Wie lange haben die Hunde den Mond angebellt, ohne dass er sein Schweigen gebrochen hätte.
[Gerhart Hauptmann »Einsichten und Ausblicke. Aphorismen«]
Nirgends rauschen die Laubwälder süßer und erquickender als am kahlen Strand, wo keine sind.
[Gerhart Hauptmann »Einsichten und Ausblicke. Aphorismen«]
Der Tösstaler
Am Vorabend hatte es bei meinem Bruder Erich ein Saufgelage gegeben. Es war so spät geworden, dass seine letzten Gäste bei ihm übernachtet hatten. Während ich im unbenutzten Bett des Kinderzimmers schlief, legte sich Sepp im Wohnzimmer auf den Spannteppich, wo er es sich auch in der darauffolgenden Nacht wieder bequem machen sollte.
An jenem Tag zwischen diesen beiden Nächten trieb ich mich mit Sepp im nahen Scherbenviertel herum. Wir waren, nachdem wir uns notdürftig gekämmt und gewaschen hatten, ohne zu frühstücken zur Bäckeranlage gegangen, wo das Restaurant Schönau bereits geöffnet worden war. Hier befand sich Sepp unter seinesgleichen. Unter lauter Trunkenbolden, von denen jeder schon die eine oder andere Entziehungskur angefangen und abgebrochen hatte. Einer von ihnen, ein hochgewachsener Mann mit schütterem Bart pflanzte sich, auf seine Krücke gestützt, neben unserem Tisch auf und fragte Sepp: «Was war gestern zwischen acht und elf Uhr abends? Mir fehlen drei Stunden!» Von Tisch zu Tisch humpelnd, hoffte er von jedem, den er in der fraglichen Zeit hätte getroffen haben können, Aufschluss zu erhalten.
Wäre ich an diesem Tag alleine unterwegs gewesen, so hätte ich es nie so lange in derselben Kneipe ausgehalten; ich hätte auch niemanden kennengelernt. In der Begleitung von Sepp wurde ich am Stammtisch der Schönau anstandslos aufgenommen, obwohl ich viel jünger war als die übrigen Gäste. Ich nahm zwar kaum an ihrer ohnehin schleppenden Unterhaltung teil, aber ich beobachtete sie aufmerksam. Diese Männer verdienten sich das Geld, das sie hier für Zigaretten und Bier ausgaben, als Gelegenheitsarbeiter. Man sah sie, wenn man mit dem Bus am Güterbahnhof vorbeifuhr, jeweils an der Hohlstrasse stehen, wo sie darauf warteten, von einem der Transportunternehmer abgeholt zu werden, der sie für ein paar Stunden dazu anstellte, sein Frachtgut an einer Rampe ein- oder auszuladen. Sogenannte Schwarzarbeit, für die man bar bezahlt wurde. Sepp schien die meisten von ihnen zu kennen, was jedoch nicht hiess, dass er mit einem von ihnen befreundet war. Jedenfalls schloss sich uns niemand an, als wir gegen Abend in die Räuberhöhle gingen.
