[»Ping
Pong für die Neue Sachlichkeit« (2015),
Goedart Palm]
Ich
bin allerdings arm und an Erfolglosigkeit hat es mir bis heute nie
gefehlt, aber das Leben kann auch ohne Erfolg hübsch sein.
[Aus:
Robert Walser »Der Spaziergang« (1917)]
[»Sozioanalyse«
(2020),
Goedart Palm]
Endlich
arbeitslos
Tödliches
Glück
Roman
von
FRIEDRICH-KARL
PRAETORIUS
Kapitel
1
Als
Kessler, der in einem privaten Internat immerhin zehn Jahre lang als
Lehrer angestellt war, fristlos gekündigt und damit in die freie
Welt der Arbeitslosen ohne Bezüge, auch ‚stille Reserve’,
genannt, überführt worden war, ein Schritt, der nach Meinung der
überwiegenden Anzahl seiner Kollegen längst fällig war, ging ein
großes Aufatmen durch den Lehrkörper wie durch die Schülerschaft.
Wie
er es überhaupt schaffen konnte, über einen so großen Zeitraum
sein Lehramt auszuüben, erschien vielen jetzt wie ein Rätsel.
Seine
Gewaltbereitschaft und sein unberechenbares Verhalten waren allgemein
bekannt und gefürchtet. Kessler besaß das Geschick, seine
Entgleisungen unmittelbar von physikalischen Gesetzen abzuleiten und
in Lehrstoff umzuwandeln.
Wenn
Kessler zuschlug, folgte gleich die Belehrung. Ein Schlag sei dann
gerechtfertigt, wenn er das Gehirn des Schülers in Bewegung setze.
Er sei als dosierter Impuls zu werten, der den Schüler an die von
ihm, Kessler, gewünschte Wellenlänge erneut anbinde und so den
weiteren Transfer von Daten garantiere.
Einmal,
nachdem er einen Witz erzählt hatte, über dessen Pointe keiner
seiner Schüler lachen wollte, ließ Kessler sich von einem Schüler
die Jacke geben, hielt sie für alle sichtbar hoch und forderte die
Schüler auf, sich die Jacke als Witz vorzustellen.
Dann
warf er sie mit den Worten auf den Boden, er werde jetzt aus dieser
Jacke, die ein Witz sei, die Pointe heraustreten, die als Jackensaft
bald sichtbar werden müsse.
Das
sei ganz ähnlich wie beim Traubentreten. Den Besitzer der Jacke
werde er entschädigen, sofern die Jacke nicht schon vor dieser
‚rituellen Betretung’ als ein geschmackliches Desaster zu
bewerten sei.
Kessler
trampelte auf der Jacke herum und versprach, dies solange zu tun, bis
der Jackensaft herausgepresst sei. Die Schüler könnten sich selbst
überzeugen. Bisher sei noch kein Tropfen Jackensaft zu sehen. Und
eine saftlose Jacke habe überhaupt keinen Wert.
Ob
denn alle Kleidungsstücke saftig seien, wollte einer wissen.
Kessler
brach das Trampeln ab, riet dem Jackeneigner, beim nächsten
Jackenkauf auf mehr Qualität zu achten. Und, was den Geschmack
anginge, so bediene er sich gern eines Gleichnisses, das ihn schon
als Kind überzeugt habe. Mit dem Geschmack, so hieße es in diesem
Gleichnis, verhielte es sich wie mit dem Hintern. Was er auch
hervorbringe, am Ende bliebe er immer geteilt.
Mittlerweile
boten Schüler Kessler ihre Jacken für eine Saftprobe an. Andere
simulierten Wissbegierde und fragten, ob vielleicht alle Dinge Saft
enthielten.
Von
Friedhelm Kessler, der Physik und Chemie lehrte, waren beim Verlag
Schrader&Schrader immerhin zwei populärwissenschaftliche Bücher
erschienen und erfolgreich im Umlauf. Denn Kessler verfügte über
die besondere Fähigkeit, komplizierte und exotisch anmutende
Neuigkeiten aus der Welt der Teilchenbeschleuniger und den
Radioteleskopen spektakulär aufzuarbeiten und auf diese Weise neue
Leser zu gewinnen.
Er
habe, antwortet er dem Schüler, der gefragt hatte, nicht nur auf
Fragen wie diese gewartet, sondern, was ihn besonders entzücke, sei
diese plötzliche Neugier, dieses aufrichtige Interesse fast aller
Schüler, die seine saftigen Ohrfeigen zu würdigen verstünden.
