Freitag, 20. März 2026

Z. Z. LXV [»Ain't Misbehavin' XVI« (1926 – 2026)]

 


[Alan Fisher »Fats Waller« (1938)]



I don't stay out late, got no place to go

I'm home about eight, just me and my radio

[Andy Razaf »Ain't Misbehavin'« (1929)]




[Musikautomat Telefunken]



This is so nice, it must be illegal.

[Fats Waller (1904 – 1943)]




[Alva]




Ain't Misbehavin'


Wer hätte schon gedacht, dass sich Horst nun auf dieser verlausten Pritsche in der Justizvollzugsanstalt Mainz wiederfinden würde, wo er sich die geschwollenen Lymphknoten am Hinterkopf massierte. Von fahrlässiger Tötung war die Rede, während er wusste, dass er insgeheim mit dem Vorsatz gehandelt hatte, Karls Leben ein für allemal auszulöschen. Hin und wieder widerfuhr dies Leuten; zweifellos: sie diskreditierten sich. In Bretzenheim, dem römischen Britenheim, wie der Schutzmann auf dem Weg nach Määnz beiläufig äußerte, hatte man ihn festgenommen. Er dachte an Karl, den Jugendfreund, den gerade eben noch gescheiterten Busfahrer, ein gescheiter Kerl, gewiss; er rühmte sich gern, einen überdurchschnittlichen Intelligenzquotienten zu haben und behauptete, er könne gewissermaßen aus dem Stehgreif einen wissenschaftlichen Vortrag halten, etwa über die Kunst der Gesprächsführung, wobei er keinen Hehl daraus macht, dass er hierbei eher an die Dialoge Platons dachte, in denen allenfalls kurze Erwiderungen der Zustimmung oder unmaßgebliche Zwischenfragen gestattet waren. Horst brachten diese Situationen zum Lachen; seine Kathrin allerdings war beeindruckt.

Kaum einer erheiterte Horst so sehr wie Karl Larsch, wobei jener es auch verstand, ihn unvermittelt kleinzumachen, ihn zu piesacken. Horsts Strategie, die wiederholten kleinen Garstigkeiten zu erwidern, bestand meist darin, sie so lange mit eiserner Miene an sich abperlen zu lassen, bis Karl das Interesse verloren hatte. Manchmal führten die Invektiven aber auch zu Balgereien, in denen Karl seine körperliche Überlegenheit zu demonstrieren wusste.

Anfangs war es die bloße Tatsache, dass Horst Sohn des Dorfpolizisten war, die Karl gegen ihn ins Spiel brachte. Horsts Stillschweigen, bereits während der gemeinsamen Schulzeit als Oberrealschüler, führte dazu, dass Karl ihn allmählich als Kumpel akzeptierte, worin Horst ihn ebenfalls gewähren ließ. Als Zugezogener war Karl ebenso plötzlich in der Schule aufgetaucht wie er noch vor Ende des Schuljahres wieder verschwunden war, um sich, wie er Horst anvertraut hatte, der Schule des Lebens zu widmen, wo ihm Verse, Becken, Hüften, Fats Waller, Cole Porter und der Kommunismus begegneten; in letzterem sah er nichts weiter als eine Chance zur Abgrenzung vom rechten Pöbel. „Die Diktatur des Proletariats“, hörte Horst ihn in seiner Zelle sagen, „ist die Hölle auf Erden – und dein Alter bloß ein verdammter Cerberus! Das Wohl der Arbeiterschaft ist mir im Grunde vollkommen gleichgültig. Die Armen wollen rauf, die Reichen nicht runter. Das war nie anders! Und wenn irgendein Sosso das Regiment übernimmt, geprügelt vom versoffenen Vater, religiös abgefertigt vom seligen Mütterchen, dann hat man eben einen Prügler zum Führer; sonst nichts. Utopien, das kannst du vergessen! Die Menschlein rangeln sich um einen Allmächtigen, einen Joh Fredersen, Sportveranstaltungen, rauschhaftes Vergnügen und so weiter und so fort; seit jeher. Ich will's warm in meiner Bude haben, meinen Musikautomaten dröhnen lassen, eine Alva nach der anderen rauchen, und bei dekadenten Schlagern mitträllern, ohne irgendein vorlautes Kollektiv im Nacken sitzen zu haben. I don't stay out late, no place to go, I'm home about eight, just me and my radio.“

Karl bezeichnete sich gern als Gelegenheitslump, Verführer und Artist auf Abwegen; er begehrte verheiratete Frauen jeden Alters, stahl aus purem Vergnügen am Nervenkitzel und scheute sich nicht davor seine Fäuste einzusetzen. Dass er sich aber an seine Kathrin heranmachte, sie auf dem Motorrad mitfahren ließ und ihr sogar einmal einen flüchtigen Kuss abgetrotzt hatte, musste Folgen haben, dachte Horst. Einen Stoß nur vor die Brust, mit Entschlossenheit, ein kantiger Stein – Fahrlässigkeit, ein Unfall oder Vorsatz, Karl war nicht mehr. „Der hätte wohl besser zu ihr gepasst als ich!“, murmelte er.

Überall auf der Welt werden vorwiegend runde Zigaretten geraucht, die sich dank ihrer Vorzüge auch bei uns immer mehr durchsetzen. Das runde Format ist nun einmal das naturgegebene: - es sichert einen guten, vollen Zug und einen gleichmäßigen Brand. Wie oft kann man Raucher beobachten, die – vielleicht unbewusst – ihre ovale Zigarette vor dem Anstecken rund drehen, damit sie besser zieht. Warum nicht gleich ALVA „RUNDE SORTE“ rauchen?! - Das Aroma ihrer gehaltvoll-würzigen Mischung nach echt mazedonischer Art kommt durch das runde Format zu einzigartiger Entfaltung.

Im Bebelring Nr. 81 klang ein neuer Ton auf. Alois' ältere Schwester Dora brachte eines Tages ihre Freundin Kathrin mit, die in der Schule jahrelang in der gleichen Klasse gesessen hatte. Ihr flottes ungeniertes Wesen gefiel dem jungen Mann. Dann fiel ihm auf, dass sie mit den Dingen der Hausarbeit gut Bescheid wusste. Einen Vorhang, der nicht richtig an der Galeriestange hing, schob sie, hoch auf der Leiter stehend, ein paarmal hin und her, zog die Falten zurecht, und schon hing er schöner, als er je gehangen hatte. Sie kam mit einem Kleid, das nicht passen wollte, selber klar; man brauchte keine Schneiderin. Einmal schneiderte sie eins für die Freundin, und alle waren überrascht, wie gut es Dora saß und stand.

Kathrin meisterte die kleinen – und großen – Schwierigkeiten des Lebens besser als Alois; ihm fehlten die Anstelligkeit und Flinkheit, die sie besaß. Sie besaß sie nicht von ungefähr; ihr Vater, ein fleißiger, geradsinniger Mann, besorgte im Schlacht- und Viehhof das Verkaufen von Schweinen für einen Viehhändler. Vor kurzem hatte er, auf eine Erbschaft seiner Frau gestützt, einen eigenen Schweinehandel aufgemacht, war aber nicht gerissen genug, um mit den Metzgern auszukommen, die bei ihm Schlachtvieh bestellten, auf dessen Bezahlung er zuweilen vergeblich warten musste. Schlimmer war, dass eine Genossenschaft den Vertrieb der Schweine übernahm und daher seinen Geschäften jeder Boden entzogen war. Kathrins Mutter war eine tüchtige, unermüdlich tätige Frau.

I guess I'll have to change my plan

I should have realized there'd be another man

I overlooked that point completely

Before the big affair began.

