Freitag, 20. August 2021

Z. Z. XXII [»Verwegene Segenswege V (2071 – 2.1)«]

 


[»Sisyphus's Victory«, Lorena Kirk-Giannoulis (2021)]


The days that pass, which turn into the time that passes, are neither lovely nor hideous, but always the same. Perhaps it rains for a few seconds sometimes, or the four-o'clock sun holds time back for a few minutes like rearing horses. Perhaps the past doesn't always preserve the beautiful order that clocks give to the present, and perhaps the future is rushing up in disorder, each moment tripping over itself, to be the first to slice itself up. And perhaps there is a charm or horror, grace or abjection, in the convulsive movements of what is going to be and of what has been. But Valentin had never taken any pleasure in these suppositions. He still didn't know enough about the subject. He wanted to be content with an identity nicely chopped into pieces of varying lengths, but whose character was always similar, without dyeing it in autumnal colours, drenching it in April showers or mottling it with the instability of clouds. [Raymond Queneau »The Sunday of Life« (1951)]



[»Window and Door«, Lorena Kirk-Giannoulis (2021)]


When you have a past, Vovonne, you'll realize what an odd thing it is. In the first place, there's whole chunks of it that have caved in: absolutely nothing left. Elsewhere, there's weeds that've grown haphazard, and you can't recognize anything there either. And then there's places that you think are so beautiful that you give them a fresh coat of paint every year, sometimes in one color, sometimes in another, and they end up not looking in the least like what they were. Not counting the things we thought very simple and unmysterious when they happened, but which years later we discover aren't so obvious, like sometimes you pass a thing every day and don't notice it and then all of a sudden you see it. [Raymond Queneau »Pierrot Mon Ami« (1942)]




Die Denunzianten (Der Erzählung Episode in der Anstalt)


Es musste sich bei Roswitha um eine Art Selbsthypnose handeln. Sie saß auf der Bahre, die die Sanitäter aus dem Haus rollten, im rechten Winkel wie aufgeklappt und bretthart. Gute Worte schon gar nicht, aber auch nicht sanfte Gewalt hatten vermocht sie in Liegeposition zu kriegen. So hatte man sie eben bloß an den Beinen angeschnallt und wie sie bei dem Gerumpel über Haustürschwelle und gepflasterten Weg zur Gartentür nicht umkippen sollte, war den beiden vom Rettungsdienst ein Rätsel. Hypnotiseure, das hatten sie im Fernsehen gesehen, bekamen so etwas hin, zum Beispiel die junge Frau aus dem Publikum, die bloß mit Kopf und Füßen jeweils auf einem Stuhl ausgestreckt dalag. Man konnte sogar noch etwas auf sie daraufpacken. Hatte sich am Ende die Assistentin des Hypnotiseurs auf sie draufgesetzt? Das hatten sie beide vergessen. Sie plauderten durch das aufgeschobene Fenster der Zwischenwand des Wagens hindurch.

Roswitha würde die ganze Fahrt über in dieser Position dasitzen, ein Monument des Starrsinns. In der Klinik waren sie noch ganz anderes gewöhnt und würden auch dieses Mal mit ihr fertig werden. Sie hatten da ihre Kniffe, über die aber niemand so genau Bescheid wusste. Wenn der Hinzberger sie hypnotisiert hatte, dann wusste der auch das verabredete Zeichen, mit dem sie aufzuwecken war. Der kam aber erst zu Besuch ins Krankenhaus, wenn Roswitha wieder normal und bloß noch zur Beobachtung war.

Manchmal waren die Hinzbergers aber auch gleichzeitig als Patienten in der Klinik und bereiteten dem Personal gehörig Kopfzerbrechen. Von der normalen Routine wollte man und konnte man auch schon aus organisatorischen Gründen keine Ausnahmen machen, bloß weil es sich bei zweien der Patienten zufällig um ein Ehepaar handelte. Auch glaubten die Mediziner an die Objektivität ihrer Vorgehensweise und letztlich gab der Erfolg ihnen ja auch recht.

Erfolgreich waren sie bei den Hinzbergers, wenn auch jeweils nur vorübergehend, da gab es keinen Zweifel. Anfangs aber stellten sie die Morgenrunde gewaltig auf den Kopf. Hinzberger fixierte Roswitha mit zusammengekniffenen Augen und dröhnte eins übers andere Mal zu ihr im Stuhlkreis gegenüber: "Alte Drecksau!" Ein solches Verhalten verstieß gegen die allgemeinen Regeln und durfte nicht unwidersprochen durchgehen gelassen werden. Die Therapeutin versuchte es mit einem relativierenden Eingriff. Das würde Herr Hinzberger sicherlich nicht so meinen und so weiter. Der aber wandte sich jetzt ihr zu, wobei sein Blick weiter starr und zusammengekniffen blieb. "Und ob, die alte Drecksau!", dröhnte er, worauf eine allgemeine Unruhe entstand, manche sich auch von den Plätzen erhoben und erst nach und nach von den Schwestern wieder dazu gebracht werden konnten, sich auf die Stühle zu setzen. Mit Mühe und Not war die Ordnung wieder hergestellt und Ruhe eingekehrt. Herr Hinzberger, der dies alles auf seinem Platz abgewartet hatte, erhob sich, und indem er sich vor der Runde verneigte, sprach er, dröhnend wie zuvor, aber in vollendeter Würde: "Danke!" Daraufhin wandte er sich um und schritt ebenso würdevoll aus dem Saal. Roswitha blickte ihm nach, wie er ordentlich die Tür öffnete und sorgfältig hinter sich schloss.


* * *


"Frau Doktor", Hinzberger war der Psychologin, die den Morgenkreis geleitet hatte, auf dem Flur entgegengetreten und sprach mit sonorer Stimme, "ich verbiete Ihnen in diesem Ton zu meiner Frau zu sprechen!" Ohne eine Entgegnung abzuwarten machte er kehrt und war in einen Quergang einbiegend in der nächsten Sekunde auch schon aus ihrem Gesichtsfeld verschwunden. Es wollte ihr gewissermaßen die Spucke wegbleiben, etwas in ihr sagte aber, auf seine vertrackte Art mache das Verhalten Hinzbergers sogar Sinn. Sie war bloß froh, dass sie diesen Gedanken mit sich selber abmachen durfte und niemandem darüber Rechenschaft ablegen musste. Die meisten Fälle, die sie hier hatten, waren einigermaßen bizarr. Natürlich wäre es völlig unprofessionell gewesen, sich von Hinzberger angegriffen zu fühlen. Wenn es denn bei einer solchen flüchtigen Konfrontation blieb!
Schwieriger gestalteten sich Auseinandersetzungen darüber, wann eine Maßnahme als beendet zu gelten hatte, sprich, wenn es darum ging, dass Hinzberger als "geheilt" entlassen werden wollte. Ärztliche Stellungnahmen hierzu stellte er grundsätzlich in Frage, entwarf seitenlange Gegendarstellungen, von denen er verlangte, sie müssten als den ärztlichen gleichrangige der Krankenakte beigefügt werden. Tatsächlich wurden die Schreiben durchaus archiviert, wenn auch in anderem Sinne, was man Hinzberger nicht unbedingt unter die Nase zu binden brauchte, obwohl die Leiterin sehr auf strikte Transparenz bedacht war. Unter den Rängen, die tatsächlich tagein, tagaus mit den Patienten zu tun hatten, dachte man über diesen Punkt begreiflicherweise etwas schlichter.


