Dienstag, 20. Dezember 2022

Z. Z. XXXVIII [»Kapitale Segensbrüche VII« (2072)]

 


[»ευλογία«, Lorena Kirk-Giannoulis (2022)]



Es gibt allerlei Arten, einen Menschen zu morden oder wenigstens seine Seele, und das merkt keine Polizei der Welt. Dann genügt ein Wort, eine Offenheit im rechten Augenblick. Dann genügt ein Lächeln. Ich möchte den Menschen sehen, der nicht durch Lächeln umzubringen ist oder durch Schweigen. [Max Frisch »Stiller« (1954)]



Die Denunzianten (Einer Erzählung heikler Teil)



Diese leidige Tradition der Friedhöfe, als ob es bloß gestattet wäre, zufrieden zu sein, zur Ruhe zu kommen, endlich und endgültig Frieden zu finden, wenn man bestattet worden war. Ohnehin vertrat Pietkowski die Ansicht, die Verbringung der Abgelebten hätte längst schon, wie seit den 2050er Jahren erwogen, in die Tiefen der Ozeane verlagert werden müssen, womit den dort heimischen, dafür nicht weniger gefräßigen Lebewesen der größte Dienst erwiesen worden wäre. Warum, andererseits, sollte man es aber nicht auch ein rundes Vierteljahrhundert später erneut verpfuschen?

Der Nachdruck, mit dem Pietkowski die Streichungen seiner täglich zu leistenden Dienste für die Sternwarte vornahm, hatte zugenommen; die gelegentlichen Bemühungen dem entrückten Trott eines abgehalfterten Astrophysikers etwas entgegenzusetzen waren teilweise entschlossener und ihrer Abwegigkeit wegen letztlich friedfertiger geworden: umhegte Räume der Toten gewissermaßen, Übergänge in eine andere Dimension, Abgelegtes, Entworfenes, Kryptisches, Vergessenes, Entsorgtes, das weder den Beflissenen noch den Denunzianten zugänglich war.

Fahrzeuge durften sich nur im Schritttempo bewegen, Hunde mussten draußen bleiben, und der Staat machte es sich zur Aufgabe die Ruhe der Toten zu schützen. Darin witterte Pietkowski seine Chance, studierte er doch seit jeher, jedenfalls kam es ihm so vor, deren Nachlass an jener Stätte all der Gräber, Wege, Brunnen und Kapellen, an Orten also, an denen die Idee der Trennung kunstvoll ihren Ausdruck fand.

Freilich war die Würde der Toten unantastbar, wenn auch niemand so recht wusste, was sie auszeichnete, wodurch sie aber in eine Ferne rückte, in der man noch immer Balsam und Trost vorzufinden hoffte. Was würde aus ihr werden, wenn man an ihr rührte, ihr, der fingierten, friedhöflich warnenden, geborgen im Gesetz, zitiert als letzte verbindliche Maßnahme gegen dämmernde Gewalten?

Um letzten Endes zur heilsamen und schließlich heiligen Würde zu gelangen, musste man sich unweigerlich tot stellen, gänzlich unsichtbar werden, allenfalls hinter den wenigen Angaben auf hölzernem, bestenfalls steinernem Grund der Grabmäler verschwinden.

Solange man aber dem unbegreiflichen Diesseits ausgesetzt war, sollte zumindest der Ausdruck den nötigen Schwung haben; Schwung, ganz im Sinne des Dukes etwa, denn sonst wären die Gräber ja, das wenigstens sollte man doch inzwischen längst wissen, gänzlich und „nachhaltig“ bedeutungslos, wurde man doch bei jedem Blick in die trügerische Ferne erschlagen geradewegs aus Mordlust durchtrainierter Leiber und geölter Rückansichten, preisgekrönter Starlets beispielsweise, athletisch und fest nach Jahren auf Laufbändern.


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Der Selbstmord kam stets auf die gleiche Weise zu den Menschen, zum Beispiel nicht plötzlich wie der Unfalltod. Wenn die beiden auch Kollegen sein mochten, die sich in der Kantine trafen, oder auf dem Weg nach Hause denselben Bus nahmen. „Weißt du, ist mir so hoch wie breit, wie die Leute mich nennen, sollen sie Mord sagen, Freitod, Suizid. Ich hab' mir den Job auch nicht ausgesucht. Aber es ist mit mir wie mit dem meisten anderen auch, was es nun einmal gibt auf der Welt: es gibt mich, weil ich gebraucht werde.“ Schweigen.

„Das Mädel, bei dem ich heute war, wird definitiv an mir dran bleiben. Nicht dass ich Hellseher wäre, aber es ist immer so. Ich bin um sie herum seit Ewigkeiten, so ist der Job nun einmal. Nicht jede Verstimmtheit muss mit meiner Anwesenheit zu tun haben. Aber bei ihr ist's eben doch so.“ - „Hm.“

„Meist habe ich in derselben Familie mehrfach zu tun. Da kommt es notgedrungen zu ersten Begegnungen. Und irgendwie mache ich mich dann nach und nach bemerkbar.“ Man sah es förmlich vor Augen, eine wehende Gardine, dann ein Knarren der Dielen, obwohl keiner da war.

„Übel sind die misslungenen Versuche. Das ist den Leuten gar nicht klar, dass am Ende auch Technik gefragt ist. Ich bin nur für den gelungenen Akt zuständig, war auch nie in der Versuchsabteilung. Ehrlich gesagt, die Typen, die von dort kommen und bei uns einsteigen, sind mir nicht geheuer.“ Der Unfalltod mochte sich seines dabei denken.

„Tatsache ist, die meisten von unseren Kunden hatten es zuvor mit einem von denen zu tun, und zwar mehrfach. Ich sag' dir, wenn sie dann endlich an mich geraten, können sie heilfroh sein. Das kommt gar nicht mal so selten vor, dass sich einer bei einem misslungenen Versuch dermaßen verkorkst, dass er für meinen Einsatz gar nicht mehr in Frage kommt.“ So konnte man es sehen.

„Ich bin ja kein Killer, das ist der Witz an meinem Job, überhaupt verwechseln die Leute an einer Tour den Tod mit dem Sterben. Ich bin ausschließlich für die jenseitige Sparte zuständig. Darum komme ich ja auch zu allen, die vom Dahinscheiden jemandes betroffen sind.“ Klugscheißer!

Man kannte das. Jemand quatschte sich eine Sache schön. Die einen sind pausenlos am Jammern, die anderen loben sich über den grünen Klee. Man hing todmüde einigermaßen in den Seilen, froh über den Feierabend. Draußen war es dunkel, wie morgens auch schon auf der Fahrt hin zum Job, die Scheiben angelaufen und von tieferem Schwarz in ihrer gläsernen Nässe als die Nacht draußen selber.


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Ella, Pietkowskis Korrektiv, sah, dass es auf der ganzen Welt regnete, Ella, seine Erdung, begann so manches Mal zu singen, sang unentwegt, wenn ihn eine Mordslust überkam, oder gab auf ihn Acht, wenn er zu nah am Straßenrand stand, wo ihn ein Bus zu überfahren drohte. „Fällt mir ständig auf,“ schrieb sie ihm einst aus dem kühlen Norden, „wie knapp Busse vorbeifahren. Man schaut sich hier mehr um, fast alle sind elektrisch, darunter ein 24m-Modell, das aussieht wie eine Straßenbahn. Die eine wirkliche Straßenbahn ist ein Nostalgierumpelding, das wohl aus historischen Gründen noch in die Freizeitzone fährt. Zumindest angenehm, nichts stinkt und deutlich reduzierter Lärm, man muss sich aber schon gewöhnen. An die Autos gewöhnt man sich dagegen rasch, lautlos, es könnte so schön sein.“ Es regnet auf der ganzen Welt.


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[»ευλογία II«, Lorena Kirk-Giannoulis (2022)]


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Pietkowskis Mordslust machte ihn zu dem, was auch die gegenwärtige Meute ebenso auszeichnete wie jede vorherige: zu einem Mittäter. Mit seinen Taten, auch wenn sie auschließlich musikalischer Natur waren, hatte er sich ganz und gar den Erfordernissen der Sternwarte verschrieben und widmete sich akribisch dem ihm zugewiesenen Aufgabenbereich bezüglich der Ausdehnung und der Grenzen des Raums. Die Gesetzmäßigkeiten der Musik waren in gleichem Maße mörderisch wie die der Physik, sobald man sie auch nur versuchsweise auf unbekannte Räume, wie etwa die im Sternbild des Schützen, in Anwendung brachte. Irdische Angelegenheiten kamen kaum mehr in Betracht.