Was man Liebe nennt, war Alois schon einige Male, doch nicht mit der Gewissheit des Bleibenden und Endgültigen zuteil geworden wie jetzt. Eines Tages stieg Kathrin mit ihm in dem Warenhaus am Markt, wo er jetzt wohnte – er hatte es mit seiner zweiten Mutter gründlich verdorben und ausziehen müssen – zum greisen Fräulein Hartwig hinauf, bei dem noch zehn andere Logisherren auf einem Flur wohnten. Arm in Arm schauten sie auf den Flur hinunter, auf dem sich ein Gewirr von Menschen bewegte. Bauernweiber hatten Körbe mit Kohl- und Salatköpfen auf den Stufen des Marktbrunnens aufgestellt, auf dessen Sandsteinpilastern zu lesen stand, dass der Brunnen im Jahr 1526, also vor genau 400 Jahren, erbaut worden war. Alois blickte zum Dom hinüber; ihn interessierten die Leute da unten nicht. Kathrin besah sich derweilen alles im Zimmer, die Möbel, das Sofa mit den Kisschen und Deckchen, Alois' Bett, und jetzt versuchte dieser, einem kleinen Herzklopfen zum Trotz, zu lieben. Er wollte das Lieben, von dem er oft wollüstig träumte, Wirklichkeit werden lassen. Doch musste er es, obwohl ihm Kathrin den Willen tat, unverrichteter Dinge sein lassen; es wollte ihm nicht gelingen.

Sweetheart, if you should stray a million miles away

I'll always be in love with you

And though you find more bliss in someone else's kiss

I'll always be in love with you.

Schweren Herzens trat er ans Fenster und schaute erneut zum Dom hinüber. Ihm war elend zumute. Ein jämmerlicher, kleiner Lüstling stand vor dem großen Beter, der sich hinter den spitz- und rundbogigen Fenstern drüben tausend Jahre lang an die Brust geschlagen hatte. Wer war nun frei? Der oder er?

Pitter-patter pitter-pat,

pitter-patter-pitter-pat.

We are not afraid of thunder.

All the time we wonder,

why is each new task a trifle to do?

Because we are living a life full of you.

I'm singing in the rain.

Oft gingen sie ins Freie, wanderten am Rhein entlang oder gingen durch den Stadtpark, wo er ihr unter aufragenden Pappeln das Grab des Schinderhannes zeigte, dessen Kopf hier in den Staub gerollt war. Oder sie liefen im Gonsenheimer Wald an der Nothelferkapelle vorbei und um das wuchtige Waldthausenschloss herum, um weiter nach Uhlerborn und Heidesheim zu gelangen, von wo sie mit der Eisenbahn zurückfuhren. Einige Male standen sie auch am Königsborn, aus dessen Quelle die alten Römer das Wasser über die Römersteine zu ihrem Kastell geleitet hatten.

Manchmal stiegen sie, wenn es schon dunkel werden wollte, auf den langgestreckten Hügel hinauf, der hinter der Mombacher Straße herzog, und blieben auf einer einsamen Bank sitzen. Gierig sogen sie den berauschenden Duft der Akazienblüten ein, die über ihnen hingen. Einmal hörten sie hinter sich ein Rascheln und Flüstern näherkommen und Zigaretten glommen im nachtdunklen Rasen. Was wollten die Männer? Sicher wollten sie das Schäferstündchen belauschen, das sich, wie sie annahmen, hier anspinnen würde. Plötzlich war es Alois klar, was das für Männer waren. Seine angestrengt horchenden Ohren hatten ein französisches Wort aufgefangen; es waren Soldaten, die vor dem Zapfenstreich gern noch etwas Amüsantes erlebt hätten. Alois sprang auf und schrie in die Nacht hinaus: „Que cherchez-vous ici? Sauvez-vous! Je ferai rapport à Monsieur Capitaine!“ Im selben Augenblick schnellte eine Anzahl Uniformierter in die Höhe. Sie entfernten sich, so schnell sie konnten; sie glaubten wohl, es mit einem Offizier zu tun zu haben.

Love flew in through my window

I was so happy then

But after love had stayed a little while

Love flew out again.

Alois fragte sich oft, wie er der Liebsten etwas bieten könne, was ihr Freude machen würde. Mit Spaziergängen war es nicht getan; sie verlangte mehr von ihrem Schatz. Er gewann sie für eine Vorstellung im Stadttheater und besorgte Karten für gepolsterte Parterreplätze, während er, wäre er allein gewesen, sich mit einem Holzsitz auf der Juchhe im 3. Rang begnügt hätte; doch das Drama, das er ausgesucht hatte, ging ihr nicht zu Herzen wie ihm. Er hätte bedenken müssen, dass Schillers Wallenstein von ihr in mancherlei Hinsicht zu viel verlangte. Vor allem war sie an stundenlanges Zuhören nicht gewöhnt, war sie doch erst vor kurzem mitten in einer Predigt, die Dr. Pick mit tiefgehenden Gedanken untermauerte, eingeschlafen. Er hätte wohl besser, wenn schon nicht auf eine Operette, die ihr vielleicht gefallen, ihm jedoch zuwider gewesen wäre, auf eine schöne Oper gewartet.

Das Kino war auch nicht seine Sache. Der Griff ins Leben, den es tat, vielleicht in das der reichen Leute, konnte ihn nicht mit sich fortreißen, ja weckte seinen Widerspruch. Der Film war für ihn nicht Kunst, wofür ihn manche hielten, sondern Massenfutter. Er sah freilich auch seine positiven Seiten, hatte er sich doch in der Volkszeitung über den Kulturwert des Films wie folgt ausgelassen:

Der Film im Dienste der Wissensaneignung und Bildung gehört nicht nur den Erwachsenen, sondern vor allem auch der Jugend. Es erheben sich indes Stimmen, die uns zurufen: „Kinder und Jugendliche gehören nicht ins Kino!“ Diese von Volksbildungsvereinen genährte Einstellung lag schon im Sinne der Jugendbewegung, wollte sie doch Kinovorstellungen verhindern, um die Kinder vom „Schund“ fernzuhalten. Solchen warnenden Stimmen müsste man entgegenhalten, es erübrige sich, Kinder ins Kino zu führen, weil sie schon drin sind. Der neueste Kriminalfilm ist ein wichtiger Gesprächsstoff unter Schülern der Oberklassen. Ein Aufklärungsfeldzug über die kapitalistische Grundlage des Lichtspielwesens oder das Unwahrscheinliche vieler Filmdramen würde nicht an sie herankommen. Die „Kunst“ eines Harry Piel wäre stärker als alle gutgemeinten Worte. Sollte auch ein Jugendlicher auf etwas verzichten, was ihm, indem es ihn mit Spannung lädt und seine Phantasie beflügelt, zu tiefer Freude gereicht? Wir sollte nicht vom Piedestal des Gebildeten auf die Filmbegeisterung der jungen Leute herabblicken. Die Herrschaft des Films ist nur deswegen so groß, weil die ewig junge Romantik die Zuschauer im dunklen Saal regiert.

Große Gedanken und ein reines Herz“, wie Goethe es nennt, vermögen auch im Kino vom Darsteller auf die Zuschauer überzuspringen. Das beweisen die Chaplinfilme. Es ist etwas Einzigartiges, wie bei Verzicht auf Sensationen und Effekte ein Großer die Anschauungen und Gefühle der kleinen Leute mitlebt, sie mit seinem tiefen Herzen durchdringt, was keiner der über den Film naserümpfenden Ästheten je verstehen wird.

Sie sahen zusammen den Film, in dem Chaplin seine Schuhe verspeist und die Schuhbändel als Spaghetti um die Gabel wickelt. Alois begeisterte sich für die inszenierte Gewandtheit des großartigen Schauspielers. Ihm war es in Italien auch nicht gelungen, Spaghetti zu essen; er konnte es auch heute noch nicht, wenn ihm jemand zuschaute. Kathrin konnte es wahrscheinlich besser; sie war indessen von Chaplins Spiel wenig angetan; an Possenhaftem und an Kasperliaden – Alois hatte ihr ein Kasperlstück des Grafen Pocci vorgelesen – fand sie kaum Gefallen.

You're mean to me

Why must you be mean to me?

Gee, honey, it seems to me

You love to see me cryin'

I stay home each night

When you say you phone

You don't and I'm left alone.

Wenn sie aber an einem der in der Stadthalle angelaufenen Fastnachtsbälle teilnähmen? Alle Weiber tanzen gern, sagte er sich, und auch von Kathrin wusste er es. Aufgeregt hatte sie ihm von ihrer Tanzstunde erzählt und von den Tanzvergnügen, die um diese Zeit in einem Seitensaal der Schlacht- und Viehhofgaststätte abgehalten wurden. Da wäre sie auf ihre Kosten gekommen!

