Mittwoch, 20. Dezember 2023

Bzw. ۲ ۶ ۸ [»Unstimmigkeiten. Vier Gedichte« von Boris Greff mit sechs Illustrationen von Lorena Kirk-Giannoulis]

 



ποίημα I«, Lorena Kirk-Giannoulis]



Die Zusammenhänge sind deutlich, wenn ich auch nicht weiß, welche Zusammenhänge.

[Aus: Günter Eich »Maulwürfe« (1968)]





ποίημα II«, Lorena Kirk-Giannoulis]






Endlich weiß man, was Zeit ist: Solange man auch trödelt, es wird nicht früher.

[Aus: Günter Eich »Maulwürfe« (1968)]





Unstimmigkeiten

 

(Stimmengewirr)

die Uhr tickt stimmlose Konsonanten

(Autolärm)

ein Brunnen plätschert fontänenschwach

(Hupkonzert)

Windfinger rascheln im Knisterlaub

(quietschende Bremsen)

Lautlos pochende Passantenpulse 

(Hundegebell)

Zwei Zaunvoll zartzwitschender Zilpzalpe

(Düsenjägerfauchen)

ein ohrnaher gewisperter Schwurhauch

(Sirenengeheul)

diese gemurmelten Verse.








ποίημα III«, Lorena Kirk-Giannoulis]






Meditation

 

 

Gespräche,

verstummt,

zu elliptischen

Silbenpartituren;

Blutmantra im Ohrensummen.

Klanglose Vokalisen

die Kargworte;

Einflüsterungen,

Verlautbarungen,

werden gemutet.

Klangwolkenbruch

mit Konsonantenregen;

leicht gespeichelte Lungenluft

mit hoher Zungenschlagzahl

zerhackte Schallwellen

galoppierende Pferde

hyperventilierend

ungelenk verartikuliert –

doch dann detoniert

in buntem Schweigen

in meinem Bauchgefäß

die Stille.







ποίημα IV«, Lorena Kirk-Giannoulis]





Ad libitum

 

 

Jerichos starke Mauern

beginnen schon zu wanken;

die Häuser sind zerfallen,

unisono die Gedanken.

 

Vitrinen vibrieren;

Fensterscheibe zittert;

Überschallknall;

Kristallglas splittert.

 

Gehäutete Schutzhülle;

jahresberingte Verdickung;

ausgewrungenes Echo;

schallwarme Verstrickung.

 

Deine Stimme in meinem Hirn

vergräbt sich in den Windungen:

mein einziges Echolot

in der Tiefe der Empfindungen.

 

Liedblätter flattern zum Himmel,

vergilben im Briefkastenschlitz;

Titanen mit grollendem Donner

töten mit lautlosem Blitz.

 

Tacet: verklungen die Seufzer.

Da capo: es fängt schon wieder an.

Meine Asche taugt nicht zum Phönix.

Unwiederholbar ist mein Gesang.







ποίημα V«, Lorena Kirk-Giannoulis]






Klangkörper

 

 

Ein Klangteppich aus Patchwork.

Stille aus einem Guss.

Innere Stimmen flüstern so leise,

dass ich innehalten muss.

 

Domestiziert alle Urschreie,

auf Zimmerlautstärke gedimmt;

ein einsamer Schwanengesang,

der im Nebel verschwimmt.

 

Schweigend schwebt geflockter Schnee.

Der Vulkan brüllt mit rotem Schlot.

Vielstimmig ist das Leben.

Einsilbig ist der Tod.

 

 



ποίημα VI«, Lorena Kirk-Giannoulis]







BORIS GREFF, Jg. 1973, geb. in Saarbrücken, lebt in Merzig/Saar, Studium der Hispanistik und Anglistik, literarische Übersetzungen u. a. für die Andere Bibliothek, Veröffentlichung von Kurzgeschichten und Gedichten in diversen Anthologien (zuletzt in der Zeitschrift „Das Gedicht“ 2021 und 2023, im Experimenta-Magazin 2023 sowie in der Anthologie „Lichtblicke“ Gedichte, die Mut machen, Reclam Verlag 2022). Der erste Gedichtband „Augenblicke und Wimpernschläge“ erschien im September 2021 im Treibgut-Verlag, Berlin. Der zweite Gedichtband „Aus meinen Gedanken gerissen“ erschien im Februar 2023 im Athena Verlag. Der nächste Band „Auf der Sternscheinpromenade“ erscheint Anfang 2024 im Gill-Verlag.