* * *


Den Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik gestalteten die Hinzbergers in der Art mehr oder weniger ausgedehnter Urlaube. So sah man Herrn Hinzberger, sobald der erste Sonnenstrahl am Himmel erschien, in kurzen Hosen, mit Strohhut und Sonnenbrille. Er saß den lieben langen Tag unter seinem Sonnenschirm, den er von zu Hause mitgebracht hatte, in seinem Korbsessel auf Roswithas Balkon. Der ging, anders als sein eigener, genau auf den Platz vor dem Haupteingang und bot somit einen vollständigen Überblick über das Kommen und Gehen im Krankenhaus. Die gebräunten Beine übereinandergeschlagen in weißen Socken und Sandalen hörte man ihn sprechen, so dass man erschrak und verwirrt antworten wollte, bis man verstand, dass er telefonierte. Oder aber er sprach ohne den Kopf zu wenden durch die offene Balkontür zu Roswitha, die dort im Zimmer lag. Manchmal saß sie auch auf einem Schemelchen ihm zur Seite und las in einem Buch. Wer ihn kannte und an ihm vorübermusste, wusste nicht, ob er einen hinter seinen großen schwarzen Sonnengläsern anschaute. Sollte man also grüßen, gleich, oder später einmal, oder gar jedes Mal? Zuweilen sang er, nicht aufdringlich, aber ganz unbefangen: Alle Vögel sind schon da, Ein Heller und ein Batzen usw. Die meiste Zeit aber saß er einfach da, auf seinem Söller, das Gesicht der Sonne zugewandt, Sonne tankend, ein Urlauber im Italien der fünfziger und sechziger Jahre. [B. Karl Decker]




[»Door«, Lorena Kirk-Giannoulis (2021)]



2071 (#32 - 45)


#32 Alice Cooper „Desperado“

Etwas wie Gewöhnliches aber auch war ein bloßes Doppelleben! Welche überspannte Schizophrenie! Wenn sich etwas Eindeutiges dem einen Leben nicht abringen ließ, das zu leben einem nun einmal nur gegeben war, dann durfte es nicht auf erbärmliche Zweideutigkeiten hinauslaufen, schäbige Alternative des schmutzigen Lügners! Nein, siebenfach hatte der Betrug zu sein, denn sieben waren die Leben des Katers, sieben nicht auf einen Streich, Schneiderlein, sieben zur selben Zeit! Schnurrende Katzen allesamt, eine der anderen ihren Wahn gönnend, dafür aber umso überzeugter, sie sei und könne nichts anderes als die Einzige sein. Ha, Kater Karlo war in der Stadt!


#33 Mountain „Flowers Of Evil“

Nicht die Fratze Mephistos, Gastfreundschaft und Güte zeichnen seine Züge. Man begegnet ihm auf Empfängen, in Komitees für Wohltätigkeitsorganisationen, Sportethik oder Ernährung, lobt seinen Pioniergeist, sein Outfit und seinen Lifestyle. Er sehe aus wie ein Mann mittleren Alters, stets gepflegt, kerngesund, kosmopolitisch und kultiviert, sei aber schon in den großen Gefechten vergangener Epochen in Erscheinung getreten. Er sei derjenige gewesen, der aus Tierknochen das erste Blasinstrument geschnitzt habe; er sei der Grund für die Unruhe und Schlaflosigkeit Goldbergs, das Ohrensausen Schumanns, die Taubheit Beethovens, den Größenwahn Wagners. Er ist kein Mann der Tat, ist Schicksal, Zufall und Gesetz. Mütter fürchten ihn.


#34 The Kinks „20th Century Man“

"Was zum Teufel klimperst du da?" Das war gar nicht mal böse gemeint, höchstens ärgerlich, weil Ray auf Sachen kam, die David immer nur als den kleinen Bruder aussehen ließen. Wenn bloß nicht alles so latschig wäre bei ihm! "Zeig mal her!", und er ratterte die zwei, drei wirklich genialen Akkorde runter, dass einem Hören und Sehen verging. Es war aber auch zum Mäusemelken, wenn dein Bruder ein Philosoph war!


#35 David Bowie „Eight Line Poem“

"Aaaaaachtung, Achtzeiler: stillgstandnnnn!" - "Neun?" - "Rrrrrrruhe im Glied!" Der Hauptfeld reckte sich kaktierlich auf seiner Fensterbank. "Prrrrrräsentiert ... !" Polly hob kaum ihren Kopf von den Pfoten. "Ein kleiner grüner Kaktus, tralleri, tralleri, trallera ..., Bösewicht, Wicht, Wicht, Wicht!" Gelassen drehte sich das Mobile im Luftzug dem Kaktus in die Quere. "Ignorieieierrrrrrt!" Das Kommando war dem Kaktus spontan eingefallen. War nicht Deeskalation heute auch eine militärische Taktik? Mochten die Kollegen im Schatten des Blumenladens warten! Ja, wer wie er eine Stelle hatte, der strahlte im Licht des großen Himmelsgenerals. Welche Strahlen! Was für Stacheln! "Die Augeeeeeennnnn ... !"


#36 Gentle Giant „The Moon Is Down“

Kaum dass der Streifenpolizist Tolja Dmitriev aus Archangelsk nicht unweit einer Lichtung, etwa fünfzig Kilometer südöstlich des Flughafens Talagi, die Augen aufgeschlagen hatte, wusste er, um was es sich handelte. Er war im Begriff, sich aus dem Zustand einer Puppe in den eines gewissermaßen höheren Wesens zu transsubstantiieren. Zwar würde er fortan den Mond nicht mehr in seinen wechselnden Lichtgestalten erkennen können wie zuvor, doch erschlossen sich ihm nun, profanen Blicken entzogen, die Umrisse eines Kavalleristen in der Röte des Morgenhimmels, den er als erhabenen und rechtschaffenen Befreier eines von Sünden verdunkelten Herzens identifizierte, würde man ihn auf der Wache auch für einen Simulanten halten. "Ich bin und so bist auch du!" Wenn es jemanden gab, der seinen Blick wie ein goldfarbener Vogel nach Osten, zur Sonne hin, richten sollte, dann war es er, Tolja Dmitriev. Längst, so dachte er, war jener alte Mond schon untergegangen.