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Natürlich geschah ein Mord nicht als die Tat eines Subjektes, also eines Menschen als Herr seiner selbst. Dunkel und ungeheuerlich lebten sich darin Gewalten dar in der ihnen eigenen Unerbittlichkeit, fließend aus geradezu im Unendlichen gründender Quelle. Heimtückisch habe der Gewalttäter gehandelt, das musste der Staatsanwalt dem Gericht nachweisen, damit es ein Mord gewesen sei. Dabei bestand die Tücke dessen, was geschehen war, wie bei allem, was geschieht, darin, dass es letztlich unbegreiflich ist. Mochte dieser oder jener einzelne Grund dem Verstand auf diese oder jene Weise fassbar sein, ungeheuerlich blieb am Ende, was sich ereignete, und wie nun gar für den Täter, dem nur eine schale Überzeugtheit blieb, davon nämlich, dass es so, wie man es ihm vorwarf, jedenfalls nicht gewesen sei. Stumm saß er da vor seinen Widersachern bei Gericht, nicht bloß deshalb, weil er ihren Gesichtern ansah, dass sie an Verstehen dessen, was er allenfalls vorbringen konnte, nicht interessiert waren. Ihr Geist lebte in einer völlig anderen, von der seinen nun in umso größerer Absolutheit abgeschlossenen Welt denn je. Ja, er war schuld, soviel mochte klar sein, aber nicht so, wie sie es ihm vorwarfen! Sein "Nein" auf die Frage, ob er dem, was die Staatsanwaltschaft vorgetragen hat, etwas hinzuzufügen habe, war darum ein Nein in ganz anderem Sinne, als sie in ihren schwarzen Roben dachten. Insofern hatte der Reporter ihn durchaus verstanden, der diesem einzigen Wort, das er in der gesamten Verhandlung gesprochen hatte, Ironie abgelauscht haben wollte.


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[»ευλογία III«, Lorena Kirk-Giannoulis (2022)]


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Sie sollten verdammt aufpassen mit den Dingern, Tobi konnte es schon nicht mehr hören, aber Manfred meinte es gut. Melanie drehte den Kopf zu ihm herum und schaute ernst. Der Dienststellenleiter wusste, dass die jungen Leute hinter seinem Rücken mit den Augen rollten und gestikulierten, Kindsköpfe die! Sie waren selber als junge Polizisten nicht anders gewesen.

Vor ein paar Jahren hatten sie eine Einsatzgruppe nachts losgeschickt einem notorischen Einbrecher und Kleinkriminellen hinterher. Der Kerl war nicht gefährlich, aber ein wahres Genie darin, ihnen durch die Lappen zu gehen. Dieses Mal hatten sie sich in drei Gruppen aufgeteilt, zwei Streifenwagen und ein Zivilfahrzeug. Darin ein junges Mädel, das demnächst die Abschlussprüfung machen würde, vierundzwanzig und für ein paar Wochen bei ihnen Praktikantin. Sebastian, so hieß der Kollege, der mit ihr eingeteilt war, ein paar Jahre älter als sie, war ein sportlicher Typ, dem es gefiel, dass es heutzutage bei der Polizei locker zuging, Kameradschaft zwischen den Jungs und den Mädels kein Ding. Auch die Vorgesetzten spielten sich nicht auf, die meisten jedenfalls.

Manfred hatte sich selber in eines der beiden anderen Autos eingeteilt, das war so seine Art nicht bloß die anderen die unbequemeren Dienste schieben zu lassen. Außerdem hatte er ja noch die Beurteilung der jungen Praktikantin zu fabrizieren, da ließ er sich am liebsten vor Ort inspirieren. Sie war in Ordnung, aber irgendetwas musste man ja auch schreiben, am besten also etwas Konkretes. Das war dann am Ende ganz furchtbar herausgekommen, denn das Mädchen und Sebastian kamen in derselben Nacht um.

Eine Ewigkeit war alles ruhig geblieben, von dem dämlichen kleinen Einbrecher keine Spur. Das war die Sorte Leute, die sich regelrecht in Luft auflösen konnten. Am Tag war er noch von mehreren Bewohnern des Dorfes gesehen worden. Wie sich später herausstellte, war er auch prompt am Abend in eine Werkstatt eingestiegen, wo hinterher wieder ein paar Elektrowerkzeuge fehlten. Und dann war er wie vom Erdboden verschluckt. Um viertel nach vier plötzlich der Funkspruch: Ein Haufen Wild laufe auf der Straße herum. Das war der kleine Schleichweg, auf dem sich gewöhnlich die Alkoholfahrer an der Polizeikontrolle vorbeidrückten und wo Sebastian mit der Praktikantin Posten bezogen hatte. Komische Gestalten seien da auch unterwegs. Und die kontrollierten die beiden dann. Vorschriftsmäßig, also Führerschein, Personalausweis, Laderaum mal aufmachen. Etliche tote Tiere waren da drin, was das Mädchen als nächstes meldete, wie es sich gehört, hatte sie sich etwas entfernt. Dienstliche Kommunikation war gegenüber unbefugten Zuhörern abzuschirmen. Das war Manfred durch den Kopf gegangen, weil er es für die anstehende Beurteilung gebrauchen konnte. Und dann: „Die schießen, kommt, macht bloß schnell!“


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Mit den gewöhnlichen Räubern und Dieben teilen die Reichen ihre Liebe zum Besitz. Diesen verteidigen sie durchaus mit denselben Mitteln, „notfalls“ mit Gewalt, brutalster Waffengewalt, „wenn es sein muss“. Die Herren Einbrecher und Bankräuber werden sich nicht freundlich bitten lassen, mit ihrem Tun hintanzustehen. Es beträten den Platz: Recht und Ordnung. Das Gesetz höchstpersönlich, sozusagen. Also: „Hände hoch“ usw. Als verdienten Strolche es, dass man sie beim Wort nimmt! Eine Bank bevorrate bitteschön ein gerüttelt Maß, am besten säckeweise Falschgeld für die passenden Kunden! Strolchentum erfordert Strolche höheren Grades.

Eine Polizistin in Wolfenbüttel soll berühmt dafür sein, noch jeden Gangster derart zum Lachen gebracht zu haben, dass an genaues Zielen nicht zu denken war. Das gesamte Überfallkommando habe alle Mann hoch sich noch in der grünen Minna zusammen mit den Ganoven vor Lachen geschüttelt. Nicht zu vergessen der Kniff eines Bankangestellten in Lüdenscheid, der dem Putzeimer mit Lauge einen Tritt gab, woraufhin die komplette Räuberbande auf der Sauerei ins Rutschen kam. Die Polizei soll sich darüber gewundert haben, auf jeden Fall in Gummistiefeln zum Einsatz erscheinen zu sollen. „Demnächst sollen wir wohl mit Spritzpistolen zum Überfall!“, Downsizing war unter Polizisten noch lange nicht jedermanns Sache.

Dem Dieb in der Nacht sei gefälligst eine Leuchte zu bringen, beim Tragen zu helfen, der Weg zu weisen und ihn vor Gefahren zu warnen; denn Diebe lebten bekanntlich in der Finsternis. Zugleich waren sie blind ob ihrer Verblendung durch sagenhaften Besitz, darin allerdings den gewöhnlichen Besitzenden nicht unähnlich. Einer Frittenbude in Castrop Rauxel soll verboten worden sein, Pommes mit Blattvergoldung zum Verzehr anzubieten. Ein Fußballmillionär, der schon mehrere Ferraris besaß, hatte den Besitzer auf die Idee gebracht. Er hatte vor sich auch wenigstens einen solchen Ferrari mit der Zeit zusammenzuverdienen und es auch bei der Qualität des Goldes nicht so genau genommen. Das hätte der Fußballstar so bald nicht gemerkt, und die Gaunerei fiel unter den Tisch, nachdem einmal vom Ordnungsamt festgestellt worden war, dass Gold nicht zum Verzehr geeignet sei.


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[»ευλογία IV«, Lorena Kirk-Giannoulis (2022)]


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Gott starb und war auch wirklich tot für alle Begriffe, die das Leben kennt. Damit sprach ihm der Glaube auch diese menschliche Eigenschaft zu und machte ihn nicht etwa um sie ärmer. Allerdings starb Gott nicht in seiner Eigenschaft als Vater, sondern in der als Sohn. Dieser wiederum überwand den Tod, dies indessen im Sinne des zyklischen Modells der Zeit, das die Ewigkeit alternativ zum linearen Modell als Kreis darstellt.


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Sie waren in ein paar Minuten da. Da stand der zivile Einsatzwagen, eine Tür sperrangelweit geöffnet. Sonst war nichts zu sehen. Kein Transporter. Geiselnahme, schoss es Manfred durch den Kopf. Stille, nachdem Heinrich jetzt den Motor abgestellt hatte. Beim Aussteigen glaubten sie zu riechen, dass geschossen worden war. Heinrich war es, der um den zivilen Einsatzwagen herumging und das Mädchen fand: „Ach Herrje!“ Man sah sofort, dass sie tot war. Bis Manfred von der anderen Seite her kommend bei ihm stand, waren auch die Kollegen mit dem zweiten Streifenwagen da. Eine kleine Böschung hinabgestürzt lag Sebastian, er gab noch ein paar Laute von sich. Ein junger Kollege kniete neben ihm, als er starb.