Ja, wenn er hätte tanzen können! Doch nie im Leben hatte ihn danach verlangt, das Tanzbein zu schwingen. Er verstand es zwar, den Hebungen und Senkungen von Versfüßen zu folgen, nicht aber denen tanzender Damenbeine. Er tat sich etwas zugute darauf, dass er die Behendigkeit, mit der Kathrin die Beine beim Tanzen bewegte, in Worten und Sätzen erreichte, wenn er dichtete. Doch mit den Schwingungen seiner Verse konnte er nicht das kleinste Tänzchen bestreiten; dazu bedurfte es eines anderen Geistes und anderer Kräfte. „Ich werde Tanzunterricht nehmen!“, rief er, und Kathrin war damit einverstanden. Sie ging mit ihm in die Schießgartenstraße zu Tanzlehrer Happé, und Alois versuchte gemäß seinen Weisungen mit ihm zu tanzen. Die Musik dazu lieferte ein Grammophon, dessen Krähen seine Füße mehr lähmte als beschwingte. Seine Tanzschritte erfolgten zudem meist im falschen Augenblick, zu früh oder zu spät, und Herr Happé war nach zwei Stunden vergeblichen Bemühens froh darüber, dass der ungelenke Schüler nicht weiter in die schwierige Materie eindringen wollte; er hatte ihm bei seinen Tanzversuchen mehrmals auf die Füße auf die Füße getreten.

Trotzdem glaubte sich Alois befähigt, einen Ball mitzumachen. Vorher ließ er sich vom Schneider einen einen gut sitzenden Smoking anfertigen, indessen Kathrin sich ganze Nachmittage damit abmühte ein Maskenkostüm zu schneidern, von dem Alois nicht wissen durfte, wie es aussah und was es vorstellte. Er begab sich an dem betreffenden Abend allein zur Stadthalle; seine und Kathrins Schwester waren mit Kathrin vorausgegangen.

Alois hielt unter den mehr als tausend Masken, die sich, umwogt von rauschender Musik und aufgewirbeltem Staub, an ihm vorbeidrängelten, Ausschau nach einem Matrosen. Wie das? Nun, auf einem kleinen Foto, das sie ihm gezeigt hatte, trug sie einen Matrosenanzug. Die Idee, sich so zu kostümieren, war ihr wohl gekommen, während ihre Brüder, die beide als Matrosen dienten, ihren Urlaub in Mainz verbrachten. Aber der Hauptpunkt, an den er sich hielt, war der: er hatte eine Matrosenmütze auf ihrem Bett liegen sehen.

Unter den tanzenden Masken gab es eine Menge Matrosen, auch solche von Kathrins Figur, doch die unter ihnen, die er ansprach, war es nicht. Aus ihrer girrenden, mit verstellter Stimme gesprochenen Antwort war kein sicherer Schluss zu ziehen, ob sie es war oder nicht. Er hatte eine ganze, ihn entsetzlich lange dünkende Zeit nicht ein einziges Mal getanzt, hatte keine unter den Masken darum gebeten, und keine hatte ihn darum ersucht. Was da ohne Aufhören einander hin und her schob, tanzten die überhaupt? Einmal trat eine Maske – sie sollte wohl ein Veilchen vorstellen, weil sie violette Schleifen auf einem grünen Kleid und ein violettes Häubchen auf dem Kopf trug – an ihn heran, girrte ihm etwas in die Ohren und suchte ihn mit sich fortzuziehen. Wollte sie mit ihm tanzen? Widerwillig ging er ein paar Schritte mit, machte sich dann aber los und ließ sie stehen. „Was soll ich mit einem Veilchen anfangen?“, murmelte er verdrossen.

Er stieg die Treppe zu dem Balkon hinauf, der an einer Seite um die Wand herumlief, um nachzusehen, ob Kathrin da oben war. Hierher hatte sich neben anderen Masken auch eine Anzahl Matrosen zurückgezogen, jeder eskortiert von einem befreundeten Herrn. Die Matrosen tanzten hier oben nicht, sie wollte es gar nicht, sie hatten sich etwas Besseres ausgedacht; sie vergnügten sich auf eine den Leuten im Saal verborgen bleibende, ihnen wohlgefälligere Weise als mit Tanzen. Sie ließen sich von ihrem Liebhaber knutschen. Ob Kathrin unter ihnen war? Nein, das war nicht möglich; das war ausgeschlossen. Derartiges war ihrem Charakter und ganzen Wesen fremd, zu einer solchen Art Vergnügen ließ sie sich nicht herab.

Eilig stieg er wieder hinunter ins Parkett, bahnte sich, eine wachsende Verzweiflung im Herzen, einen Weg durch die nunmehr wilder tanzende Menge – es ging auf Mitternacht zu und die Stunde der Demaskierung nahte – und warf verstörte Blicke bald nach dieser, bald nach jener Seite. Diesmal enthielt er sich des Fragens, fragte nur sich selbst: „Wo steckt sie? Hat sie einen Besseren gefunden? Das kann wohl sein … und wer weiß, ob sie in diesem Augenblick nicht glücklicher ist als sie es mit mir wäre?“

Statt die Situation ruhig zu überdenken, ließ er sich von der trüben Stimmung leiten, die Besitz von ihm ergriffen hatte. Er war ein Stimmungsmensch und ein Schawarzseher, was das eigene Glück betraf; noch nie hatte ihn ein Akt der Selbstregierung so weit gebracht, dass er mit sich ins Reine gekommen wäre und die Gründe (oder Grundlosigkeit) dieser Stimmung überprüft hätte. Er war einer Stimmung, einer trüben oder freudigen, mit seinem ganzen Menschen ausgeliefert; sie beherrschte ihn, was man einem Dichter oder Komponisten, nicht aber einem Schullehrer, hätte hingehen lassen.

In dieser Stimmung entschloss er sich, nach Hause zu gehen, und tat es. Die Meenzer Fassenacht war noch nie seine Sache gewesen, wie er zugab, und ein Maskenball war es noch weniger.

Alois' Leute fanden sich nach dem Ende des Mummenschanzes an der vorher bezeichneten Stelle ein, nun ohne Larven auf dem Gesicht – unter ihnen auch das herzige arme Veilchen – und fragten sich, wo Alois bleibe. Er kam und kam nicht; sie suchten die Stadthalle nach ihm ab und fanden ihn nirgends. Ermüdet gingen sie schließlich ebenfalls nach Hause.

Die Schwester fand ihn – bestürzt über ein solches Verhalten – schlafend im Bette liegen. Kathrin bekam in dieser Nacht zu spüren, was das für ein Mensch war. „Das ist ja gar kein Mensch!“, sagte sie zornig. Sie überlegte, ob sie ihm den Laufpass geben solle, war kurze Zeit fest dazu entschlossen, tat es aber dann doch nicht. Beim nächsten Wiedersehen kam sie nicht mehr auf die Sache zurück; erst viel später einmal gebrauchte sie das Wort von der großen Blamage, die sich einer zuzieht, der seine Braut allein nach Hause gehen lässt.



Freitag, 20. Februar 2026

Z. Z. LXIV [»An unseren Taten soll man uns bemessen XV« (2026)]

 


[»Metzgerverkaufsstand mit Flucht nach Ägypten«, Pieter Aertsen (1551)]



Omnia mutantur, nihil interit

[»Metamorphoses«, Publius Ovidius Naso (~ 1 - 8)]




[»Marktszene«, Pieter Aertsen (1569)]





An unseren Taten soll man uns bemessen



An der Weise, wie jemand etwas tätigte, offenbarte sich sein Verständnis des Vorgangs, das Schließen einer Tür, das Schalten der Gänge beim Autofahren, wie man kochte, aß, zu Bett ging, was auch immer. Ob es je anders war, in die meisten Dinge, die wir heutzutage verrichteten, besaßen wir nur wenig Einsicht. Das lag daran, wie technisiert unsere Lebenswelt geworden war.