Sonntag, 19. November 2023

Z. Z. XLIV [»Oscar Wilde als Aphoristiker« von Andreas Egert]

 


[»Oscar Wilde«, Henri de Toulouse-Lautrec (1895)]




Oscar Wilde als Aphoristiker


Ich bin im Herzen Franzose, der Geburt nach aber Ire und von den Engländern dazu verurteilt, die Sprache Shakespeares zu sprechen. [Oscar Wilde]


Oscar Fingal O’Flaherty Wills Wilde, berühmt und berüchtigt als Oscar Wilde, wurde am 16. Oktober 1854 in Dublin geboren. Er selbst prophezeite sich: „Aus mir wird einmal ein Dichter, ein Schriftsteller, ein Dramatiker. Auf irgendeine Weise werde ich berühmt, und wenn nicht berühmt, dann doch berüchtigt.“ Sein Vater war einer von Irlands führenden Ohren- und Augenärzten, ein Schürzenjäger, der freilich auch seinen Sohn bis zum eigenen Tode aushielt, seine Mutter war Übersetzerin und Lyrikerin mit eher bescheidenem Talent, die Eltern unterhielten einen Salon, der Sohn Oscar früh mit der Welt der Kunst in Berührung brachte. Wilde war Kritiker, Dramatiker, Lyriker und Romancier, Essayist, Märchenerzähler und homme de lettre – eine Klammer seiner Kunst war aber das aphoristische Denken, der aphoristische Auftritt, in all seinem Facettenreichtum – die Finte, die Pose, das Zirzensische als ein Pol des Aphorismus: „Für die Welt bin ich – absichtlich – nur ein Dilettant und Dandy. Es ist nicht klug, der Welt sein Herz zu zeigen. In einem so vulgären Zeitalter wie dem unseren braucht jeder seine Maske.“

Bei Nietzsche heißt es: „Jeder tiefe Geist braucht eine Maske: mehr noch, um jeden tiefen Geist wächst fortwährend eine Maske: dank der beständig falschen, nämlich flachen Auslegung, jedes Wortes, jedes Schrittes, jedes Lebens-Zeichens, das er gibt.“

Und damit sind wir schon beim aphoristischen Weltzugang Wildes, dem aphoristischen Denken, das sich zwischen den Polen Schweigen und Schwelgen, Sprachresignation und Spracheuphorie, Klarheit und Manierismus und dem genus humile oder style naturel und dem genus grande müßig-dynamisch entwickelt.

Der andere Pol des aphoristischen Denkens wird in Oscar Wildes Briefen am besten abgebildet, vielleicht sogar sein schriftstellerisches Hauptwerk, hier schreibt er unverstellt, spontan, freundschaftlich, leidenschaftlich, nüchtern, aufrichtig und analytisch – anders als in der öffentlichen Bühnenwelt des Kunstbetriebs ist er hier mit sich in besserer Gesellschaft.

In einem Brief an Arthur Conan Doyle schrieb er: „ … denn es ist mir sehr wohl bewusst, dass meinem Werk die beiden Eigenschaften fehlen, die Ihr Werk in so hohem Maße aufweist: Aufrichtigkeit und Kraft.“

Auch mit Reading und seinem Gefängnisaufenthalt bildet sich stilsicher eine klare, kristalline Prosa heraus, die gerade aufrichtig und kraftvoll aus Schwäche entsteht und die im Widerspruch zu einer gewissen manieristischen Pose wächst, wenn er so seine Beziehung zur schicksalhaften Lebensliebe Bosie in einem exemplarischen Brief von 1896 aus dem Gefängnis an seinen Nachlassverwalter Robert Ross formuliert:

Ich schreibe dir offen als einem der liebsten Freunde, die ich habe oder jemals hatte, und mit wenigen Ausnahmen berührt mich die Sympathie der anderen, zumal wenn es um Sympathieverluste geht, herzlich wenig. Kein Mann in meiner Stellung kann in den Sumpf des Lebens fallen, ohne eine große Portion Mitleid von niedriger Stehenden mitzubekommen; und ich weiß auch, die Zuschauer ermüden, wenn ein Stück zu lange dauert. Meine Tragödie dauert jetzt schon zu lange; ihr Höhepunkt ist überschritten, ihr Ende erbärmlich. Und ich weiß recht gut: Wenn das Ende wirklich kommt, werde ich als ungebetener Gast zurückkehren in eine Welt, die mich nicht brauchen kann; als revenant, wie die Franzosen sagen, als einer, dessen Gesicht von langer Kerkerhaft grau ist, von Schmerzen entstellt. So schauerlich Tote auch sein mögen, wenn sie aus ihren Gräbern steigen – Lebende sind, wenn sie aus ihren Gräbern kommen, noch schauerlicher. Das alles ist mir nur zu genau bewusst. Wer achtzehn schreckliche Monate in einer Gefängniszelle zugebracht hat, sieht die Dinge wie sie wirklich sind. Und dieser Anblick lässt einen zu Stein werden. Glaub bitte nicht, ich wollte ihn für meine Laster verantwortlich machen. Damit hatte er so wenig zu tun wie ich mit den seinen. In diesem Punkt hat die Natur uns beide stiefmütterlich behandelt. Was ich ihm vorwerfe ist, dass er den von ihm ruinierten Menschen geringschätzt. Ein ungebildeter Millionär hätte wirklich besser zu ihm gepasst. Solange auf meinem Tisch nur genug roter Wein und rote Rosen standen, was wollte er mehr? Mein Genie, mein Leben als Künstler, meine Arbeit und die Ruhe, die ich dafür benötigte, sie galten ihm nichts, wenn es um die Befriedigung seiner hemmungslosen und gemeinen Triebe, um seinen Wunsch nach einem gewöhnlichen Lotterleben ging: seine Geldgier, seine ewigen heftigen Szenen, seine phantasielose Selbstsucht. Immer wieder versuchte ich in jenen beiden vergeudeten Jahren zu fliehen, doch er holte mich jedes Mal zurück, hauptsächlich mit Drohungen, sich etwas anzutun. Als dann sein Vater in mir ein Mittel sah, seinem Sohn eins auszuwischen, und der Sohn in mir die Möglichkeit, seinen Vater zu ruinieren, und als ich so zwischen zwei Menschen geriet, die danach gierten, auf geschmacklose Weise Aufsehen zu erregen, zwei Menschen, denen es ohne Rücksicht allein um ihren abscheulichen gegenseitigen Hass ging, zwei Menschen, die mich beide bedrängten, der eine durch öffentliche Visitenkarten und Drohungen, der andere durch private oder auch halb öffentliche Szenen, durch briefliche Drohungen, Sticheleien, Hohn … da verlor ich, ich gebe es zu, den Kopf. Ich ließ ihn gewähren, war ratlos, zu klarem Urteil nicht fähig. Ich tat den einen fatalen Schritt. Und jetzt … sitze ich hier, auf einer Bank in einer Gefängniszelle. Jede Tragödie enthält ein Element des Grotesken. In meiner Tragödie ist er das groteske Element. Glaub ja nicht, ich würde mir selbst keine Vorwürfe machen. Ich verfluche mich Tag und Nacht, dass ich so töricht war, ihn mein Leben beherrschen zu lassen. Hätten diese Wände ein Echo, es würde unablässig „Du Narr“ rufen. Ich schäme mich meiner Freundschaft mit ihm zutiefst. Denn an ihren Freundschaften erkennt man die Menschen. Sie sind ein Prüfstein für jeden … An gewissen Orten darf niemand lachen, nur die wirklich Wahnsinnigen; und selbst die verstoßen damit gegen die Hausordnung; sonst würde ich wohl darüber lachen.“ : Und er lachte doch, schweren Herzens, denn Oscar Wilde war ein Großmeister des Humors gerade dann, wenn es nichts mehr zu lachen gab, wenn einem das Lachen im Halse stecken blieb.

Es gibt aber auch einen Oscar Wilde vor dem Gefängnis, als Dandy und Ästhet der Ästheten war er eine der schillerndsten und umstrittensten Figuren des viktorianischen Zeitalters – sein expliziter Non-Konformismus, der sich auch in der äußerlichen Kleidung, bevorzugt samtene Kniehosen, Seidenstrümpfe und Nelke im Knopfloch widerspiegelte, eckte im prüden England und Irland immer wieder an und sorgte für Hohn und Spott der Zeitgenossen, so wurde er nicht nur im Satiremagazin Punch oder im Woman’s Journal, dem er später kurzzeitig als Herausgeber und Chefredakteur diente, karikiert und angegriffen.

In den 1870er Jahren studierte er erst in Dublin, später in Oxford und unternahm eine erste Italienreise, in Oxford formulierte er: „Es fällt mir von Tag zu Tag schwerer, auf dem Niveau meines blauen Porzellans zu leben.“

Ein Bonmot, das Ironie und Selbstironie des Meisters des Widerspruches auf den Punkt bringt, das luxuriöse blaue Porzellan, die Vasen, schmückte Wilde in seinem Interieur gerne mit Lilien, der Blume der Präraffaeliten, als Zeichen für Enthaltsamkeit, Üppigkeit und Beharrlichkeit, das blaue Porzellan markiert das hohe Niveau, von dem man nur abstürzen kann und von dem Wilde freilich abstürzen musste.

