Dienstag, 10. September 2019

The Gas Station (Variationen) [= S / W 5.17.1] - »What a world. It could be so wonderful if it wasn't for certain people.« [Woody Allen]




["Flaschenpost", Michelle Schneider (2019)]



Das erste Leseerlebnis beeinflusste mich, als ich neun Jahre alt war. Ich las damals die ungarische Prosaübersetzung der »Ilias«. Sie machte mir einen gewaltigen Eindruck, weil ich für Hektor Partei ergriff und nicht für Achilles. Zur selben Zeit las ich auch »Der letzte Mohikaner«. Beide Bücher hatten für mich große Bedeutung. Denn obwohl mein Vater ein sehr anständiger und ordentlicher Mensch war, vertrat er doch als Bankdirektor die Weltanschauung, dass das Kriterium richtigen Handelns der Erfolg ist und dass ein Mensch dann richtig handelt, wenn er keinen Erfolg hat. Das kam in »Der letzte Mohikaner« noch deutlicher zum Ausdruck als in der »Ilias«, weil jene Indianer vollkommen recht hatten, die unterdrückt und unterworfen worden waren, und nicht die Europäer. [Georg Lukács]




["Landschaft", R. A. ol-Omoum (1989)]


Die Kunst ist also in allen ihren Werken – und am ausgeprägtesten in ihren bedeutendsten – eine Erscheinung des Lebens, der gesellschaftlich-geschichtlichen Entwicklung der Menschheit; man würde ihr innerstes Wesen, ihre echteste Größe verfälschen, wenn man sie, wie es der philosophische Idealismus immer tut, als einen ausschließenden Gegensatz zum Leben darstellen würde. [Georg Lukács]



5. 17.1 Star


In jedem Fall galt es, sich endgültig vom Standort Erde zu verabschieden. Nie wieder würde er das Schwarze Meer, Elista, die Moscheen Astrachans, die Wolga, das Kaspische Meer, Atyrau, Dossor, Makat, Bayganin, Shubarkuduk, Oktyabrsk, Emba, Shalkar oder den schwindenden Aralsee erleben. Nie wieder würde er die Ufer des Syr Darya sehen oder in Emilians TV-14 C auf der Straße Gagarins fahren. Auch dessen war sich Rohlfs sicher.
Gleichzeitig erwog und verwarf Rohlfs Möglichkeiten eines Abschiedsbriefs. Doch an wen sollte er diesen adressieren? An Stephane? Saeed? Seinen Vater? An die Richterin? Oder Palle? Vielleicht an eine seiner Töchter? Selbst Rudolfa kam in Frage. Weshalb eigentlich nicht? Oder an Constance? Gar an Reich? Letztlich erschienen ihm all diese Möglichkeiten als unvertretbar und er spürte, wie eine gewisse Wut ihn erfasste, die er jedoch niederzuringen wusste. Er verbot sich einfach jede Form von Sentimentalität.
Wie aus dem Nichts, verkündete Alberti, werde sich von einem auf den anderen Tag alles nur noch um das Unternehmen drehen. Mit wenigen schlagkräftigen Worten müsse man um die Gunst wirklicher Investoren für die Besiedlung des Mars werben.
Winger | Alberti | Lehmann – W | A | L. Wie zukunftsfähig ist Ihr Geschäftsmodell? Kunde, gleich Projekt, gleich Erfolg. Vertrauen ist essentiell für jede Form von Zusammenarbeit. For the Science, for the Challenge, for the Future! Credi, veni, vici! Allzu viel würde nicht nötig sein um in verhältnismäßig kurzer Zeit schwindelerregende Summen zu budgetieren, gerade das anfängliche Image von Nepp und Bauernfängerei und die Tatsache, dass auf den ersten Blick verborgen blieb, wofür eigentlich man genau warb, würden nur die Neugier der selbstgefälligen Kritiker anstacheln. In Broschüren und auf Internetseiten sollten deshalb neben vereinzelten idyllischen Naturaufnahmen und wilden Wiesenblumen vor allen Dingen, möglichst kunstvoll abgelichtet, Albertis Manschettenknöpfe und sein Siegelring zu sehen sein. Den hatte er nun allerdings schon in den unterschiedlichsten Zusammenhängen gezeigt und erläutert. Das A darauf stehe jedenfalls für dasjenige von Mars, oder? Und noch für einiges andere, man erinnerte sich natürlich nicht mehr an jede der Geschichten Albertis.