Sehr waren wir dazu verurteilt, uns auf die Oberfläche eines Tuns oder Vorgangs zu beschränken, wie das Kinder tun, deren Verständnis im Spiel nachahmend nur wenig in die Tiefe reicht. Erst nach und nach kamen sie zu einem Handeln aus Gründen heraus, also einem Verständnis von Voraussetzung und Folge. Wer aber besaß selbst bei den alltäglichsten Vorgängen Einsicht in das, was eigentlich vor sich ging? Vielmehr blieb ihm nichts anderes als wie ein Kind bestimmte Verrichtungen nachzuahmen, sich damit zufrieden gebend, dass sich das erwünschte Resultat mehr oder weniger einstellte.

Damit einhergehend hatten sich, ohne dass wir es je bemerkten, unsere Zielsetzungen geändert. Mobilität, vorzugsweise mit dem Auto, wurde in einer Weise verfügbar, wie man sich das vor einer Generation nicht im Geringsten hätte vorstellen können. Kaum eine Strecke, die wir nicht autofahrenderweise zurücklegten! Schon die Wahl eines Zieles war autoförmig geworden. Es würde ein Ort sein, der über einen Parkplatz verfügte. Der Weg dorthin war fast völlig dem Gebrauch durch das Auto unterworfen, geglättet, gehärtet, markiert, beschildert, flankiert durch Leitplanken, beleuchtet. Querung unter Missachtung eines nahenden Wagens bedeutete Lebensgefahr. Tiere, die wohl Wege kannten, nicht aber Straßen, stellten eine Gefahr dar, vor der gewarnt wurde, gegen die Zäune errichtet, Reflektoren installiert wurden um sie abzuschrecken. Kleintiere lagen da, niedergewalzt und mit aufgerissenen Leibern. Man würde sie wegschaffen, eine Aufgabe der Straßenwacht, die die Kadaver irgendwo hinbrachte, wo man sie verbrannte. Als die Luft noch reiner war, klebten zu Tausenden die Insekten auf Kühler und Windschutzscheibe. Bald tötete sie bereits die verpestete Luft, der verpestete Boden, auf dem die Kräuter nicht mehr wuchsen, von denen sie sich nährten. All dies stellte eine alltägliche Normalität dar, weil sie sich einfach daraus ergab, wie wir mobil waren. Der Buddhist mit seinem Besenchen, der den Weg vor sich fegt aus Furcht, einem kleinen Lebewesen etwas zuleide zu tun, an Weltfremdheit nicht zu überbieten. Bei alledem das Hantieren mit Schaltern und Hebeln, deren Funktionsweise uns in keiner Weise interessierte. Die Scheibe sollte allerdings gewischt sein, die Straße ausgeleuchtet, der Innenraum temperiert, im Radio die Musik, von der wir allerdings auch nichts verstanden, außer dass wir sie mochten und wir sie jedenfalls nach Belieben spielen lassen oder ausschalten konnten.

Wenn man vor ziemlich genau einhundert Jahren eine junge Frau war und sich dagegen empörte, was für ein Platz einem deswegen in der Gesellschaft zugewiesen war, dann wurde die Luft bald sehr dünn. Ja, man hatte eine höhere Schule besuchen dürfen, gehörte zu den Mädchen im Ort, die Klavierstunden bekamen. Man war vergleichsweise so etwas wie eine höhere Tochter, nicht wie die wirklich reichen Leute, aber im Falle Katharinas die immerhin eines Bergingenieurs. Das Klavier stand in einem Esszimmer, wo der Vater bei den Mahlzeiten am Kopfende des schweren Esstisches als Familienoberhaupt residierte. Die Brüder, beide noch auf der Bergschule, mit wassergescheiteltem Haar, gaben sich oberhalb der Tischplatte betont seriös, während sie, nebeneinander sitzend, unter dem Tisch nach einander traten, wobei es darauf ankam, essend und mit dem Vater Konversation treibend keine Miene zu verziehen. An friedlicheren Tagen spielten sie stattdessen eine Art Untertischfußball mit einem zum Ball zusammengeknüllten Papier, wobei sie die Schuhe abgestreift hatten. Daraus ergab sich ein weiterer Kampf, nämlich der des Schuhversteckens, am gewagtesten so, dass ein Schuh unter den Stuhl des Vaters bugsiert wurde, oder einsam glänzend wie ein Schiff auf dem Ozean des Esszimmerteppichs dem Vater im Weg war, wenn der mit Zeitung und Zigarre bereit war, sich aus dem Kreis der Familie zurückzuziehen.

Ha, ha, ha“, ja, er sei an der Reihe, wenn's ihn nicht störte ... - „Ach so, die Zigarette“, nein, er hatte ja selber gerade eine ausgemacht.

In dem Salon wurde geraucht, und einen kleinen Kaffee bekam man auch, sogar mit einem Plätzchen, während man wartete. Auch die Mädchen rauchten, es sei denn, eine Kundin hatte etwas dagegen. Das Radio brachte die Charts, die Fotografien an den Wänden zeigten die muntere Popwelt jener Dekade. Jeder konnte sich in solch ein Mädel aus der Schlagerwelt verwandeln lassen. Die eine oder andere ältere Frau unter ihrer Trockenhaube mochte sich durchaus vorstellen, dass sie sich, wäre sie nur jung genug, in einen dieser sanften Jünglinge der Fotos verlieben würde. Die Männer ihrer Generation waren wahre Raubeine gewesen. Dass jetzt auch die Mädchen in aller Öffentlichkeit rauchten, und sogar hier bei der Arbeit, daran schieden sich dann doch die Geister. Ihre Dauerwelle hatte neulich eine ganz Schnippische dieses Stinkzeug genannt. Kein Wunder, dass die ältere Kundschaft nach und nach ausblieb!

Das Rathaus hatten sie hier am Marktplatz neu gebaut. Im Saal im ersten Stock brannten die Kronleuchter um diese Zeit, wohl weil die Putzfrauen zugange waren. Es waren moderne Kronleuchter aus Messing, Trompetenblech, wie die Leute sagten. Statt der Kerzen, die ja Kerzenbirnen, also Glühlampen, waren, gab es jetzt Leuchtstoffröhren, von denen pro Lampe einige in schräger Position ringsum angeordnet ihr mehr als taghelles Gleißen in die Trübnis dieses Nachmittags hinaussandten, an dem es nun zwar nicht mehr regnete, aber das Saallicht kräuselte sich in schmutzigen Pfützen von Straße und Platz. Nacheinander wurden die Lampen jetzt, da Albin vorüberging, gerade gelöscht. Ein solches Rathaus war ohnehin wohl die meiste Zeit leer, von den Amtsstuben der Vorderseite und der Post im Keller einmal abgesehen. Im Hof wurden die Feuerwehrautos geputzt, aber dorthin durfte man nicht. In den muffigen Keller schon. Da hatte die Mutter ihn ein paarmal hin mitgenommen, denn hier bekamen die Witwen und andere arme Leute ihr Geld. Ein einbeiniger Mann mit einem Goldzahn humpelte hinter seinem vergitterten Fenster zwischen Rollschränken und einem groben Tisch, der in der Mitte seines Kabuffs stand, einher. Am meisten beeindruckte Albin, wie der Stempel auf das Formular gehauen wurde. Gestochen scharf prangte der dann violettbläulich auf dem Zettel, den die Mutter zusammen mit dem Geld in ihre Börse stopfte. Der bittere Geruch der Tinte mischte sich mit dem des gebohnerten Linoleums und dem Dunst der feuchten Stufen, die im Rathausturm in diese Unterwelt und wieder hinaufführten. Eine schwere Tür mit ihrem Türschließer knallte hinter einem zu.

Unter den Freunden war Berthold derjenige, der am wenigsten hierher passen wollte, auf die Eckbank dieser Küche, wo er seinen Kaffee bekam. Nein, der Albin sei noch nicht da. Um diese Zeit sowieso noch nicht. Hatte er denn heute früher kommen wollen? Nein, nein, sie seien auch gar nicht verabredet. Ihm sei nur zu Hause die Decke auf den Kopf gefallen. Und da hatte er gedacht, er könnte mal auf einen Sprung ..., der Kaffee sei übrigens dufte! „Ich trinke ihn am liebsten ein wenig abgestanden.“ Der Kuchen war auch nicht mehr ganz frisch, aber natürlich selbstgebacken. „Eben“, sagte Berthold, „Frau Wagner, das ist doch etwas ganz anderes.“ Darin war man sich einig, gekaufter Kuchen aus der Konditorei, daran sah man, dass es hopp hopp gehen musste, als ob alles mit Geld zu machen sei.

