Freitag, 20. Februar 2026

Z. Z. LXIV [»An unseren Taten soll man uns bemessen XV« (2026)]

 


[»Metzgerverkaufsstand mit Flucht nach Ägypten«, Pieter Aertsen (1551)]



Omnia mutantur, nihil interit

[»Metamorphoses«, Publius Ovidius Naso (~ 1 - 8)]




[»Marktszene«, Pieter Aertsen (1569)]





An unseren Taten soll man uns bemessen



An der Weise, wie jemand etwas tätigte, offenbarte sich sein Verständnis des Vorgangs, das Schließen einer Tür, das Schalten der Gänge beim Autofahren, wie man kochte, aß, zu Bett ging, was auch immer. Ob es je anders war, in die meisten Dinge, die wir heutzutage verrichteten, besaßen wir nur wenig Einsicht. Das lag daran, wie technisiert unsere Lebenswelt geworden war.

Sehr waren wir dazu verurteilt, uns auf die Oberfläche eines Tuns oder Vorgangs zu beschränken, wie das Kinder tun, deren Verständnis im Spiel nachahmend nur wenig in die Tiefe reicht. Erst nach und nach kamen sie zu einem Handeln aus Gründen heraus, also einem Verständnis von Voraussetzung und Folge. Wer aber besaß selbst bei den alltäglichsten Vorgängen Einsicht in das, was eigentlich vor sich ging? Vielmehr blieb ihm nichts anderes als wie ein Kind bestimmte Verrichtungen nachzuahmen, sich damit zufrieden gebend, dass sich das erwünschte Resultat mehr oder weniger einstellte.

Damit einhergehend hatten sich, ohne dass wir es je bemerkten, unsere Zielsetzungen geändert. Mobilität, vorzugsweise mit dem Auto, wurde in einer Weise verfügbar, wie man sich das vor einer Generation nicht im Geringsten hätte vorstellen können. Kaum eine Strecke, die wir nicht autofahrenderweise zurücklegten! Schon die Wahl eines Zieles war autoförmig geworden. Es würde ein Ort sein, der über einen Parkplatz verfügte. Der Weg dorthin war fast völlig dem Gebrauch durch das Auto unterworfen, geglättet, gehärtet, markiert, beschildert, flankiert durch Leitplanken, beleuchtet. Querung unter Missachtung eines nahenden Wagens bedeutete Lebensgefahr. Tiere, die wohl Wege kannten, nicht aber Straßen, stellten eine Gefahr dar, vor der gewarnt wurde, gegen die Zäune errichtet, Reflektoren installiert wurden um sie abzuschrecken. Kleintiere lagen da, niedergewalzt und mit aufgerissenen Leibern. Man würde sie wegschaffen, eine Aufgabe der Straßenwacht, die die Kadaver irgendwo hinbrachte, wo man sie verbrannte. Als die Luft noch reiner war, klebten zu Tausenden die Insekten auf Kühler und Windschutzscheibe. Bald tötete sie bereits die verpestete Luft, der verpestete Boden, auf dem die Kräuter nicht mehr wuchsen, von denen sie sich nährten. All dies stellte eine alltägliche Normalität dar, weil sie sich einfach daraus ergab, wie wir mobil waren. Der Buddhist mit seinem Besenchen, der den Weg vor sich fegt aus Furcht, einem kleinen Lebewesen etwas zuleide zu tun, an Weltfremdheit nicht zu überbieten. Bei alledem das Hantieren mit Schaltern und Hebeln, deren Funktionsweise uns in keiner Weise interessierte. Die Scheibe sollte allerdings gewischt sein, die Straße ausgeleuchtet, der Innenraum temperiert, im Radio die Musik, von der wir allerdings auch nichts verstanden, außer dass wir sie mochten und wir sie jedenfalls nach Belieben spielen lassen oder ausschalten konnten.