Allen gemeinsam war, dass sie einen mit dem Gefühl zurückließen, es sei eigentlich etwas ganz anderes gemeint, was wohl die anderen auch verstanden, denn wenn Alberti erzählte, herrschten Heiterkeit und Gelächter. Besser stimmte man ein, wer nicht lachte oder gar widersprach, machte sich zum beliebten Gegenstand giftiger Witze.
Da seien also beispielsweise die knabenhaften Züge Wingers, sein engelsgleiches Lächeln, und selbstredend das alles einnehmende Wesen Palles, seine gekünstelte Ernsthaftigkeit und natürlich sein ausladendes Lachen und exaltiertes Pathos, mit dem er sich in Pose setzte, was seine Wirkung gar nicht verfehlen konnte!
Maßgeschneiderte Anzüge, handgefertigte Schuhe, welche Alberti offenkundig bereits trug, stilvoll eingerichtete Büroräume, mehr oder weniger wie auch jetzt schon mit den Mädchen,  würden die mit großem Abstand höchste Stufe konzentrierter Wirtschaftsmacht repräsentieren. Das konnte man getrost alles schön scheußlich finden, tat es aber in Wahrheit nur aus Geiz, weshalb man lieber das Maul hielt.
Unmengen ausländischen Kapitals flossen in die Kassen des Trios, der Aktienmarkt zog erheblich an und die Investoren überschlugen sich geradezu vor Begeisterung. Hinter Zahlen standen Menschen!
Angeblich hatte Winger schon bald eine tiefe Abscheu gegenüber der Schurkenhaftigkeit des Unternehmens; zumindest deutete Rohlfs die gelegentlich eher verächtlichen Bemerkungen Palles ihm gegenüber auf diese Weise. Diese jämmerlichen Anflüge von Moral und dieser Drang hier unten irgendetwas zu verbessern! Neuerdings solle der heilige Winger sich sogar afrikanischer Bootsflüchtlinge angenommen haben, da er meint, irgendjemand müsse schließlich ihre Rechte verteidigen. Die Weltgemeinschaft habe sich darum zu kümmern, dass wir mit unserer kläglichen Sorge um wohlgeformtes Obst und Gemüse und unseren kleinlich gepflegten, ritualisierten Zugangsberechtigungen und Zugriffsrechten nicht vollends verwahrlosten. Da sei es eben notwendig, dass wir alle ein wenig enger zusammenrückten. Winger sollte sogar eine Familie aus Somalia in seine Wohnung aufgenommen haben.
"Was ist nur los mit den Leuten?", funkelte Palle Rohlfs an. "Man stelle einmal die Billigkeit der Welt auf die Probe und frage nach, wer sich bereit erklärte das Ritual des sonntäglichen Familienfrühstücks mit der fünfköpfigen Familie aus Somalia zu teilen!" Selbstverständlich besuchte man bei entsprechendem Wetter im Anschluss daran das städtische Volksbad und diskutierte am Abend in trauter Gemeinsamkeit die aktuellen Ergebnisse des Spieltages der Ersten Bundesliga. Allmählich begännen wohl bereits die besten Leute am Rad zu drehen. "Bei dir", er behielt Rohlfs fest im Blick, "bin ich mir da auch nicht so recht sicher, Mann." Als ob irgendetwas gegen einen gesunden Geschäftssinn einzuwenden sei. Sie jedenfalls seien kompetent und entwickelten fortwährend die besten Lösungen zum Wohle ihrer Kunden. Erfolgreiche Unternehmen seien ohne einen gesunden Geschäftssinn nicht vorstellbar. Man müsse heute über die Fähigkeit verfügen kommerziell zu denken. Ohne ein wenig Verschlagenheit und eine natürliche Begabung für den diplomatischen Umgang mit Freunden wie Feinden ging man schlechterdings vor die Hunde. Man brauchte einen Blick für aktuelle Trends und die Entschlossenheit sich auf dem Markt durchzusetzen. Als ob man das gleich verteufeln musste! Und wenn schon, so what? Sie hätten es mit Winger versucht, aber es hatte nicht geklappt. Das sei alles. "Und kommt da noch mit Anklagen aller Art aus dem heitersten Himmel! Vom Himmel hoch da komm ich her!", jetzt war Palle nicht mehr zu bremsen. "Und breitet seine Schwingen aus, Winger! Allmächtiger!"