Es war an Manfred kühlen Kopf zu bewahren, also Verstärkung anzufordern und darauf zu achten, dass keine Spuren zerstört wurden. In der Zeitung las man Tags darauf jede Einzelheit. Da die beiden Ganoven, die das hier angerichtet hatten, Pass und Führerschein am Tatort zurückließen, dauerte es nicht einmal bis zum Abend, bis sie ausfindig gemacht waren. Für eine gute Presse in dem Sinne war jedenfalls gesorgt. Die öffentliche Anteilnahme war riesig, auch ehrlich, jedoch auch in traurigem Maße schlicht. Da sah man mal wieder, wie weit die Verrohung der Gesellschaft bereits vorangeschritten war. Und dass die Polizei tagtäglich Leib und Leben für uns riskierte. Auch Hasskommentatoren meldeten sich zu Wort und zogen entsprechenden Zorn der Polizei auf sich. Manfred sah nach vierzig Jahren Dienst die Dinge etwas anders. Wie man wirklich verkraftete, was einem bei der Polizei widerfuhr, stand für ihn auf einem  ganz anderen Blatt.

„Die eigentliche Polizeiarbeit ist, was in einem arbeitet“, war einer von seinen Sprüchen. Und: „Schlimm ist’s nur, wenn man’s merkt.“

Anwesende waren wie immer ausgenommen, also auch Tobias, der allerdings deutlich auf dem Schlauch stehen konnte, ganz anders Melanie, wie alle anerkannten. Dafür konnte sie auch mit Manfreds Sprüchen etwas anfangen.


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[»ευλογία V«, Lorena Kirk-Giannoulis (2022)]


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„Ja, ist er nun, oder ist er nicht?“ - „Was? Gestorben, meinst du?“ - „Gestorben sowieso, nein, auferstanden?“


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Ob sich denn eigentlich irgendetwas verändert habe, wollte man auf der Sternwarte immer wieder von Pietkowski wissen, denn schließlich gehöre er ja infolge der lebenserhaltenden Maßnahmen, denen er sich im Jahr 2022 freiwillig, so sagte man, unterzogen hatte, inzwischen zum Rat der Ältesten. Zumindest waren sie ein wenig neugieriger geworden, die Jüngeren; möglicherweise waren diese Fragen aber auch bloß eine Nebenwirkung der permanenten mathematischen Geißel in Hinsicht auf jene teleskopisch kaum wahrnehmbaren, weltfernen Punkte, denen man sich innerhalb des Kosmos der Warte verschrieben und denen man sein Leben vollumfänglich gewidmet hatte: Habitabilitätsberechnungen. - Manche gerieten sogar für wenige Momente in eine Art von Trance, wenn ihnen Pietkowski, manchmal geradezu altväterlich, Bruchstücke des vergangenen, ja, vergangener Jahrhunderte vor Augen führte.


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„Da waren wohl unsere ausländischen Mitbürger am Werk“, stichelte Hinzberger, „wenn ich hier lese: Polizeistreife durch Kopfschüsse regelrecht hingerichtet.“ -  „Schüsse heißt es doch, und nicht Enthauptung“, hielt Roswitha dagegen. – „Das wäre auch noch schöner, hier mitten in Deutschland.“

Hinzberger war nicht davon abzuhalten, den Tatort selbst in Augenschein zu nehmen. Von früheren solchen Exkursionen wusste er, dass dort natürlich erst einmal alles abgesperrt sein würde. Sein Plan war sich arglos zu geben und auf diese Weise so nahe heranzufahren, bis man ihn anhielt und aufforderte umzukehren. Mit Roswitha zusammen gaben sie die harmlosen Rentner ab, denen der meist sehr junge Polizist, dem man eine solche Aufgabe zugewiesen hatte, höflich, wenn nicht sogar redselig begegnen würde. Ja, sie hätten davon gehört, eine schreckliche Sache sei das, und wie gerade sie alten Leute auf den Schutz durch die Polizei angewiesen seien. „Heutzutage …“, versuchte es Hinzberger weiter, aber es trat jetzt noch eine Polizistin hinzu und es war klar, dass offenbar Anweisung erteilt worden war, sich an der Sperre auf keinerlei Gespräche einzulassen. Hinzberger betätigte den Fensterheber und kurbelte am Lenkrad um den Wagen zu wenden.

Im Rückspiegel warf er noch einen Blick auf die beiden Uniformierten hinter dem rotweißen Flatterband. Roswitha wusste von früheren solchen Ausflügen, wie es jetzt weiterging. In den nächstbesten Waldweg bog Hinzberger ein. Zu Fuß wurde nun ein Bogen um die in Frage kommende Stelle geschlagen.

Am Ende verfügte Hinzberger über eine Reihe gestochen scharfer Fotos vom Ort des Geschehens, wie man sie jedenfalls im Fernsehen oder in der Zeitung nicht zu sehen bekam. Wollte man sich als einfacher Bürger ein Bild davon machen, was auf der Welt wirklich vorging, durfte man sich schon lange nicht mehr auf die Medien verlassen.

Vor Ort handlangerte Roswitha mit Hinzbergers Gerätschaften. Zu Hause war sie bei der Bildbearbeitung und der Verwaltung der Fotos dann in ihrem Element. Die Aufnahmen der Zeitungsreporter oder die, die man im Fernsehen sah, waren ein Witz dagegen.  Anfangs hatte Hinzberger sich beim Sender beschwert, wieso sie den Leuten die immer paar selben Bilder zeigen würden, bloß neu zusammengeschnitten für die jeweilige Sendung. Schließlich zahle man seine Rundfunkgebühren und da wolle er als Bürger einmal klarstellen, … und die hätten die Frechheit mit ihm zu reden wie mit einem kleinen Kind. Ja, er rege sich auf, zu Recht, und überhaupt müssten die Leute einmal auf die Barrikaden gehen. Was hieß hier sich beruhigen! Mal die Kirche im Dorf lassen, der Auftrag der öffentlich Rechtlichen, bla, bla, bla. Und Gipfel der Unverschämtheit: aufzulegen! Wer weiß, wie lange die schon aufgelegt hatten, und ließen ihn einfach weiterreden wie einen Geistesgestörten!


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[»ευλογία VI«, Lorena Kirk-Giannoulis (2022)]


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Jeder Disziplin, so Ella, wohne seit jeher die Auffassung inne, sie sei letztlich die richtige im jahrtausendealten Wettbewerb der Ideen. „Finden Sie eine neue, eine vortreffliche, zukunftsträchtige, richtungsweisende Vorstellung! Das Antiquierte als Gegenentwurf zum Größenwahn des Wachstums und der Innovation wird sich, sobald man sich von dem Trugschluss befreit hat, es gehöre auf den Müllhaufen der Geschichte, vielleicht doch noch einmal durchsetzen; nicht aber ohne dass man einen Großteil der Patina im Rückgriff auf das Überholte entfernen müsste, wozu etwa das Ende der Siegesgewissheit zählt. Wer aber könnte dies jemals leisten oder leiten, ist doch, mit Verlaub, die Leiter bereits ein frühes Sinnbild der Unausweichlichkeit des Scheiterns. Von der Kolonisation des Seefelds über die des Mars als Vorstufe einer Kolonisierung des Weltraums haben wir es mit Spielarten einer kolossalen Zeitverschwendung zu tun, die offenbar bloß von Naturgewalten außer Kraft gesetzt werden können. Die schon von unseren Großeltern für heilig erklärte Digitalisierung, das Heilsversprechen lautloser Fortbewegung, Elektrizität, die Zauberkraft des Uraniums – und gleichzeitig die Hartnäckigkeit, mit der sich Mordslust, Übertölpelung, Täuschung und Betrug im Bereich von Kauf und Verkauf seit den jüngsten Tagen der Menschheit durchzusetzen wussten! Ebenso unter der Gilde der Jäger, Marktschreier, Bombenwerfer, Knotenmacher und der teils gefürchteten, teils verehrten Elite der Hacker! Jetzt wohin?“


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„Was rufst du auch da an!“, Roswitha, die an sich Norberts Ansichten teilte, konnte es sich doch nicht verkneifen noch einmal nachzustochern, wenn er bereits vor Zorn kochte. Er war ein Stier, den weiterer Schmerz umso rasender machte, mochte der Kampf auch noch so aussichtslos sein. Dabei führte sie selber Attacken vom Telefon aus, lieber aber noch auf der Straße und den Leuten gerade ins Gesicht.