Wenn man vor ziemlich genau einhundert Jahren eine junge Frau war und sich dagegen empörte, was für ein Platz einem deswegen in der Gesellschaft zugewiesen war, dann wurde die Luft bald sehr dünn. Ja, man hatte eine höhere Schule besuchen dürfen, gehörte zu den Mädchen im Ort, die Klavierstunden bekamen. Man war vergleichsweise so etwas wie eine höhere Tochter, nicht wie die wirklich reichen Leute, aber im Falle Katharinas die immerhin eines Bergingenieurs. Das Klavier stand in einem Esszimmer, wo der Vater bei den Mahlzeiten am Kopfende des schweren Esstisches als Familienoberhaupt residierte. Die Brüder, beide noch auf der Bergschule, mit wassergescheiteltem Haar, gaben sich oberhalb der Tischplatte betont seriös, während sie, nebeneinander sitzend, unter dem Tisch nach einander traten, wobei es darauf ankam, essend und mit dem Vater Konversation treibend keine Miene zu verziehen. An friedlicheren Tagen spielten sie stattdessen eine Art Untertischfußball mit einem zum Ball zusammengeknüllten Papier, wobei sie die Schuhe abgestreift hatten. Daraus ergab sich ein weiterer Kampf, nämlich der des Schuhversteckens, am gewagtesten so, dass ein Schuh unter den Stuhl des Vaters bugsiert wurde, oder einsam glänzend wie ein Schiff auf dem Ozean des Esszimmerteppichs dem Vater im Weg war, wenn der mit Zeitung und Zigarre bereit war, sich aus dem Kreis der Familie zurückzuziehen.

Ha, ha, ha“, ja, er sei an der Reihe, wenn's ihn nicht störte ... - „Ach so, die Zigarette“, nein, er hatte ja selber gerade eine ausgemacht.

In dem Salon wurde geraucht, und einen kleinen Kaffee bekam man auch, sogar mit einem Plätzchen, während man wartete. Auch die Mädchen rauchten, es sei denn, eine Kundin hatte etwas dagegen. Das Radio brachte die Charts, die Fotografien an den Wänden zeigten die muntere Popwelt jener Dekade. Jeder konnte sich in solch ein Mädel aus der Schlagerwelt verwandeln lassen. Die eine oder andere ältere Frau unter ihrer Trockenhaube mochte sich durchaus vorstellen, dass sie sich, wäre sie nur jung genug, in einen dieser sanften Jünglinge der Fotos verlieben würde. Die Männer ihrer Generation waren wahre Raubeine gewesen. Dass jetzt auch die Mädchen in aller Öffentlichkeit rauchten, und sogar hier bei der Arbeit, daran schieden sich dann doch die Geister. Ihre Dauerwelle hatte neulich eine ganz Schnippische dieses Stinkzeug genannt. Kein Wunder, dass die ältere Kundschaft nach und nach ausblieb!

Das Rathaus hatten sie hier am Marktplatz neu gebaut. Im Saal im ersten Stock brannten die Kronleuchter um diese Zeit, wohl weil die Putzfrauen zugange waren. Es waren moderne Kronleuchter aus Messing, Trompetenblech, wie die Leute sagten. Statt der Kerzen, die ja Kerzenbirnen, also Glühlampen, waren, gab es jetzt Leuchtstoffröhren, von denen pro Lampe einige in schräger Position ringsum angeordnet ihr mehr als taghelles Gleißen in die Trübnis dieses Nachmittags hinaussandten, an dem es nun zwar nicht mehr regnete, aber das Saallicht kräuselte sich in schmutzigen Pfützen von Straße und Platz. Nacheinander wurden die Lampen jetzt, da Albin vorüberging, gerade gelöscht. Ein solches Rathaus war ohnehin wohl die meiste Zeit leer, von den Amtsstuben der Vorderseite und der Post im Keller einmal abgesehen. Im Hof wurden die Feuerwehrautos geputzt, aber dorthin durfte man nicht. In den muffigen Keller schon. Da hatte die Mutter ihn ein paarmal hin mitgenommen, denn hier bekamen die Witwen und andere arme Leute ihr Geld. Ein einbeiniger Mann mit einem Goldzahn humpelte hinter seinem vergitterten Fenster zwischen Rollschränken und einem groben Tisch, der in der Mitte seines Kabuffs stand, einher. Am meisten beeindruckte Albin, wie der Stempel auf das Formular gehauen wurde. Gestochen scharf prangte der dann violettbläulich auf dem Zettel, den die Mutter zusammen mit dem Geld in ihre Börse stopfte. Der bittere Geruch der Tinte mischte sich mit dem des gebohnerten Linoleums und dem Dunst der feuchten Stufen, die im Rathausturm in diese Unterwelt und wieder hinaufführten. Eine schwere Tür mit ihrem Türschließer knallte hinter einem zu.

