kletterte steif aus dem Bett. Irgendwann wurde es ihr genug. „Du kannst mich mal!“ Sie stampfte barfuß die glatten Stufen der Holztreppe zum Erdgeschoss runter. So duster! Es zieht! Unter ihrem Nachthemd bürstete der kalt-feuchte Novemberwind die dunklen Härchen. Sie erschauderte. Lars hatte das Fenster offengelassen! Schon wieder in der Küche geraucht! Ich hasse diesen Gestank!

Unruhig, als stünde sie vor einer wichtigen Prüfung, verkrampfte sich ihr Magen. Ein nach Außen unmerkbares Wibbern breitete sich wellenartig in ihrem Körper aus und ließ nicht nach. Ihre Knie wurden weich – sie musste sich auf die Tischplatte stützen. Kreislauf?! Ließ den Kopf hängen, richtete dann den Blick auf die Küchenuhr. Die Zahlen konnte sie nicht fixieren – sie entglitten ihrem Blick immer wieder.

Die sonst unsichtbare, runde Glasscheibe schien einen feinen Riss bekommen zu haben. Die Zeiger warfen einen silbrigen Schatten auf das Ziffernblatt, ihre Ränder blitzten und vibrierten quecksilbrig. Sie hörte den Briefkasten klappern, wie ein lautes Hämmern mitten in ihrem Schädel, beugte sich über die Fensterbank und warf einen Blick durch das Fenster. Der Duft des frischen Basilikums. Braucht Wasser! Thymian und Bohnenkraut brauchen weniger.

Der Rentner, der die Tageszeitung austrug, stieg gerade auf sein wankendes Fahrrad, wischte sich das Gesicht und versuchte sich vor dem schneidenden Wind zu schützen, indem er sich tief über den Lenker beugte. Arme Sau! Larissa schloss das Küchenfenster, trank ein Glas Wasser von der Leitung und schaltete die Kaffeemaschine ein.

Lars – war er doch noch eingeschlafen? Lars läge üblicherweise noch im Bett, oder säße gemütlich am Frühstückstisch mit einem Pott Kaffee, während Larissa frühstückte.

Heute kam Lars mit Mira-Marie gleichzeitig zum Frühstück.

Als sie dann im Begriff waren loszufahren, hatte sich der Wind etwas gelegt. Dass sich die Kleine nicht erkältet!

Lars stieg ins Auto und dachte mit Grauen daran, dass die Tage noch immer kürzer werden und die allmorgendliche Düsternis noch trister wird. Am liebsten wäre er im Bett geblieben, aber er hatte es Larissa fest versprochen. Er würde Mira-Marie im Kindergarten absetzen, Larissa zum Institut fahren und dann beim Arbeitsamt vorsprechen.

Wenn sie an Fnugg dachte, kochte Larissa vor Wut. Über die Knie ihrer Tochter gebeugt, fand sie die Stelle auf dem Rücksitz des klapprigen Golf-Kombis nicht, wo der Sicherheitsgurt einrasten sollte. Sie begegnete dem ausdruckslosen Blick ihres Mannes im Rückspiegel. Lars trommelte auf dem Lenkrad: Wird’s bald? Er blickte in den Rückspiegel: Mira-Marie steckte den Daumen in den Mund. Machte einen kräftigen Sog: Mamas Haare kitzeln so! Papakind, sagt Mama immer.

Der Punkt ist“, fauchte Larissa, „du verschanzt dich in deinem Elfenbeinturm.“ Sie kniete noch auf dem Beifahrersitz, während sie ihn anflehte: „Lars, überleg’ es dir bitte noch einmal! Mensch, du musst dafür nichts anderes tun, als das, was du eh tust: Tuba-Unterricht geben!!“ Ich kann es einfach nicht fassen!!!

Lass mich damit in Ruhe! Du verstehst nichts davon!“, grummelte Lars. Die Scheißkohle!

Sie setzte sich auf den Beifahrersitz und Lars brauste aus der Einfahrt. Hatte er dabei Gino, den schwarzen Kater der Nachbarn, überfahren, oder hatte er es geschafft, ins Gebüsch zu springen? Jedenfalls war Gino auf einmal verschwunden.

