Samstag, 20. April 2024

Z. Z. XLVIII [»Has'n Euro / Ai un Euro? (deutsch / rumänisch)« aus Val Sidals »Zeit. E - Voicings« (2013)]

 


[»ec-Geldautomat«, Goedart Palm (2019)]



Geld ist die vielleicht konzentrierteste und zugespitzteste
Form und Äußerung des Vertrauens in die gesellschaftlich-staatliche Ordnung.
[Georg Simmel »Philosophie des Geldes« (1900)]





[»Apparition«, Goedart Palm (2018)]


The clouds travel like white handkerchiefs of goodbye,

the wind, travelling, waving them in its hands.

[From: Pablo Neruda »Twenty Love Poems and a Song of Despair« (1924)]




Has’n Euro

In den letzten Monaten war ich häufig bei Kunden im Norden. Die kürzeste Verbindung war, am Hautbahnhof umzusteigen.

Wenn der Zug keine Verspätung hatte, wartete ich fünfzehn Minuten – genug Zeit für einen Happen am Wurststand.

Meistens verging keine Minute, und sie war da, als wäre sie von der wirbelnden Menschenmenge ausgespuckt worden: barfuß hüpfte sie hin und her. Ihre Stimme: kein Gesang – bloß Rap.

Wie heute:

jemand wurde in der stadt aufgelöst,

wer könnte schon sagen, wer,

wer könnte sagen, wo –

die stadt war zu groß, um jemanden zu finden,

in der stadt, in der hoffnung,

in den straßen könnte man herausfinden,

wer jemand war,

weil man mit den heutigen möglichkeiten

nicht einfach sagen wollte, schaut,

jemand wurde in der stadt spurlos aufgelöst,

wie die schlange homöopathisch zerkleinert,

potenziell gemischt und verdünnt verschüttelt wird,

bis sie nicht mehr nachweisbar ist,

obwohl sie wirkt, und man glauben kann

und sagen muss, dass es die schlange ist,

aber man entgegnete,

wenn jemand in der stadt aufgelöst wurde,

dann war es sicher nicht die schlange,

auch wenn man versucht hat zu behaupten,

dass niemand in der stadt aufgelöst wurde,

und damit auch eine weile gut gefahren war,

denn wenn niemand in der stadt aufgelöst wurde,

dann muss man ja niemanden in der stadt suchen,

und man konnte seinen geschäften nachgehen,

allerdings nur, bis jemand –

ein verrückter oder ein leichtsinniger,

oder ein kind –

gemutmaßt hat,

dass es doch die schlange war,

die in der stadt aufgelöst wurde,

und unauffindbar wurde, und,

obwohl es gut gemeint war,

denn es sollte bei den wenigen,

die immer noch fürchteten,

dass möglicherweise doch

jemand in der stadt aufgelöst wurde,

für ein wenig ruhe sorgen und gutes tun,

gutes teilen, damit es sich vermehre,

nicht gut ankam, denn nun vermutete man,

etwas muss doch in der stadt aufgelöst worden sein,

denn sonst hätte man die gewissheit nicht mehr,

dass die stadt da sei,

worauf einige die schnauze voll hatten und sagten,

dass eine mögliche lösung darin liegen könnte,

einfach zu vergessen,

dass jemand in der stadt aufgelöst wurde,

sie konnten aber den einwand nicht ignorieren,

dass niemand wusste, wie man vergessen könnte,

und wenn es jemals jemanden gab,

der wusste, wie,

dann war immer noch unklar,

wer er war, wo er war –

nicht, dass er in der stadt aufgelöst wurde,

auch wenn manche, darauf bestanden,

dass es nicht darum gehen kann,

wer recht hat, sondern nur darum,

ob jemand oder niemand in der stadt aufgelöst wurde,

doch jemand schien unbedingt jetzt wissen zu wollen,

wer behauptet hatte,

dass jemand in der stadt aufgelöst wurde,

und alle waren sehr überrascht,

dass sich niemand erinnern konnte,

von wem die behauptung stammte:

man hat es irgendwie vergessen,

wodurch sofort klar wurde,

dass es keine rolle mehr spielte,

ob jemand in der stadt aufgelöst wurde oder nicht,

denn siehe: man wäre doch in der lage zu vergessen,

wie man vergessen hatte, wer behauptet hatte,

dass jemand in der stadt aufgelöst wurde,

und die ruhe der stadt kehrte ein,

und die stadt fror ein –

has’n Euro?

Es wurde unser Spiel.

Ich gebe kein Geld ohne Gegenleistung. Anfangs musste sie tanzen. Später singen. Neuerdings will ich ihre rap-style Geschichten.

Sie sind scheiße, sagt sie: ich erfinde sie gerade. Sie hat keine Zeit, die Geschichten aufzuschreiben. Sie kann auch nicht singen. Und auch nicht tanzen. Wahrscheinlich auch nicht schreiben. Sie leugnet, dass sie ein Junky ist – das sagt schon alles!

Sie sagt, sie sei siebzehn. Ich denke, sie ist höchstens dreizehn, aber ihre Haut könnte auch dreißig sein.

Sie leugnet, dass sie eine Säuferin ist – was sagt uns das?

Außerdem – das erste Mal hieß es, sie sei dreiundzwanzig. Du lügst, entgegnete ich damals, und sie zog die Schultern sehr eng hoch. Doch, doch, steif und fest: ich arbeite – has’n Euro?

Was arbeitest du, wollte ich wissen, weil ich noch zehn Minuten hatte.

Sie spuckte mir auf den Schuh – ich werde dir hier nicht meine ganze Lebensgeschichte ausbreiten, fauchte sie, drehte sich von mir weg, um wieder vom Bahnhofgewimmel verschlungen zu werden.

Später hatte ich ihr verboten, mir die elenden Familiengeschichten aufzutischen. Es kotzte mich an, wenn sie Vater und Mutter in den Mund nahm – alles gelogen.