Bis dahin dauerte es allerdings noch etliche Stunden, die wir teilweise in einer Art Dämmerzustand verbrachten. Sepp hatte von der letzten Entziehungskur, die er abgebrochen hatte, noch ein Fläschchen Pillen übrig, von denen er sich manchmal eine einwarf, um die Wirkung des Biers zu verstärken, das wir in einem fort tranken. Librium – eigentlich ein Mittel, das Bedürfnis nach Alkohol zu dämpfen. Dank dieses Tranquilizers wurde Sepp wenigstens nicht aggressiv, wenn ihm die Nase von jemandem missfiel. Hatte er sich nicht soeben noch mit jemandem angelegt, der neben ihm sass, einem knapp mittelgrossen Mann, der für einen Säufer noch ziemlich jung war? Strähniges Haar fiel ihm in die tief gefurchte Stirn, über die er dauernd mit der Hand wischte, als wollte er seinen benebelten Kopf freibekommen. Er versuchte sich an den Namen des Westernstars zu erinnern, über dessen Filme er zu reden begonnen hatte. «Audie Murphy?», fragte ich. Offenbar war dies einmal sein Idol gewesen. Sepp, der nur auf eine Gelegenheit gewartet zu haben schien, um ihn herunterzumachen, sagte, das sei doch so ein falscher Hund gewesen wie er; der habe immer Schurken gespielt, ein schmieriger Typ… «Du bist auch so einer, das habe ich dir auf den ersten Blick angesehen.» Ein Geplänkel, aus dem kein handfester Streit wurde, weil der andere sich nicht darauf einliess. Abgesehen davon, dass das Librium zu wirken anfing…
Mir gegenüber sass ein Mann mit dröhnender Stimme, der Konrad hiess. Eine imposante Erscheinung, lehnte er sich weit zurück, um seinem Bauch Platz zu verschaffen. Er hatte langes dunkles Haar und einen grauen Vollbart. Wenn er zu sprechen anhob, verstummten alle um ihn herum. Ihre Blicke hingen gebannt an seinem Mund, dem sich die Worte, die er mit ausholenden Gesten unterstrich, nur widerstrebend entrangen. Sein Gesicht zuckte krampfhaft beim Sprechen, als würde es ihn übermenschliche Anstrengung kosten, einen Satz zu bilden. Aber so sehr er sich auch bemühte, es kam nicht viel dabei heraus; der ganze Aufwand an Mienen und Gebärden war insofern vergeblich, als er einen nicht über die Tatsache hinwegzutäuschen vermochte, dass er kein grosser Redner war. Trotzdem hinterliessen seine Worte einen bleibenden Eindruck, zumindest bei mir. Allerdings ist es hinterher schwer zu sagen, ob sie wirklich die Bedeutung hatten, die ich ihnen beimass.
Wenn Konrad lachte, wabbelte nicht nur sein Bauch, es schüttelte ihn von Kopf bis Fuss. Traf er auf dem Weg zur Toilette mit einem Bekannten von einem der anderen Tische zusammen, so drehte er sich, wenn er ein paar Worte mit ihm wechselte, wie ein Tanzbär um sich selber. Was hatte er eigentlich gesagt, bevor er aufgestanden war? Er hatte, genau genommen, doch blosse Satzfetzen ausgestossen, wie zum Beispiel: «Ich bin ein alter Tösstaler! Ich weiss, wo das Haus meiner Eltern steht… Mehr braucht es ja nicht…» Je länger ich über diese Gedankenbruchstücke nachsann, umso klarer wurde mir, dass ich mich nicht von Konrads Onemanshow hatte blenden lassen; nein, sie ergaben durchaus einen Sinn. In dem Tagebuch, das ich in jener Zeit führte, verglich ich seinen scheinbar sinnlosen Wortschwall sogar mit einem der Kernsätze von Gerhart Hauptmann. Dem Satz, den der Dichter in seinem Drama «Die Weber» einem Lumpensammler in den Mund gelegt hatte: «A jeder Mensch hat halt a Sehnsucht.» Und wo lag das Ziel dieser Sehnsucht, wenn nicht dort, wo man hergekommen war? Zu Hause? Auch wenn alle einen anderen Namen für dieses Ziel hatten, so waren sie sich doch einig darüber, wo sie es finden würden: dort, wo sie herkamen. Für Konrad stand der Name dafür fest; es war der Name seines Geburtsortes in der Ostschweiz. Gewiss war er seit Jahrzehnten nicht mehr dort gewesen, wo sein Elternhaus gestanden hatte. Es wäre ihm in der Zwischenzeit mehr als einmal möglich gewesen, einen Fahrschein nach Winterthur zu lösen und den Ort aufzusuchen, an dem er zur Welt gekommen war. Aber inzwischen wohnten wohl andere Leute in dem Haus, sofern es überhaupt noch stand. Er war seiner Heimat näher, wenn er sie so in Erinnerung behielt, wie sie früher gewesen war. Am nächsten fühlte er sich ihr vielleicht, wenn er abends, in sich selbst versunken, vor der letzten Flasche sass und an seinem Stumpen sog, ohne zu wissen, ob er sich nun in dieser oder in jener Kneipe befand, in der Räuberhöhle, im Werkhof oder in der Schönau.