Alberti dagegen sei die Verkörperung des Bösen, ein arroganter Grandomane und Schwätzer, Sklavenhändler und so weiter und so fort. Aber gerade darum sei es eine Frage der Zeit, bis sich gewaltige  Bautrupps unter der Leitung der besten Ingenieure vom Format eines Judah über den roten Planeten schöben. Routen enormen Ausmaßes würden Bergketten queren, sich seitlich an Hängen entlangziehen und in die Höhe winden, den Olympus Mons  und Elysum Mons verbinden. "Es wird Strecken vom Daedalia Planum bis zur Terra Meridiani geben, Wege von der Arabia Terra nach Utopia und so weiter und so fort, Rohlfs. Naturgemäß kann eine solche Arbeit nur von wagemutigen Sklaven verrichtet werden, die schnell lernen, stoisch arbeiten und weder ernsthaft streiken, noch trinken oder raufen. Helden, Rohlfs, Helden! Es wird sich zeigen, was das für Leute sind, Rohlfs! Zweifellos Leute, die hier unten ohnehin keine Luft mehr zum Atmen haben oder einfach nur abhauen wollen – vielleicht Chinesen dieses Mal, vielleicht Rumänen oder Kasachen! Was schert mich das! Was schert mich Weib, was schert mich Kind, ich trage weit besseres Verlangen. Magnus Albertis Name verbürgt sich für die Geräte zur Produktion von Atemluft für künftige Übersiedler. Der Sauerstoff wird durch die Umwandlung des Kohlendioxid aus der Marsatmosphäre erzeugt. Wir erwärmen die Atmosphäre mit Treibhausgasen und haben flüssiges Wasser – und, hierin ist sich Alberti sicher, wir brauchen hierfür keine hundert Jahre. Lediglich eine Frage der Zeit! Selbstverständlich profitieren auch dieses Mal wieder Spekulanten, Politiker, Bankiers sowie Betrüger aller Art, wobei die Siedlerströme erstmals in der Geschichte der Menschheit keine Völkermorde begehen müssen. Das ist die Art von Fortschritt, die wir uns seit jeher mit menschlichem Einsatz und Risiko erträumt haben. Die Dinge sitzen im Sattel und reiten die Menschheit. Der Rest ist Gefasel von Hohlköpfen für Hohlköpfe. Larmoyantes Gesülze! Mir ist dieses ganze Geseier fremd und unerträglich. Was soll man einem solchen Jammerlappen auch sonst entgegnen? Ausbeutung ist ein verdammtes Naturgesetz, Rohlfs! Ein verdammtes Naturgesetz! And the rest is rust and stardust, Rohlfs!"
Schließlich habe sich Wilhelmy als Aushängeschild für das Unternehmen zur Verfügung gestellt, sodass man nicht einmal den Firmennamen zu ändern brauchte. Wilhelmys Funktion in der Firma blieb aus Rohlfs' Sicht allerdings eher undefinierbar. Vermutlich spielte seine joviale Präsenz eine gewisse Rolle bei seiner Wahl zum Vorstand des Unternehmens, dachte Rohlfs. Wilhelmy | Alberti | Lehmann - kurz: W | A | L. For the science, for the challenge, for the future!
