Freitag, 10. September 2021

Bzw. ۲۵۳ [»Erinnerungen an Kabul« von Tamana Amanzada]

 


[»Prisoners of the Time Machine« - Lorena Kirk-Giannoulis]


العُيون هي نوافذ الروح

[Khaled Hosseini »The Kite Runner« (2003)]




[»Char-e-kar« - چاریکار - Tamana Amanzada]




I have heard it said we are the uninvited.
We are the unwelcome.
We should take our misfortune elsewhere.
But I hear your mother's voice,
over the tide.
and she whispers in my ear,
"Oh, but if they saw, my darling.
Even half of what you have.
If only they saw.
They would say kinder things, surely.”

[Khaled Hosseini »Sea Prayer« (2018)]




 کابل


Ich heiße Tamana und bin in Kabul, Afghanistan geboren. Ich kann mich zwar nicht so gut an meine Kindheit erinnern, aber es gibt einige Ereignisse, an die ich mich so gut erinnern kann, als wären sie gestern passiert. Diese Erinnerungen sind leider nicht schön. Ich kann mich zum Beispiel sehr gut daran erinnern, wie mein Bruder mein Auge verletzte und meine Mutter mich nicht zum Arzt oder ins Krankenhaus bringen konnte. Mein Bruder und ich spielten sehr gerne mit dem, was wir gerade bei uns hatten. So haben wir beispielsweise im Winter immer mit den Streichhölzern gespielt, die stets griffbereit in der Nähe des Kamins lagen. Mein Bruder hat eines Tages ein Streichholz am Kamin angezündet und damit mein Auge verletzt. Ich dachte, ich sei blind geworden, da ich meine Augen nicht mehr öffnen konnte. Ich kann mich immer noch sehr gut an den Schmerz erinnern und wie ich den ganzen Tag geweint habe. Meine Mutter war einfach hilflos und konnte mich nicht zum Arzt bringen, da sie Angst vor den örtlichen Taliban hatte, die immer noch aktiv waren. Krankenwagen oder ein Notarzt, den man anrufen könnte, gab es nicht. Wir mussten warten, bis mein Vater nach Hause kam und mich zum Arzt brachte. Die Frauen trauten sich nicht allein rauszugehen. Mein Vater kam aber sehr spät von der Arbeit. Es war schon dunkel und die Straßen waren absolut nicht mehr sicher. Mein Vater nahm mich in die Arme und brachte mich dazu, dass ich meine Augen aufmachte. Ich öffnete meine Augen und ich konnte zum Glück alles ganz normal sehen. Er schmierte meine Augenlider mit Salbe ein und ich fühlte mich schon viel besser. Dieses Ereignis ist mir so stark in Erinnerung geblieben, weil mir dadurch immer wieder klar wird, wie hilflos wir waren. Ich frage mich, was wohl mit den Familien passiert ist, bei denen alle Männer infolge des Krieges verstorben waren, denn die Frauen waren in ihren eigenen Häusern eingesperrt. Mit der Zeit nahm der Einfluss der Taliban zwar immer mehr ab, sodass auch Mädchen die Schule besuchen konnten, aber sie waren trotzdem im Verborgenen aktiv und sorgten dafür, dass die Bevölkerung weiterhin in Angst und Schrecken lebte. Die meisten von ihnen trauten sich zwar nicht mehr, vor aller Augen die Bevölkerung zu unterdrücken, aber sie hatten neue Methoden wie Selbstmordattentate oder spontane Angriffe. Ich kann mich sehr gut daran erinnern, wie ich in der Schule im Unterricht war und wir plötzlich einen lauten Knall hörten. Wir hatten Kunstunterricht, was damals mein Lieblingsfach war. Alle waren mit Malen beschäftigt und wir hörten diesen furchtbar lauten Knall. Wir schauten unsere Lehrerin an und sie wusste zu diesem Zeitpunkt auch nicht, was passiert war und wie wir uns am besten verhalten sollten. Sie sagte, dass wir den Klassenraum verlassen müssten. Wir verließen den Klassensaal und im Flur rannten alle hin und her, quer durch das ganze Schulgebäude. Einige Schülerinnen weinten, andere wiederum schrien, weil der Knall so laut war und man Schüsse hören konnte. Viele dachten, dass nun auch unsere Schule angegriffen werden würde. Ich hingegen war einfach sauer, dass wir deswegen den Kunstunterricht abbrechen mussten, weil ich jedes Mal die ganze Woche ungeduldig auf meine Lieblingsstunde wartete. Ich wollte nur weitermalen und mein Bild fertigkriegen. Irgendwann fiel mir auf, dass unsere Lehrerin nicht mehr da war. Sie war fortgelaufen und versuchte ihre Familie zu erreichen, da diese in der Nähe wohnte. Eine Schülerin kam zu mir und setzte sich neben mich. Ihr Gesicht war sehr blass und ich fragte sie, ob alles in Ordnung sei. Sie sagte Nein, ihr Vater habe sie nicht angerufen, obwohl er das versprochen hatte. Sie war sehr besorgt, weil ihrem Vater ein Laden in der Nähe gehörte und er dort immer zusammen mit ihrem Bruder war. Ich versuchte sie ein wenig zu trösten, aber sie bekam einfach keinen Anruf. Unsere Kunstlehrerin war wieder da und sagte, dass wir wieder in die Klasse gehen sollten. Wir folgten ihr, aber die Schüsse waren immer noch da. Wir mussten etwas länger in der Schule bleiben als sonst. Als die Schule vorbei war und wir nach Hause gehen konnten, sah ich auf dem Weg dorthin sehr viel Blut und Glasscherben auf der Straße. Überall waren Polizisten und Soldaten. Es war klar, dass die Taliban wieder eine Militärkolonne angegriffen hatten. Das Gebiet um meine Schule herum war abgesperrt, sodass es niemand von außen betreten konnte. Deshalb mussten wir alle alleine nach Hause laufen. Als ich endlich zu Hause angekommen war, sah ich, wie meine Mutter heulend auf der Treppe saß und auf mich wartete. Wir gingen rein und es zählte nur noch, dass es mir gut ging. Ich habe danach die Schülerin, die mit blassem Gesicht neben mir saß, sehr lange nicht mehr gesehen. Als ich sie einige Zeit später traf, erzählte sie mir, dass ihr Vater und ihr ältester Bruder an jenem Tag bei dem Anschlag ums Leben gekommen seien. Die Taliban feuerten zunächst mit einer Rakete und danach griffen sie die Militärkolonne mit Schusswaffen an. Infolge des Raketenangriffs waren sehr viele Zivilsten ums Leben gekommen, darunter auch der Vater und der Bruder der Schülerin. Ich kann es nicht in Worte fassen, wie traurig ich war, aber das war der Alltag dort.