Sie wurde nicht zum Leben gefickt. Sie wurde gemixt, sagte sie, keine Frucht einer Befruchtung. Ein Früchtchen, verfaultes Fallobst, ein Remix.

Der Zug verspätete sich.

Ich wollte, dass sie weitererzählte, bot ihr drei Euro an.

Sie wollte vier.

Es begann zu regnen.

jemandem wurde ins herz gerammt,

aber wer hätte es merken sollen,

solche dinge geschehen unsichtbar

und scheu und verschämt,

aber es stieg jemandem zu kopf

und quoll salzig durch die augen,

sodass jemand sich aus der stadt löste,

als niemand merken wollte,

dass jemandem ins herz gerammt wurde,

und wollte jemandem etwas schenken,

was alle einmal aufmerksamkeit nannten,

aber niemand in der stadt weiß genau,

was damit gemeint war,

und deswegen haben sie es vergessen,

weil es gefährlich ist,

von unbekannten nettigkeiten anzunehmen,

und alle versuchten ihre haut zu retten,

als jemand da auf dem boden lag und fragte,

wie es möglich war, jemanden ins herz zu treffen,

wo niemand eine verabredung haben wollte,

sondern nur ein treffen, zufällig,

aber keine begegnung,

denn niemand möchte jemandem begegnen,

und wenn jemand jemandem begegnen möchte,

dann würde ihm jemand sicher in die fresse hauen,

und abhauen, ohne zu schauen, ob der treffer sitzt,

und jemand widmete sich wieder seinem herz,

wollte, dass es durch die titte und das t-shirt blutet,

weil jemand dann zu mama laufen könnte,

und ihr das herz ausschütten könnte

und schreien könnte:

du hast dich geirrt mama,

niemand ist ein herzloses, kleines biest,

guck, hier ist der beweis,

es schmeckt salzig und nicht süß,

wie alle jemanden immer haben wollten,

aber das blut war im herzen geronnen

und konnte sich nicht zeigen,

so dass niemand erfuhr,

dass jemandem etwas ins herz gerammt wurde,

etwas brennendes,

und die stadt im flammenmeer nun

jemanden suchen muss,

der sich im Feuer aufgelöst hat,

kein schall, kein rauch –


gib mir die dreifünfzig!

Ich weiß, wie es weiter geht – es ist immer das Gleiche:

Ich reiche ihr die Münze.

Sie bedankt sich artig.

Ich sage, bis zum nächsten Mal.

Sie sagt, ja, bis zum nächsten Mal.

Sie dreht sich um, überquert langsam die Straße.

Ich tue so, als würde ich meine Fahrkarte prüfen.

Sie dreht sich, vergewissert sich, dass ich sie nicht verfolge.

Ich tue so, als wäre sie nicht da.

Sie rennt los, erreicht den Bürgersteig, verschwindet hinter der Tür.

Ich gehe zum Bahnsteig.

Natürlich weiß ich, was sie mit dem Geld will, hinter der Tür.


Nicht heute im Regen:

Ich gehe nicht zum Bahnsteig, steige nicht um.

Sie verschwindet nicht hinter der Tür.

Erreicht nicht den Bürgersteig.

Rennt nicht los.

Ich tue nicht so, als wäre sie nicht da.

Sie dreht sich nicht, vergewissert sich nicht, dass ich sie nicht verfolge.

Ich tue nicht so, als würde ich meine Fahrkarte prüfen.

Sie dreht sich um und überquert langsam die Straße. Sie lächelt.


Und dann quetscht ihr Gehirn – im nächsten Augenblick – ihre Spuren auf den nassen Asphalt und sprüht gelb und rot und tot; wie schon erwähnt: es hatte zu regnen begonnen.

Der Rest quietscht auf dem heißen Reifen.

Ich beginne zu singen. Kein Gesang – bloß Rap:


aber in der stadt ist für das blutend brennende

nicht der fahrgast zuständig,

der jemandem dreifünfzig gibt,

und als brandstifter,

sich gegen die feuerwehr stellt,

gegen die ordnung der hüter,

gegen die besitzer der güter,

sie herausfordert, ohne etwas zu sagen,

die feuerwehr an der nase herum führt,

um das herz herum,

das jemandem schwindelig wird,

und die ganze stadt schwindelt,

bis der fahrgast umsteigt,

und die stadt jemanden suchen muss,

der sich aufgelöst hat,

wer könnte schon sagen, wer,

wer könnte sagen, wo –

die stadt ist zu groß,

um jemanden zu finden,

unter den reifen, den heißen,

am steuer des entrasten,

in der hoffnung,

in den straßen könnte man herausfinden,

wer jemand war,

weil man mit den heutigen möglichkeiten

nicht einfach sagen wollte, schaut:

jemand wurde im strom der stadt spurlos aufgelöst,

im regen der straße,

heute ...



[»Pavement Blues«, Goedart Palm (2019)]


One day I will find the right words, and they will be simple.
[Jack Kerouac »The Dharma Bums« (1958)]



AI UN EURO?



În ultima vreme am ajuns des la clienţi din zona de nord. Posibilitatea cea mai oportună era să schimb trenul la gara centrală.

Când trenul nu întârzie mai am cinsprezece minute, timp de ajuns de o îmbucătura la bufet.

De regulă nu trece un minut şi apare ea, parcă expluzată de forfota călătorilor. Sare de colo-n colo.