Darf ich mich bitte zuerst noch anschnallen?“, ätzte sie. „Was ist schon dabei? Fnugg ist ein Stück, wie jedes andere. Ich hab’s mir neulich in YouTube.com angesehen hier:/watch?v=U0qIL2ie-VE“

So, so ..., Madame interessiert sich plötzlich für Tuba-Musik...“, Lars lächelte verkrampft zu Mira-Marie. Sie hat Angst.

Es ist ganz nett, klingt lustig ...“

Hör auf!“, Lars wurde laut. „Das ist keine ernste Musik! Nur blöde Hampelei! Wertlose Clownerie!“

Wie kannst du bloß so verbohrt sein? Die Musik entwickelt sich auch weiter, die Leute erwarten was Neues!“

In Lars’ Mundwinkeln verdichtete sich der Speichel zu einem kaum sichtbaren, hellen Schaum. Er atmete schwer. Fnugg! Dann haute er aufs Lenkrad: „Ich werde mich nicht zum Affen machen! Ich werde diesen Unfug nicht auch noch fördern! Fnugg ist Verrat am Instrument!“

Du bist schon ein spießiger Fundamentalist, ein stockkonservatives, arrogantes Arschloch!“

Im Hintergrund begann Mira-Marie zu weinen. Dabei verdrehte sie beängstigend die Augen. Mama! Larissa drehte sich aus irgendeinem Grund.

Wie zum Teufel konnte ich einen so bornierten, elitären Arsch heiraten?“

Mira-Maries Atem stockte, als Lars voll in die Eisen trat. Die Vollbremsung schleuderte sie nach vorne. Weil er nicht ausgekuppelt hatte, würgte er den Motor mit einem heftigen Nachrucken des Wagens ab.

Bist du bescheuert? Fahr zur Hölle!“, schrie Larissa.

Mira-Marie atmete nicht mehr. Etwas in ihrer Brust begann, die Luft, die ganze Kraft des kleinen Körpers, in einen Strudel zu wickeln, der immer schneller drehte. Papa!!

Lars öffnete die Tür und sprang auf die Straße, in dem Augenblick, als Mira-Maries Brust die ganze aufgestaute Energie mit einem scharfen Schrei freigab: „Paapaaaaa!!!“

Lars Füße berührten noch nicht den Asphaltbelag der Straße, als er verschwand.

Einfach so.





Donnerstag, 10. Juni 2021

Bzw. ۲ ۵ ۱ [»Die Schildkrötenleier« von Joachim Werneburg]

 


[»Sandpicture based on Ancient Greek Cycladic Art«, Lorena Kirk-Giannoulis (2020)]




Eine Reise des Ulise


Die Fahrt beginnt an einem kleinen Teich bei Weimar, wo eine schöne alte Weide steht. Der Wind bläst ein fragiles Blatt bis zum Kap Sounion, unweit von Athen. Nach einem kurzen Freiheitskampf gegen die Perser geht es weiter zum Akropolisfelsen, wo Musik der Säulen erklingt. Später, in Olympia, lernt Ulysses im Stadion, daß es beim Wettrennen auch langsamer zugehen kann. Im Dionysos-Tempel, unterhalb der Athener Akropolis, droht Gefahr, daß eine Schildkröte ihren Panzer verliert, Instrumente werden immer gebraucht. In Delphi feiert die Meise mit ihrem Gesang den Sieg über den pythischen Drachen. Und auf der fränkischen Burg, oberhalb von Mystras, nahe Sparta, wird Helena ins dunkle, faustische Mittelalter entführt. Was den Beifall des Nordwinds nicht findet, er greift sich das Weidenblatt-Gefährt mit dem Insassen und bläst es zurück zu dem Teich bei Weimar. [Vorbemerkung des Autors]








Die Schildkrötenleier

 


Attische Landzunge

 

 

1

 

Winde über dem Teich, dein Blick ruht auf dem gebognen,

Ach, von dem Leid, auf der Welle, dem Blatt einer silbrigen Weide.

           

Barke – sie trägt, die schaukelnde, darauf du dich legtest.

Der mit dem Dreizack ist überall, die schnelleren Lüfte,

 

Sonnenstrahl auf dem Boot, wie eine Mondsichel glänzt es,

Immer zu klein ist der See, und sie verlockten, die Wogen.