Meine Familie hatte, Gott sei dank, sehr oft großes Glück. Es gab einmal sogar einen Angriff, der unmittelbar über unseren Dächern stattfand. Wir schliefen alle und plötzlich knallte es schrecklich laut. Alle Fenster zerbrachen und überall in unserer Wohnung lagen Glasscherben, sogar auf unseren Schlafdecken. Wir versteckten uns alle im Keller und meine Schwester und ich umarmten meinen Vater sehr fest, da wir bei ihm Schutz suchten. Die Taliban liefen sogar über unsere Dächer und führten den Angriff. Der Angriff dauerte sehr lange, weil die Polizisten und die Soldaten zivile Opfer vermeiden wollten. Wir konnten die ganze Nacht nicht mehr schlafen. Es wurde hell und irgendwann hörte alles auf. Eine Durchsage der örtlichen Polizei besagte, dass sie die Terroristen nun besiegt und in Gewahrsam hätten. Am Ende des Tages war uns nur wichtig, dass uns nichts zugestoßen war. So war unser Leben. Wir mussten jeden Tag beten und aufpassen, dass wir den Tag überlebten und uns nichts passierte.

Für mich war all dies so unglaublich, denn wie, so fragte ich mich, konnten Menschen bereit sein, andere unschuldige Menschen zu verletzen oder gar umzubringen. Das Leben in Afghanistan ist nicht so leicht. Wir hatten nicht nur Angst vor Explosionen, sondern schon als Mädchen wurden wir draußen von anderen Männern belästigt, sogar von Polizisten. Es spielte keine Rolle, ob man mit einem Kopftuch oder einer Burka rausging. Daher mussten wir als Mädchen ständig zu Hause bleiben und wir konnten nur mit unseren Eltern rausgehen. Es war uns aufgrund der Belästigungen, die die Mädchen erfuhren, weder möglich draußen zu spielen noch ganz normal einkaufen zu gehen. Manchmal wünschte ich mir, ich wäre als Junge geboren worden, denn als Junge hätte ich wenigstens die Freiheit gehabt, draußen spielen zu gehen, ohne dass mich jemand belästigt. Meine Schwester und ich waren immer zu Hause, während meine Brüder ganz normal rausgehen und spielen durften. Ich wollte auch immer draußen spielen oder im Laden um die Ecke Süßigkeiten kaufen gehen, jedoch sollte ich immer zu Hause bleiben, da ich aufgrund meines Geschlechts vor Belästigungen geschützt werden musste. So wie meine Kindheit als Mädchen in Afghanistan war, wünsche ich sie keinem Kind auf dieser Welt. Ich wünschte, ich hätte auch eine schöne Kindheit gehabt, eine Kindheit mit allen Freiheiten, die ein Kind braucht und genießen soll.