Nu e o cântare, e numai un rap, ca cel de aici:



cineva s-a dizolvat prin oraş

cine oare ştie cine

cine ştie unde

oraşul e imens, ca să găseşti pe cineva

prin oraş, sperând că pe stradă poţi afla

cine  a fost cineva

fiindcă cu posibilităţile de azi

nu vor pur şi simplu să facă un caz

că în oraşul fără urmă cineva s-a dizolvat

ca un şarpe feliat de un medic naturist

adăugat,  diluat şi topit

atunci când nu mai este demonstrabil

dar încă are efect şi e credibil

şi trebuie spus neapărat

că era şarpe ce s-a dizolvat

dar opoziţia susţine

că dacă cineva în oraş sa dizolvat

 atunci sigur nu a fost şarpele

şi un timp chiar au de câştigat

că în oraş nimeni nu s-a dizolvat

 

şi că nu mai trebuie căutat nimeni în oraş

şi viaţa obişnuită e posibil de urmat

dar numai

până când o dată

un miştocar, un nebun

ori un copilaş

a bănuit

şarpele a fost

ce s-a dizolvat în oraş

şi a dispărut în neant

şi deşi bunul simţ a funcţionat

la cei puţini care erau încă speriaţi

de posibilitatea de inimaginat

că în oraş totuşi cineva s-a dizolvat

şi ca liniştea să reapară

şi să împartă ştirea şi să înmulţească

dar asta nu a plăcut

fiindcă e de presupus

că în oraş cineva s-a dizolvat

altfel nu ar mai fi sigur

că oraşul e oraş sigur

la care unii au decretat

că totul merită uitat

ca în oraş cineva s-ar fi dizolvat

dar nu poate fi protestul evitat

că nimeni nu ştie cum de s-a uitat

şi dacă cineva ar fi ştiut

nu a fost clar şi curat

cine a fost şi unde s-a întâmplat

şi oare în oraş s-ar fi dizolvat

deşi unii au afirmat

că nu contează dacă cineva dreptate avea

că în oraş cineva sau nimeni s-ar fi dizolvat

dar cineva chiar acum era înteresat

cine a afirmat

că în oraş cineva s-a dizolvat

şi toată lumea s-a mirat

că nimeni nu s-a întrebat

de  cine a fost iniţial enunţat

după care s-a limpezit imediat

că nu contează dacă cineva în oraş s-a dizolvat

ori nimic nu s-a întâmplat

pentru că vezi că e de uitat

asa cum cineva a afirmat

că în oraş cineva s-a dizolvat

liniştea s-a întors în town

şi oraşul a îngheţat

  

- Ai un euro?

 

A devenit jocul nostru.

Fără o răsplată nu dau niciodată bani. Trebuia să danseze, apoi să cânte. Mai nou vreau să-mi prezinte poveşti în stil rap. Spune că sunt prostioare, inventate ad-hoc. Nu are timp să le pună pe hârtie. Nu ştie nici să cânte, nici să danseze, şi probabil nici să scrie. Neagă că s-ar droga. Asta spune mult ...

 

Zice că are şaptesprezece ani. Cred că poate numai treişpe. După pielea tăbăcită poate să fie şi treizeci.

Neagă că ar fi alcoolică … ce spune asta?

Prima dată mi-a spus ca are douăzecişitrei. I-am spus că minte, a ridicat din umeri susţinând sus şi tare că lucrează şi are salariu.

- Ai un euro?

Ce lucrezi? Mai aveam zece minute.

Mi-a scuipat pe pantofi şi mi-a spus în scârbă: nu o să-mi pun pe tavă toată viaţa! Şi s-a topit în forfota călătorilor.

Altă dată i-am interzis să-mi descrie viaţa familiară de mizerie. Mă enerva nespus când vorbea despre părinţi – totul minciună.

Nu m-au făcut pentru viaţă. Nu-s fructul unei fecundări ci a unei mixări. Un fruct stricat, un remix!

Trenul mai întârzie.

Voiam să-mi povestească mai departe. I-am oferit trei euro.

Vroia patru.

A pornit ploaia.

cineva în inimă a fost înjunghiat

dar cine să fi observat

Asfel de evenimente sunt tainice

cu sfială şi timid

dar cuiva i s-a urcat la cap

apoi sălcie prin ochi a lăcrimat

aşa a fost când cineva din oraş s-a separat

atunci când nimeni nu l-a observat

că în oraş cineva în inimă a fost înjunghiat

când cineva ceva avea de dat

ce lumea ca un cadou a înterpretat

dar nimeni din oraş să înţeleagă nu a încercat

despre ce este vorba şi au uitat

că e periculos câteodat’

cadouri de la necunoscuţi să iei

şi toţi doar propria piele şi-au salvat

când cineva de pe jos a întrebat

cum poate fi cineva în inimă înjunghiat

acolo unde nimeni pe nimeni nu a căutat

fiindcă dacă s-ar fi căutat

cineva desigur o palmă i-ar fi  dat

şi imediat ar dispărea fără a vedea efectul scontat

şi

cineva de inimă s-ar fi preocupat

Dorea prin sfârc şi bluză să fi sângerat

atunci cineva la mamă ar fi alergat

inima golindu-şi ar fi ţipat

mama iarăşi te-ai înşelat

nimeni fără inimă nu e dat!

uite aici dovada

nu e dulce, e sărat

nu e cum toţi şi-ar fi explicat

dar sângele în inimă s-a închegat

şi singură nu s-a mai arătat

astfel nimeni nu a mai aflat

că în inimă a fost cineva înjunghiat

cu ceva ce ca focul sfârâia

iar oraşul acum in flăcări căuta

pe cineva

cine

în flăcări s-a dizolvat

mut, fără fum s-a evaporat

 

 - hai, dă-mi trei cincizeci!

Ştiam că aşa face totdeauna. Totdeauna la fel.

Îi întind banii.

Îmi mulţumeşte frumos.

Îi spun-la revedere!

La revedere! Şi se întoarce, trece încet drumul.

Mă fac că îmi caut biletul.

Se întoarce, asigurându-se că nu o urmăresc.

Mă fac că o ignor.

Fuge peste stradă.

Ajunge pe trotuar şi în fugă dispare după o uşă.

Mă duc pe peron.

Desigur ştiu ce face cu banii după uşa închisă.

Dar nu, nu azi, în ploaie!

Nu mă duc pe peron, nu schimb trenul.