#37 Rory Gallagher „I'm Not Awake Yet“

"Erwachet!" - Name einer frommen Postille. Rory Gallagher wird nicht mehr erwachen, denn er weilt seit 1995 unter den "Entschlafenen", Terminus technicus anderer Frommer, dahingeschieden aufgrund einer Infektion, wie man damals, schon im Jahr zwei der Pandemie, bedenklich lesen konnte. Unsterblichkeit, früher wenigen vorbehalten, ist inflationär geworden in Zeiten allgegenwärtiger Medien der Aufbewahrung und der Verbreitung. Rory ist im Song unsterblich zwar noch nicht aufgewacht, aber trotzdem wird er nicht zu spät sein, denn bevor er richtig wach ist, ist ihm schon klar, da hätte er beinahe einen kapitalen Fehler gemacht und die wahre Liebe dahinziehen lassen. Er hatte sich wohl allzu wache Gedanken gemacht über das Mädel und sich gesagt: "Lass das lieber sein, es hat seine schalen Seiten. Vielleicht ist es sowieso auch eher schon vorbei. Also gut Nacht, bevor es richtig fad wird." Aber sieh da, der Markt ist wie leergefegt, am Ende war's gar nicht so schlimm, und hin und her. Dann also kaum aufgewacht und mit frischen Gedanken ran ans Gute, Alte. Bewusstseinserweiterung im Schlaf, wer weiß? Jedenfalls Bewusstseinsänderung, die alltäglichste Sache von der Welt, die Nacht mit einbezogen, versteht sich. Kleiner Nachteil dabei, dass man nämlich zeitweise das Bewusstsein dabei verliert. Wie also, wenn sich Rorys Einstellung zu seinem Mädel ohne zwischenzeitlichen Knockout zum Positiven hätte ändern lassen? Und bei Bedarf jedes Mal aufs Neue? Wie ist es um die Techniken der Bewusstseinsänderungen bestellt, die sich bewusst und kontrolliert herbeiführen lassen? Erwache, lieber Rory, und sei es von den Toten, zu wenn auch nicht ewigen, so doch Wahrheiten, die dazu verhelfen, dass du dein Glück nicht verpasst! Und wir natürlich mit. Wir wollen wissen, wie's geht. Klar kann dabei immer noch jede Menge schiefgehen, Glück ist immer noch Glück. Aber Erwachen jederzeit, das ist schon was anderes als einmal täglich. Erwachet!


#38 Jan Garbarek „Close Enough For Jazz“

Und doch, meinte Einar, sei man, in Ermangelung eines treffenderen Begriffs, so unendlich von einer Verschmelzung entfernt, dass man die Annäherung allenfalls mit dem Grenzwert in der Mathematik vergleichen könne; vorausgesetzt freilich, das Argument sei endlich. Man spüre förmlich, dass man sich annähere, hafte dem Klang als Ganzem nicht etwas farblos Gläsernes, schier Nachempfundenes an: ein Aufschrei ohne Schmerz; als kenne man den Regen bloß aus dem Fernsehen.


#39 Sly & The Family Stone „Family Affair“

Nach dem plötzlichen Tod der Mutter begann der damals vierjährige Caspar schlafzuwandeln. Fortan fand der Vater ihn am Morgen zusammengekauert in einem der Regale der kleinen, kreisrunden Bibliothek. Bevor Caspar sich in seiner ungewöhnlichen Schlafstätte einrichtete, stapelte er die wertvollen Bücher, überwiegend Erstausgaben aus der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, darunter etwa eine zweibändige Ausgabe von Arthur Schopenhauers Parerga und Paralipomena in vergoldetem Halbleder, äußerst sorgfältig auf den Dielen des Fußbodens. Vergeblich versuchte der Vater, Caspar bei seinen nächtlichen Wanderungen zu ertappen, doch es wollte ihm nicht gelingen, da die Prozedur offenbar den väterlichen Tiefschlaf voraussetzte. Erst als der Vater am Vorabend von Caspars einundzwanzigstem Geburtstag starb, fand auch Caspar seine wohlverdiente Ruhe.


#40 Kevin Ayers „Stranger In Blue Suede Shoes“

Manche argwöhnten, der Fremde bringe auch in diesem Jahr wieder Unruhe ins Tal. Niemals wusste man genau, wann er aufkreuzen würde, meist aber, um einen Schuster aufzusuchen. Er redete nicht viel, aber keiner im Tal entging seinem Blick. Er habe einen durchdringenden Blick, dem nichts entgehe. Einige vertrauten ihm ihre innigsten Geheimnisse an, ohne dass er sie danach gefragt hätte. Frauen brachen scheinbar grundlos in Tränen aus, wenn sie ihn von weitem sahen. Niemand hatte ihn je etwas sagen gehört, was über das Notwendigste hinausginge. Er habe etwas auf dem Kerbholz, meinten die Alten. „Wo wohnt der überhaupt?“ Nur ein einziges Mal habe man ihn lächeln gesehen, als er mit einem Obdachlosen eine Zigarette teilte. Der Schuster aber schien nichts gegen den Fremden zu haben, denn schließlich, tuschelte man, verdiene er ja auch an ihm.


#41 Supertramp „Rosie Had Everything Planned“

Schon als kleines Mädchen war das Röschen ein durch und durch unberechenbares Wesen. Es trieb sich mit allerlei Gesindel herum, brach Äste, schoss mit einer Steinschleuder nach Fröschen und Vögeln oder stahl den Jungs das Pausenbrot, wenn die zur Schule gingen. Das Röschen, so hieß es, kam von nirgendwoher, badete im Bach, rauchte schon mit acht geschnorrte Zigaretten, hatte stets ein Flackern in den Augen, stank sehr und war stark verlaust. Mit fünfzehn nahm es sich einen Kerl aus der Stadt. Es würde böse mit ihm enden, wussten die Leute vom Dorf.


#42 Ornette Coleman „What Reason Could I Give“

Da sie so etwas trug wie das, was man bei uns ein Zimthütchen nannte, fiel sie unter die Kategorie derer, die aus Unwissenheit oder Auflehnung in Kauf nahmen, nicht in Betracht zu kommen. Grausame Naturgesetzlichkeit auch nur der Beachtung anderer Menschen in Hinsicht darauf, ob sie in Frage kämen. Und erst man selber! Natürlich würde die bloße Unterwerfung unter das, was allgemein als anziehend galt, Sport, Hygiene, Mode, zu niemand anderem führen als zu Unterworfenen. Wo aber wären die Sportlichen, die Anmutigen, oder gar solche guten Geschmacks?