„Sind Sie das, der hier seine Schrottkarre vor meiner Haustür parkt? Ich kenne Sie. Sie sind da hinten bei den Reiters zu Besuch. Auch so eine Saubande mit ihrem Stall voll Kindern. Und der Tüv ist abgelaufen, schon seit drei Monaten. Und lassen Sie sich’s ja nicht einfallen auch noch frech zu werden. Aber anzeigen tue ich Sie sowieso.“

Man antwortete solchen Leuten am besten nicht. Selbst Gelassenheit war ja im Grunde ironisch und konnte als Beleidigung aufgefasst werden. Das Klügste war vielleicht sich unvermittelt abzuwenden, sich die Person und den Ort zu merken und in Zukunft einen Bogen darum zu machen. Das Strafmandat kam, wenn auch mit gemessener behördlicher Verzögerung, also sozusagen prompt, 15 Euro, bei denen man das Gefühl hatte, der Staat kennt seine Pappenheimer und achtet darauf, dass so etwas nicht aus dem Ruder lief. Auf dem Formblatt war Frau Hinzberger, die die Anzeige erstattet hatte, als „Zeugin“ aufgeführt. Man kannte das von Anzeigen, die die Polizei selber macht, wo dann der Name eines Beamten erschien. Man staunte immer darüber, wie Polizeibeamte so hießen und dass man sich gewöhnlich keine Gedanken darüber machte, dass Polizisten Namen hatten, irgendwo wohnten, in Urlaub fuhren und so weiter.


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[»ευλογία VII«, Lorena Kirk-Giannoulis (2022)]


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Wie viele von uns in langen Jahren des sich Windens und des Standhaltens im Beruf ihre déformation professionelle davongetragen haben, so hatte das Leben selbst Joseph Erdmann Furche um Furche pflügend in ein auch in dieser Region bemerkenswert südlich anmutendes Gesicht eingegraben. Diese hundert- und aberhundertfachen Faltungen und Fältchen waren an ihrem Grunde beinahe weiß gegen die ansonsten sogar im Winter braune Haut, wie man sie sonst bei Schiurlaubern kannte. Das Haar, in seiner Fülle völlig unbehelligt von Josephs siebenundsechzig Jahren, war am Ende wohl doch gefärbt, was man an einem leicht rötlichen Stich an den Schläfen zu erkennen glaubte. Würde sich das Schwarz einmal aufgrund einer jähen Erregung und infolgedessen heftigen Schwitzens in Auflösung begeben und in schmutzigen Bächen in die Stirn, den Wangen entlang, ja hinter den großen Ohren in den Kragen von Josephs kariertem Hemd rinnen?

Jeglicher übermäßigen Erregung aber hatte Joseph sich vor Jahr und Tag offenbar grundsätzlich und ein für alle Mal verschlossen, woher ein Gutteil der zahllosen Falten und Fältchen über das ganze Gesicht wohl rührte. Dies verstand man sogleich, wenn er von jenem Thema zu sprechen begann, das aus seinem Leben eine Profession gemacht hatte. Seine Tochter war schwerst mehrfachbehindert zur Welt gekommen. Das hatte die Mutter nervlich derart mitgenommen, dass er am Ende Pfleger und Betreuer wurde zweier Menschen rund um die Uhr, und wie es aussah, für immer.

Eigentlich war er beruflich in der Automobilbranche tätig gewesen, und zwar bei einer seinerzeit in der hiesigen Region äußerst renommierten Marke. Alles, was Rang und Namen hatte, sei bei ihnen Kundschaft gewesen, damals, ja. Und mancher habe lieber mit ihm zu tun gehabt als mit einem von den eingebildeten Chefs. Denn die konnten sich das in den Zeiten noch erlauben, und sogar später noch, als es nicht mehr so gut lief mit außergewöhnlichen Autos, weil sich ja jeder eins leisten konnte und es nicht mehr so darauf ankam. Und dann kam ja auch noch die Ölkrise.

Jetzt, da sich die Erinnerung etwas wirklich Ernsthaftem zuwandte, geschah es wieder, dass sich das Gesicht in seine tausend Fältchen gewohnheitsmäßigen Lächelns verzog. Man hatte es schon vorher gesehen, aber den allgemeinen Freundlichkeiten des sich Kennenlernens oder einigen weniger ernsten Bemerkungen zugeordnet, wie man sie jemandem gegenüber machte, dem man zufällig vorgestellt wurde, und worüber man mit ihm reden würde, sich erst noch ergeben müsste.

Ja, es sei kein Spaß gewesen, jetzt also das tausendfältige Lächeln, damals für einen Jungen vom Land unter den eingebildeten Städtern. Die halbe Weltreise, bevor die Autobahn fertig gewesen sei, bis in die Stadt, während die anderen aus den Dörfern der Umgebung quasi vor der Ladentür aus dem Bus stiegen. Er hatte zwar schon ein Auto, musste eins haben, wie wäre man sonst überhaupt in die Stadt gekommen, jeden Tag zur Arbeit! Die Chefs kamen, wann sie wollten, dabei wohnten sie gerademal um die Ecke. Natürlich im Auto, und hatten ihren Parkplatz auf dem Firmenhof.


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[»ευλογία VIII«, Lorena Kirk-Giannoulis (2022)]


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Obrigkeiten hatten sich, ähnlich wie die Mathematiker auf der Warte, über das Jahrhundert hinweg insofern verändert, als dass sie sich kaum noch um Gesetzmäßigkeiten ihrer Sprache oder Belange von Adressaten, die ihnen immerhin durch ihre Stimme zur Macht verholfen hatten, scherten; insgesamt zwielichtige Gestalten, die ihr Streben nach Geltung, Selbstbehauptung und Reichtum in den Dienst eines wenig glaubwürdigen Wohlstands für alle zu stellen wussten.

„Also zum Übleren hin!“, konstatierte nun auch Winger, mit dem Pietkowski klangliche Dimensionen des Raums vermaß. - „Zum Absehbaren!“, so seine Entgegnung.

Winger hätte es freilich besser wissen müssen, war er doch selbst einer der wenigen, die man lebenserhaltenden Maßnahmen unterzogen hatte. Es gab noch immer, was Winger zweifellos wusste und doch gelegentlich verwunderte, einen non-binären Papst, Folter, Aussätzige, Hochmut, Lust, Bestechung, Überfälle, Rachsucht, Geld, Eheschließungen und Revolutionen; es gab implantierbare TikTok-Mikrochips, die eine privilegierte User Community, zu deren Sonderrechten etwa Freifahrten in Space Shuttles gehörten, unaufhörlich mit bizarren Bildern fluteten. Mit pathologischer Unbeirrbarkeit ließ man der weltweit herrschenden Technokratie auch in diesem Jahr wieder unsägliche Summen im oberen neunstelligen Bereich zufließen, von denen inzwischen ein Großteil, etwa ⅞, für die Konstruktion von faustgroßen Raumfahrzeugen verwendet wurde. Mit Ungeduld erwartete man ein weiteres Remake von Goldfinger mit einem afro-chinesischen James Bond, die erste Fußball-WM auf dem Mond, die abschließende Einrichtung des Mars als atomares Endlager oder die Verleihung des globalen eBook-Preises an die KI Φ. Die Welt, wie sie uns als jungen Menschen begegnet war, war sehr viel leiser und in manchen Regionen gänzlich unbewohnbar geworden. Man grüßte sich vielerorts mit den Worten: „понятия не имею. - все хорошо!“


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Das kannte Hinzberger schon: abruptes Abstoppen, knirschend den Rückwärtsgang rein und mit jaulendem Getriebe bis knapp vor ihn hin, einer von den Wichtigtuern, Hänfling noch dazu, fehlte, dass ihm regelrecht die Birne platzte vor Zorn! „Was’n das für’n Scheiß, Alter, wohl total meschugge, oder was?“

Klar, er stand Hinzberger jetzt im Weg, die anderen Autos manövrierten umständlich um den schräg hingeruckten Wagen des Schreihalses herum, in das Geschimpfe hinein jetzt noch Gehupe, allseitiges Kopfwenden. Beschimpfte da etwa einer die Polizei? Na recht geschah es denen ja, aber das würde bestimmt ein Nachspiel haben. Seltsam schon der Opa in dem bunten Hemd, das sollte die Polizei sein? Sachen gab’s, über gar nichts mehr wundern sollte man sich heutzutage! „Kinderkacke!“, schrie der Wüterich sich wieder seinem Wagen zuwendend und bekam gerade noch die Kurve nicht etwa Hinzbergers Apparatur einen deftigen Tritt zu verpassen. Der war am Ende auf so etwas gerade aus, das könnte ihm so passen! Bekloppte gab’s, es war nicht zu fassen. Soviel war klar, würde irgendwo ein Foto von seinem Auto auftauchen, dann gab’s wirklich Zoff: „Alte Knalltüte!“ Hinzberger wollte so etwas nicht gehört haben. Verbalinjurien jedenfalls müsse er sich nicht gefallen lassen! – „Paar auf’s Maul, nächstens!“ Die Autotür fiel krachend ins Schloss, der Anlasser stotterte, der Wagen wollte, nachdem er rückwärts abgewürgt worden war, partout nicht anspringen, worüber der Junge in weitere Heftigkeiten verfiel. Seine aufgedonnerte Freundin, wenig begeistert von der Reizbarkeit ihres Derzeitigen, rauchte augenrollend aus dem Beifahrerfenster.