Ea nu dispare pe după uşă.

Nu ajunge la trotuar.

Nu fuge peste stradă.

Eu nu mă prefac că o ignor.

Nu se întoarce.

Nu mă întorc.

Nu se asigură că nu o urmăresc.

Nu mă fac că îmi caut biletul.

Ea se întoarce şi trece încet strada. Zâmbeşte.

În clipa următoare un scârţiit, creierul împroaşcă cu roşu şi galben asfatul ud.

Şi cu moarte.

Cum am spus, începuse ploaia.

Pe asfaltul ud scârţie mâzga de pe roţile fierbinţi.

 

Încep să cânt.

Nu e o melodie, e doar un rap.

 

pentru cea cu flăcări sângerândă

nu călătorul e de vină

care cuiva treicincizeci dă

ca iniţiator

cu poliţia în opoziţie

cu apărători ordinii în opoziţie

cu apărătorii valorilor în opoziţie

fără să scoată un cuvânt

pe pompieri de nas îi duce

în jurul inimii

de ameţeşte omul

şi tot oraşul trişează

până ce călătorul dispare

şi tot oraşul caută pe cineva dizolvat

cine ştie oare cine

cine ştie oare unde

în imensitatea oraşului

pe cineva să găseşti

sub roţile fierbinţi

al şoferilor grăbiţi

în speranţa că pe străzi se va afla

cine a fost acel cineva

despre care a fost simplu să se spună

că s-a dizolvat fără urmă

în ploaia de pe stradă

azi.



Mittwoch, 20. März 2024

Z. Z. XLVII [»Der Tag, an dem ich beinahe Chuck Berrys Gitarre hätte tragen dürfen« aus »Songs About Cars And Girls« von Peter Metz]

 


Haight-Ashbury, wir kommen (2023)«, Goedart Palm]



I grew up thinking art was pictures until I got into music and found I was an artist and didn't paint.

[Chuck Berry]




[Roll over Beethoven]


The Big Band Era is my era. People say, 'Where did you get your style from?' I did the Big Band Era on guitar. That's the best way I could explain it.

[Chuck Berry]


I wanted to play blues. But I wasn't blue enough. I wasn't like Muddy Waters, people who really had it hard. In our house, we had food on the table. We were doing well compared to many. So I concentrated on this fun and frolic, these novelties.

[Chuck Berry]



Der Tag, an dem ich beinahe Chuck Berrys Gitarre hätte tragen dürfen


Natürlich nur beinahe. Aber ohne mich hätte die Eröffnungsfeier vielleicht nie stattgefunden. Denn als ich hörte, dass unsere Agentur Chuck Berry für die Eröffnungsfeier der Leichtathletikweltmeisterschaft 1993 in Stuttgart engagiert hatte, bewarb ich mich sofort. Jede Form des Anbiederns war mir ja zutiefst zuwider, aber hier machte ich eine Ausnahme. Ich wollte sein Fahrer sein oder seine Gitarre tragen, eins von beiden. Ich bekam den Job. Ich sollte Chuck Berry vom Flughafen Stuttgart abholen und zu seinem Auftritt bei der Eröffnungsfeier begleiten. Eigentlich hätte Liza Minelli Nordamerika vertreten sollen, aber die hatte gerade wieder einen Aufenthalt in der Betty-Ford-Klinik gebucht, und so engagierte Andreas, unser cholerischer Chef, kurzerhand Chuck Berry. Hektische Faxe gingen in der Woche vor der Eröffnungsfeier zwischen unserem Büro und Chucks Management hin und her. Wie immer wollte Chuck, der es vorzog, mit leichtem Gepäck zu reisen, eine lokale Begleitband, und die fünf Stuttgarter Musiker, die auserwählt worden waren, mit der lebenden Legende zu spielen, wollten wissen, welche Songs sie üben sollten. Chucks Management antwortete lakonisch, die örtliche Band solle mit Chuck Berrys Repertoire vertraut sein, denn Chuck-Berry würde auf jeden Fall Chuck-Berry-Songs spielen.

Der Tag, an dem ich vielleicht Chuck Berrys Gitarre würde tragen dürfen, kam, und ich fuhr mit Annette, unserer blonden Assistentin für Öffentlichkeitsarbeit, im grossen BMW nach Stuttgart. Bei Heilbronn fing Annette nervös in ihrer Handtasche an zu kramen, fluchte und zischte zwischen den Zähnen hervor: „Wenn Andreas das erfährt, rastet er aus.“ Ich beachtete das nicht weiter, denn ich mochte Annette nicht besonders.

Am Flughafen trafen wir zuerst Andreas, der direkt von einem Termin in Barcelona einflog, dann schlenderte aus der Zollabfertigung ein langer, hagerer, schwarzer Mann mit Gitarrenkoffer auf uns zu: Chuck Berry, neben seinem Gitarrenkoffer eine kleine Sporttasche als einziges Reisegepäck, an seiner Seite ein untersetzter Weisser mit Walrossvisage: sein Bassist, ein alter Kumpel, den er spontan mitgenommen hatte.

Er liess seinen Gitarrenkoffer selbstverständlich keine Sekunde aus den Augen, wie er überhaupt ein äusserst misstrauischer und ständig auf der Lauer liegender Mann war. Er weigerte sich schon am Flughafen, sich von einem Chauffeur fahren zu lassen und bestand darauf, den vom Hauptsponsor bereit gestellten Wagen selbst zu lenken, was den für das Auto verantwortlichen Daimler-Mitarbeiter in sichtliche Verlegenheit setzte: ohne Zweifel hätte er fristlos seine Stelle verloren, wenn Chuck das Fahrzeug an einen Baum gesetzt hätte. Dass Chuck alles über das erst kurz zuvor auf den Markt gekommene Modell wusste, beruhigte ihn; dass Chuck drohte, im Falle einer Verweigerung sofort ins nächste Flugzeug zurück nach St. Louis einzusteigen, machte ihn nervös; und 100 D-Mark, die Andreas ihm zuschob, beruhigten sein Gewissen; Chuck bekam seinen Willen.