Rohlfs stülpte den Inhalt der Umhängetasche auf den Küchentisch um sich ein letztes Mal vom Nutzen und möglichem Nachteil der einzelnen Gegenstände zu überzeugen. Es war wirklich nicht vollkommen auszuschließen, dass er sich einiger nutzloser oder belastender Dinge endgültig zu entledigen hatte. Er drehte eine Weile an den Rädchen der Uhr und betrachtete den Schlüsselbund, das Portemonnaie, den Kamm und die Münzen. Schließlich schaltete er gedankenverloren das Radiogerät ein, steckte die Bündel mit den Geldscheinen, das Schneidemesser und das Schnupftuch sowie die angebrochene Packung Zigaretten zurück in die Tasche, nicht ohne sich dabei selbstkritisch eine Reihe von Fehlern einzugestehen.
Was für eine ungeheure Kraft es ihn gekostet hatte, dachte Rohlfs, sich in winzigen, kaum wahrnehmbaren Schritten von all dem zu lösen, was man ihn als unabdingbar, unausweichlich und unvermeidlich gelehrt hatte. Es schien ihm nicht mehr recht nachvollziehbar, dass er seine Kontoauszüge sortiert und abgeheftet hatte. Über viele Jahrzehnte hinweg war er bemüht mit seinem Einkommen hauszuhalten, notierte gewissenhaft Einnahmen und Ausgaben, sparte jährlich ein beträchtliches Sümmchen für kleine Urlaubsreisen an um seiner Familie die Schönheit Istriens oder des Ägäischen Meeres vor Augen zu führen, beachtete die Verkehrsregeln so gut er konnte und verzichtete zunehmend auf Genussmittel aller Art, sei es Süßes, Alkohol, Kaffee oder Zigaretten. Es fiel ihm indes schwer nachzuvollziehen, wann seine Gewissenhaftigkeit angefangen hatte überhandzunehmen. Zumindest verbrachte er sehr viel Zeit damit seinen Kontostand auf gerundeten Beträgen zu halten bis zu dem Punkt, an dem es körperliches Unbehagen in ihm auslöste, wenn das zur Verfügung stehende Guthaben ungerade Centbeträge aufwies. Bisweilen entschloss er sich dann sogar, sich umgehend zum Kauf von meist belanglosen Dingen durchzuringen, die den Betrag erneut auf eine exakte Summe abrundeten.
Eine ähnliche Pedanterie beobachtete er bei der Beseitigung von Tabakkrümeln, die er, insbesondere zu der Zeit, als er seine Zigaretten noch selbst drehte, mit größter Akribie vom Tisch pickte. Im Amt machte man sich seine Akkuratesse naturgemäß zunutze. Als er sich jedoch eines Tages in der Kantine dabei ertappte, dass er den Rest eines Stücks Butterkuchen verstohlen vom Dessertteller eines Majors aufnaschte, wusste er, dass bald auch er dem Laster des Krümelfressens verfallen würde. Es musste sich etwas ändern.
Bevor er vor einigen Tagen das Haus verlassen hatte, vergewisserte er sich im Beisein Constances, dass sie alleinigen Zugriff auf alle relevanten Daten und Konten besäße, als ob er geahnt hätte, dass er nicht zurückkehrte. Dennoch hatte er sich nichtmals vergewissert, ob er genügend Bares mit sich führte oder sich gegebenenfalls ausweisen konnte, auch wenn er aus Gewohnheit stets ein Lederportemonnaie mit elastischem Verschlussband, Münz-, Noten- und Kartenfächern mit sich trug. Fast, so schien es ihm, hatte er sich bei seinem Aufbruch von etwas wie Gottvertrauen leiten lassen, wobei er sich allenfalls zum Zeitvertreib mit derart religiösen Kategorien beschäftigte. Religion schien ihm seit jeher unvereinbar mit seinem Lebensentwurf. Gelegentlich prägte er sich allerdings Passagen aus einer rumänischen Bibel ein, die ihm die Zeugen Jehovas mitbrachten, als er diesen gegenüber seine Schwäche für jene Sprache eingestand. Der missionarische Eifer des älteren Paares, dessen Belehrungen er meist duldsam über sich ergehen ließ, verwunderte ihn noch immer. Tatsächlich hielt er die beiden für Relikte aus einer düsteren, längst vergangenen Zeit vor dem babylonischen Exil.