Unter den Freunden war Berthold derjenige, der am wenigsten hierher passen wollte, auf die Eckbank dieser Küche, wo er seinen Kaffee bekam. Nein, der Albin sei noch nicht da. Um diese Zeit sowieso noch nicht. Hatte er denn heute früher kommen wollen? Nein, nein, sie seien auch gar nicht verabredet. Ihm sei nur zu Hause die Decke auf den Kopf gefallen. Und da hatte er gedacht, er könnte mal auf einen Sprung ..., der Kaffee sei übrigens dufte! „Ich trinke ihn am liebsten ein wenig abgestanden.“ Der Kuchen war auch nicht mehr ganz frisch, aber natürlich selbstgebacken. „Eben“, sagte Berthold, „Frau Wagner, das ist doch etwas ganz anderes.“ Darin war man sich einig, gekaufter Kuchen aus der Konditorei, daran sah man, dass es hopp hopp gehen musste, als ob alles mit Geld zu machen sei.

Berthold selber war aus besserem Hause, worunter sich die Leute weiß Gott was vorstellten, Albins Mutter so halb auch. Allerdings hatte sie als junges Mädchen in einem Arzthaushalt gearbeitet. Da hatte sie sehen können, dass die Bessergestellten auch ihre liebe Not hatten. Es wurde eben überall bloß mit Wasser gekocht, das heißt, gekocht hatte ja normalerweise sie. „Grete, wenn du kochst, dann schmeckt es mir am besten“, hatte der Doktor gesagt. Es war sonderbar, den feinen Leuten gefielen die einfachen. Und die einfachen Leute hatten von ihresgleichen genug, der Berthold gefiel ihr, wie er dasaß mit seinem feinen Pullover und dem Hemd. Dass die jungen Männer jetzt die Haare länger trugen, sah gar nicht verboten aus, wie es immer hieß. Vielleicht ein wenig mädchenhaft, aber der Berthold war schon auch ein richtiger Mann, studierte sogar Elektroingenieur und arbeitete bereits ein wenig, und zwar in der Firma, wo Albin seine Lehre gemacht hatte.

Die Mutter brachte von Zeit und Zeit einen Freund mit nach Hause. Man musste nicht Onkel sagen, komisch war es aber, einen fremden Erwachsenen beim Vornamen zu nennen. Auch kam es selten zu Wiederholungen des Besuchs ein und desselben dieser Freunde, deren Namen Albin sich zu merken versuchte. Ob denn der Herr Jakob heute wiederkomme? Nein, der Jakob komme überhaupt nicht mehr. War der böse gewesen? Die Mutter hatte sich wohl über ihn geärgert, sie machte so ein Gesicht, besser, man fragte nicht weiter. Dafür kam ein Herr Erhard, mit dem es ein ziemliches Theater gab, denn er wollte es sich angewöhnen, ganze Tage in Mutters Bett zuzubringen, wo er Zigaretten rauchte, die Zeitung las und nach Bier verlangte. Das Gepolter der Mutter nebenan in der Küche mit dem Geschirr störte ihn, auch das Geratter der Nähmaschine. Die Mutter musste immer etwas hinzuverdienen. Da platzte ihr dann einmal der Kragen. Ja, beim Arbeiten käme es zu Geräuschen. Das würde bei ihm nicht anders sein, wenn er denn je einmal sehen würde, was es da zu tun gibt, wo man seinen Teller leer frisst und seine Socken herumfahren lässt. Aha, so sei das also. Das habe er sich schon gedacht, und zwar von Anfang an, und nur sehen wollen, wie lange es gut geht, da, wo man nichts zu sagen hat!

Da hatte die Mutter schon einiges zusammengerafft, was von diesem Erhard herumlag. Der machte einen Satz aus dem Bett, denn er hatte schnell begriffen, dass sie imstande war ihm alles zur Tür hinaus auf die Straße zu schmeißen. Da würde er dann in Socken auf einem Bein hüpfend in die Hosen fahren in seinem ewigen Unterhemd. Gardinen würden diskret zur Seite gezupft, bei Geschrei und Gepolter gab es immer interessierte Augen der lieben Nachbarinnen. Albin war ein armes Kind, wo ja auch der Vater so früh gestorben war. Nein, der Herr Erhard würde jedenfalls auch nicht wiederkommen. Die Mutter weinte jetzt, dabei hatte sie ihn doch loswerden wollen, also weinte sie aus Zorn, da konnte man sie nicht trösten. Albin fummelte an irgendetwas herum, eine Bastelei, am liebsten etwas mit ein paar Drähten und einer Batterie, die noch nicht ganz leer war. Diese Freunde der Mutter waren ihm egal. Wenn das Bett auf seiner Seite komisch roch, rückte er auf die Seite der Mutter. Am nächsten Tag hatte sie den Bezug gewaschen. Der hing dann in der Küche über dem Ofen und war am Abend einigermaßen trocken. Worte wurden darüber nicht gewechselt.