Andreas, Annette, der Mann von Daimler und ich fuhren also im BMW durch Stuttgarts Vororte und die Innenstadt zum Neckar-Stadion, hinter uns bei katastrophalen Verkehrsverhältnissen Chuck Berry und Walross-Willy.

Ja, Chuck Berry brauchte keinen Chauffeur, er brauchte nur jemanden, der ihm vorausfuhr in einer fremden Stadt und der ihm den Weg wies zu dem Ort, wo er auftreten sollte. Chuck Berry brauchte auch keine Tourband und keinen Lastwagen, der sein Equipment herumfuhr. Er reiste mit nichts als seinem Gitarrenkoffer, liess sich vom örtlichen Veranstalter einen 100-Watt-Verstärker bereitstellen und erwartete von den lokalen Begleitmusikern nicht mehr und nicht weniger, als dass sie mit seinem Repertoire vertraut waren.

Im Athletendorf verloren wir ihn das erste Mal. Ich musste rückwärts durch hektisch hin und her eilende Aufbauhelfer, Leichtathleten und Funktionäre bis zum Küchenzelt fahren, wo er den Wagen angehalten hatte, um durchs Wagenfenster mit einer der jungen Frauen, die im Catering arbeiteten, zu flirten. Dann folgte er uns zu den Parkplätzen, holte seinen Gitarrenkoffer vom Rücksitz, marschierte in die Stadiongarderobe, eine simple Umkleidekabine mit den typischen an den Wänden befestigten Sitzbänken aus schmalen Holzlatten, nur ergänzt durch einen mit einer weissen Papierdecke bezogenen Biertisch, auf dem Plastikbecher und Fruchtsafttüten standen, die dem ganzen einen Charme von „Jugend trainiert für Olympia“ verliehen. Das war Chuck Berrys Garderobe! Ich will’s mal so sagen: Liza Minelli wäre rückwärts wieder rausmarschiert!

Chuck nahm die Kabine anstandslos in Betrieb, begrüsste die Band, Walross-Willi klopfte mitleidig dem lokalen Bassisten die Schulter, sagte: „Sorry, Boy, I’m the bass player tonight“ und schickte ihn aus der Umkleidekabine.

Chuck besprach kurz den Auftritt, das heisst, er teilte der lokalen Band mit, dass er vertraglich verpflichtet sei, drei Chuck-Berry-Songs zu spielen und dass er genau das tun werde, nicht mehr und nicht weniger, ohne in Details zu gehen, etwa: welche drei Songs er zu spielen gedenke. Dann machte er sich mit dem für den amerikanischen Kontinent vorgesehenen Bühnenpodest vertraut, spielte alleine ein paar Takte und wünschte dann, ins Hotel zurückzufahren, um mit seinem Kumpel, dem Bassisten, vor dem Auftritt noch etwas zu essen.

In der düsteren Empfangshalle des Interconti Stuttgart eilten Heerscharen britischer und amerikanischer Leichtathleten durcheinander. Chuck sicherte für sich und Walross-Willi einen kleinen Tisch und bestellte für beide ein Steak. Beim Beilagensalat zitierte er meinen Chef zu sich. Ohne nähere Erklärungen forderte er eine sofortige Vorauszahlung von 300 US-Dollar in bar auf seine sechsstellige Gesamtgage, widrigenfalls er sich weigern würde, die Bühne zu betreten, Eröffnungsfeier, 70.000 im Stadion, eine Milliarde an den Bildschirmen hin und her. 300 $ in bar, oder die Eröffnungsfeier fände ohne Chuck Berry statt. Andreas hatte das bereits vorausgesehen, denn Chuck war für solche Launen im Showgeschäft nur zu gut bekannt, und er hatte bereits eine Woche zuvor entsprechende Vorkehrungen getroffen. Nachdem Andreas scheinbar klein beigegeben hatte, schlenderte er lässig zu uns herüber und sagte:

Annette, gib mir mal die 300 $!“

Annette hyperventilierte: „Andreas, also, die 300 $, weisst du, heute Morgen war alles so hektisch, ich muss die im Büro vergessen haben.“

Der Chef explodierte, überschüttete Annette mit einem Schwall übelster Beleidigungen und Kündigungsandrohungen, murrte schliesslich: „Alles muss man selbst machen!“, zog mit Unheil verheissender Miene ein Bündel D-Mark-Noten hervor und bewegte seinen gedrungenen, tatkräftigen Cholerikerkörper zur Rezeption. Den sich dort abspielenden Dialog konnte ich aufgrund des allgemeinen babylonischen Sprachwirrwarrs nicht wörtlich verfolgen, doch verrieten der sich in krampfhafter Haltung weiter kontrahierende korpulente Körper und das Mienenspiel meines Chefs, dass dieser einen für ihn ungünstigen Verlauf nahm. Wutentbrannt kehrte er zu unserem Tisch zurück.

Der behauptet, er hätte keine Dollar. Das ganze Hotel voller Amerikaner und der behauptet, er hätte keine Dollar.“

Er war am Überkochen. Plötzlich starrte er mich an: „Jetzt kommt’s auf dich an. Jetzt hat nur noch die Wechselstube am Hauptbahnhof geöffnet.“

In der Tat: es war 17.00 Uhr, die Banken an einem Freitagabend längst geschlossen, der Weg zum Hauptbahnhof in bestenfalls 20 Minuten zu schaffen; jetzt, zur Hauptverkehrszeit war die Fahrt in den berüchtigten Kessel der Stuttgarter Innenstadt kaum in weniger als einer Stunde zu bewältigen, und der Rückweg würde wegen des Grossereignisses eher noch länger dauern.

Und um 19.00 Uhr sollte Chuck zum Auftritt bereit stehen!