Wilde war ein brillanter Schüler, Student und Bildungsbürger, seine intellektuellen Richtgrößen sind die Ästhetizisten Walter Pater und John Ruskin, Joris-Karl Huysmans „Gegen den Strich“, À rebours, als Manifest des europäischen Ästhetizismus, wurde zu einem seiner Lieblingsbücher.

Thomas Mann gebührt das Verdienst, Oscar Wildes Ästhetizismus mit Friedrich Nietzsches ästhetischer Philosophie im Essay Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrung (1947) in einen berechtigten Zusammenhang zu bringen, den Bachelor aus Oxford und den ordentlichen Professor aus Basel mit den nahe beieinander liegenden Lebensdaten (Nietzsche: 1844-1900, Wilde 1854-1900): „Natürlich hat die Zusammenstellung Nietzsches mit Wilde etwas fast Sakrilegisches, denn dieser war ein Dandy, der deutsche Philosoph aber etwas wie ein Heiliger des Immoralismus. Und doch gewinnt durch das mehr oder weniger gewollte Märtyrertum seines Lebensendes, das Zuchthaus von Reading, Wildes Dandyismus einen Anflug von Heiligkeit, der Nietzsches ganze Sympathie erweckt hätte.“

Thomas Mann unterlegt diese richtige These mit Nietzsche-Aphorismen, die zweifellos auch von Wilde hätten stammen können. So zum Beispiel: „Der Ernst, dieses unmissverständliche Abzeichen des mühsameren Stoffwechsel“ oder: „In der Kunst heiligt sich die Lüge und hat der Wille zur Täuschung das gute Gewissen auf seiner Seite“ sowie: „Es ist nichts mehr als ein moralisches Vorurteil, dass Wahrheit mehr wert ist als Schein.“

Es ist das Tänzerische des Denkens und der Prosa, eine Philosophie der Jugend und des Widerstands, des Auf- und Abbruchs, eine Revolte gegen das allgegenwärtige Mittelmaß, die Wilde und Nietzsche verbinden – der spielerische, experimentelle Angriff auf den verstaubten, lebensfeindlichen Moralbegriff des bürgerlichen Zeitalters.

Bei Wilde haben wir dabei den zwischenzeitlich gesellschaftlich verankerten Salonlöwen vor Augen, bei Nietzsche dagegen den immer zurückgezogenen deutschen Stubengelehrten par excellence – beide feiern das Leben, vor dessen feindlicher Realität sie hilflos in die Welt der Kunst und des Denkens entfliehen: Nietzsche formuliert so in der Geburt der Tragödie, „nur als ästhetisches Phänomen ist das Dasein und die Welt ewig gerechtfertigt“.

Wilde notiert: „Nicht nach Leid, nicht nach Freude strebt der Mensch. Zu leben – das ist sein Wunsch“ und: „Wenn der Mensch handelt, ist er eine Puppe. Wenn er es schildert, ist er ein Schöpfer. Das ist das ganze Geheimnis.“

Beiden ist die triste Gegenwart mit der Vergötterung der Maschinen suspekt, Wilde schreibt: „Das Übel, das Maschinen anrichten, findet sich nicht nur in ihren Produkten, sondern auch darin, dass sie Menschen selbst zu Maschinen macht. Wir dagegen wünschen uns die Menschen als Künstler.“

Bei Nietzsche heißt es: „Der Intellekt ist bei den allermeisten eine schwerfällige, finstere und knarrende Maschine, welche übel in Gang zu bringen ist : sie nennen es , die Sache ernst nehmen, wenn sie mit dieser Maschine arbeiten und gut denken wollen – o wie lästig muß ihnen das Gut-Denken sein.“

Wilde schreibt weiter: „So sehr wir uns bemühen, wir können nicht zur Wirklichkeit hinter der Erscheinung der Dinge gelangen. Und der schreckliche Grund dafür ist vielleicht, dass es an den Dingen keine Wirklichkeit gibt abseits ihrer Erscheinung“ - als Devise diktiert er: „Lass dich nicht auf den Pfad der Tugend verführen.“