#43 The Isley Brothers „Love The One You're With“

Zitronensorbet muss mir eingefallen sein, weil ich eigentlich Zitroneneis meine, aber offensichtlich hat es das Wort nicht getan. Sorbet ist augenscheinlich etwas Höheres, entsprechend auch weniger süß und auch nicht cremig, und würde dafür geworben, sollte mich das Wort "zitroniger" nicht überraschen. Die Gegenstände unserer Neigung, jedenfalls wenn man uns fragt, sind höherer Natur. Tatsächlich wird Zitroneneis auch einigermaßen anständig verkauft, Zitronensorbet dagegen kaum. Dennoch ist Zitrone, wenn auch erfrischender als die meisten anderen Eissorten, eher nicht der Spitzenreiter. Vanille, Schokolade und Stracciatella machen das Rennen. Und da liebe ich also, wenn ich ehrlich bin, Zitroneneis, wenn ich gefragt werde, spreche ich aber von Sorbet, flechte es wenigstens in meine Rede ein. Warum also bestelle ich regelmäßig mein Hörnchen mit Vanille und Schokolade? Weil Stracciatella ein Zungenbrecher ist? Paul McCartney weiß, wie auf viele andere, auch auf diese Frage eine Antwort. Das Lied "Yesterday" hat er, wenn auch nicht auf der Toilette komponiert, was bei etlichen Songs der Fall ist, denn auf dem stillen Örtchen hatte er Ruhe. Aber es ist ihm im Traum erklungen, und zwar genau passend auf die Worte: "Scrambled eggs, oh my baby, how I love your legs." Vanilleeis, Schokoladeneis, Stracciatella. -


#44 Hozan Yamamoto With Sharps & Flats „佐渡おけさ [Sado Okesa]“

Das Serum, das uns ewige Jugend und eine Ahnung von Unsterblichkeit versprach, war nach dem Tagebuch der japanischen Hofdame Sarashina benannt. Tatsächlich wirkte Ella mit ihren achtundneunzig Jahren eher wie ein feiner Herbstregen auf das Laub der Bäume und sprühte vor Lebensfreude, wenn sie mit Seeleuten Sake trank und in ihren Liedern das Gespräch Liebender anstimmte. Pietkowski, stets skeptisch und immerhin sieben Jahre älter, beklagte indessen, dass sich im Wesentlichen nichts geändert habe, man es nunmehr eben bloß länger aushalten müsse. Beharrlich kämpfe man um schrecklich Wertvolles, betreibe eine Politik des Geschäfts, fürchte Außerirdisches und die chinesische Vorherrschaft in der westlichen Welt; unablässig würden der Verzehr von Fleisch, eine gehobene Sprache und die Allgegenwart himmelschreiender Ungerechtigkeit angeprangert, was man durch Raumfahrt, Sake, Liebeslieder und ewige Jugend zu verdunkeln trachte: „Zu tausend Gräsern zieht's euer Herz – wie's der Brauch – auf herbstlichem Feld.“


#45 The Temptations „Superstar (Remember How You Got Where You Are)“

Erinnerung und Gewissen seien laut Serafina Krupinski, der wiedergewählten Vorstandsvorsitzenden der Global Record Music Association (GRMA), antiquierte Eigenschaften eines Menschentyps, dessen Sonderstellung sich im Hinblick auf die gegenwärtige Entwicklung der Kultur nicht mehr legitimieren lasse. Um den technologischen Errungenschaften eines digitalisierten Jahrhunderts weiterhin gerecht werden zu können, müsse man unbedingt dafür Sorge tragen, dass der Personenkult endgültig aus der Medienlandschaft verschwinde. „Durch KI haben wir die einzigartige Möglichkeit, den grundlegenden Bedürfnissen einer überwiegenden Mehrheit der Menschengattung nach Unterhaltung und Belustigung entgegenzukommen, ohne dass Mitglieder des Gemeinwesens durch die Folgen des Ruhms und der Glorifizierung Gefahr liefen, sich, wie bereits Bergk anno 1799 wusste, an unsinnige Verschwendung, grenzenlosen Hang zum Luxus, Lebensüberdruss und einen frühen Tod auszuliefern.“ Es sei folglich erstrebenswert, ja notwendig und durchaus realistisch, die Gesamtheit kultureller Prozesse künftig von Maschinen, Robotern und anderen cyberphysischen Systemen verrichten und auch konsumieren zu lassen. [Liana Helas]



Dienstag, 10. August 2021

Bzw. ۲ ۵ ۲ [Windmühlenmusik für Klaviertrio: »Zu spät, zu spät!« (1994), R. A. ol-Omoum]

 


[»Don Kichot i Sancho Pansa«, Jacek Malczewski (1895 - 1900)]



When life itself seems lunatic, who knows where madness lies? Perhaps to be too practical is madness. To surrender dreams — this may be madness. Too much sanity may be madness — and maddest of all: to see life as it is, and not as it should be! [Miguel de Cervantes Saavedra »Don Quixote« (1605)]


The process of writing has something infinite about it. Even though it is interrupted each night, it is one single notation, and it seems most true when it eschews artistic devices of any sort. [Elias Canetti »The Secret Heart of the Clock« (1987)]




[»Ploughing (Sketch)«, Jacek Malczewski (1883 - 1887)]



To think that the affairs of this life always remain in the same state is a vain presumption; indeed they all seem to be perpetually changing and moving in a circular course. Spring is followed by summer, summer by autumn, and autumn by winter, which is again followed by spring, and so time continues its everlasting round. But the life of man is ever racing to its end, swifter than time itself, without hope of renewal, unless in the next that is limitless and infinite. [Miguel de Cervantes Saavedra »Don Quixote« (1605)]






Let's turn now to the citation of authors, found in other books and missing in yours. The solution to this is very simple, because all you have to do is find a book that cites them all from A to Z, as you put it. Then you'll put that same alphabet in your book, and though the lie is obvious it doesn't matter, since you'll have little need to use them; perhaps someone will be naive enough to believe you have consulted all of them in your plain and simple history; if it serves no other purpose, at least a lengthy catalogue of authors will give the book an unexpected authority. Furthermore, no one will try to determine if you followed them or did not follow them, having nothing to gain from that. [Miguel de Cervantes Saavedra »Don Quixote« (1605)]




[»Vicious Circle«, Jacek Malczewski (1897)]