Berthold selber war aus besserem Hause, worunter sich die Leute weiß Gott was vorstellten, Albins Mutter so halb auch. Allerdings hatte sie als junges Mädchen in einem Arzthaushalt gearbeitet. Da hatte sie sehen können, dass die Bessergestellten auch ihre liebe Not hatten. Es wurde eben überall bloß mit Wasser gekocht, das heißt, gekocht hatte ja normalerweise sie. „Grete, wenn du kochst, dann schmeckt es mir am besten“, hatte der Doktor gesagt. Es war sonderbar, den feinen Leuten gefielen die einfachen. Und die einfachen Leute hatten von ihresgleichen genug, der Berthold gefiel ihr, wie er dasaß mit seinem feinen Pullover und dem Hemd. Dass die jungen Männer jetzt die Haare länger trugen, sah gar nicht verboten aus, wie es immer hieß. Vielleicht ein wenig mädchenhaft, aber der Berthold war schon auch ein richtiger Mann, studierte sogar Elektroingenieur und arbeitete bereits ein wenig, und zwar in der Firma, wo Albin seine Lehre gemacht hatte.

Die Mutter brachte von Zeit und Zeit einen Freund mit nach Hause. Man musste nicht Onkel sagen, komisch war es aber, einen fremden Erwachsenen beim Vornamen zu nennen. Auch kam es selten zu Wiederholungen des Besuchs ein und desselben dieser Freunde, deren Namen Albin sich zu merken versuchte. Ob denn der Herr Jakob heute wiederkomme? Nein, der Jakob komme überhaupt nicht mehr. War der böse gewesen? Die Mutter hatte sich wohl über ihn geärgert, sie machte so ein Gesicht, besser, man fragte nicht weiter. Dafür kam ein Herr Erhard, mit dem es ein ziemliches Theater gab, denn er wollte es sich angewöhnen, ganze Tage in Mutters Bett zuzubringen, wo er Zigaretten rauchte, die Zeitung las und nach Bier verlangte. Das Gepolter der Mutter nebenan in der Küche mit dem Geschirr störte ihn, auch das Geratter der Nähmaschine. Die Mutter musste immer etwas hinzuverdienen. Da platzte ihr dann einmal der Kragen. Ja, beim Arbeiten käme es zu Geräuschen. Das würde bei ihm nicht anders sein, wenn er denn je einmal sehen würde, was es da zu tun gibt, wo man seinen Teller leer frisst und seine Socken herumfahren lässt. Aha, so sei das also. Das habe er sich schon gedacht, und zwar von Anfang an, und nur sehen wollen, wie lange es gut geht, da, wo man nichts zu sagen hat!

Da hatte die Mutter schon einiges zusammengerafft, was von diesem Erhard herumlag. Der machte einen Satz aus dem Bett, denn er hatte schnell begriffen, dass sie imstande war ihm alles zur Tür hinaus auf die Straße zu schmeißen. Da würde er dann in Socken auf einem Bein hüpfend in die Hosen fahren in seinem ewigen Unterhemd. Gardinen würden diskret zur Seite gezupft, bei Geschrei und Gepolter gab es immer interessierte Augen der lieben Nachbarinnen. Albin war ein armes Kind, wo ja auch der Vater so früh gestorben war. Nein, der Herr Erhard würde jedenfalls auch nicht wiederkommen. Die Mutter weinte jetzt, dabei hatte sie ihn doch loswerden wollen, also weinte sie aus Zorn, da konnte man sie nicht trösten. Albin fummelte an irgendetwas herum, eine Bastelei, am liebsten etwas mit ein paar Drähten und einer Batterie, die noch nicht ganz leer war. Diese Freunde der Mutter waren ihm egal. Wenn das Bett auf seiner Seite komisch roch, rückte er auf die Seite der Mutter. Am nächsten Tag hatte sie den Bezug gewaschen. Der hing dann in der Küche über dem Ofen und war am Abend einigermaßen trocken. Worte wurden darüber nicht gewechselt.

Das Bratkartoffelverhältnis war in jenen Jahren die gängige Einrichtung des Erhalts der kargen Witwenrente. Da die Mutter nun schon einigen sich parasitär aufführenden Gesellen Paroli geboten hatte, war ihr umso klarer, dass sie das Heft in der Hand behalten musste, was an erster Stelle bedeutete, den eigenen Herd als Goldes wert zu verteidigen. Einen Kostgänger ließ das Sozialamt durchgehen, vorausgesetzt, man teilte sich nicht dauerhaft Tisch und Bett! Das teilte die Mutter sich nun nachweislich mit Albin. Nicht einmal ein Sofa in der Küche gab es, wo hätte ein Zehnjähriger also schlafen sollen, in der Besucherritze etwa, zwischen der Mutter und ihrem Galan?

Natürlich redeten die Nachbarn, aber man ließ sie nicht über alles reden, wenn das Konsequenzen hätte nach sich ziehen müssen, die man nicht wünschte. Manches war nun einmal nicht aus der Welt zu schaffen, und solange die Leute einigermaßen selber klarkamen, war es das beste, die Dinge laufen zu lassen, wie sie eben liefen. Ein Jugendamt, das sehen wollte, dass ein kleiner Junge am Nachmittag herumstreunte, sollte es noch lange nicht geben.

Nun brachte die Mutter schon seit einiger Zeit diesen Karl Ludwig mit nach Hause. Das heißt, er brachte sie. Und zwar stieg sie unter Gardinenrücken aus seinem VW-Käfer, ja er sprang sogar heraus, lief um den Wagen herum und öffnete ihr wie einer Dame den Schlag. Das fand sie im geblümten Kleid mit Handtasche zwar ein wenig affig, gönnte es aber den Nachbarn. Karl Ludwig, der Humor besaß, versuchte nun nicht theatralisch sich mit Küsschen zu verabschieden, sondern verbeugte sich in aller Form in verschiedene Richtungen hin zu den Fenstern, wo die Vorhänge sich ertappt in Falten legten.

Sonderlich erfindungsreich, fand Albin, waren ja auch Eltern nicht, wenn es darum ging, welche Namen sie den Kindern gaben. Nie im Leben hätte er sich selber Albin genannt. Erst sagten alle Albi, auch als er gar kein Kleinkind mehr war, und dann in der Schule hatten bald ein paar Schlaumeier herausgefunden, dass man jemanden mit Albino prima ärgern konnte. Zuerst hatte er das in jener Zeit der Italienverrücktheit gar nicht gemerkt, denn es hörte sich irgendwie italienisch an, wie Sonnenschirm und Limonade mit Strohhalm. Das Wort albern gehörte nicht zum alltäglichen Wortschatz in ihrer Gegend hier an der Grenze, wo es nach Ruß und Schwerindustrie roch und man einen derben Dialekt kauderwelschte.

Als er dann in einem jener Schülerhefte, die die Schule zur bildsamen Lektüre für ihre Sprösslinge abonnierte, zum ersten Mal las und auf einer farbigen Abbildung sah, was ein Albino tatsächlich sei, loderte in ihm eine innere Auflehnung dagegen, und eine ernsthafte Rauferei drohte, sobald es noch jemand wagte, ihm das Unwort nachzurufen.

Man brauchte nicht im Entferntesten einem wirklichen Albino zu gleichen, als dass das Wort doch Gelegenheit zu Spott und Häme bot. Die mangelnde Ähnlichkeit wurde bei weitem wettgemacht durch den prompten spektakulären Wutausbruch Albins, denn dem ging es wider die Natur wie dem Schneider Ziegenböck, drangen aus irgendeinem Winkel die fatalen drei Silben an sein Ohr. Natürlich griff Lehrer Schröder ein, sperrte einmal den Wüterich gar in den Klassenschrank, wo er erst noch eine Weile weitertobte, welcher Lärm aber nach einer Weile derart verstummte, dass Lehrer und Klasse Albin vergaßen, ja so sehr, dass Herr Schröder beim Mittagstisch von der Suppe aufsprang: „Du lieber Gott, der Albin!“ Den hatte allerdings der Hausmeister auf seinem Rundgang bemerkt, weil er aus dem Schrank Singen hörte. Nachdem nämlich die nachmittägliche Ruhe im Schulhaus eingekehrt war, hatte Albin aller Groll verlassen. In dem dunklen Kasten und ohne dass man kritische Ohren fürchten musste, sang es sich ganz wunderbar. Und ohne eines der englischen Wörter zu verstehen, tönte es durch ihn hindurch und aus ihm heraus, so wie er es vom Radio kannte. Elvis sang dieses Lied. So also fühlte man sich, wenn man sang wie Elvis. Es mussten auch in Amerika Jungen in dunkle Schränke gesperrt werden, die dann sangen, und das spielten sie im Radio.