 

 

2

 

Nordwind greift geschwungenes Blatt, wie eben du hofftest,

Über die Alpen hinweg, geleitet bis zur Ägäis,

 

Schauder befällt deinen Leib – du mußt auch loslassen können,

Mütterliche, die Erde. Hinauf in den helleren Himmel!

 

Atmet ein Größrer dich ein? Du spürst einen anderen Herzschlag.

Attische Landzunge, die freche, gestreckt nach dem Osten.

 

 

3

 

Säulen, die marmornen, für Poseidon, zu kippen, verlockte

Die Beleidigten, die Perser bedrohen die Küste.

 

Mond entsendet, und nicht nur des Meers, ein silbernes Leuchten,

Steckte das Metall, die Kriegskasse, tief in der Erde.

 

Münzen geprägt, wer eben noch träumt, für den Streit um die Freiheit,

Ewig währt er, behauptet sich in eherner Rüstung.

 

 

4

 

Nicht wie die Rebhühner, die sich im Fenchelkraut ducken,

Wenn sie den fremden Krieger, mit Pfeil und Bogen, entdecken:

 

Solln doch mit lautem Flügelschlage, und knarrenden Rufes,

Schießen gegen den Feind, aus einem Bauch die Granaten!

 

Wer für die Schönheit gekämpft, der hofft im weicheren Marmor

Einst seinen Namen zu lesen, im Tempel, der niemals verwittert.





Auf der Akropolis    

 

 

1

 

Aus dem frühesten Himmel, herabgefallen ein Holzblock,

Untere Stadt, geredet wird von meiner Erscheinung,

 

Gut gekleidete Puppe, und nach den Maßen geschneidert,

Wie sie entbietet mein Leib, so weckt ich die Lust der Athener.

 

Ölbaum, er steht auf hohem Felsen, aus heiterem Himmel

Eine Olive auf deinen Kopf, nun kannst du mich sehen.

 

 

2

 

Helm des Vaters auf meinem Haupt, der Mund ist der eigne,

Blitze, geistreiche, wirft er, von mir der Donner der Sprache.

 

Blankes Metall, du blickst in einen bronzenen Spiegel:

Unbehauener Klotz, noch fehln die Schläge des Meisters.

 

Hiebe treffen den Felsblock – und gelten dem Menschen,

Konsonanten des fernen Olymps, erschaffen den Körper.

 

 

3

 

Zwei ionische Säulen, der Blick folgt ihnen zum Himmel,

Dort begegnen sie sich – und bilden ein Alpha.

 

Eine der Schlanken berührst du, des Tempels, sie säuselt ein Iota,

Sanft gestrichene Saite, Vokale erfüllen die Seele.

 

Giebelfeld, wo die Kentauren die Griechen bekriegen,

Wollen ihnen den größten Schatz, die Buchstaben, rauben.

 

 

4

 

Hatte einst einen schönen Tempel, zerstört von den Eseln,

Raubten das I und das A, nun schrein sie damit im Gebirge.

 

Triton im Giebel – jetzt wohnt er im See, mein leiblicher Vater,

Nahe dem Atlas, und wer mich noch Kopfgeburt nennt, der verleumdet!

 

Fische, die munter sich um die Akropolis tummeln,

Geht nun Attika unter, wie einst Atlantis gesunken?

 


Olympisches Feld    

 

 

1

 

Berg des Zeusvaters, noch in der Nähe des Stadions,

Steht in Flammen, und nicht nur Hasen, auch Füchse entfliehen.

 

Kronos, vom Donnerer längst besiegt, wozu noch das Feuer?

Du bist der Grund – dein Rennen um die billigste Bleibe.

 

Auf den Olivenhain, da wünscht sich der Wirt einen Gasthof,

Welch ein Traum! – da hilft ihm die olympische Lohe.

 

 

2

 

Jagst auf dem Rennwagen durch den Tag, und fährst nur im Kreise.

Immer in Sorge: vielleicht hat jemand gesägt an der Achse.

 

Aber, vom Tempel der Göttin, die Säulen, Zypressen, sie tragen

Längst nicht mehr ihren Giebel, den Stein haben Schnecken gespendet.

 

Langsam kreisen die Planeten, doch du hast es eilig!

Hera bremst auf ein Schneckentempo – dein irdenes Fahrzeug.