There are books, that one has for twenty years without reading them, that one always keeps at hand, that one takes along from city to city, from country to country, carefully packed, even when there is very little room, and perhaps one leafs through them while removing them from a trunk; yet one carefully refrains from reading even a complete sentence. Then after twenty years, there comes a moment when suddenly, as though under a high compulsion, one cannot help taking in such a book from beginning to end, at one sitting: it is like a revelation. Now one knows why one made such a fuss about it. It had to be with one for a long time; it had to travel; it had to occupy space; it had to be a burden; and now it has reached the goal of its voyage, now it reveals itself, now it illuminates the twenty bygone years it mutely lived with one. It could not say so much if it had not been there mutely the whole time, and what idiot would dare to assert that the same things had always been in it. [Elias Canetti »The Human Province« (1973)]




Dienstag, 20. Juli 2021

Z. Z. XXI [Die erste Episode aus Val Sidals »Lunatikoa« (2007/2019)]

 


[»Shadow World Memories«, Lorena Kirk-Giannoulis (2021)]



Culture is shared meaning. Suppose we were able to share meanings freely without a compulsive urge to impose our view or conform to those of others and without distortion and self-deception. Would this not constitute a real revolution in culture? [David Bohm »Changing Consciousness« (1991)]



Profan



Mit Larissas Mutter kam Soljanka nach Kurzweiler. Das tausend Jahre alte Dorf wird Schauplatz eines globalen Konflikts. Als auch noch der Fußballverein verschwindet, verliert Larissa, ein schmächtiger, vorlauter Zappelphilipp, ihren letzten Halt.



Man kennt die Bilder:

In den Gotteshäusern wüst aufgeschlagene Zelte, Matratzenlager und Wäscheleinen, die kreuz und quer gespannt, durch das Kirchenschiff gezogen, die Luft, den Raum zerschneiden wie Hochspannungsleitungen, wie angeblich vergiftete Silberkondensstreifen den Himmel – die Welt – kreuzen.

„Wie diese dunklen Gestalten grinsend in unser Land strömen, uns Not und Leid vorgaukeln!“, schreit ihr Vater den Bildschirm an, während Larissa eher mit der schwarzen Haut hadert: „Vor allem die Haut!“ – wie sie auf den Selfies glänzt! Mutter seufzt und Larissa könnte platzen: Ich hasse den vergeistigten Ausdruck in Muttis Visage bei Berichten über tüchtige, gute Menschen, die dem Teufel mit offenen Armen entgegenrennen!

„Wie krank muss man sein, die Horden von notgeilen Testosteronbomben hereinzulassen? Du würdest dir am liebsten auch ein paar dicke Schwänze ins Haus holen, wie?! Die Beine breitmachen! Fotze!"

In Vaters Augen haben alles die Weiber verschuldet. Sie hätten keinen Sinn für die Realität. Für Fakten. Larissa stimmte Vater zu, wenn er daraufhin Mutter als komplett verblödete Kuh bezeichnete.

„Die Welt ist kein Sandkasten! Und das Land, kein Garten Eden. In der Welt herrscht nun mal der Kampf ums Überleben. Schonungslos. Unfair. Heimtückisch und brutal. Ihr Weiber seid zu einfach strukturiert, um das zu kapieren!" – Solche Ausbrüche trafen sie und Larissa fand sie Mutter gegenüber unfair. So ist sie halt, sie kann auch nicht aus ihrer Haut! Manchmal hätte sie Mutter gerne verteidigt.

Mit heftigem Druck in der Stirn und in den Augen lauschte Larissa heute ihrem Herzschlag, beobachtete das Pumpen und Pochen in der Halsschlagader – rasend oder normal? Regelmäßig oder mit Aussetzer?

Sie hörte sich leben.

Dann brach das Glockengeläut der nahegelegenen Kirche durch das Fenster ein, und Larissa zuckte zusammen. Das Kribbeln in den Armen, in den tauben Fingern hörte sich unter der Haut wie der Gesang von tausend Ameisen an.

Larissa wusste, dass ihre Eltern schon längst die Kirchbank drückten, wie jeden Sonntag – die Ärsche, dachte sie. Dass sie schon lange weder von der Kirche, noch von Gott irgendwas erwarteten, war ihr klar. Es war nur wegen der Leute. Mutter - und das Gerede, als sich Larissa vor zehn Jahren geweigert hatte, jemals wieder eine Kirche zu betreten ... „Sag du auch mal was!", hatte sie ihren Mann angefleht, ihn verzweifelt angebrüllt. „Hat keinen Zweck", raunte er genervt, „es ist deine Schuld, deine Erziehung", und – „die ist nicht normal. Deine schlechten Gene! Lässt sich bemuttern, sich alles in den Arsch schieben … Die wird's nie zu etwas bringen." Vater sprach über Larissa gerne in der dritten Person, würdigte sie aber dabei keines Blickes.

Der Druck auf ihre Blase nahm zu, und Larissa öffnete die Augen, stieg aus dem Bett, stand auf, sank aber gleich wieder auf die Bettkante, weil ihr schwarz vor den Augen wurde – wie jeden Morgen. Es läge am Sauerstoffmangel – vielleicht am niedrigen Blutdruck. „Psychosomatisch. Sie sollten sich mal untersuchen lassen“, hatte die Therapeutin empfohlen.

„Geerbt“, hatte Larissa gesagt – „meine Mutter hat das auch.“ Pech gehabt!

Wie oft musste sie von ihrem Vater hören, dass die Gene ihrer Mutter es schuld seien, und dass sie Pech gehabt hätte. In einer Sitzung hatte die Therapeutin erklärt, dass sie mit ihren Eltern wirklich Pech gehabt habe. „Denken Sie daran: Es ist nicht Ihre schuld!“, sagte sie, „Wiederholen Sie: Es ist nicht meine schuld!“

qui pro nobis sanguinem sudavit – wiederholte Larissa: „qui pro nobis sanguinem sudavit …“

Pech war das Schwarze Loch ihrer Seele, das ihr Selbstbewusstsein – und noch mehr, ihr Selbst und ihr Bewusstsein verschlang. Sie fühlte es. Materiell, heiß und zäh. Manchmal füllte es ihren Schädel ganz aus. Dann wurde ihr schwarz vor den Augen und erstarrt verlor sie sich im Tumult ihrer Stimmen. Pech, und – das Unaussprechliche. Das Teuflische.

„Es ist wie ein Möbius-Band. Tag und Nacht dieselbe Seite, nur verschiedene Schleifen“, hatte Larissa einmal der Therapeutin gesagt. Wenn Mutter – unbeobachtet, wie sie glaubte – mit zitternder Hand, wieder das Cognac-Glas füllte, dann war es Vormittag. Wenn Vater durch die Tür kam, sich aufs Sofa stürzte und die geöffnete Flasche Bier entgegennahm, dann war es Nachmittag. Wenn es im Haus dunkel wurde, und in ihrem Kopfkino Vater und Mutter sich in der Wirtschaft vergnügten, wie es Erwachsene tun, dann brach die Nacht ein – die Zeit des Wartens und der Stimmen.