Ich wusste, dass ich all diese Gegengründe meinem Chef nicht darlegen musste, denn dessen einzige Antwort wäre ein weiterer Wutanfall gewesen, der in dem ceterum censeo kulminieren würde: „Es ist mir scheissegal, wie und woher du das Geld nimmst, aber bring es!“

Er drückte mir das Notenbündel in die Hand, ich sprang ins Auto und motorvierte über die Stuttgarter Hügel in den Talkessel.

Jetzt ist Stuttgart topografisch gesehen ja ein Arschloch. Wie immer man in die Innenstadt fährt, man muss irgendeinen Buckel hinunterfahren und an der tiefsten Stelle liegt dann der Bahnhof und da treffen sich dann alle.

Die Fahrt trug jedenfalls nichts zur Besserung meines ohnehin angespannten Verhältnisses zum schwäbischen Volkscharakter bei. Verzögertes Anfahren an der Ampel, stures Beharren auf nicht vorhandenem Vorfahrtsrecht, und konsequentes Ignorieren meines immer wieder zwecks Dokumentierens meiner Wichtigkeit aus dem Fenster geschwenkten Durchfahrtsscheins mit dem Logo der WM. Endlich kam der Hauptbahnhof in Sicht. Ich stellte den BMW in zweiter Reihe mit Warnblinker ab und stürmte durch die Bahnhofshalle. Ich kam kaum durch die Tür zur Wechselstube, so standen dort die Inhaber der exotischsten Währungen Schlange. Japaner, Inder, Brasilianer, Anhänger der Teams von Norwegen und Australien.

Verdammter, völkerverbindender Sport“, fluchte ich innerlich. Endlos schienen die in Wahrheit wohl nur sieben bis acht Minuten, die ich warten musste, bis ich an der Reihe war, und schrecklich war der Gedanke, der Schalterbeamte würde direkt vor mir den letzten Dollar-Schein ausgeben. Und mit Yen oder Peso würde Chuck sich nicht zufrieden geben, das stand fest! Endlich hatte ich das Bündel grüner Noten in den Händen. Der BMW war nicht abgeschleppt, und mit einigen tollkühnen Fahrmanövern gelang es mir, noch vor 18.40 Uhr wieder im Interconti zu sein. Mein Boss riss mir das Geld aus den Händen, zählte es Chuck wenig delikat auf den Tisch, woraufhin dieser im selben Moment aufstand, seinen Gitarrenkoffer, der die ganze Zeit neben ihm am Stuhl gelehnt hatte, schnappte und zum Auto ging, Walross-Willi im Schlepptau. Die mitsamt ihrem unglücklichen Bassisten wie auf Kohlen sitzende lokale Band sprang auf, als Chuck die Umkleide betrat. Man begab sich, während die anderen Kontinente bereits ihr Programm abspulten, an den angewiesenen Platz hinter der Bande eines der Zugänge zum Stadioninnenraum. Chuck hatte sich in sein Auftrittsoutfit geworfen. Nun tigerte er in den wenig vorteilhaften, knallengen weissen Synthetikschlaghosen wie ein Sprinter vor dem Start herum. Nur wenige Zentimeter von mir entfernt erlebte ich seine lange, schlaksige Gestalt, seine extrem grossen Hände, seine Spinnenfinger, erlebte ich Chuck Berrys Lampenfieber.

Endlich kam der Aufruf für Amerika. Die Gitarre in der einen, die Stange der Laufbahnumzäunung in der anderen Hand, setzte er im Seitstrecksprung, oder wie immer der turnerische Fachausdruck dafür lautete, über die Bande und spurtete zu seinem Bühnenpodest, wo die Band bereits angespannt wartete. Mit einem hässlichen Geräusch stöpselte er seine Gitarre in den Verstärker, spielte eine Triolenfigur über einen schrägen Jazzakkord, und mit einem Zwinkern in den Augenwinkeln, emporgezogenen Brauen und einem schelmischen Grinsen sang er in die Pause, in die überraschte Stille der 70.000 Zuschauer, der Athleten auf dem Rasen und der lokalen Band die entscheidenden elf Worte: „Just like to hear some of that Rock and Roll Music.“

Walross-Willi winkte der Band mit seinem Schnauzbart zu und gab so das Zeichen zum Einsatz, und, ja, wenn es wirklich drauf ankommt, sich zu bewegen, geht nichts über Rock’n’Roll Musik. Und das dachten tatsächlich alle im Stadion: sie hüpften und schleuderten ihre Beine fort, die Teams aus Nicaragua und Holland genauso wie die Fans aus dem Senegal und der Türkei. Und Chuck Berry spielte drei Chuck Berry-Songs, „Sweet Little Sixteen“ und „Roll over Beethoven“ oder etwas in der Art, und nach acht Minuten war die Show vorbei. Chuck stürmte munter, als wäre er 20 Jahre jünger, über die Bande, verstaute die Gitarre im Koffer, den Koffer auf dem Rücksitz des Mercedes und dann war er in die schwäbische Nacht verschwunden. Und ich durfte zwar nicht seine Gitarre tragen, aber irgendwie war es auch mir zu verdanken, dass die Eröffnungsfeier nicht ins Wasser fiel.


Montag, 19. Februar 2024

Z. Z. XLVI [»Hey Ba Ba Re Bop« aus »Songs About Cars And Girls« von Peter Metz]

 


[»Cotton Club (2018)«, Goedart Palm]



Music was our wife and we loved her.

We stayed with her, clothed her

and put diamond rings on her hands.

[Lionel Hampton]




[»Paris Blues (2018)«, Goedart Palm]



Playing is my way of thinking, talking, communicating.