Auch
japanischen Mönchen, deren Geist während einer Meditation
herumirre, würde der Meister mit einem Stockschlag auf den
Hinterkopf unmittelbar zurück in die Mitte des Geistes verhelfen.
Wenn man also statt Saft Essenz sage und sich vorstelle, zwei starke
Hände könnten das Universum zusammenpressen, dann, und dies sei
durch Berechnungen bewiesen, bliebe am Ende nicht einmal der Saft.
Im
Verhältnis zur Größe der Raumzeit falle die sichtbare Materie
nicht mehr ins Gewicht. Sie schrumpfe auf einen Wert von nahezu Null.
Doch
kaum wurde zur Pause geläutet, brach wieder das gewohnte Chaos aus.
Kessler
schaltete schlagartig um, und sein Blick traf kalt und tödlich die
Schüler, die wie versteinert innehielten. Er stellte dann fest, dass
hoffentlich selbst die ‚Saftratten’, unter den Schülern heute
gelernt hätten, dass eine einfache Ohrfeige ihnen das Geheimnis des
gesamten Universums offenbaren kann.
Schüler,
die mit Kesslers Anschauungsunterricht vertraut waren, verfuhren mit
Kessler bald ähnlich wie er mit ihnen.
Nicht
nur seine Unberechenbarkeit war für Lehrer wie für Schüler kaum zu
ertragen.
Ein
besonderes Kennzeichen war sein starker Mundgeruch, der ihm angeblich
vorauseilte.
So
entstand bald der Begriff von einem vorauseilenden Mundgeruch, für
den der Lehrer exemplarisch sei.
„Kessler
kommt!“, schrien vorlaute Schüler und brachten sich in Sicherheit.
Ob
ein Mundgeruch überhaupt vorauseilen könne und nicht vielmehr träge
hinter der beweglichen Quelle zurückbliebe, darüber zerbrachen sich
einige Schüler den Kopf.
Man
zog ein paar pfiffige Köpfe der Oberstufe zu Rate und der Witz war,
dass nach Gründung einer Projektgruppe namens ‚Mundgeruch’ die
Frage zu einem ernsthaften Anliegen heranreifte, das man schlecht,
ohne Kesslers Intimsphäre zu beschädigen, lösen konnte.
Einige
Schüler behaupteten, Kessler verfüge sogar über die Fähigkeit,
seinen Mundgeruch zu beschleunigen. Denn diese Fähigkeit allein
führe zu einer Vorauseilung, der seine Person dann folgen würde.
Kessler
und sein Mundgeruch wurden zu Zaungästen eines Phänomens, für das
der öffentliche Lehrauftrag, an den auch eine private Lehranstalt
gebunden war, kein Fach vorgesehen hatte.
Ein
Schüler vertrat die Ansicht, es sei gar nicht der faulige Geruch,
der Kessler ankündige. Sein Kommen werde über den Gehörgang
vermittelt.
Unter
den Hacken seiner Cowboystiefel habe er Plättchen anbringen lassen,
die ganz offensichtlich sein Herannahen betonen sollten. Sein Schritt
halle durch die Gänge. Gelassenheit und Gleichmäßigkeit
flankierten ihn.
Der
Widerhall seiner Schritte treibe die Schüler bereits in die Klasse
und rufe unmittelbar den üblen Mundgeruch wach. Dann erst erscheine
Kessler.
Ein
Neunmalkluger vertrat die Ansicht, man müsse das Phänomen aus
holistischer Sicht betrachten. Was Kessler vorauseile, sei sein
schlechter Ruf, von dem der Mundgeruch nur ein Bestandteil sei.
Wieder
ein anderer meinte, mit Kesslers Herannahen sei ein deutlicher
Klimawechsel zu registrieren. Man möchte sich warm anziehen, wenn er
herannahe.
„Können
Gedanken eigentlich denken, Herr Kessler? Oder werden sie gedacht?“
Mit
solchen Fragen konnte man bei Kessler auf eine saftige Abreibung
rechnen.
Denn
Kessler war nicht dumm. Bevor er zuschlug ließ er den Schüler nicht
wissen, ob und wenn ja, auf welche Art die Abstrafung erfolgte.