Einmal hatte er sich dazu hinreißen lassen dem Paar seine Auffassung von der, wie er sich ausdrückte, vollkommenen Irrelevanz unserer kläglichen Versuche allem da draußen einen Namen geben zu wollen nahezubringen. "Da stehen wir also", hatte er ihnen zugerufen, "mit weit aufgerissenen Mündern und bestaunen, ach, die Herrlichkeit der Schöpfung, reden vom kleinen und vom großen Hund, vom Bären, vom Walfisch, dem Steinbock, dem Luchs, der Leier, dem Pfau, dem Schützen, Stier und der Pendeluhr und meinen mit all dem etwas zu benennen, das unsere grenzenlose Trost- und Orientierungslosigkeit ein wenig mindert. Und mitten in all diesen Sternenhaufen thront das Wort des erdichteten Allmächtigen und seines Sohnes und mahnt zur Demut und Bußfertigkeit, während benachbarte Galaxien sich voneinander entfernen oder sich vereinen wie hungrige Kraken. Hören sie?
Haben sie sich jemals die Frage gestellt, ob der Name des Herrn, den sie loben und preisen nicht einfach Ausdruck unseres Staunens hinsichtlich unseres Nichtwissens sein könnte ebenso etwa wie der Ausdruck Baum unser Staunen über etwas verlautbart, das uns über den Kopf hinauswächst? Und hören sie bitte in Herrgotts Namen auf so scheinheilig vor sich hin zu grinsen! Hören sie? Baum! Baum! Baum! Hören sie? Gott senkt die Majestät, sein unbegreiflich Wesen, in eines Menschen Leib; nun muss die Welt genesen. Riesenmärchen! Runensprüche! Hören sie? Baum! Baum! Hören sie? Baum! Was für ein kolossaler Unsinn! Hören sie? Unsinn! Die Realität des Krieges, seine Monstrosität, seine Schrecken! Baum! Unsinn! Pegasus! Unsinn! Andromeda! Unsinn! Alamak! Unsinn! Mirach! Unsinn! Sirrah! Unsinn! Andromeda! Gigantomanie! Hören sie?"
Es mochte tatsächlich das selige Lächeln, die scheinbar ewige Heiterkeit und unzerstörbare Freude im Gesicht des Paares gewesen sein, die Rohlfs in Rage versetzt hatte; vielleicht spielte aber auch die Tatsache eine Rolle, dass Constance sich im Keller ein Atelier eingerichtet hatte, in dem sie unablässig meist großformatige Leinwände unter dicken Schichten von Ölfarbe begrub um, wie sie betonte, ihr inneres Licht und Potenzial zum Leuchten zu bringen; andererseits machten ihn Wingers Worte wütend, dass man in seiner Gemeinde, wie er ihm anvertraut hatte, HIV-positive Männer aus Eritrea in die nahe gelegenen Städte abschob um Kosten zu sparen; vielleicht war es auch die Ohnmacht seinen eigenen Kindern gegenüber, die sich mit jedem Lebensjahr mehr an den Schlagzeilen der Pop-Ikonen ergötzten und ihnen nacheiferten, was ihn dazu veranlasste seine Wut auf das Paar zu übertragen, die ihm an der Haustüre die Vorzüge einer gottesfürchtigen Erziehung predigten und ohne allen Anstand und Zweifel, mit gänzlicher Unterwerfung des Verstandes, mit vollkommenstem Beifall des Willens, mit ganzem Herzen, aus ganzer Seele und aus allen Kräften aus der Heiligen Schrift zitierten.
Der Vater, der in den Himmeln ist, kommt seinen Kindern liebevoll entgegen und hält mit ihnen Zwiesprache.