Irgendwann half auch das Fernsehen nicht mehr. Wenn sie im Treppenhaus saß und auf der letzten Stufe mit automatischen Rhythmen die bösen Geister mit den Füßen verscheuchen versuchte, dann nahte die Zeit der Panik: Hoffentlich schlagen sie sich auf dem Heimweg nicht gegenseitig die Köpfe ein! Lieber Gott, lass sie bald die Tür aufschließen und grölend in die Diele torkeln…

Wenn die Glocken läuteten, dann war es Sonntag. Ihre Eltern beteten wohl gerade das letzte Vater-Unser, dachte Larissa: Die Entweihung der Kirche stand unmittelbar bevor. Der Bischof hatte beschlossen, dass die Profanation der Saint-Bernadette Kirche im Rahmen einer letzten Heiligen Messe vollzogen wird. Die Kirche gilt nach der Profanierung nicht mehr als geheiligter Raum, sondern als gewöhnliches Gebäude, hatte Vater erklärt, aber Larissa wusste, dass sie bereits entweiht wurde, als der Teufel in die Kirche einzog.

Die Schweine onanieren unterm Kreuz! Der fickt seine Frauen vor dem Altar! Und Vater redet nur!

Eine ritualisierte Zerstörung des Kirchengebäudes und des Altars war nicht vorgesehen – „Das wird irgendwann der Riesenbagger des Braunkohletagebaus ganz profan erledigen“, scherzte Vater – „das Problem wird sich von selbst lösen.“

Ob sie eine Freundin oder einen Freund habe, hatte sich die Therapeutin erkundigt. „Meine Freunde stehen zu mir“, hatte Larissa beteuert – allesamt ehemalige Klassenkameraden – „sie haben mich immer auf Schalke mitgenommen. Solange ich es noch schaffte, das Haus zu verlassen.“ Auch gestern musste sie sich überwinden, um nach mehreren Anläufen auf die Straße zu gelangen.

Der nasse Bürgersteig reflektierte verschwommen die Lichter der Straßenbeleuchtung. Obwohl der Wagen wochenlang ungenutzt auf dem Parkplatz gestanden hatte, sprang der Motor sofort an. Larissa lächelte zufrieden, und fuhr die paar hundert Meter zur Tankstelle mit Tempo 30. Bloß nicht auffallen! Nachdem sie den Benzinkanister gefüllt und auf dem Boden vor dem Beifahrersitz abgestellt hatte, blieb sie noch eine Weile sitzen und hörte zufrieden ihre Lieblingsband im Autoradio. Mit einer letzten heiligen Prozession mit dem Allerheiligsten, den Reliquien und Heiligenbildern wird die Profanation inszeniert, das war Larissa klar. Aber dass man das Haus einfach dem Teufel überlassen wollte, fand Larissa unerträglich.

Viele, die an der Prozession teilnehmen würden, kannte Larissa gut. Die meisten waren Vaters Meinung. Aber sie reden nur … Das Haus nicht verlassen zu können – heute war das ihre einzige Sorge.

Normale Menschen könnten sich nicht vorstellen, wie es ist, wenn schon der Gedanke daran das Herz zum Rasen bringt, die Knie zu zittern beginnen, und …

Ja – mehr hatte die Therapeutin dazu nicht zu sagen.

Larissa öffnete die Sporttasche, warf einen Blick hinein und zog zufrieden den Reißverschluss wieder zu. Es beruhigte sie etwas. Ich werde es heute schaffen! Ich muss!

Die Therapeutin hielt das Bild von Larissa in Stichpunkten fest – mehr war nicht nötig. Larissa sei nun erwachsen und wenn sie wieder auf die Beine kommen wolle, dann müsse sie für sich Verantwortung übernehmen, in eine eigene Wohnung ziehen – sie solle unbedingt aus dem elterlichen Haus ausziehen! Larissa entgegnete erregt, dass sie doch in ihrer eigenen Wohnung lebe – die Einliegerwohnung unterm Dach, zwei Zimmer, Küche, Diele, Bad, war extra für sie ausgebaut und eingerichtet worden. Und ja, sie sei für sich verantwortlich, habe seit zwei Jahren ein eigenes Konto, einen Job in der Firma ihres Vaters, einer kleinen Druckerei, wo sie aus dem Home-Office für die Buchführung zuständig ist, sie zahle Miete.

Die Therapeutin unterbrach sie mit der Frage, wie oft sie im Betrieb anwesend sein müsse. „Nie“ – Larissas zögerliche Antwort – schien sie erwartet zu haben, dennoch rutschte ihr die Bemerkung aus: „Das ist krank!“ Deswegen bin ich ja hier, hätte Larissa gerne gesagt, aber sie bekam keinen Ton heraus.

Wie sie auch sprachlos war, als die Therapeutin wissen wollte, ob sie ihren Vater liebe. „Ich bewundere ihn“, hatte sie geantwortet, „weil er so vielseitig interessiert und so erfolgreich ist. Und so viel weiß.“

Larissa erzählte von Vaters Vorträgen in der Gastwirtschaft beim Bier über Klimawandel und Finanzkrise, Tod und die Steuer, von Flüchtlingen. Von seinem Hass auf die Kirche, weil sie die Abschiebung von abgelehnten Asylanten verhindere und illegales Kirchenasyl gewähre. Juristisch sei es kein Unterschied, ob ein Mensch in einer Kirche, bei einer anderen Institution oder in einem Privathaushalt Zuflucht sucht. Bei dem Thema kochte er vor Wut: „Es gelten die üblichen Regeln wie Hausrecht, aber es gibt keine Sonderrechte für Kirchen! Wo soll das hinführen? Es gibt Härtefallregelungen – und damit basta!“

„Und – stimmen Sie ihm zu?“, fragte bohrend die Therapeutin. „Ah, Vater redet nur...“

Als das Datum der Profanation feststand, fand ein Meeting der KFD statt. Jemand hat es gefilmt und im Internet gepostet. Es wurde heftig darüber diskutiert, was mit den zwei afghanischen Familien in der Kirche geschehen solle, denen die Abschiebung drohte.

Mutter wirkte wie ausgewechselt. So kannte Larissa sie gar nicht. Sie argumentierte leidenschaftlich, aber besonnen. War immer um Ausgleich bemüht. Als Nachbarin Gaby Schlömers den Vorschlag einbrachte, die Flüchtlinge in der Prozession mit zu nehmen, sie zum Schutz vielleicht geheiligte Gegenstände tragen zu lassen, hatte Mutter zunächst verständnisvoll und zustimmend genickt. Die Aufnahme zeigte sie lächelnd, und Larissa musste das Abspielen stoppen.