Das Bratkartoffelverhältnis war in jenen Jahren die gängige Einrichtung des Erhalts der kargen Witwenrente. Da die Mutter nun schon einigen sich parasitär aufführenden Gesellen Paroli geboten hatte, war ihr umso klarer, dass sie das Heft in der Hand behalten musste, was an erster Stelle bedeutete, den eigenen Herd als Goldes wert zu verteidigen. Einen Kostgänger ließ das Sozialamt durchgehen, vorausgesetzt, man teilte sich nicht dauerhaft Tisch und Bett! Das teilte die Mutter sich nun nachweislich mit Albin. Nicht einmal ein Sofa in der Küche gab es, wo hätte ein Zehnjähriger also schlafen sollen, in der Besucherritze etwa, zwischen der Mutter und ihrem Galan?

Natürlich redeten die Nachbarn, aber man ließ sie nicht über alles reden, wenn das Konsequenzen hätte nach sich ziehen müssen, die man nicht wünschte. Manches war nun einmal nicht aus der Welt zu schaffen, und solange die Leute einigermaßen selber klarkamen, war es das beste, die Dinge laufen zu lassen, wie sie eben liefen. Ein Jugendamt, das sehen wollte, dass ein kleiner Junge am Nachmittag herumstreunte, sollte es noch lange nicht geben.

Nun brachte die Mutter schon seit einiger Zeit diesen Karl Ludwig mit nach Hause. Das heißt, er brachte sie. Und zwar stieg sie unter Gardinenrücken aus seinem VW-Käfer, ja er sprang sogar heraus, lief um den Wagen herum und öffnete ihr wie einer Dame den Schlag. Das fand sie im geblümten Kleid mit Handtasche zwar ein wenig affig, gönnte es aber den Nachbarn. Karl Ludwig, der Humor besaß, versuchte nun nicht theatralisch sich mit Küsschen zu verabschieden, sondern verbeugte sich in aller Form in verschiedene Richtungen hin zu den Fenstern, wo die Vorhänge sich ertappt in Falten legten.

Sonderlich erfindungsreich, fand Albin, waren ja auch Eltern nicht, wenn es darum ging, welche Namen sie den Kindern gaben. Nie im Leben hätte er sich selber Albin genannt. Erst sagten alle Albi, auch als er gar kein Kleinkind mehr war, und dann in der Schule hatten bald ein paar Schlaumeier herausgefunden, dass man jemanden mit Albino prima ärgern konnte. Zuerst hatte er das in jener Zeit der Italienverrücktheit gar nicht gemerkt, denn es hörte sich irgendwie italienisch an, wie Sonnenschirm und Limonade mit Strohhalm. Das Wort albern gehörte nicht zum alltäglichen Wortschatz in ihrer Gegend hier an der Grenze, wo es nach Ruß und Schwerindustrie roch und man einen derben Dialekt kauderwelschte.

Als er dann in einem jener Schülerhefte, die die Schule zur bildsamen Lektüre für ihre Sprösslinge abonnierte, zum ersten Mal las und auf einer farbigen Abbildung sah, was ein Albino tatsächlich sei, loderte in ihm eine innere Auflehnung dagegen, und eine ernsthafte Rauferei drohte, sobald es noch jemand wagte, ihm das Unwort nachzurufen.