Das Albin das war, was man damals einen Frauenhelden nannte, wollte Verena gerne anerkennen, wenn es auch für sie nicht galt. Ihn zum Freund, ja zum besten Freund zu haben, ging ihr über alles. Mit ihm konnte man reden. Nie versuchte er einem Gespräch die bewusste Wendung zu geben, als hätte sie es am Ende doch darauf abgesehen, worauf alle aus waren. Albin war ja doch auch Bertholds Freund, und sie und Berthold würden auf jeden Fall heiraten, auch wenn sie es damit nicht so eilig hätten wie andere, die das ja sowieso meistens müssten. „Du liebst also den Berthold.“ - „Natürlich“, Verena steckte sich eine Zigarette in den Mund. „Wir waren schon als Kinder ein Paar, da gingen wir noch nicht zur Schule, hielten Händchen, auch weil es alle süß fanden. Unser beider Eltern sind seit Jugendjahren dicke Freunde, und nun hatten sie jeweils uns und brauchten sich nicht die Köpfe zu zerbrechen über ein weiteres Kind. Uns hat es sowieso gefallen, der Geschwisterneid ist uns erspart geblieben, jeweils als Einzelkind zu Hause. Später, als die Jungen anfingen interessant zu werden, hat Berthold auf mich aufgepasst. Er wusste immer besser als ich, dass einer nicht der Richtige war.“

Albin rauchte inzwischen auch wieder eine Zigarette und ließ sich diese Geschichte zum soundsovielten Mal erzählen. Dass er nicht sprach, brachte Verena wie üblich nach einer Weile aus dem Konzept, was sie aber nicht hingehen lassen wollte. Bei wem, wenn nicht bei Albin konnte man versuchen, seiner Verunsicherung bezüglich eines heiklen Themas Herr zu werden? Albin gab Halt. Es lag kein Spott in seinem Schweigen zu einem Gegenstand, von dem man wusste, dass er darüber anderer Meinung war. Wenn man es um einen eigenen Standpunkt zu forcieren auf Widerspruch anlegte, hatte er zuweilen gerade gar keine Meinung.

Verena, die darum von allen Püppi genannt wurde, war eine Schönheit wider Willen, was ihr die entschiedene Abneigung einer Reihe von Frauen eintrug. Männer arbeiteten sich an ihrer scheinbaren Unnahbarkeit ab, blindwütig ignorierend, dass sie doch mit Berthold verlobt war. Der verhielt sich indifferent, begegnete jedem Möchtegernrivalen mit freundlichem Gleichmut. Abfällige Bemerkungen konnten sich regelrecht zu Empörung steigern angesichts dessen, dass sich Püppi und Berthold, wie es damals hieß, füreinander aufsparten, bis sie eines Tages heiraten würden. Das war entweder eine Verschwendung aus Überheblichkeit oder einfach eine glatte Lüge. Es fehlte nicht an Frauen, die es darauf anlegten, Berthold zu Fall zu bringen. Aber auch ihnen begegnete er mit Freundlichkeit, ja als Kavalier, der formvollendet übersah, was es zu übersehen galt, sollten nicht Grundsätze geordneter Verhältnisse und Beziehungen in Frage gestellt werden.



Montag, 19. Januar 2026

Z. Z. LXIII [Daily Sirens »1975« (2025). Inspired by Marc Wie]

 


[»Ostende II«, Goedart Palm (2024)]



You

Stepped out of a dream
You are too wonderful
To be what you seem.
Could there be eyes like yours?

Could there be lips like yours?
Could there be smiles like yours
Honest and truly?


You


Stepped out of a cloud
I want to take you away
Away from the crowd
And have you all to myself
Alone and apart.
Out of a dream
Safe into my heart.

You

Stepped out of a cloud
I want to take you away
Away from the crowd
And have you all to myself
Alone and apart.
Out of a dream
Safe into my heart...
Wa-dee-la-la
Out of a dream!


[Gus Kahn »You Stepped Out of a Dream« (1940)]




[1975 (#55)]




I’ve dreamed a lot. I’m tired now from dreaming but not tired of dreaming. No one tires of dreaming, because to dream is to forget, and forgetting does not weigh on us, it is a dreamless sleep throughout which we remain awake. In dreams I have achieved everything.

[Fernando Pessoa »The Book of Disquiet« (1913 - 1934)]





[»Sehstück«, Werner Windisch (2025)]






Sweet dreams 'til sunbeams find you

Sweet dreams that leave all worries behind you

But in your dreams, whatever they be

Dream a little dream of me


[Gus Kahn »Dream a Little Dream of Me« (1931)]





1975 (Daily Sirens)