„Sie
können beides, mein Junge. Und zwar zur selben Zeit“, lautete
Kesslers Antwort, während er sich dem Schüler näherte. „Der
Gedanke entsteht, und, während er sich aktiv seinen Weg durch die
vielfältigen Wege in den Arealen der Hemisphären im Neokortex
sucht, fällt er ins Gewicht. Und zwar so.“
Kessler
schlug zu und fuhr fort: „Dies ist der Augenblick, wo der Gedanke
gleichzeitig denkt und gedacht wird.“
Wenn
Kessler einen dieser vorwitzigen Schüler erwischte, konnte er
gnadenlos sein.
Seine
Neigung zu effizienten Faustschlägen ins Gesicht nahm zu und
widersprach zu deutlich den Gepflogenheiten, um nicht endlich auch im
Lehrerzimmer thematisiert zu werden.
Dort
fragte ihn ein älterer Kollege, ob Kessler nicht bekannt sei, dass
sein brutales Verhalten strafbar sei.
„Grundsätzlich
ja“, gab ihm Kessler zur Antwort. „In einigen Fällen führt aber
nur der gezielte Faustschlag zum angestrebten Erfolg.“ Eine
Ermessensfrage sei das nicht, erläuterte Kessler, denn für
Erwägungen brauche man Zeit, und gerade die passe als kleinstes
Segment nicht mehr in den Ermessensspielraum. Einer vollendeten
Tatsache wie dieser könne keine Entscheidung vorausgehen.
„Was
essen Sie bloß zum Frühstück“, fragte ihn derselbe Lehrer.
Kessler erwiderte verschwörerisch: „Da müssen Sie meine Frau
fragen, denn auch mit Brille ist es nicht zu erkennen. Aber es
schmeckt wie Ratte. Lecker!“
Witzig,
dieser Kessler, dachte vielleicht in den ersten Jahren mancher
Kollege oder Direktor Körber, der einen Narren an dieser
merkwürdigen Persönlichkeit gefressen hatte.
Ein
anderer Kollege, auf den Kessler nicht so gut zu sprechen war, sagte:
„Versuchen Sie es doch mal mit Dorschleber, die gibt’s auch in
Dosen“.
Kessler
blickte hoch und antwortete: „Schon mal was von Aura gehört, Herr
Beierlein? Sie unterrichten doch Mathematik, welche geometrische Form
würden Sie einer Aura am ehesten zuordnen?“
„Annähernd
kreisförmig!“
„Sehen
Sie! Das denken die meisten. Es gibt aber – selten zwar – eine
Aura, die länglich ist und schmal und bis zu drei Metern in Mundhöhe
vorauseilen kann.“
Wenn
Kessler vor der Klasse stand, und einige, die Kesslers
Gewaltbereitschaft noch nicht kannten, sich demonstrativ die Nase
zuhielten, sagte Kessler: „Ist es nicht schön, einen Lehrer zu
haben, der nicht nur im sichtbaren Licht und durch die Vibration im
Trommelfell wahrzunehmen ist, sondern der sich zusätzlich noch
wittern lässt?“
Nachdem
die Schüler gelacht hatten, packte Kessler sich diejenigen, die sich
die Nase zugehalten hatten.
Sie
mussten sich in einer Reihe aufstellen, und Kessler rammte jedem
einmal sein Knie in den Bauch.
Bei
einer solchen Abstrafung hatte ein Schüler sich reflexartig über
Kesslers Hose erbrochen.
„So,
Freundchen, das gibt eine Sonderbehandlung!“
In
Anwesenheit der ganzen Klasse hatte er dem Jungen immer wieder ans
Schienbein getreten.
Die
einseitige Ausrichtung seines tretenden Fußes erklärte er mit den
Worten: „Ich trete deshalb nur gegen dieses eine Schienbein, damit
mir später niemand Vorsätzlichkeit vorwerfen kann. Mir ist eben mal
der Fuß ausgerutscht.“
Kessler,
der sein Opfer immer wieder dazu nötigen musste, das Schienbein frei
zu geben, war nicht aufgefallen, dass ein Mitschüler bereits den
Direktor gerufen hatte.
Gemeinsam
mit zwei weiteren Lehrern stand man sprachlos in der geöffneten Tür.
Kessler
registrierte schließlich ihre Anwesenheit und sagte mit ruhiger
Stimme: „Ich bin gleich für Sie da, meine Herren“.
Er
beugte sich zu dem verletzten Schüler, zog ihm die Brille von den
Augen und zerbrach sie. „Vielleicht lernt er jetzt endlich, wie
schmerzvoll Unkenntnis ist.“
Dies
war der Augenblick, dem Kesslers fristlose Kündigung aus dem Lehramt
folgte.