 

 

3

 

Alpheus, freundlicher Fluß, er trennte die schnellen Titanen

Dieser Welt, mit seinen Wellen – vom langsamen Walten der Götter.

 

Leicht geschwungene Wiesen, Olympias friedliche Landschaft,

Fackelträger melden den Völkern, es geht auch gemächlich.

 

Steige nun durch die Furt – von dem Gestade der Eile

Auf Arkadiens Geröll zur müßigen Stunde des Mittags!

 

 

4

 

Immer im Widerstreit, die Dauer verleiht zwar der Sänger,

Flüchtige Worte jedoch, zum eifrigen Schlag auf die Leier.

 

Ruhig sein Gemüt, doch bleibt ihm nichts anderes übrig,

Als den Schnellsten auf dem Gespann, den Sieger, zu preisen.

 

Auch dem Chor, der Verse des Dichters vorträgt, ihm selber –

Beiden gewichtiges Gold! – das müssen die leichtesten bringen.





 

Theater des Dionysos   

 

 

1

 

Schildkröte, ach, sie kriecht durch das Gras und wähnt sich ganz sicher,

Weder Achill gelängs, noch der Köchin, ihr näher zu kommen.

 

Kräftig stößt sie mit ihrem Panzer, und könnte vollenden

Seinen Verfall, an den Fuß des Dionysos-Tempels,

 

Dumpfer Ton, der erschallt, wenn sie doch vorsichtig wäre,

Leicht gefiele dies Instrument – dem trunkenen Lauscher!

 

 

2

 

Weidete gern die Schildkröte aus, er liebt dunkle Töne.

Antilopenhaut – damit ergänzt er den Panzer,

 

Darmsaiten klingen anders, nicht mehr das Blöken der Schafe.

Hol eine Bank herbei, dem Fuße bequem, für den Spieler!

 

Langsam schlägt er und schnell, das Kriechtier hat es nicht eilig,

Die Gehörnte, sie rennt, doch beide verklingen im Liede.

 

 

3

 

Schildkröte klimmt, noch immer allein, hinauf bis zur Bühne.

Trifft eine zweite – nur wenig Geräusche für eine Tragödie.

 

Leben unter dem Panzer, das lehrt: bleib hinter der Maske.

Was du auch sagst – viel besser ists, mit Amphibien zu schweigen.

 

Zuschauer schreien auf, ein Tiger über die Plätze!

Alle verjagt, die Mimen sind allein im Theater.

 

 

4

 

Was auch bringen die Dialoge, doch einzig ein Fauchen

Gegeneinander, ein Trachten nach dem Leben des andern.

 

Trinke besser vom Krug, den Dionysos reicht, er befreit von

All den Stricken, die mit vergangenem Frevel verbinden.

 

Gib dich willig dem Rausche hin, nur so kannst du hoffen,

Daß Apoll du vernimmst, spielt er auf der Schildkrötenleier.



 

Delphische Schlucht   

 

 

1

 

Karstige Berge, die Männer, sie harren, den Reben verpflichtet,

Wände von Rosen und Flammen, um wiederzukehren im Winter.

 

Strahl kastalischen Wassers, schon regt sich der uralte Drache,

Das Gebirge verströmt es – und reinigt befleckte Besucher.

 

Python, die dunkle Wolke, noch immer ist er am Leben,

Tal des Pleistos, darinnen er nistet, nicht jeder erkennt ihn.

 

 

2

 

Pfeile Apollon zielt, und Sonnenstrahlen befreien,

Lorbeerduft liegt in der Luft, die Berge vom Nebel,

 

Treffen in die Schlucht und in die Seele des Menschen.

Tag und Nacht bekämpfen, wie Wachen und Schlafen, einander.

 

Feuer gegen die Drachenwolke, Geblendeter, schaust du

Bis zum Parnaß hinauf – und trittst dabei auf die Kröte.

 

 

3

 

Fels, er ragt empor, wo stets der Drache besiegt wird,

Nabel der Welt, die Schnur zur Mutter, ist lange durchbrochen.

 

Darmsaiten zupft Apoll, die Eingeweide der Tiefe.

Schätze der Erde, geborgte, das mächtige Delphi verteilt sie.

 

Dämpfe steigen von der Straße – des modrigen Drachens,

Würzige leider nicht, die Abgase atmet ein jeder.