Meine Mutter wollte einmal jemanden besuchen gehen und sie nahm mich mit. Ich war sechs oder sieben Jahre alt und ich freute mich jedes Mal, wenn man mich irgendwohin mitnahm, egal wohin, Hauptsache ich konnte mal raus aus den eigenen vier Wänden. Wir hatten ein Taxi genommen und ich trug kein Kopftuch, da ich noch ein kleines Kind war. Der Taxifahrer schaute mich an und fragte mich, wie alt ich sei. Ich schaute meine Mutter an und meine Mutter beantwortete seine Frage. Der Taxifahrer fragte mich daraufhin, warum ich kein Kopftuch trage, da ich nun erwachsen sei und ein Kopftuch tragen müsse. Ich war schockiert, dass ich in seinen Augen schon so alt war, dass ich ein Kopftuch tragen sollte. Ich dachte, er wäre einer von den Taliban und würde mich gleich bestrafen oder umbringen, weil ich kein Kopftuch trug. Meine Mutter war ebenfalls besorgt, da mein Vater nicht dabei war. Ich wollte dem Taxifahrer sagen, dass ich noch nicht zur Schule gehe und, sobald dies der Fall wäre, zu meiner Schuluniform immer ein Kopftuch tragen würde. In Afghanistan müssen die Schüler eine Schuluniform tragen. Für die Mädchen bestand die Schuluniform aus einem schwarzen Mantel mit weißem Kopftuch. Doch bevor ich das sagen konnte, sagte meine Mutter dem Taxifahrer, dass ich mein Kopftuch vergessen hätte mitzunehmen, da wir in Eile waren und außerdem sei das nicht so schlimm, da ich noch jung und nicht einmal schulreif sei.

Als wir aus dem Taxi ausgestiegen waren, kaufte mir meine Mutter sofort ein Kopftuch und sagte, dass ich von nun an immer ein Kopftuch tragen müsse, was ich fortan auch tat.

Da ich bereits so früh ein Kopftuch tragen musste, wusste ich sehr lange nicht, dass ich so volle, voluminöse und lockige Haare habe, denn ich hatte meine Haare immer fest zusammengebunden, sodass die Locken nicht einmal meiner Mutter auffielen.

Ich will damit nicht den Eindruck erwecken, dass ich das Kopftuch gehasst habe oder hasse. Ich hasse nur die Tatsache, dass man uns nicht die Gelegenheit gab, das Kopftuch aus eigener Überzeugung zu tragen. Durch das Tragen eines Kopftuchs sollten wir Mädchen vor bösen Männern geschützt werden. Das Kopftuch hatte damit weder einen religiösen Zweck noch hatte es irgendetwas mit dem eigenen Charakter beziehungsweise mit der freien Entfaltung der eigenen Persönlichkeit zu tun. Durch diese Erfahrung kann ich eines bis heute nicht verstehen: Die Männer verhalten sich unmoralisch, verstoßen gegen die guten Sitten und belästigen die Frauen, aber als Reaktion darauf müssen wir Frauen uns verstecken, unsere Freiheiten aufgeben und unseren Handlungsspielraum einschränken. Ich fragte mich schon damals als Kind, warum man solche Männer nicht bestraft, anstatt die Mädchen dazu zu zwingen, dass sie sich verstecken, ihre Freiheiten aufgeben und ihren Handlungsspielraum massiv einschränken. Diese Vorgehensweise bedeutet doch nur, dass unser Geschlecht ein Problem darstellt, da wir naturbedingt aufgrund unseres Geschlechts körperlich schwächer sind als die Männer. Wir können doch nichts dafür, dass wir als Mädchen geboren sind. Es sind doch die Männer, die sich falsch verhalten, daher sollte man eher sie bestrafen und nicht uns, da wir nicht die Ursache des Problems sind! All diese Gedanken hatte ich während meiner gesamten Kindheit ständig in meinem Kopf. Außerdem waren wir nicht einmal in unseren eigenen vier Wänden sicher, denn zu Hause hatte man ständig Angst, dass eine Bombenexplosion das eigene Haus treffen könnte. Ich kann mich gut daran erinnern, wie an einem Feiertag eine Bombe etwas weiter weg von unserem Haus explodierte und wir durch die Nachrichten davon erfuhren. Es war ein ganz normaler Tag und wir saßen alle am Tisch und aßen zusammen; der Tag war friedlich, bis wir den Fernseher einschalteten. Es war für mich unbegreiflich, dass in ein und derselben Stadt einige Menschen um ihr Überleben kämpfen mussten oder verletzt auf der blutigen Straße lagen, während wir ganz normal zu Hause waren und innerhalb unserer eigenen vier Wände die Welt ganz friedlich und normal schien, so als wäre nichts Schlimmes geschehen. Ich glaube, wir hatten uns einfach daran gewöhnt und daher hatten wir keine Angst mehr.


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