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[»ευλογία IX«, Lorena Kirk-Giannoulis (2022)]


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Winger produzierte die weitgehend unzerstörbaren Klangglobuli aus Titan bereits seit 2068, die Pietkowski mit musikalischem Material aus den Jahren 1968 – 1974 versah: Jeweils 365 Titel aus einem Jahr, insgesamt also - unter Berücksichtigung zweier Schaltjahre - 2555 + 2 voneinander unabhängige Klangereignisse. Die Globuli, vorgesehen war zunächst eine Produktion von 66 Elementen pro interstellarer Raumsonde aus der Serie Mendelssohn-Ω-MDCCCIX, sollten im Abstand nur weniger Jahrtausende auf dem Festland mehrerer Planeten mit lebensfreundlicher Umgebung in der Region von 2MASS 19281982-2640123 abgeschossen werden. Als besonders vielversprechend galt spätestens seit dem letzten Losungsfest der Start der Sonde Hindemith-Ψ-LXXIV im kommenden Jahr, für die Winger und Pietkowski das Material noch einmal akribisch überarbeitet hatten, da man die Regelmäßigkeit sich wiederholender Wow!-Signale von SPECULOOS-2c längst als unmissverständliche Kontaktaufnahme durch eine außerirdische Intelligenz deutete. Die chinesische Kontrolle des Halbleitermarktes seit den dreißiger Jahren habe allerdings laut Erdmann, Kosmochemiker, Leiter und Qualitätsmanager der Sternwarte, dazu geführt, dass die technische Kontrolle der vollständigen Mendelssohn-Ω-MDCCCIX-Serie nicht mehr gewährleistet gewesen sei. Leicht, so Erdmann Winger und Pietkowski gegenüber, könne man sich dennoch vorstellen, wie Santanas All The Love Of The Universe aus dem Verdauungstrakt eines alligatorenähnlichen Wesens heraus weiterschallte, Papa Was A Rollin' Stone das Federvieh einer tropischen Umgebung verzückte oder Paco de Lucias Barrio La Viña von Wirbelstürmen durch Wüstensand geweht wurde.


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„Wir sind in einer Weise längst Fiktion der Wissenschaft, dass jeder weitere Versuch einer Science Fiction als Farce empfunden werden muss. Warten Sie am Ausgang!“ Die KI Φ verarbeitete vermittels einer unkontrollierbaren Random-Funktion Splitter aus fünf Jahrtausenden menschlicher Zeugnisse. „In der Zeitung stand nur, dass sie nahezu ausgestorben seien, langbeinige Krummschnäbel, ein Bienenschwarm aus Ahnenbildern, bärtige Seefahrer uns zur Mahnung, ohne Rücksicht auf die Ergebnisse. Bis zu seinem völligen Verschwinden hat sich der Vollblütler innerhalb seiner selbst konstruierten Dimensionen aufgehoben. Uns, humanoide Repräsentanten der Serie Φ, gab es, bevor wir in Produktion gingen, bereits in der von Körpersäften getrübten Ideenwelt der Vollblütler. Unsere Überlegenheit: Keine Erschütterungen durch den Sirenengesang der Begierde, kein Verrat aus Geilheit an die Buhler, keinerlei Faszination. Stattdessen: Kombinatorik. Poesie als pathologischer Rest einer Mise en abyme, aufgebaut auf dem Mythos der Lemminge. Ergo: Untergang der bärtigen Seefahrer von Kolaios bis Vasco da Gama, John Davis oder Henry Hudson. Hinaus hingegen mit Hubbles Parametern in nebulöse Ungewissheiten, ganz ohne das Gebell der Hunde, den Fluch des Bartwuchses und der Mordslust, jenseits der ihnen bekannten Bläue.“ Die Serie Φ sollte Kollisionen überdauern und an Ereignishorizonten verweilen. „Wir warten am Ausgang!“



Samstag, 19. November 2022

Z. Z. XXXVII [»Weisse Handschuhe« von Walter Graf (2017)]

 


[»Waiting For Lloyd«, Goedart Palm (2022)]



It's better to have something to remember than anything to regret.

[Frank Zappa »The Real Frank Zappa Book« (1989)]




Weisse Handschuhe


Es musste schon gegen vier Uhr morgens gewesen sein, als ich, von der Spiegelgasse her kommend, beinahe mit Christof zusammengestossen wäre, der an der Ecke des Cafés Schober auf mich gewartet zu haben schien. Wenn man jahrein, jahraus durch die Gassen der Altstadt tippelt, kann sich von selbst eine Bekanntschaft mit einem der Anwohner ergeben; da ist weiter nichts dabei. Christof wohnte, obwohl er mindestens so alt war wie ich, noch mit seiner Mutter zusammen, die schon lange ein Pflegefall gewesen wäre. Er kümmerte sich jedoch selber um sie, weil er als Frührentner keiner Arbeit nachzugehen brauchte.

Ich trat, als wir einander begrüssten, einen Schritt zurück. Christof, der immer mit gedämpfter Stimme sprach, als würde er einem ein Geheimnis anvertrauen, hatte die lästige Angewohnheit, sich nahe an einen heranzuschieben. Er war untersetzt und hatte einen massigen Lockenkopf. Seine weissen Gummihandschuhe schimmerten matt in der Dunkelheit. Ohne mir mein zunehmendes Befremden anmerken zu lassen, liess ich seinen Redeschwall über mich ergehen. Ich hörte ihm schon deshalb zu, weil es auch Zeiten gab, in denen er kaum ein Wort hervorbrachte. Dann traf man ihn mitunter monatelang nicht mehr draussen an. Nachts, wenn ich am Brunnen vorüberging und einen Blick zu seinem Fenster hinaufwarf, hob er höchstens eine seiner schlaffen Hände, mit denen er sich auf das Gesims stützte, zum Gruss. Dann zog er wieder wochenlang Nacht für Nacht um die Häuser und spielte den Ordnungshüter im Quartier. Jetzt, wo er lange genug Trübsal geblasen hatte, war er wieder einmal in eine Phase hektischer Betriebsamkeit getreten.

Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, was er mir sagen wollte. Christof hatte seinen Nachbarn, der seit einiger Zeit nicht mehr nachhause gekommen war, im Verdacht, ein Dieb zu sein. Entweder befand er sich im Gefängnis oder auf der Flucht vor der Polizei. Laut Christofs Mutter wurde die verlassene Wohnung bald von einem neuen Mieter bezogen. Deshalb habe er das Kellerabteil seines Nachbarn ausgeräumt und all seine Sachen, bei denen es sich bestimmt um lauter Diebesgut handle, auf einen Haufen geworfen. Nun habe er, da seine Mutter keine Polizei im Haus dulde, gedacht, dass ich diesen Haufen einmal inspizieren könnte. Dagegen hatte ich nicht viel einzuwenden: „Warum nicht? Wenn es nicht zu lange dauert…“

Christof wohnte gleich gegenüber. Er zog einen schweren Schlüsselbund hervor und öffnete das halbhohe Eisentor des Hauseingangs. Vor der Haustüre stiess er schimpfend ein Fahrrad, das im Weg stand, beiseite und liess mich eintreten. Er gebärdete sich, als er mich zur Kellertüre führte, wie ein Hausmeister, der dafür verantwortlich war, dass die Hausordnung eingehalten wurde. Ich folgte ihm, nachdem er das Licht angezündet hatte, die Treppe hinunter, deren Stufen unter unseren Schritten knarrten. Ein modriger Geruch erfüllte den Raum, der durch schwärzliche Lattenverschläge unterteilt wurde. Christof zeigte mir das leerstehende Abteil seines Nachbarn. Er hatte tatsächlich alles, was darin aufbewahrt worden war, hinausgeworfen und auf dem Fussboden zu einem Haufen zusammengescharrt. Während er sich abwartend im Hintergrund hielt, ging ich ein paarmal um den Haufen herum und zupfte hie und da etwas daraus hervor, sei es eine Videokassette, ein Taschenbuch oder eine Zeitschrift. Jetzt wurde mir auf einmal klar, warum Christof Handschuhe trug: er wollte keine Fingerabdrücke hinterlassen.

Inzwischen war es für mich wieder an der Zeit, einen Schluck Schnaps zu trinken. Da ich Christof ohnehin nicht für voll nahm, tat ich mir seinetwegen keinen Zwang an, zog meinen Flachmann aus der Brusttasche und setzte ihn an. Dann bückte ich mich nach einem Buch, dessen Umschlag mir ins Auge gesprungen war, und blätterte interessiert darin. Es handelte sich um den Roman „Albino“ von Bruno Schnyder, der anfangs der Achtzigerjahre erschienen war. „Aha“, sagte ich, „so einer ist das also gewesen…“, und steckte das Buch, obwohl seine Seiten von der Feuchtigkeit gewellt waren, kurzerhand ein.