Man brauchte nicht im Entferntesten einem wirklichen Albino zu gleichen, als dass das Wort doch Gelegenheit zu Spott und Häme bot. Die mangelnde Ähnlichkeit wurde bei weitem wettgemacht durch den prompten spektakulären Wutausbruch Albins, denn dem ging es wider die Natur wie dem Schneider Ziegenböck, drangen aus irgendeinem Winkel die fatalen drei Silben an sein Ohr. Natürlich griff Lehrer Schröder ein, sperrte einmal den Wüterich gar in den Klassenschrank, wo er erst noch eine Weile weitertobte, welcher Lärm aber nach einer Weile derart verstummte, dass Lehrer und Klasse Albin vergaßen, ja so sehr, dass Herr Schröder beim Mittagstisch von der Suppe aufsprang: „Du lieber Gott, der Albin!“ Den hatte allerdings der Hausmeister auf seinem Rundgang bemerkt, weil er aus dem Schrank Singen hörte. Nachdem nämlich die nachmittägliche Ruhe im Schulhaus eingekehrt war, hatte Albin aller Groll verlassen. In dem dunklen Kasten und ohne dass man kritische Ohren fürchten musste, sang es sich ganz wunderbar. Und ohne eines der englischen Wörter zu verstehen, tönte es durch ihn hindurch und aus ihm heraus, so wie er es vom Radio kannte. Elvis sang dieses Lied. So also fühlte man sich, wenn man sang wie Elvis. Es mussten auch in Amerika Jungen in dunkle Schränke gesperrt werden, die dann sangen, und das spielten sie im Radio.

Das Albin das war, was man damals einen Frauenhelden nannte, wollte Verena gerne anerkennen, wenn es auch für sie nicht galt. Ihn zum Freund, ja zum besten Freund zu haben, ging ihr über alles. Mit ihm konnte man reden. Nie versuchte er einem Gespräch die bewusste Wendung zu geben, als hätte sie es am Ende doch darauf abgesehen, worauf alle aus waren. Albin war ja doch auch Bertholds Freund, und sie und Berthold würden auf jeden Fall heiraten, auch wenn sie es damit nicht so eilig hätten wie andere, die das ja sowieso meistens müssten. „Du liebst also den Berthold.“ - „Natürlich“, Verena steckte sich eine Zigarette in den Mund. „Wir waren schon als Kinder ein Paar, da gingen wir noch nicht zur Schule, hielten Händchen, auch weil es alle süß fanden. Unser beider Eltern sind seit Jugendjahren dicke Freunde, und nun hatten sie jeweils uns und brauchten sich nicht die Köpfe zu zerbrechen über ein weiteres Kind. Uns hat es sowieso gefallen, der Geschwisterneid ist uns erspart geblieben, jeweils als Einzelkind zu Hause. Später, als die Jungen anfingen interessant zu werden, hat Berthold auf mich aufgepasst. Er wusste immer besser als ich, dass einer nicht der Richtige war.“

Albin rauchte inzwischen auch wieder eine Zigarette und ließ sich diese Geschichte zum soundsovielten Mal erzählen. Dass er nicht sprach, brachte Verena wie üblich nach einer Weile aus dem Konzept, was sie aber nicht hingehen lassen wollte. Bei wem, wenn nicht bei Albin konnte man versuchen, seiner Verunsicherung bezüglich eines heiklen Themas Herr zu werden? Albin gab Halt. Es lag kein Spott in seinem Schweigen zu einem Gegenstand, von dem man wusste, dass er darüber anderer Meinung war. Wenn man es um einen eigenen Standpunkt zu forcieren auf Widerspruch anlegte, hatte er zuweilen gerade gar keine Meinung.

Verena, die darum von allen Püppi genannt wurde, war eine Schönheit wider Willen, was ihr die entschiedene Abneigung einer Reihe von Frauen eintrug. Männer arbeiteten sich an ihrer scheinbaren Unnahbarkeit ab, blindwütig ignorierend, dass sie doch mit Berthold verlobt war. Der verhielt sich indifferent, begegnete jedem Möchtegernrivalen mit freundlichem Gleichmut. Abfällige Bemerkungen konnten sich regelrecht zu Empörung steigern angesichts dessen, dass sich Püppi und Berthold, wie es damals hieß, füreinander aufsparten, bis sie eines Tages heiraten würden. Das war entweder eine Verschwendung aus Überheblichkeit oder einfach eine glatte Lüge. Es fehlte nicht an Frauen, die es darauf anlegten, Berthold zu Fall zu bringen. Aber auch ihnen begegnete er mit Freundlichkeit, ja als Kavalier, der formvollendet übersah, was es zu übersehen galt, sollten nicht Grundsätze geordneter Verhältnisse und Beziehungen in Frage gestellt werden.