[Lionel Hampton]




Hey Ba Ba Re Bop



Ich habe immer noch ein Foto von Fred und mir. Wir stehen zusammen am Rhein und er legt seinen Arm um meine Schulter. Er war einen halben Kopf grösser und drei Jahre älter als ich und hatte mir seine alte Lederjacke geschenkt. Die war mir natürlich zu gross, aber die Hälfte von uns lief in zu grossen oder zu kleinen Lederjacken oder Jeans oder Cowboyhemden rum. Fred war ja wie mein grosser Bruder. Und ohne Fred wäre ich niemals ins Lionel Hampton Konzert in der Rheingoldhalle gekommen. Fred hatte die Eintrittskarten besorgt und meinem Vater erzählt, dass er mir bei den Hausaufgaben helfen würde und ich danach bei ihm übernachten würde, und seltsamerweise hatte mein Vater das geglaubt. Wenn er gewusst hätte, was wir in Wirklichkeit taten, hätte er mich zusammengeschlagen, dass ich nicht gewusst hätte, ob ich Männlein oder Weiblein bin. Aber Fred konnte ihn überreden.

Die Hälfte des Publikums waren GIs, und von denen ungefähr die Hälfte Schwarze, und dann natürlich wir, alles Viertelamis und Halbstarke, in unseren zu grossen oder zu kleinen Jeans, Lederjacken, Cowboystiefeln, aufgeputscht von dem dumpfen Pauken und Dröhnen, den Bläsern und dem Vibrafon von Hamp, das über alles mit so einem silbernen Klang hinweg lief. Ich stand mittendrin und sah die anderen Wahnsinnigen, die schwarzen Gesichter auf der Bühne, die schwarzen Gesichter im Saal, das Plüsch der Polster, und alles war laut und wild und als Hamp die ersten Takte von „Hey Ba Ba Re Bop“ spielte, da standen alle unter Strom. Hamp sang die ersten Textzeilen, dann brüllten wir alle „Hey Ba Ba Re Bop“, und sprangen auf die Plüschsessel. Die GIs fingen an zu tanzen, die meisten für sich, Mädchen waren ja kaum da. Die liessen sich in den Knien nach hinten abknicken und fallen und fingen sich erst in letzter Sekunde mit einer Hand auf und katapultierten sich wieder nach oben, und dann das Gleiche noch einmal, andere Hand, noch einmal, zehn Mal, zwanzig Mal hintereinander. Von uns haben es auch welche nachgemacht, manche hat’s auch ganz bös auf die Fresse gehauen dabei, aber egal, wir haben jedem Beifall gebrüllt und immer wieder „Hey Ba Ba Re Bop“, und dann wurde natürlich der Platz zum Tanzen knapp, in den Gängen zwischen den Sitzreihen, und da waren wir uns ganz schnell und ohne Worte einig mit den GIs, dass die Sitze raus mussten.

Fred und ich traten gleichzeitig zu, mit einem Schrei und der Cowboystiefelsohle gegen die Rückenlehne. Fred zerstörte seine Rückenlehne natürlich mit dem ersten Tritt. Meine wackelte nur. Er brüllte mir etwas zu, was ich nicht richtig verstand, aber er schrie es noch einmal und zeigte mir die Bewegung dazu: das Bein anziehen und blitzartig durchstrecken, und wie ich dann nochmal zutrat, hat er mit mir geschrien und es zersplitterte tatsächlich, noch nicht ganz, aber er gab mir Zeichen, nochmal zuzutreten, und mit noch einem Schrei ging die Rückenlehne entzwei und ich fiel halb durch in die Reihe hintendran und blieb mit dem Bein in den Rückenlehnentrümmern hängen, und die hinter mir johlten mir zu und wollten mich zu sich rüberziehen und zerrten an meinen Armen, aber Fred packte mich am Kragen meiner, seiner Lederjacke, holte mich wieder zurück und einen Augenblick standen wir uns fast Aug in Aug gegenüber und dann klopften wir uns wie verrückt auf die Schultern und brüllten „Hey Ba Ba Re Bop!“, und dann fingen wir an, die Rückenlehnen auseinanderzunehmen und gegen die Polizei zu schleudern, die gerade in den Saal einrückte. Meine Hose hatte ich dabei zerrissen, überm Knie, und genau das hat man später auf dem Foto gesehen. Den Blitz mitten in unser Gesicht hatte ich gar nicht bemerkt.

Und Hamp spielte immer weiter und in meiner Erinnerung spielte er nur noch Hey Ba Ba Re Bop, fünfzehn oder zwanzig Minuten lang, so lange, wie es dauerte, bis die Polizei uns aus dem Saal gedrängt hatte. Für uns ging das Konzert draussen weiter.

Wir brüllten alle, wir vielleicht 500 Halbstarken, die GIs waren schon nicht mehr im Spiel, die MP hatte die ganz schnell raussortiert, die durften ja ganz anders durchgreifen als unsere. Wir aber hörten überhaupt nicht mehr auf zu brüllen, irgendeiner schrie immer „Hey Ba Ba Re Bop“ und die anderen schrien zurück, bis die Blaulichter kamen. Fred zog mich Richtung der Kleingartenkolonie, und dann rannten wir wie die Wahnsinnigen durch die Gärten, über Gittertore und Zäune und dann bogen wir wieder Richtung Neckarau ein. Wir rannten durch alle Seitenstrassen von Neckarau und vom Almenhof. Manchmal trafen fünf oder sechs von uns an einer Strassenecke zusammen, dann brüllten wir wie die Wahnsinnigen „Hey Ba Ba Re Bop“, klatschten mit der flachen Hand an ein Verkehrsschild, dass der metallene Ton die Nachbarn weckte, manche hatten auch noch die Holzteile von den Rückenlehnen dabei, oder wir traten gegen die Kotflügel der parkenden Autos. Wir liebten diesen metallenen Klang. Dann, sobald irgendwo ein Auto zu hören oder das Blinken eines Blaulichts zu sehen war, rannten wir weiter. Wir prügelten auf alles Metallene, nach einem geheimen Rhythmus, der noch unter dem „Hey Ba Ba Re Bop“ lief, wie Stammesangehörige. Ich hatte diesen Rhythmus gesehen, die springenden und fallenden und wieder hochschnellenden Gestalten und die schwarzen und weissen Gesichter und die Frisuren und ich hatte den Schweiss und das Leder gerochen. Ich konnte nicht stehen bleiben, ich musste weiterlaufen, da gab’s keine Müdigkeit. Ich hätte durch die ganze Stadt laufen können. Die männlichen Stimmen, das metallische Dröhnen, das „Hey Ba Ba Re Bop“-Schreien, das gab mir das Gefühl im Dschungel zu sein. An der dritten oder vierten Ecke fragte einer, ob wir alle ein Messer dabeihätten. Natürlich schrien wir alle „Hey Ba Ba Re Bop“, natürlich hatten wir alle ein Messer, und der rammte sein Messer in den ersten Weisswandreifen. Wir fanden dieses Geräusch noch besser als das metallene Dröhnen der Verkehrsschilder. Dann stachen wir alle Weisswandreifen in der Schulstrasse auf.