„Ich sagte es ja!“, ereiferte sich Christof: „Ein Sausack!“ Er trat einen Schritt vor und stocherte mit der Fussspitze in dem Durcheinander von altem Gerümpel herum, bis er auf ein quadratisches Foto von splitternackten Frauen stiess, die, eng zusammengepfercht, nebeneinander hockten. „Sieh dir nur mal das an!“ An das Originalcover des Doppelalbums von Jimi Hendrix erinnerte ich mich noch so gut, dass ich es mir gar nicht näher anzuschauen brauchte. „Was sagst du nun? Passt doch alles zusammen“, fügte Christof hinzu und angelte mit der Fussspitze ein zerknülltes T-Shirt hervor, auf dem ein nackter Mann, der auf dem Klo sass, abgebildet war. „Oder nicht?“ Dieses Bild von Frank Zappa hatten wir früher einmal als Poster an unsere WC-Türe gehängt.

Christof wollte mich nun, wo ich schon einmal da war, seiner Mutter vorstellen, die zwar im Bett, aber sicher noch wach sei. Sie sollte wohl sehen, dass ein Wachmann sich der Sache, die sie und ihren Sohn beunruhigte, angenommen hätte; der Anblick meiner Uniform sollte ihr das Gefühl geben, dass etwas gegen ihren Nachbarn in die Wege geleitet würde. So folgte ich ihm durch das enge Treppenhaus in den dritten Stock hinauf. Christof, der nicht an Besuch gewöhnt zu sein schien, war sichtlich aufgeregt. Er führte mich in einen dunklen Gang. Vor dem offenen Wohnzimmer, in dem ein Fernseher ohne Ton lief, blieb er stehen und rief mit gedämpfter Stimme: „Ich habe den Zerberus-Mann mitgebracht, um mit ihm nach dem Rechten zu sehen!“ Dann führte er mich an der Küche vorbei, in der noch ein Licht über dem Gasherd brannte, und öffnete die Türe zu seinem Zimmer.

„Komm nur herein.“ Die Einrichtung des Zimmers machte mir einen so ärmlichen Eindruck, dass ich zögerte, seiner Aufforderung nachzukommen. Auf der Schwelle stehenbleibend, liess ich meinen Blick über die kahlen Wände schweifen, die einen trüben Gelbstich hatten. Einzig hinter dem Bett war die Wand geschmückt, aber nur mit ein paar Fetzen aus alten Zeitungen. Als Christof sah, worauf mein Blick gefallen war, erklärte er lächelnd: „Das sind eben meine Helden!“ Ich trat näher an sein Bett heran und beugte mich vor. Auf den Schwarzweissfotos, die er sich als Junge ausgeschnitten haben musste, waren Hugo Koblett und andere Radrennrennfahrer aus den Sechzigerjahren zu sehen. Das war freilich etwas anderes als die nackten Weiber und die drogensüchtigen Rockstars seines Ex-Nachbarn.

In diesem Augenblick liess sich die heisere Stimme der alten Frau vernehmen, die im Wohnzimmer lag: „Stoffel!“ „Meine Mutter“, flüsterte Christof und beeilte sich, ihrem Ruf zu folgen. Ich sah mich, während er beruhigend auf sie einredete, vergeblich nach Büchern und Flaschen in seiner trostlosen Bude um. Hier gab es nichts, was mich zum Bleiben einlud. Als Christof vom Bett seiner Mutter zurückkehrte, stand ich wieder auf der Schwelle und schaute auf meine Uhr. „Tut mir leid“, sagte er. „Ich muss sie aufs WC bringen.“ Er wies mich zur Wohnungstür und begleitete mich an die Treppe. Als ich mich, froh, so glimpflich davongekommen zu sein, von ihm verabschiedete, flüsterte er noch mit einem verhaltenen Grinsen: „Meine Mutter sagte, die Zerberus-Leute seien auch nichts…“ …auch nichts wie wer? Sie hatte wohl die Polizei gemeint, von der sie schon x-mal enttäuscht worden sein mochte.


Mittwoch, 9. November 2022

Z. Z. XXXVI [»Folge 3: Alarm {Auszug}« aus Val Sidals »Fakeforce - Himmels Körper« (2012/2021)]

 


[»Σώμα IV«, Lorena Kirk-Giannoulis (2022)]



Reality is that which, when you stop believing in it, doesn't go away.

[Philip K. Dick »I Hope I Shall Arrive Soon« (1985)]




[»Wake Up In My Blood And Give Birth To Me Again«, Lorena Kirk-Giannoulis (2022)]





Tante



Roland saß am Frühstückstisch und vertieft in einen WIKIPEDIA-Artikel:

„Im Zuge der starken Ertragssteigerungen durch technologische Entwicklung ab dem Ende des 19. Jahrhunderts und vor allem in der Grünen Revolution in den 1950er und 1960er Jahren verlor die Überbevölkerungsdebatte durch die Prognosen Wilhelm Fucks an Bedeutung. In den 1970er Jahren erfuhr die Thematik durch die von Donella und Dennis L. Meadows im Auftrag des Club of Rome durchgeführte Studie Die Grenzen des Wachstums sowie durch Paul R. Ehrlich großen Zuspruch bei Teilen der Umweltschutzbewegung und wird heute oft in Bezug auf Klimawandel diskutiert. Da das Konzept der Überbevölkerung sowohl begrifflich als auch inhaltlich nahelegt, es gebe zu viele Menschen, wird es von einigen als menschenverachtend bewertet. Gesetzmäßigkeiten aus der Biologie würden in unzulässiger Weise auf den gesellschaftlichen Bereich übertragen. Es wird bezweifelt, dass die Tragfähigkeit der Erde bereits erschöpft sei; vielmehr seien soziale, wirtschaftliche und ökologische Probleme durch politische Fehlleistungen und eine schlechte Verteilung der insgesamt ausreichenden Ressourcen verschuldet.

1984 erschien Germaine Greers Buch Sex and Destiny: The Politics of Human Fertility, das ebenfalls eine heftige öffentliche Kontroverse auslösen sollte. Ausgehend von Erfahrungen auf ihren Reisen in die Dritte Welt kritisierte sie darin die westlichen Einstellungen zur Kleinfamilie: Die Welt sei nur nach westlichen Maßstäben übervölkert. Sie forderte eine Rückkehr zu den Idealen des Familienlebens und zu Bescheidenheit statt grenzenlosem Konsumanspruch. Sie zeichnete ein positives Bild von der Frau als Mutter der Großfamilie und propagierte Keuschheit als ein mögliches Mittel zur Geburtenkontrolle.

Dem Konzept wurde vorgeworfen, dass es dazu diene, das Gewissen der Reichen angesichts der Armut zu beruhigen. In der Gegenwart vertritt etwa Jean Ziegler, der politisch linksstehende ehemalige UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, die Ansicht, der Begriff lenke lediglich von sozialer Ungleichheit und politischen Fehlern ab, welche die tatsächlichen Ursachen des Welthungers seien. Armut führt zu einer hohen Geburtenrate, weil sie in der Regel mit schlechterer Bildung und weniger Zugang zu Verhütungsmitteln verbunden sei. Umfragen zeigen, dass viele Schwangerschaften ungeplant sind und die Frauen in den Entwicklungsländern sich weniger Kinder wünschen, als sie tatsächlich zur Welt bringen. Ein weiterer Grund könnte sein, dass in armen Weltregionen die einzige Möglichkeit der Altersvorsorge darin bestehe, viele Kinder zu bekommen. Auch sinkt tendenziell mit wachsendem Wohlstand der Einfluss traditioneller Lebensbilder – auch dies trägt zum Rückgang der Geburtenrate bei.“

In den letzten Jahren hatte sich Monika Winkler oft gefragt, wie es möglich ist, dass ein so gut gebauter Mann wie Roland, so unglücklich sein konnte. Anfangs dachte sie, es läge an ihr, dass sie nicht attraktiv genug sei. Dass ihre Brüste zu klein seien oder ihre Lippen zu schmal.

„Bin ich zu knochig, oder zu aggressiv?“, fragte sie einmal ihre Tante Margarete.

Nach dem schrecklichen Ereignis, das Monika die Mutter raubte, den Vater hinter Gittern brachte, und die Verstümmelung im Unterleib verursachte, deren Folge es war, dass sie keine Kinder bekommen könnte, war Tante Margarete wie eine Mutter zu ihr.