Schon jetzt sank dem einen und dem anderen der Trinker das Kinn auf die Brust; vergeblich gegen den Schlaf ankämpfend, gaben sie es schliesslich auf und legten die Wange auf ihre Arme, die sie auf dem Tisch verschränkt hatten, um ein Nickerchen zu machen. Erst mittags, als einige Arbeiter aus der Kälte hereinkamen und sich von der Kellnerin die Speisekarte reichen liessen, wurden sie wieder munter. Auch ich bestellte mir ein Menü; wusste ich doch, dass man mit leerem Magen nicht viel vertrug. Wie Sepp es hielt, weiss ich nicht mehr. Nach dem Essen rief ich in der Telefonkabine Marianne an, die einen der Tage hatte, an denen sie im Bett blieb. Dass ich an einem solchen Tag nichts von mir hören liess, ging nicht an; schliesslich wusste man nie, ob sie überhaupt noch lebte; man musste jeweils mit allem rechnen. Ich sagte ihr, ich hätte bei Erich übernachtet, würde aber heute Abend wieder nachhause kommen. Bis dahin sollte ich mit Sepp noch ein paar weitere Lokale abklappern.
Gegen Abend landeten wir, wie hätte es auch anders sein können, in der Räuberhöhle. Aus der Dunkelheit kommend, blendete uns das elektrische Licht in der vollen Gaststube. Wir setzten uns nach hinten und schauten uns um. Sepp nannte mir die Namen einzelner Gäste, die mir auffielen, und konnte mir über jeden von ihnen etwas erzählen – Einzelheiten, die ich später literarisch zu verarbeiten gedachte. Diese Spelunke, die eigentlich Tessinerkeller hiess, wurde nicht umsonst Räuberhöhle genannt. Manchmal mischte sich ein Zivilpolizist unter die Gäste, der einem mutmasslichen Straftäter auf den Fersen war. Ein junger Bursche, der nicht so aussah, als würde er auf der Fahndungsliste der Kripo stehen, aufgeregt, die Haare zerzaust, trat an unseren Tisch und nahm, kaum war ein Stuhl frei geworden, Platz. Er schien ein dringendes Anliegen zu haben, mit dem er sich nicht an jeden gewandt hätte. Nachdem er ein Fläschchen Coca Cola bestellt hatte, rückte er mit der Sprache heraus. Er brauchte noch heute einen Ersatz für den Führerschein, der ihm für einstweilen entzogen worden war. Gewohnt, am Freitagabend auf der Autobahn mit Vollgas drauflos zu fahren, litt er an Entzugserscheinungen. Ein Raser…
Da war er bei uns gerade an die Rechten geraten, wo wir doch beide noch nie ein Fahrzeug gelenkt hatten. So sehr es uns ehren mochte, dass er uns ins Vertrauen gezogen hatte, wir konnten ihm nicht helfen. Sepp unternahm immerhin den Versuch, ihn von seiner fatalen Sucht abzubringen, indem er ihm empfahl, zu saufen statt zu rasen. «Du bist ein Alkoholiker, du hast es nur noch nicht gemerkt. Du bist wie ein Vergifteter hinter etwas her und glaubst, du hättest es beim schnellen Autofahren gefunden. Damit gefährdest du nicht nur dein eigenes Leben, sondern auch das der anderen Verkehrsteilnehmer. Du meinst, es sei die Geschwindigkeit, was du brauchst, dabei ist es der Alkohol. Probier es nur mal aus», sagte er und hielt ihm herausfordernd sein Glas hin, «dann siehst du es selbst.» Der Junge schüttelte unbeirrbar seinen Kopf. Vielleicht würde er eines Tages, falls er nicht vorher tödlich verunglückte, noch einsehen, dass Sepp recht gehabt hatte. So dachten wir für uns.
Man konnte über Sepp Koller sagen, was man wollte, eines musste man ihm doch lassen: Er hatte in all den Entziehungskuren, die er abgebrochen hatte, gelernt, dass die Sucht einem nur als Ersatz für etwas anderes diente. Etwas, für das auch Sex womöglich nur ein Ersatz war.