„Ich hatte Mutter nie zuvor so lächeln gesehen!“, brach es aus Larissa – ihre Augen in feuchtem Glanz.

„Ich konnte kaum aufhören zu weinen“, erstickte Larissa ihr Gefühl. Die Therapeutin nickte einfühlsam.

Am Ende hatte man sich darauf verständigt, dass ein Transporter gemietet werden würde, um nach der Prozession die Asylanten aus der alten Kirche in die Nachbarkirche zu bringen. Es war nicht zu erkennen, wessen Stimme es war, eine leise Stimme aus dem Hintergrund, die bemerkte, dass es eigentlich illegal sei, Flüchtlinge aktiv aus einem Asyl ins andere zu bringen, das sei Fluchthilfe. Sie ging unter, ohne dass jemand darauf reagiert hätte. Zehn Frauen wollten beim Umzug helfen. Selbstverständlich auch Mutter: „Wir müssen anpacken, nicht immer nur reden!“ Wer da wem wohl helfe, hatte sich Larissa gefragt.

Vieles änderte sich, als Larissa Ego-Shooter wurde.



Engel Mike. Immer das gleiche Spiel: Angel Mike soll die Dämonen – den Teufel – vernichten, und scheitert. Oder er steigt eine Stufe auf, und Luzifer wird seine noch hässlicheren Fratzen zeigen, und der Engel wird wieder scheitern. Oder aufsteigen – im ewigen Krieg.



Wenn im Schatten des Dämmerlichts das Bier ihre glühenden Grauen Zellen geflutet und die Angst im Zigarettenqualm erstickt hat, bis sie im Pech der Nacht den Geist – das Spiel – aufgab, konnte Larissa endlich einschlafen.

Eternal War – Nacht für Nacht. Morgen für Morgen.

Eigentlich war Larissa in den Therapiegesprächen immer wortkarg geblieben, antwortete nur knapp, stellte selbst keine Fragen – mit einer Ausnahme.

Larissa wollte wissen, ob die Therapeutin als Seelenspezialistin nicht auch der Meinung sei, dass von den Flüchtlingen akute Gefahr ausginge. Ob nicht doch Vater recht hätte, dass wenn jemand bereits getötet hat, oder töten musste, dann eine Sicherung durchbrannte und die Schwelle mit jedem Male niedriger wäre, bis irgendwann auch eine Kleinigkeit, ein falsches Wort reichte … Ob Kinder, die ihr Leben lang von Morden und Mördern umgeben waren, den Umgang mit der Waffe und das Töten spielend lernten und Gewalt als völlig normal empfänden.

Vater sagte, dass Werte und Überzeugungen, wenn sie geprägt wurden, nicht einfach umprogrammiert werden könnten. So wie uns selbstverständlich erscheine, den Nachbarn anzuzeigen, wenn er seinen Hund in unseren Vorgarten kacken lässt, und uns darauf verlassen, dass wenn einer seine Schulden nicht bezahlt, das Gericht – zur Not mit polizeilicher Gewalt – sie bei ihm eintreibt, so würden die Flüchtlinge auch bei jeder Kleinigkeit zur Waffe greifen. Ist es nicht so, dass bei Ihnen Gottes Wille sowieso allem Willen vorausginge? Ihre Antwort enttäuschte Larissa.

„Scheinbar sucht ihr Vater nach einer Haltung, die immer richtig ist, nach einer für Alle und alle Fälle gültigen Regel, die durchzusetzen gilt. Nach einer für jede neue Situation angemessene moralische Norm. Aber das ist keine Frage der Psychologie oder Psychiatrie. Nicht einmal des Rechts oder irgendeiner Wissenschaft. Wenn sie meine persönliche Meinung hören wollen“, sagte sie lächelnd, „dann geht es hier um Gewissensfragen. Und Gewissen ist individuell und nicht statisch, sondern es entfaltet sich erst, wenn es darauf ankommt. Es gibt keine Gewissenskonserve, aus der wir uns bei Bedarf bedienen könnten. Wenn wir antworten, vergewissern wir uns Selbst. Wie wir antworten, geben wir uns selbst zu erkennen. Wenn es Gott gibt, dann ist sein Geschenk an den Menschen nicht das Gebot, sondern das Gewissen“, sagte sie. So antwortet eine Frau, dachte Larissa und fand sich hundert Prozent auf Vaters Seite. Sie wünschte, sie hätte einen männlichen Psychotherapeuten. Pech gehabt!

Heute nahm sie sich Zeit für die Morgentoilette. Holte sich auch frische Unterwäsche aus dem Schrank, eine weiße Bluse (Mutter hatte sie gebügelt und ordentlich in den Schrank gehängt) mit goldenen Manschettenknöpfen, die Jeans und schwarze Socken dazu, und bereitete sie für später vor. Dann putzte sie sich die Zähne und duschte ausgiebig.

Larissa erinnerte sich dabei an das Schützenbiwak im Mai, als sie gegen drei Uhr morgens, im Festzelt, sich von oben bis unten vollgekotzt und die Jeans mit Urin besudelt hatte. Es war, das letzte Mal, dass sie die weiße Bluse mit den goldenen Manschettenknöpfen trug.

„Was sollen die Leute denken“, hatte Mutter gejammert, und Vater, der ewige Adjutant des Obersts, lachte nur mit seinen Schützenbrüdern, als er spottete: „Mädchen können eben kein Bier vertragen.“

Haha! Hätte er sich wenigstens einmal entschuldigt, einmal zu mir gestanden! Einmal!!

Als die Therapeutin wissen wollte, ob in der Ehe der Eltern Gewalt eine Rolle spielte – und als Larissa stutzte, sie die Frage zuspitzte: „Schlägt er ihre Mutter?“ – weigerte sich Larissa zu antworten. Vater kam nur einfach mit ihrem Helfersyndrom nicht zurecht. Und der Alkohol – natürlich. Sie wollte immer schon jedem helfen, jeden aufnehmen. „Uns geht es gut, wir haben mehr als genug – wir sollten dankbar sein und teilen“, sagte Mutter, und Vater spuckte ihr vor die Füße: „Was hast du, was nicht ich erwirtschaftet hätte? Du verfickte, armselige, russische Hure!“ Als sie ein Blatt mit dem Spruch Glück vermehrt sich durch Teilen! mit Tesafilm auf die Kühlschranktür geklebt hatte, geriet Vater in Rage und klebte ihr eine. „Machst du dir eigentlich klar, warum es uns gut geht? Woher unser Wohlstand kommt? Warum ihr euch den Luxus eurer edlen Haltung leisten könnt? Er wird von Männern wie mir, im täglichen Überlebenskampf errungen und verteidigt! Das sollten die Herrschaften Asylanten erst mal bei sich zu Hause leisten!“

Am Ende stimmte Larissa doch immer Vater zu. Aber der redet nur.