Einander überlagernde Radiosignale erinnerten Rohlfs daran, dass er noch einen weiten Weg zurückzulegen hatte, bevor er an der Westflanke des Olympus Mons sein Lager aufschlagen würde. Die Mächtigkeit dieser Vorstellung verhinderte eine bewusste Wahrnehmung des Stimmengewirrs aus dem Radioempfänger. Nur das Wort Weltmeister drang gelegentlich an seine Ohren, ohne dass er daraus einen tieferen Sinn, eine Absicht oder einen Nutzen hätte ableiten können.
"So du ansiehst die Kräuter, die Bäume, die Sterne, die Sonne, so wirst du bald über dich zum Weltmeister geführt mit großer Lust und Ergötzung", hatte er in irgendeinem Buch einmal gelesen.
Weswegen hatte er Palle nichts entgegengesetzt? Vielleicht hätte er die Chance nutzen sollen Winger bedingungslos zu folgen, doch andererseits wäre er dann Emilian nie begegnet und hätte sich weiterhin mit irdischen Dingen beschäftigen müssen. Auf die Option in Russland einer Arbeit nachzugehen und dort ein bescheidenes Leben zu führen hatte er trotz Anraten seines Anwalts verzichtet. Es wurde ihm sogar nahegelegt eine Aufenthaltsgenehmigung zu beantragen um ein zeitweiliges Asyl, das eine alljährliche Verlängerung nötig gemacht hätte, zu umgehen. Stattdessen hatte sich Rohlfs kurzerhand entschieden zu Hause zu bleiben um sich der staatlichen Überwachung in vollem Umfang auszusetzen.
"El a fost dat pentru greşelile noastre şi a fost sculat din morţi pentru ca noi să fim declaraţi drepţi", dachte er und spielte mit dem Gedanken die Packung Zigaretten ins Feuer zu werfen. Stattdessen zündete sich Rohlfs mit einem Schein aus einer der Geldrollen im offenen Ofen eine Zigarette an.
Es mussten nahezu eine Viertelmillion Zigaretten gewesen sein, die er über eine Zeitspanne von dreißig Jahren inhaliert hatte, bevor er sich dem Gesundheitsdiktum seiner Epoche unterwarf und beim morgendlichen Frühsport das Nervengift aus seinem Körper zu verbannen versuchte. Eine Viertelmillion hatte Rohlfs für das Haus bezahlt, in dem er gehofft hatte ein sorgloses und unbeschwertes Leben mit seiner Familie führen zu können. Eine Viertelmillion Menschen im nördlichen Gazastreifen waren von Israel vermittels Flugblättern und Telefonanrufen aufgerufen worden ihre Häuser zu verlassen.
Ahava, V'rachamim, chesed V'shalom. Bei der Hungersnot in Somalia starben zwischen Oktober 2010 und April 2012 mehr als eine Viertelmillion Menschen. Ahava, V'rachamim, chesed V'shalom. Das Mercedes S 65 AMG Coupé startet mit einem Preis von rund einer Viertelmillion Euro. Im Innenraum warten gestepptes Nappaleder sowie elektrisch verstellbare Sportsitze auf den zahlungsfähigen Kunden.  Einer Hochrechnung zufolge sterben jährlich eine Viertelmillion Fledermäuse in den Rotoren der Windenergieanlagen des Wirtschaftsstandortes. Jedes Jahr erleiden darüber hinaus etwa eine Viertelmillion Deutsche einen Schlaganfall. Ahava, V'rachamim, chesed V'shalom. Ratlos starrte Rohlfs indes lange auf das Diktiergerät mit der Mikrokassette sowie die vier verschiedenen Pässe, die in jeweils zweifacher Ausfertigung auf seinen und auf Emilians Namen ausgestellt waren. Lazăr lautete der auf dem Ausweis angegebene Familienname Emilians, dessen lautes Schnarchen, das er inzwischen vermisste, ihn auf sonderbare Weise beruhigte. Gleichzeitig hörte Rohlfs das erste Gezwitscher der erwachenden Vögel. Die goldenen Datenplatten und sein Notizbuch verstaute er in allergrößter Sorgsamkeit nunmehr ebenfalls.