Und Fred war in allem mittendrin dabei, und hatte doch seinen Kopf beisammen, Fred spürte, wenn es gefährlich wurde, Fred duckte sich mit mir hinter Autos, wenn die Streife vorbeifuhr, Fred zog mich in Hauseingänge, wenn Polizisten zu Fuss vorbeirannten, Fred bog rechtzeitig in die richtige Seitenstrasse ab, noch bevor das Blaulicht an den Wänden zu sehen war. Fred traf einfach immer die richtigen Entscheidungen in dieser Nacht.

Mit glühenden Füssen, ausser Atem und spät in der Nacht kamen wir in Freds Wohnung in der Maxstrasse an. Dass Fred eine eigene Wohnung hatte, war ungewöhnlich. Er war im möblierten Zimmer unterm Dach bei einer älteren Dame untergekommen.

Wir müssen leise sein, sonst denkt sie, ich hätte Damenbesuch.“

Wie sonst so oft“, sagte ich, denn ich fand, Fred wäre schon so ein Typ, der Damen zu nächtlichen Besuchen überreden könne.

Streng verboten“, meinte er nur, mit einer vagen Handbewegung.

Wir hatten uns beide, so wie wir waren, auf sein Bett geschmissen, und natürlich fiel es mir schwer, ruhig zu bleiben, so wie ich noch unter Strom stand. Ich redete auf einmal in einem Stück; ich wusste gar nicht, wo mir die Worte herkamen: wie knapp es manchmal war, wie der Schorsch voll in einen Schlagstock reingelaufen ist, was los gewesen wäre, wenn mein Vater mich von der Wache hätte holen müssen, wie frei ich mich gefühlt hatte, wie frei, wie wir immer wieder „Hey Bop a Ree Bop“ geschrien hatten, aber Freds Stimmung war plötzlich verändert.

Ich kann einfach nicht so leben, wie ich will“, sagte er.

Ich wusste erst nicht, was ich dazu sagen sollte. Wahrscheinlich hatte ich ihn nicht richtig verstanden. Er hatte sich mittlerweile umgedreht.

Und so redete ich noch eine Weile weiter, und dann war ich mir nicht sicher, ob Fred eingeschlafen war.

Mit einem Schrei weckte mich Fred: „Scheisse! Wir sind zu spät. Du musst fort. Los, hau ab, es ist schon halb neun!“

Ich sprang aus dem Bett, ich war ja noch angezogen, meine Schultasche – doppelte Scheisse, die hatte ich zuhause vergessen; wenn mein Vater gemerkt hätte, dass ich die gar nicht dabei hatte, wäre ich dran.

Hey, mach’s gut, hoffentlich kriegst du keinen Ärger“, rief ich Fred zu. Er rief mir wohl was Ähnliches hinterher, aber ich war schon raus, meine Füsse waren noch dick und geschwollen, vom Rennen die halbe Nacht und vom Schlafen, ohne die Schuhe auszuziehen. Ich sprang in der Neckarauer Strasse in eine Strassenbahn, fuhr mit ihr bis zur Kurpfalzbrücke, sprang wieder ab, rannte über die Brücke, bog in die Dammstrasse ein, lief einmal um unsern Block und bremste vor der Ecke zu unserer Strasse ab, damit ich nicht in meinen Vater hineinlief, falls der zu spät zur Arbeit unterwegs sein sollte. Ein Blick in den Briefkasten, die Zeitung war schon weg, die nahm er immer mit, also musste die Luft rein sein, schnell hoch in die Wohnung, einen Moment an der halbgeöffneten Tür stehen geblieben, alles still, Mann, hatte ich Glück gehabt.

Ich ging in mein halbdunkles Zimmer, die Schultasche stand direkt links neben der Tür, es brauchte nur einen Griff, und dann gingen bei mir für einen Moment die Lichter aus.

Irgendwas war mir flach ins Gesicht geklatscht, dann wurde der Rollladen hochgekurbelt. Das Licht blendete mich, vom Schlag ins Gesicht war ich noch wie betäubt, aber dass der Tritt in den Arsch von meinem Vater kommen musste, spürte ich, das hatte ich im Gefühl.

Allmählich machten auch die Worte Sinn, die er mir an den Kopf warf, und ich konnte auch erkennen, was er mir vor die Augen hielt. Das war das Ding, das mir ins Gesicht geklatscht war. Und er raunzte was wie „Hausaufgaben – von wegen“, und ob ich glaubte, dass er sich einfach so verarschen liesse und für wie dumm ich ihn eigentlich hielte. Dann erkannte ich auch allmählich auf der Zeitung, die er mir immer noch vor die Nase hielt, was ihn so wütend machte: zwei Jungs auf der Titelseite, zwei Jungs in Lederjacke, einer von ihnen hatte ein Loch in der Jeans, genau überm Knie.

Das war das zweite Foto von Fred und mir, das ich bis heute aufbewahrt habe.