#1 Neu! „Hero“

#2 Air „Air Song“

#3 Fairuz „كنا نتلاقي

#4 Genesis „Entangled“

#5 Neil Young „Vacancy“

#6 Weldon Irvine „Blast Off“

#7 Alice Coltrane „Los Caballos“

#8 Oliver Nelson „One For Duke“

#9 Stafford James „City Of Dreams“

#10 Ronnie Boykins „Demon's Dance“

#11 Mike Gibbs „Unfinished Sympathy“

#12 Cannonball Adderley „Country Preacher“

#13 Elvis Presley „Green Green Grass Of Home“

#14 The New Tony Williams Lifetime „Wildlife“

#15 Hank Williams, Jr. & Friends „Montana Song“

#16 Dudu Pukwana „Madodana (The Young Ones)“

#17 Steely Dan „Any World (That I'm Welcome To)“

#18 Clifford T. Ward „Jayne From Andromeda Spiral“

#19 Popol Vuh „Du Tränke Mich Mit Deinen Küssen“

#20 Kate Bush „The Man With The Child In His Eyes“

#21 Richard & Linda Thompson „Dimming Of The Day“

#22 Tony Bennett & Bill Evans „The Touch Of Your Lips“

#23 Dave Brubeck & Paul Desmond „Alice In Wonderland“

#24 Mahmoud Ahmed With The Ibex Band „Erè Mèla Mèla“

#25 Gil Evans And His Orchestra „The Meaning Of The Blues“

#26 Udo Lindenberg & Das Panik-Orchester „Votan Wahnwitz“

#27 Maurice Jarre „Pushtukan (From The Man Who Would Be King)“

#28 El Camarón De La Isla & Paco De Lucía „Malito Yo Estaba (Seguiriyas)“

#29 Jack Nitzsche „Medication Valse (From One Flew Over The Cuckoo's Nest)“

#30 Cedar Walton, George Coleman, Sam Jones & Billy Higgins „Mode For Joe“

#31 Muhal Richard Abrams & Malachi Favors „J. G. (Dedicated To Johnny Griffin)“

#32 John Abercrombie, Dave Holland & Jack DeJohnette „Back – Woods Song“

#33 The Pazant Bros. & The Beaufort Express „You've Got To Do Your Best“

#34 Tim Curry „Sweet Transvestite (From The Rocky Horror Picture Show)“

#35 Sonny Stitt With Art Blakey And The Jazz Messengers „Birdlike“

#36 Lonnie Liston Smith & The Cosmic Echoes „Devika (Goddess)“

#37 Harold Melvin & The Blue Notes „Don't Leave Me This Way“

#38 Thelma Houston & Pressure Cooker „Don't Misunderstand“

#39 Bubbha Thomas & The Lightmen „Country Fried Chicken“

#40 Frank Zappa And The Mothers Of Invention „Sofa No. 2“

#41 George Harrison „This Guitar (Can't Keep From Crying)“

#42 David Liebman & Richard Beirach „Forgotten Fantasies“

#43 Leon Haywood „I Want'a Do Something Freaky To You“

#44 Joe Simon „Get Down, Get Down (Get On The Floor)“

#45 Clifford Jordan And The Magic Triangle „Firm Roots“

#46 Charles Tolliver / Music Inc & Orchestra „Lynnsome“

#47 Niels-Henning Ørsted Pedersen „Yesterday's Future“

#48 Joachim Kühn Feat. Alphonse Mouzon „Bed Stories“

#49 George Duke „I Love The Blues, She Heard My Cry“

#50 Stanley Turrentine „That's The Way Of The World“

#51 Klaatu „Calling Occupants Of Interplanetary Craft“

#52 Manfred Mann's Earth Band „Spirits In The Night“

#53 Forty Seven Times Its Own Weight „Weedhopper“

#54 Bonnie Raitt „What Do You Want The Boy To Do“

#55 Anthony Braxton „You Stepped Out Of A Dream“

#56 Rashied Ali Featuring Royal Blue „Moontipping“

#57 The Isley Brothers „Fight The Power (Part 1 & 2)“

#58 Suzi Quatro „I Bit Off More Than I Could Chew“

#59 Gil Scott-Heron & Brian Jackson „Johannesburg“

#60 The Headhunters „If You've Got It, You'll Get It“

#61 Brian Auger's Oblivion Express „Brain Damage“

#62 Marion Brown „Bismillahi 'Rrahmani 'Rhaman“

#63 Doug Hammond & David Durrah „Reflections“

#64 Oscar Peterson & Jon Faddis „Blues For Birks“

#65 Archie Shepp „Lookin' For Someone To Love“

#66 Pat Metheny „Round Trip / Broadway Blues“

#67 Billy Harper „Dance, Eternal Spirits, Dance!“

#68 The Poll Winners „One Foot Off The Curb“

#69 Chico Hamilton „Abdullah And Abraham“

#70 The Brecker Brothers „Some Skunk Funk“

#71 Horace Silver „The Sophisticated Hippie“

#72 Harvey Mason „Marching In The Street“

#73 Mary Lou Williams Trio „Free Spirits“

#74 Donna Summer „Whispering Waves“

#75 Pink Floyd „Wish You Were Here“

#76 Julie Tippetts „Mind Of A Child“

#77 The Tubes „Malagueña Salerosa“

#78 Sonny Criss „Blues In My Heart“

#79 Walt Dickerson Trio „Warm Up“

#80 Andrew Hill „Snake Hip Waltz“

#81 Art Pepper „What Laurie Likes“

#82 Stanley Cowell „The Gembhre“

#83 Bill Withers „I Wish You Well“

#84 Lou Reed „Coney Island Baby“

#85 Terje Rypdal „Darkness Falls“

#86 Curtis Mayfield „Hard Times“

#87 Grateful Dead „Sage & Spirit“

#88 Collin Walcott „Cloud Dance“

#89 Queen „Bohemian Rhapsody“

#90 Herbie Hancock „Sun Touch“

#91 Bobbi Humphrey „The Trip“

#92 Gary Bartz „Winding Roads“

#93 Gong „Cat In Clark's Shoes“

#94 Jaco Pastorius „Continuum“

#95 Billy Cobham „Panhandler“

#96 Stanley Clarke „Silly Putty“

#97 Steve Hackett „The Hermit“

#98 Tomasz Stańko „Nenaliina“

#99 Patrice Rushen „Jubilation“

#100 Robert Wyatt „Soup Song“

#101 Moxy „Time To Move On“

#102 Bobby Hutcherson „Yuyo“

#103 Frank Lowe „Sun Voyage“

#104 Kenny Wheeler „'Smatter“

#105 Ronnie Foster „Fly Away“

#106 Labi Siffre „The Vulture“

#107 10cc „I'm Mandy Fly Me“

#108 João Donato „Tudo Tem“

#109 Eberhard Weber „Touch“

#110 Arild Andersen „Cycles“

#111 Betty Davis „You And I“

#112 Blue Mitchell „Bump It“

#113 Jeremy Steig „Belly Up“

#114 Maggie Bell „Hold On“

#115 Miles Davis „Maiysha“

#116 Tommy Bolin „Teaser“

#117 Rod Stewart „Sailing“

#118 America „Daisy Jane“

#119 Deodato „Crabwalk“

#120 Can „Half Past One“

#121 Laura Nyro „Smile“

#122 Joe Beck „Cactus“

#123 Mud „Oh Boy“

#124 Mandrill „Silk“

#125 Cortex „La Rue“

#126 AC/DC „T.N.T.“

#127 Quiet Sun „Trot“

#128 Catch Up „Lydia“

#129 Bob Dylan „Sara“

#130 Sly Stone „Greed“

#131 Sam Rivers „Flare“

#132 Journey „Anyway“

#133 Eagles „Lyin' Eyes“

#134 Cat Stevens „Jzero“

#135 John Cale „Engine“

#136 Sparks „Pineapple“

#137 Peter King „Jo Jolo“

#138 U-Roy „Silver Bird“

#139 Patti Smith „Gloria“

#140 Joe Diorio „Nuages“

#141 The Band „Ophelia“

#142 Sloche „Algébrique“

#143 Ron Carter „Big Fro“

#144 Jimmy Heath „CTA“

#145 Moğollar „Alageyik“

#146 Keith Jarrett „Flame“

#147 David Bowie „Fame“

#148 Bob Seger „Momma“

#149 Dane Belany „Soleil“

#150 Embryo „Bad Heads“

#151 Oliver Lake „Rocket“

#152 Clearlight „Chanson“

#153 David Axelrod „One“

#154 Elton John „Feed Me“

#155 Gasolin' „Sct. Emetri“

#156 Kestrel „Wind Cloud“

#157 T. Rex „Dreamy Lady“

#158 Woody Shaw „Zoltan“

#159 Moacir Santos „Anon“

#160 Jethro Tull „Requiem“

#161 Gentle Giant „Mobile“

#162 Jim Hall „Two's Blues“

#163 Fantastic Four „Words“

#164 Larry Young „Floating“

#165 Boz Scaggs „Lowdown“

#166 Sonny Rollins „Lucille“

#167 Julius Hemphill „Lyric“

#168 Doris Duke „Hey Lady“

#169 Parliament „Handcuffs“

#170 Count Basie „Sandman“

#171 Taj Mahal „Aristocracy“

#172 Jimmy McGriff „T.N.T.“

#173 Roscoe Mitchell „Cards“

#174 Janis Ian „Love Is Blind“

#175 Gene McDaniels „River“

#176 Harmonia „Notre Dame“

#177 Joe Henderson „Gazelle“

#178 Lani Hall „Hello It's Me“

#179 Air Pocket „Easy To Say“

#180 Dr. Feelgood „I Can Tell“

#181 Barry Harris „The Chase“

#182 Enrico Rava „By The Sea“

#183 Leo Sayer „Another Year“

#184 Ken McIntyre „Charlotte“

#185 Don Cherry „Brown Rice“