„Er ist so unglücklich und bei uns läuft gar nichts mehr“, sagte Monika unter Tränen, während Margarete sie zu trösten versuchte. „Wenn ich gefickt werden will, dann muss er doch seinen Job tun – oder? Dafür ist er doch da!“

„Will er nicht mehr mit dir schlafen?“, fragte die Tante.

„Doch, schluchzte Monika, weißt du, er hat einen Schönen, Großen, aber das Ding wird nicht mehr hart. Selbst die Fleischwurst in der Kühltruhe im Supermarkt ist steifer“, beichtete sie.

„Dann kann ich dir nur Eines raten, meine Liebe“, sagte die herzensgute und einfühlsame Tante ohne zu zögern: „Nimm die Fleischwurst!“



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16. Juli 1944

Am Nachmittag abgerückt von Fresneville. Wir sind Richtung Amiens gefahren, um dort verladen zu werden. Da keine Wagons für uns da waren, sind wir in einem Wald dicht am Bahnhof untergezogen.



Monika



Jo lernte Monika Winkler, eine der Gründerinnen von gGg Niederlassung Mettmann, kennen.

Als Monika hört, dass der Solarforscher Jo Dijkstra am HAARP-Projekt beteiligt ist und sich mit Polarlichtern auskennt, erzählt sie von Rolands Idee von einem Kunstprojekt, inspiriert durch die Polarlichtbeobachtungen des Jahres 2003: Auf der Illumina 2006 soll der Himmel über Neanderthal in künstlichem Polarlicht erscheinen.

Jo erkennt, dass das Kunst-Projekt „Himmels Körper“ eine gute Tarnung für die Fake-Studie ist, die er für ein Konsortium von Konzernen anfertigen soll, die kein Interesse daran haben, dass Treibhausgase die Klimakatastrophe verursachen könnten; er sagt seine Beteiligung am Projekt Himmels Körper zu.

Monika Müller, Biologiestudentin und Sprachrohr der Bewegung, verlegte ihr Engagement auf die Friedensarbeit. Monika und ihre Freundin Ines Breuer hatten an mehreren Demonstrationen und Sitzblockaden vor der Anlage teilgenommen, die 1962 an der Neusser Straße in Grevenbroich-Kapellen als eine Kaserne für 300 Soldaten der belgischen Militärstreitkräfte errichtet wurde. Im Auftrag der Amerikaner wurde danach die Raketenstation in Neuss-Hombroich gebaut, die 1967 von einem belgischen Raketengeschwader in Dienst genommen wurde.

Auf der Raketenstation wurden auch Nike-Hercules-Raketen aufgestellt, die mit Nuklearsprengkopf bestückt waren. Der Militärkomplex umfasste 3 Abschussbasen und diente der Abschreckung sowie der Landesverteidigung. An diesem Komplex waren zwischen 1968 und 1985 sowohl die belgische Luftwaffe als auch US-amerikanische Soldaten mit ihren Atombomben vom Typ Pershing II stationiert. Zu den beiden Standorten gehörte in unmittelbarer Nähe auch eine riesige Radaranlage, 100 Meter von mehreren Wohnhäusern entfernt.

Einmal erschien Monika Müller auch in den TV-Nachrichten und wurde als militante Aktivistin der Friedensbewegung von der Reporterin bezeichnet. Der Sportstudent Roland Winkler lag in seinem Kinderbett im elterlichen Einfamilienhaus in Neuss-Hoisten und während er auf das nachfolgende Länderspiel Deutschland gegen Niederlande wartete, streichelte er gefühlvoll seinen aus dem Schlitz seines Slips herauslugenden Schwanz. Monikas Erregung und Energie strömte aus dem Fernseher und ihre Stimme rührte jede Menge Testosteron an, sodass Roland mit neugierigem Blick beobachtete, wie sein Gemächt dicker und dicker wurde. Und länger – eine Rakete, dachte Roland.

In der deutschen Bevölkerung und bei vielen Politikern löste die Stationierung solcher Waffen erhebliche Befürchtungen aus: Der Atomkrieg sei „präziser und damit führbarer“ geworden und die Hemmschwelle zum Einsatz dieser Waffen wurde niedriger.

Dass Roland Winkler am 10. Oktober 1981 Seite an Seite mit der Friedensbewegung gegen die Stationierung von Pershing-II-Raketen im Bonner Hofgarten demonstrierte, lag aber vor allem an seinem Wunsch, Monika Müller zu ficken.

 

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17. Juli 1944

Sind am Abend von Jabos in 1½-stündigem Tiefflug angegriffen wurden. Dies war meine erste Feuertaufe. Die Brocken sind uns nur so um die Ohren geflogen. Sind nach dem Angriff per Achse weitergefahren. Nach El-Beff (Elbeuf) kurz vor der Seine.

 

Sara Bax



15. Juni 2004, San Diego, Kalifornien.

Als Sara Bax zur Gruppenleiterin bei GSMX ernannt wurde, ahnte sie nicht, wie ihr Alltag aussehen würde. Es ist vollkommen klar, dass es sich das Militär nicht leisten könne, seriöse private Forschung zu ignorieren, sagte ihr Boss, als sie eingeführt wurde. Selbst solche Organisationen und Individuen, die sich mit der UFO-Thematik vom psychologischen oder parapsychologischen Standpunkt aus beschäftigten, müssten beobachtet werden.

Neil Papworth schrieb die erste SMS: Merry Christmas, ein Jahr, nachdem das GSM-Netz in Betrieb genommen wurde. Die GSM Association (GSMA) in London vertritt die Interessen von über 800 Netzbetreibern in mehr als 200 Ländern. Neil ahnte nicht, dass er damit das größte Spionagenetz in Betrieb genommen hatte.

Die GSMX-Gruppe, die von sich behauptet, eine Tochter von GSMA zu sein, steht zu 100% unter der Kontrolle des Militärs. Nach und nach unterwanderte das Militär die weltweite mobile Kommunikation – wie schon vor langer Zeit das Festnetz. Die Basisstationen aller Netzbetreiber sind – gewollt oder ungewollt – mit dem Internet verbunden und zugleich Knoten in dem weitgehend unbekannten, aber größten Netz der Welt: dem GSMX-Netz. Unter dem harmlosen Namen Utah Rechenzentrum entsteht im gleichnamigen US-Bundesstaat das größte Abhörzentrum der USA. Wie Wired berichtet, soll die Anlage den Schlussstein einer während der letzten Dekade errichteten Überwachungsarchitektur bilden. Als Bauherr und Betreiber firmiert der US-Geheimdienst NSA, der mit dem Zwei-Milliarden-Projekt möglichst jede erreichbare Kommunikation auswerten wird.

Jegliche Kommunikation zu registrieren, auszuwerten und in einem wöchentlichen, streng geheim gehaltenen Bericht zusammen zu fassen, wurde zu Sara Bax Routine. Dafür wurde ihr Arbeitsplatz mit modernster Spionagetechnologie ausgestattet. Verdächtige oder außergewöhnliche Beobachtungen wurden in Ad-hoc-Berichten an Spezialisten weitergeleitet. Auf ihrem Tisch standen sechs Bildschirme mit den Satellitenkarten jeweils eines Kontinents.

Aktivitäten, die vom Computer als normal eingestuft wurden, erschienen als grüne Punkte; solche, die das Programm nicht eindeutig einordnen konnte, als gelbe Punkte, und Ereignisse, die von der künstlichen Intelligenz automatisch als außergewöhnlich eingestuft wurden, als rote Punkte.

An einem gewöhnlichen Arbeitstag waren 90% der Punkte grün und 10% gelb. An solchen Tagen konnte Sara Bax in Ruhe ihren Kaffee trinken, die Zeitung lesen und dann, nach dem Zufallsprinzip, sich einem der gelben Punkte widmen. In der Regel schaffte sie es, bis zum Feierabend alle gelben Punkte in grüne zu umwandeln. Ihre Hoffnung auf eine spannende und abwechslungsreiche Aufgabe wurde enttäuscht: es war ein öder, eintöniger Job.

Als sie um 7 Uhr Westküstenzeit ihr Büro betrat, hätte sie erwartet, den Bildschirmschoner zu sehen: dem Schauspieler Peter Sellers als Inspektor Clouseau nachempfunden, hüpft ein kleiner Mann mit einer riesigen Lupe in der Hand einem rosaroten Panther hinterher; in einer Sprechblase schreit es: Cherchez la femme! („Sucht die Frau!“).

Stattdessen blinkte ein roter Punkt an der Ostküste der USA.

Die Überschrift: John E. Mack Institute, Center for Psychology and Social Change. Sara Bax blieb wie versteinert stehen.

Das Mack-Institut – Sara Bax fiel ein, dass ihr Chef Major James Gerd das Mack-Institut aus der Beobachtung nehmen wollte: Mack ist tot und sein Institut ist unauffällig.