"And the stars look very different today, for here am I sitting in a tin can far above the world. Planet Earth is blue, and there's nothing I can do", sang Rohlfs leise vor sich hin, während er immer wieder verstohlen in die Umhängetasche blickte, als ob er sich vergewissern wollte, dass alles am rechten Platz sei.
Dinge, die er in seinem Skizzenbuch, wie Rohlfs sein Notizbuch von nun an nennen wollte, für überflüssig und verwerflich halten würde, konnte er, so beschloss er, ohne Weiteres entfernen und in die Weite der kasachischen Steppe hinausschleudern. Ohnehin hatten andere längst über seinen Kopf hinweg entschieden, was davon auf den Datenplatten gespeichert werden sollte und was man getrost auslassen oder auslöschen dürfe.
Lediglich an Alois wagte man sich nicht zu vergreifen. Hierin hatte er von Beginn an absolutes Stehvermögen gezeigt und sich mit seiner Vorstellung allen anderen gegenüber durchgesetzt. Sein Triumph würde das Ende all dessen bedeuten, woran man bisher geglaubt hatte.
Für einen Augenblick errötete Rohlfs angesichts derart hochtrabender Gedanken und beschloss sich weiterhin in Bescheidenheit zu üben. Andererseits erkannte er aber im Hochtrabenden den Sinn und das Wesen des Seins seit Bestehen des Menschengeschlechts und glaubte die Luft vom anderen Planeten bereits zu spüren und zu fühlen.
Der Geschmack der Zigarette vermischte sich mit dem der kalten Mămăligă. Der Inhalt der Umhängetasche befand sich teils in dem Teller und um den Teller herum verstreut. Rohlfs' Kleidungsstücke, insbesondere die Hosen der Uniform, waren über und über beschmiert mit Resten des Maisbreis. Ein kleineres Bruchstück des Breis hatte sich in die aufgeschlagene Seite seines Skizzenbuchs gedrückt. Behutsam entfernte er den klebrigen Batzen, unter dem er mit großer Mühe die Worte "lachende Larve" entziffern konnte. "Eine lachende Larve."
Das Radio Vatikan übertrug eine Produktion mit dem Deep-Purple-Sänger Ian Gillan als Jesus.
Rohlfs, der sich einerseits ausgeschlossen fühlte und eigentlich gerne die Achtung aber nun gerade derer genossen hätte, die dem Zeitgeist huldigten, welchen Widerspruch er für sich selber darin aufgehoben sah, dass er einen Nonkonformismus auf sich nahm, dessen Kosten man gewöhnlich scheute: "Bist du dir sicher", fragte Constance wohlwollend, aber durchaus ernst gemeint, "dass du schon auch mitkämst, wenn du nur wolltest? Ich meine, jeder Lebensstil setzt auch eine gewisse Übung voraus."
Am Transportband warteten eine Hippiemama und Tochter, die Mutter repräsentierte ein Modell noch größerer Jugendlichkeit als das Mädchen, das seinerseits die Zwanzig wohl überschritten haben mochte, weshalb Mama in ihren Vierzigern umso weniger auf die Attribute ihrer Jugendidole verzichten zu wollen schien. Das von der Sonne ausgeblichene Haar trug sie etwas mehr als mittellang und leicht seitlich gescheitelt, so dass es etwa die Mitte hielt zwischen dem, was man etwa eine Frisur genannt hätte und dem, was zu jeder Zeit als Protest gegen die bürgerliche Wohlanständigkeit gelten konnte. Man sah im abendlichen Bad das Hin- und Widertreiben von Köpfen der Brustschwimmer, in dem spiegelnden Wasser darunter schemenhaft schlierend Bewegungen von Armen und Beinen. Zwei Blondinen, das blondierte Haar am Kopf festgesteckt, so dass es möglichst nicht mit dem Chlorwasser in Berührung kam, schwammen in einigem Abstand, nicht etwa wie plaudernde ältere Damen nebeneinander-, sondern hintereinander her. Es konnte kein Zweifel darüber bestehen, dass sie dennoch zueinander gehörten, so sehr stellte eine die ungefähre Nachahmung der anderen dar. Blonder erstere, auch das Haarbürzel etwas höher aufgesteckt, hielt sie das Gesicht in der Weise der Schwimmerinnen aufrecht über dem Wasser, die nicht wollten, dass es etwa nass werde, ganz so wie man es tat, wenn man das Schwimmen zwar erlernt hatte, aber wie man lernt, indem man fest stehende Regeln befolgt ohne Genaueres über ihren Zusammenhang mit der Wirklichkeit zu wissen und auch davon nichts wissen zu wollen.