 

 

4

 

Stein der Sibylle nicht weit vom Tempel, drauf sitzt nun die Meise,

Singt begeistert ihr Lied von der getretenen Schlange.

 

Fluren aller Länder, herbei die Schafe Apollons,

Die verlangt es nach Licht – und werden dem Hellsten geopfert.

 

Aber seine Musik, sie klingt aus den Tiefen der Seele.

Tritt in das Gotteshaus ein und schau – dein schuldiges Bildnis!

 

 

Das Löwentor   

 

 

1

 

Tritt in das Kuppelgrab, vielleicht ein Bienenkorb ist es,

Immer fliegen sie doch, mit Stacheln, hinein und nach draußen,

 

Oder ein Sternenzelt, Heroen speisen die Lichter.

Sprechen nicht nur griechisch, ists nicht Siegfried, der redet?

 

Eingeladen hat Agamemnon mich, den Gefährten,

Beide sind wir, Gezeichnete, der Arglist erlegen.

 

 

2

 

Saßen einst im gläsernen Berg, war unter uns einer,

Warf den ersten Stein, das hellere Haus ist zersprungen.

 

Tantalus bot ihn auf Tellern dar, den himmlischen Gästen,

Seinen Sohn, wie der Gedanke zergliedert, die Rose,

 

Raubte den Göttern, auch du bist schuldig an einem der Kriege,

Ach, von dem edlen, dem Nektar, vor seinesgleichen zu prahlen.

 

 

3

 

Führer des Heers der Achäer, besiegte das mächtige Troja,

Starb auf eigener Burg, ein Bauer pflügte die Felder,

 

Liegt gefallen am Horizont, Agamemnon, der Riese,

Weißgrau, ein Gebirge, im Tal pflügt der Landmann noch immer.

 

Durch das Löwentor – nicht mehr in goldene Zeiten,

Zwischen den Wächterbergen, des Königs Haus fiel in Trümmer.

 

 

4

 

Wasser in der Wabe, der Honig ist prächtig gegoren.

Wir betrinken uns gern und wollen die Herkunft vergessen.

 

Knoten heilig – zerrissen ist, was lange verbunden.

Lebte noch vor der Flut, mit einem andern Geschlechte,

 

Löwenmenschen standen uns bei, mit Dolchen und Krummholz.

Steinernes Rätsel nun, der Sphinx ist geblieben ein Lächeln.





Die Gärten von Mystras

 

 

1

 

Letzter Palast von Byzanz – auf der lakonischen Höhe,

Drunten Ruinen von Sparta, du kommst deinem Zeitalter näher.

 

Törichtes Tun, im Mittelalter, dem dunklen, zu suchen

Götterbilder, die alten, verbrannt wirst du werden als Ketzer.

 

Bloß ein Scholar, erweckst du auch die Skulptur Aphrodites?

Ach, der Marien-Gesang, er bringt dich ganz aus der Fassung.

 

 

2

 

Steig den Taygetos-Gipfel hinauf, zur Burg der Normannen!

Hörst auf den Ratgeber du, den armen Teufel vom Norden:

 

Wenn die Kirche ihn auch beschimpfte, bezaubernden Marmor,

Gehe nach Sparta und hol sie leibhaftig, die schöne Helene!

 

Oh, sie ist immer noch jung, so blieb die Antike lebendig,

Etwas Magie, schon hat sie Menelaos vergessen!

 

 

3

 

Blühende Hyazinthen, noch in den Gärten von Mystras.

Nordwind gönnt mir die Freude nicht, mit kühleren Lüften

 

Fegt er über die Burg, die Blüten fallen, und Blätter,

Grünlinierte, darauf du deine Noten geschrieben.

 

Scharen osmanischer Krieger, sie nähern sich griechischen Bergen,

Längst ist es an der Zeit, der Insel den Rücken zu kehren.

 

 

4

 

Schwingt sich Boreas zum Palast, auch dich will er rauben,

Trau ihm nicht, der sich auf Schlangenfüßen bewegte,

 

Wurzeln in der Erde, um bei der finstren zu schlafen,

Welch ein Gebirge, wie soll er über die Alpen geleiten!

 

Silberblätter fallen, des Lorbeers nicht mehr, von der Weide,

Bilde ein Schiff davon, um deinen Teich zu befahren!