Mit abwesendem Blick stellte sie eine Tasse in die Kaffeemaschine, die ihr ihre Eltern zum zwanzigsten Geburtstag geschenkt hatten – bald fiele ihnen kein Geschenk mehr ein, hatte Vater gesagt, es war als Scherz gemeint. Larissa erstickte damals ihre Wut mit einem Lächeln, weil es stimmte: als sie vor zwei Jahren ihren Wagen zu Schrott gefahren hatte, durfte sie sich ein neues Modell aussuchen – Vater würde es bezahlen, wie das Heimkino, den ultraschnellen Computer, die … – alles, immer schon. Larissa hasste ihn dafür. Und hasste sich, dass sie immer alles angenommen hatte.

Das Krächzen der integrierten Kaffeemühle übertönte das Brummen des Föns. Ihre Hand zitterte beim Anziehen der weißen Bluse und ein goldener Manschettenknopf fiel auf den Boden.

Beim Bücken und Aufheben wurde ihr leicht schwindelig.

Sie durfte die Prozession auf keinen Fall verpassen – wenn sie es überhaupt bis zur Kirche schaffte. Ohne sich zu setzen, nahm sie einen kräftigen Schluck vom frischgebrühten Cappuccino, legte die Tasse auf den Küchentisch und griff nach der Sporttasche. Sie prüfte nochmal den Inhalt und verließ ihre Wohnung.

… der für uns Blut geschwitzt hat …Haha! O Herr! Das ich nicht lache, dachte Larissa. Erst wenn das Möbiusband durchgeschnitten würde, dann wäre alles einfach: mit dem Ende bekäme der Anfang seinen Sinn. Die Dinge klärten sich. Zwei Seiten – oben und unten.

Was, wenn das Leben einfach vorbei wäre, wie ein Gewitter, das seine Kraft und Energie ablädt und für immer vorbeizieht, oder eine Pfütze, die auf dem Asphalt einfach verdampft, ohne ein Zeichen zu hinterlassen, spurlos verschwindet – wenn also der Tod keine Strafe sei, keine Sühne im Fegefeuer verheißen würde – wozu soll das Leiden gut gewesen sein? Warum soll das Überleben erstrebenswert sein? Nicht die Vorstellung, dass sie in der Hölle landen würde ängstigte Larissa, sondern dass sie alle ungestraft davonkommen würden. Wenn nicht nach dem Tod – wann käme die Wahrheit ans Tageslicht, fragte sich Larissa, wo bliebe die Gerechtigkeit?

Der für uns Blut geschwitzt hat … – Hast du mich einmal in den Arm genommen? Gedrückt? Einmal …? Ach! Ich vergaß – du bist ja tot, gekreuzigt! Aber sicher nicht für mich!!

Auf den Treppen wurde ihr wieder schwindelig, sie musste kurz verschnaufen. Die Tabletten schienen noch nicht zu wirken. Aber die Zeit drängte. Wankend erreichte sie die Haustür und atmete tief durch. Auf der Straße war Larissa niemandem begegnet.

Von den ehemals 1.200 Einwohnern des Dorfes warteten nur noch etwa zweihundert Seelen auf die Entschädigung durch die Energie AG und taten heute Gott einen besonderen Dienst: sie entweihten sein Haus.

Ein kalter Wind wehte ihr ins Gesicht, und Larissa fragte sich, ob sie dem Leibhaftigen von Angesicht zu Angesicht begegnen würde. Wäre Sie imstande es zu ertragen.

Der volle Benzinkanister in der Sporttasche wog schwer und sie hörte ihr Herz rasen. Nicht schlappmachen, Mike! Nicht heute!

An der verlassenen Tankstelle vorbei, über den leeren Parkplatz des Supermarktes erreichte sie den Friedhof und hielt zögernd an, entschloss sich dann doch den Umweg in Kauf zu nehmen, um noch einmal einen Blick auf Großvaters Grab zu werfen.

Die Glocken verabschiedeten gerade ein letztes Mal die Gemeinde, als Larissa den Kirchplatz erreichte und erschöpft auf die Bank gegenüber der Kirche sackte.

Als die Ministranten mit dem Allerheiligsten aus der Kirche traten, gefolgt vom Bürgermeister, dem Pfarrer und den Schützenbrüdern in ihren Festtagsuniformen, begann der Umzug, und Larissa fragte sich, wie lange er wohl dauern würde.

Wie ein Wurm kroch die Prozession aus der Kirche, und die Kapelle spielte Musik, die entfernt an Chopins Trauermarsch erinnerte. Sie bog nur wenige Meter vor Larissa ab und nahm den Weg um das Hauptschiff herum, bis die Tuba kaum noch hörbar war.

Als Mutter sie entdeckt hatte, schubste sie leicht Vaters Arm, lächelte – dieses Lächeln! – und winkte Larissa verhalten zu. Vaters flüchtiger Blick wirkte leer, und in seiner Ausdruckslosigkeit hart.

Einzelne Mitglieder scheuten wohl den ganzen Weg, scherten aus und eilten in Richtung Parkplatz, oder nach Hause.

Die Turmuhr zeigte zwölf Uhr siebenundzwanzig, als außer Larissa niemand mehr auf dem Kirchplatz zu sehen war.

Jetzt bemerkte sie den gemieteten weißen Transporter. Er stand im Schatten der Kirche. Ein Fahrer war nicht zu sehen.

Larissa warf noch einen Blick auf die Kirchenuhr – die Leere und Stille fühlte sich endlos und ewig an. Sie schüttelte sich.

So Mike, es ist soweit! Reiß dich zusammen und zieh es durch!

Larissa griff nach der Sporttasche, stand auf, und wollte gerade losgehen, als ein Polizeiwagen mit Blaulicht fast geräuschlos auf den Kirchplatz raste und sich mit quietschenden Reifen quer stellte. Ihm folgten zwei gepanzerte Mannschaftswagen und zwei weitere Streifenwagen. Die Uniformierten brachten sich mit ihren Maschinenpistolen in Stellung.

Aus einem Lautsprecher dröhnten Befehle und aus den Mannschaftswagen sprangen schwarzgekleidete, maskierte Beamte der Spezialeinheit Terrorabwehr, drangen durch die Tür in die Kirche und vollzogen endgültig die Profanation.