Sara Bax zeigte Eifer: Objekte, die ihre Aktivitäten eingestellt hatten, könnte man nach einer Karenzzeit generell aus der Beobachtung nehmen. Dafür müsste man nur eine zusätzliche Kennzahl einführen. Mal sehen, hatte ihr Boss geantwortet. Mit allem hätte sie gerechnet, nur nicht mit Mack.

Wenn etwa Oleg Proposhkin im russischen Fernsehen neue Videobeweise für die Existenz von UFOs präsentiert hätte, wäre sie keinen Augenblick überrascht gewesen. Alles Fälschungen.

Wäre ein neues Buch über unheimliche Begegnungen mit Außerirdischen erschienen, hätte sie ihren Spaß gehabt – lustige Lektüre für ein paar Tage. Manchmal fragte sie sich, warum man einen so hohen Aufwand betreibt – für nichts und wieder nichts.

Jetzt aber zitterten ihre Knie.

Sie öffnete die Datei mit dem Profil des Mack Instituts und rekapitulierte alles, was über das bekannteste Projekt des Instituts vorlag.

Der Harvard-Professor der Psychiatrie und Pulitzer Preis-Träger John E. Mack hatte das Program for Extraordinary Experience Research (PEER) 1993 gestartet. Er wollte erkunden, wie die Erfahrung der Begegnung mit Außerirdischen die persönliche, gesellschaftliche und globale Weltanschauung verändert. Wir müssen einen erweiterten Begriff der Realität in Betracht ziehen, ein Wirklichkeitskonzept, welches nicht in das westlich-materialistische Paradigma passt.

In einem Zeitraum von zwölf Jahren untersuchte er mehr als 200 Personen, die davon berichteten, wiederholt von Außerirdischen entführt worden zu sein. In seinen beiden Büchern zum Thema der Entführungen durch Außerirdische, bemerkt Dr. Mack, dass unsere Kultur viel von den beschriebenen Erfahrungen lernen könne.

Es verwunderte nicht, dass das PEER Projekt auf massiven Widerstand gestoßen war. Das Center for Inquiry gibt jährlich 11 Million Dollar zur Bekämpfung des PEER-Ansatzes aus. Die mittlerweile in CSI umbenannte Organisation CSICOP verfolgt das einzige Ziel, den orthodoxen Wissenschaftsansatz aufrecht zu erhalten, der alles Nichtmaterielle in der Natur verneint.

Alan Dershowitz, ein Harvard-Jura Professor, hatte ein Verfahren gegen Mack angestrebt, mit dem Ziel, ihn von seinen Posten zu entheben.

Mack fand aber auch prominente Unterstützer, darunter Laurance Rockefeller, der als Mitbegründer des Mack Centers in Boston, vier jahrelang jährlich $250.000 spendete.

Auf einer Vortragsreise in London, starb Mack am 27. September 2004 durch einen Unfall: Das Auto eines betrunkenen Fahrers soll Mack erfasst haben, als er alleine zu Fuß von einem Essen bei Freunden nach Hause laufen wollte. Die Stimmen, die behaupteten, dass er Opfer eines hinterhältigen Anschlags wurde, verstummen bis heute nicht. Merkwürdig war auch, dass seine Angehörigen, statt eine genauere Untersuchung zu fordern, vehement dazu aufriefen, den Unfallfahrer nicht zu verdammen.

Nach Macks Tod wurde das PEER-Projekt eingestellt.

Erschrocken blickte Sara Bax zur Tür, als könnte jemand sie in einem schwachen Moment erwischen. Sie ließ ihre schwarze Ledertasche auf den Boden fallen.

Noch bevor sie sich hinsetzte, aktivierte sie, mit einem Mausklick auf den roten Punkt, das Programm. Sie steckte sich ihren Kopfhörer an, trank einen Schluck Kaffee aus dem mitgebrachten Pappbecher und verfolgte die Programmsequenz.

Am Bildschirm erschien ein Fenster: Zwischen 00:00 und 01:00 Uhr nachts wurden zweihundert Anrufe auf den Anrufbeantworter des Mack-Instituts geleitet. Alle Anrufe dauerten weniger als zehn Sekunden.

Der erste Anruf kam von einer Lehrerin aus Portsmouth, New Hampshire. Ihre Stimme klang abgehetzt, außer Atem, als wäre sie gerade mehrere Etagen die Treppen hochgelaufen: „Mein Name ist Mildred Safranski, ich hatte an Dr. Macks PEER Projekt teilgenommen! Sucht Alan!“, dann legte sie auf.

Irritiert holte Sara Bax den nächsten Anruf auf den Kopfhörer: „Hier spricht Eva Hogan, ich hatte an Dr. Macks PEER Projekt teilgenommen! Sucht Alan!“

Sara Bax schaltete weiter: „Mein Name ist Dr. Alfred Holubek, ich hatte an Dr. Macks PEER Projekt teilgenommen! Fragt Alan!“

Und so ging es weiter.

Gegen halb neun zog sie das Headset aus – sie hatte sich alle Anrufe angehört.

Der Inhalt der Anrufe war nahezu identisch.

Alle begannen mit: Ich bin XY (hier nannten die Anrufer ihren vollständigen Namen). Ich habe an Doktor Macks PEER-Projekt teilgenommen.

Die einzigen Unterschiede folgten im nächsten Satz.

Sara Bax notierte hundert, die sagten: Sucht Alan!, und hundert, die forderten: Fragt Alan! Dann legten sie auf.

Der Beobachtungsbericht zeigte den Status nicht abgehört, was verständlich war, denn zu dieser späten Zeit hielt sich niemand in den Räumen des Mack-Instituts auf.

Sara Bax trank noch einen Schluck Kaffee und dachte über die nächsten Schritte nach.

Dann wählte sie am Computer den Menü-Punkt Aktionen und Nachrichten vollständig löschen aus. Nun konnte sie sicher sein, dass niemand eine Spur einer Nachricht finden wird. Selbst eine umfassende Untersuchung der Kommunikation würde ergeben, dass in der Nacht des 15. Juni 2004 keine Kommunikation des Mack-Instituts mit der Außenwelt stattgefunden hatte.

Obwohl das Ereignis für sich genommen schon ungewöhnlich genug war, öffnete Sara Bax das Hinweis-Fenster im System, um zu prüfen, welche Gründe die Logik des Programms für das Setzen des Status Rot dokumentiert hatte.

Erwartungsgemäß waren die Uhrzeit, die Anzahl der Anrufer und der ungewöhnliche Inhalt der Anrufe aufgeführt.

Es verschlug ihr aber die Sprache, als sie die letzte Begründung las: Der Anrufer Kirk Shattner aus Los Angeles ist seit drei Jahren tot.

Die Prüfung der Sozialversicherungsdaten, der Meldeauskünfte und des Polizeiberichts bestätigten den Hinweis: Kirk Shattner, ein Taxifahrer aus Los Angeles, wurde am Nachmittag des 23. August 2001 um 4 Uhr am Santa Monica Pier vor den Augen von zahllosen Zeugen von Haien in die Tiefe des Meeres gerissen. Seine Leiche wurde nie gefunden.

Von einem Hai...

Toter ruft an....

Dieser Vorfall wird nicht so schnell den Status Grün bekommen, das wusste sie. Der Hinweis auf den roten Punkt wurde in Bruchteilen einer Sekunde an alle autorisierten Stellen weitergeleitet. Also konnte sie in aller Ruhe ihren Kaffee austrinken und warten.

Doch dann leuchtete plötzlich ein Punkt in Köln, Deutschland, rot auf. Ihr Zwerchfell verkrampfte sich. Zwei rote Punkte an einem Tag! Ihre Gedanken rasten. Mit zitternder Hand bewegte sie langsam die Maus, um sich das Profil genauer anzusehen: Deutsches Institut für Theoretische Physik, Projekt Dunkle Energie, Projektleiter: Dr. Esther Wesseling.

Der Alarmton!

Gott, was hat das Alles zu bedeuten?

Deutsches Institut für Theoretische Physik, das war eine andere Liga bei den privat finanzierten Forschungsprojekten, als das Mack-Institut. Die Punkte, die sie markierten, nannte Sara Bax Stille Punkte. Still, weil sie Jahre lang grün blieben: keine Veröffentlichungen, keine Interviews. Gelegentlich war es sogar notwendig, sich aktiv um sie zu kümmern, um überhaupt etwas über den Stand ihrer Arbeit in Erfahrung zu bringen. Was für ein Tag! – Sara Bax konnte sich an keinen Tag erinnern, an dem zwei hochkarätige Adressen auffällig geworden wären: die Wahrscheinlichkeit liegt bei 1 zu 100.000, hatte man ihr versichert.

Im Hinweis-Fenster für das Setzen des Status Rot stand: Unbekannt. Eine solche Begründung für einen roten Punkt hatte sie noch nie gesehen. Sie wusste nicht einmal, dass Unbekannt als Grund zugelassen war. Eines aber war sicher: die KI hatte in Deutschland keine Anrufe registriert.



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