So geschah das Schwimmen in einer Art getreuer Pflichterfüllung, man kam durchaus vorwärts, wenn auch wie von einem geheimnisvollen elastischen Band immer gerade dann festgehalten, wenn der eigentliche Vortrieb erfolgen sollte. Das mochte ja auch so sein, wenn man etwa wirklich sportlich schwamm, was hier aber entschieden nicht geschah, denn das Schwimmen war ein Akt höherer Hygiene, welcher der Gesundheit in einem allgemeinen Sinne und aus einem speziellen  Blickwinkel förderlich sein wollte. Zwar sah man die Badeanzüge der beiden Schönheiten nicht, mit Sicherheit waren sie aber durchaus nicht sportlich, was seinerseits etwas Erlösendes haben konnte angesichts all der Funktionalität, der man in mitteleuropäischen Breiten in Hinsicht auf die Kleidung so entschlossen Vorrang einräumte.
Dennoch war aber auch bei diesen Damen nichts Weiteres zu erwarten, denn sie waren zwar schön, allerdings im Sinne einer allgemeinen Pflichterfüllung bezüglich ihres weiblichen Daseins, nämlich der, besonders adrett zu sein. So wie sie schön waren und züchtig einherschwammen, wischten sie Staub, reinigten den Herd beziehungsweise ließen es gar nicht dazu kommen, dass er verschmutzte oder gar roch. So saßen sie hinter dem Steuer, etwas dicht und sehr aufgerichtet in einem fast neuen Wagen, in jedem Falle darauf bedacht, die Vorschriften zu beachten. Eine kleine Beule würde ja auch dem ungerechten Vorurteil Vorschub leisten, man sei als Frau weniger dazu befähigt, Auto zu fahren, auch seien die Fahrten, die man zu bestehen hatte, von geringerer Bedeutung als die der Männer. Dass man nicht recht vorwärts kam, lag nicht etwa daran, dass der Wagen von einem geheimnisvollen Band zurückgehalten wurde, sondern dass man sorgfältig die Gänge einlegte und die Geschwindigkeitsbeschränkungen beachtete. Jedenfalls war man noch in keine Radarfalle geraten. Mochten andere Frauen ihrerseits in lauten Unterhaltungen begriffen zwei Bahnen des Bades in Anspruch nehmen, es waren die Dicken, vielleicht noch dazu beim Aquajogging, die immer dick blieben, so wie man selber schlank, gerade weil man eben schwamm, sinnvollerweise in einigem Abstand hintereinander her. Die Reihenfolge hatte sich irgendwann so eingespielt, nicht etwa dass eine schneller war als die andere, der Abstand blieb ja immer gleich, oder es auch nur sein wollte. Wenn auch die erstere von beiden insgesamt etwas zierlicher als die zweite war, deren Haar etwas tiefer zusammengebunden und das in Strähnchen blondiert war, so konnte man doch glauben, zweitere räume der ersten einen gewissen Vorrang ein, mochte sie zierlicher und feiner sein, so war sie doch auch empfindlicher und jedenfalls bestimmter Rücksichtnahmen bedürftig.
"Letztlich", dachte Rohlfs, "weiden sie sich an meinem jetzigen Anblick. Schaut nur her, Palle, Helmuth, Constance, Jeremias und Magnus, ja, das Abseitige, daran weidet ihr euch, seht mich an in meinem Souffleurkasten hinter Stacheldraht, dass ihr den Faden nicht verliert, den ich euch spinne! Le texte, c'est moi. Als Soldat hat man nichts anderes zu tun als schlagfertig zu sein. Je suis un homéopathe."




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