#186 Funkadelic „Atmosphere“

#187 Georg Kreisler „Nebenan“

#188 The O'Jays „I Love Music“

#189 Curt Cress Clan „Cyclone“

#190 David Sancious „Joyce #8“

#191 Atoll „Le Voleur D'Extase“

#192 Czesław Niemen „Kamyk“

#193 Jukka Tolonen „Hysterica“

#194 Eddie Henderson „Galaxy“

#195 George Cables „Why Not?“

#196 Steve Grossman „So Brasa“

#197 Muddy Waters „Caledonia“

#198 Gabor Szabo „Ziggidy Zag“

#199 Charles McPherson „Lover“

#200 Nilsson „I'll Take A Tango“

#201 Thin Lizzy „Freedom Song“

#202 Joanne Brackeen „Nefertiti“

#203 Gato Barbieri „Lluvia Azul“

#204 Akira Ishikawa „Let's Start“

#205 Jan Hammer „The Animals“

#206 Chris Squire „Lucky Seven“

#207 Brand X „Euthanasia Waltz“

#208 Steve Lacy „Japanese Duck“

#209 René McLean Sextet „Jihad“

#210 Renaissance „Ocean Gypsy“

#211 Kevin Ayers „Observations“

#212 The Undisputed Truth „Ma“

#213 Randy Weston „Little Niles“

#214 Aerosmith „Walk This Way“

#215 Sonny Fortune „Sunshower“

#216 Brass Construction „Talkin'“

#217 Stomu Yamashta „Rainsong“

#218 Eric Carmen „All By Myself“

#219 Hank Crawford „Sugar Free“

#220 Kazumi Watanabe „Sadness“

#221 Lenny White „Mating Drive“

#222 Rita Coolidge „Mean To Me“

#223 Dave Pike „I Love My Cigar“

#224 Gino Vannelli „Gettin' High“

#225 Carlos Garnett „Señor Trane“

#226 Betty Everett „Bedroom Eyes“

#227 Otis Rush „Cold Day In Hell“

#228 Freda Payne „Seems So Long“

#229 Hilton Ruiz „One For Hakim“

#230 Gary Wright „Dream Weaver“

#231 Kenny Burrell „Mood Indigo“

#232 John Klemmer „Waterwheels“

#233 Idris Muhammad „Pipe Stem“

#234 Kraftwerk „Ohm Sweet Ohm“

#235 Mongo Santamaria „Funk Up“

#236 Gilgamesh „Notwithstanding“

#237 Finnforest „Paikalliset Tuulet“

#238 Joe Cocker „The Jealous Kind“

#239 Caesar Frazier „Funk It Down“

#240 Graham Collier Music „Adam“

#241 Earth, Wind & Fire „Gratitude“

#242 The Rolling Stones „Hot Stuff“

#243 Phoenix „Pasărea Calandrinon“

#244 Airto „The Magicians (Bruxos)“

#245 Kool & The Gang „Jungle Jazz“

#246 Chuck Berry „I'm Just A Name“

#247 McCoy Tyner „Celestial Chant“

#248 Joni Mitchell „The Jungle Line“

#249 Maneige „Une Année Sans Fin“

#250 Hubert Laws „Inflation Chaser“

#251 Roxy Music „Love Is The Drug“

#252 Elvin Jones „On The Mountain“

#253 Supertramp „Sister Moonshine“

#254 Talking Heads „I Want To Live“

#255 Burning Spear „Marcus Garvey“

#256 The Crusaders „Chain Reaction“

#257 Agnes Strange „Highway Blues“

#258 Carly Simon „Attitude Dancing“

#259 Return To Forever „No Mystery“

#260 Hot Chocolate „You Sexy Thing“

#261 Isaac Hayes Movement „Vykkii“

#262 The Meters „Fire On The Bayou“

#263 Tina Turner „Bootsey Whitelaw“

#264 Milton Nascimento „Gran Circo“

#265 Owen Marshall „Electric Flower“

#266 Labelle „Messin' With My Mind“

#267 John Hiatt „Smiling In The Rain“

#268 Gene Harris „Koko And Lee Roe“

#269 Steve Hillage „The Salmon Song“

#270 Art Garfunkel „Waters Of March“

#271 Esther Phillips W/Beck „Oh Papa“

#272 Mark Murphy „On The Red Clay“

#273 Brother Ahh „Boundless Rhythm“

#274 Robert Palmer „Give Me An Inch“

#275 Jimmy Cliff „No Woman, No Cry“

#276 Ray Charles „Living For The City“

#277 Sonny & Linda Sharrock „Apollo“

#278 Peter Magadini „Five For Barbara“

#279 Hatfield And The North „Share It“

#280 Strawbs „Hanging In The Gallery

#281 The J. Geils Band „Orange Driver“

#282 Duke Jordan Quartet „Lady Linda“

#283 Yvonne Fair „Let Your Hair Down“

#284 The Blackbyrds „Rock Creek Park“

#285 Ohio Players „Sweet Sticky Thing“

#286 The Staples Jr. Singers „Too Close“

#287 The Who „However Much I Booze“

#288 Shirley Bassey „All In Love Is Fair“

#289 Clara Nunes „A Deusa Dos Orixás“

#290 Fleetwood Mac „Say You Love Me“

#291 Larry Coryell „Song For Jim Webb“

#292 George McCrae „It's Been So Long“

#293 Jimmy Giuffre Three „Tree People“

#294 Fermáta „Postavím Si Vodu Na Čaj“

#295 Baker Gurvitz Army „The Dreamer“

#296 Guru Guru „Sunrise Is Everywhere“

#297 Alvin Lee „Let The Sea Burn Down“

#298 The Kinks „No More Looking Back“

#299 Billy Preston „Do It While You Can“

#300 Ian Hunter „Once Bitten Twice Shy“

#301 Melba Moore „Sunshine Superman“

#302 Urszula Dudziak „Call Me Monday“

#303 Billy Paul „Let The Dollar Circulate“

#304 The Frankie Miller Band „The Rock“

#305 Steve Reid „Rocks (For Cannonball)“

#306 Peter Frampton „Show Me The Way“

#307 Four Tops „Let Me Know The Truth“

#308 Deep Purple „You Keep On Moving“

#309 Lee Konitz & Hal Galper „Windows“

#310 Roy Ayers Ubiquity „The Black Five“

#311 James Brown „Hustle!!! (Dead On It)“

#312 Dexter Gordon Quartet „Just Friends“

#313 Willie Nelson „Red Headed Stranger“

#314 The Rance Allen Group „The Painter“

#315 Melanie „I've Got My Mojo Working“

#316 Marvelous Band „Me Uno Me Douno“

#317 Ronnie Laws & Pressure „Tidal Wave“

#318 Minnie Riperton „Love And Its Glory“

#319 John Fahey & His Orchestra „Marilyn“

#320 The Leslie West Band „Dear Prudence“

#321 Wings „Venus And Mars / Rock Show“

#322 Pharoah Sanders „Love Is Everywhere“

#323 Don Pullen & Sam Rivers „Joycie Girl“

#324 Gary Burton Quintet „Dreams So Real“

#325 Allen Toussaint „Back In Baby's Arms“

#326 Diana Ross „One Love In My Lifetime“

#327 Joan Baez „Children And All That Jazz“

#328 Freddie Hubbard „Put It In The Pocket“

#329 The Fatback Band „Feed Me Your Love“

#330 Tom Waits „Emotional Weather Report“

#331 Pete Wingfield „Eighteen With A Bullet“

#332 Kevin Coyne „Sunday Morning Sunrise“

#333 Eddie Kendricks „Skippin' Work Today“

#334 Led Zeppelin „Nobody's Fault But Mine“

#335 Alan Silva & Frank Wright „Sound Of A“

#336 Johnny Hammond „Tell Me What To Do“

#337 Weather Report „Man In The Green Shirt“

#338 Jan Garbarek-Bobo Stenson Quartet „Bris“

#339 Richard "Groove" Holmes „Dumpy Mama“

#340 Norman Connors „Saturday Night Special“

#341 Mahavishnu Orchestra „All In The Family“

#342 Blue Öyster Cult „(Don't Fear) The Reaper“

#343 Nancy Wilson „If I Ever Lose This Heaven“

#344 Tom Scott & The L.A. Express „Love Poem“

#345 Michael Carvin Quintet „Kwebena's Blues“

#346 Paul Simon „50 Ways To Leave Your Lover“

#347 Jack DeJohnette's Directions „Stratocruiser“

#348 Black Sabbath „Am I Going Insane (Radio)“

#349 Rahsaan Roland Kirk „High Heel Sneakers“

#350 Jean-Luc Ponty „Question With No Answer“

#351 Emmylou Harris „Till I Gain Control Again“

#352 Rory Gallagher „Out On The Western Plain“

#353 Herb Ellis & Freddie Green „A Smooth One“

#354 Tony Oxley & Derek Bailey „Medicine Men“

#355 Bruce Cockburn „Lament For The Last Days“

#356 The Revolutionary Ensemble „Chinese Rock“

#357 Paolo Conte „La Ricostruzione Del Mocambo“

#358 George Benson „Theme From Good King Bad“

#359 Al Di Meola „Short Tales Of The Black Forest“

#360 Bruce Springsteen „Tenth Avenue Freeze-Out“

#361 The Doobie Brothers „Takin' It To The Streets“

#362 Don Ellis „Heroin (From French Connection II)“

#363 Barry White „If You Know, Won't You Tell Me“

#364 Brian Eno „Everything Merges With The Night“

#365 John Williams „Man Against Beast (From Jaws)“