Die Wahrheit der Masken und der Zerfall der Lügen stehen für eine Umwertung aller Werte, die beide einfordern, im Dorian Gray kommt es denn auch folgerichtig zu einem Verfall des Moral Sense, eine Selbstzerstörung des Ichs durch eine Verfeinerung der ästhetischen Sensibilität. Thomas Mann schreibt von Wilde sinnigerweise als dem „Revoltierenden, und zwar Revoltierendem im Namen der Schönheit.“

1880 veröffentlichte Wilde mit Vera sein erstes Drama, 1881 einen Gedichtband, 1881 ging er auf seine erste Vortragsreihe in die U.S.A, 1883 auf seine zweite – zuvor ging er aber nach Frankreich und traf dort auf die Schriftsteller Goncourt, Hugo, Gide und Verlaine sowie die Maler Degas und Pissaro. 1884 heiratete er Constance Lloyd, eine Kinderbuchautorin aus begütertem Elternhaus und brachte zwei Söhne zur Welt (Vyviyan verstarb erst 1967, sein Sohn Merlin Holland, Oscars Enkel, hat Verdienste um die Veröffentlichung von Oscars Briefen), dann unternahm er eine weitere Vortragsreise durch Großbritannien und Irland.

Ab 1887 hat er zwei Jahre auch journalistisch gearbeitet, für seine Jungs schrieb er 1888 Kunstmärchen unter dem Titel „Der glückliche Prinz“ und andere, 1891 schrieb er „Das Bildnis des Dorian Gray“, seinen einzigen Roman, und mit „Salome“ sein vielleicht bekanntestes Drama auf Französisch, das zuerst vom Zensor abgelehnt wurde, dann 1894 in Paris mit Sarah Bernhardt uraufgeführt wurde und von Richard Strauss in eine Oper überführt wurde.

Ab 1892 schrieb Wilde eher boulevardeske Gesellschaftskomödien, 1892 „Lady Wintermere’s Fan“, 1893 „A Woman of no Importance“, 1895 „An Ideal Husband“ und „The Importance of Being Earnest“.

Und 1895, auf dem Höhepunkt seines künstlerischen Lebens-Schöpfens, kam es zur Verleumdungsklage gegen den Vater von Bosie, Lord Douglas, den Marquis von Queensberry, der dann in der Folge in eine Anklage gegen Wilde wegen Unzucht umgewandelt wurde. 1895 wurde Wilde im dritten Gerichtsverfahren zu 2 Jahren Zuchthaus mit Zwangsarbeit verurteilt. Danach schrieb er mit der Ballade vom Zuchthaus in Reading mit 109 Strophen sein letztes Werk, das 1898 unter einem Pseudonym erschien, 1897 floh er erst in die Normandie, dann mit Bosie nochmal nach Italien und die längste Zeit nach Paris, wo er stark dem Alkohol zugetan, unter dem Namen Sebastian Melmoth 1900 verstarb.

Nach seinem Tode wurde mit De Profundis noch ein Nachlass-Werk mit Tagebuch-Aufzeichnungen und Briefen aus dem Zuchthaus in Reading dank seinem Testamentsvollstrecker Robert Ross publiziert, das Wilde als tragischen und brillanten l‘homme de lettre ausweist.

Oscar Wilde war sicher ein Gesamtkunstwerk, das größer war als sein literarisches Werk, der Salonlöwe und Alleinunterhalter als Vorbote des Medienzeitalters hat sicherlich sein Leben über sein Schreiben gestellt und bezahlte für seinen hedonistischen, homosexuellen und bisexuellen Lebensstil, so schwärmte er einerseits für Knaben und verliebte sich andererseits in Frauen, wider alle Konventionen, einen sehr hohen Preis – ohne jemals seinen Humor zu verlieren, Wilde entgegnete so einem Zöllner auf seiner ersten Vortragsreisen durch die U.S.A.: „Ich habe nichts zu verzollen – außer meinem Genie.“

Am Ende formulierte Wilde so: „Ich sterbe wie ich gelebt habe: über meine Verhältnisse“ und auf seinem Totenbett im Pariser Exil: „Meine Tapete und ich fechten gerade ein Duell auf Leben und Tod aus. Einer von uns muss verschwinden.“

Wolfgang Koeppen analysierte Wilde als „Schmerzensmann der Hybris und Provokation in einer Gesellschaft vernünftiger Heuchler“.

Letztlich war es bei Oscar Wilde aber gerade das große Leid, das seinen brillanten Humor aus den Widersprüchen des Lebens erschuf, deshalb wird man Wilde auch nicht gerecht, wenn man ihn in der Literatur über ihn gerne zu einem Vorläufer der heutigen Erlebnis - und Event-Kultur reduziert – denn selbst wenn er die Gegenwart und den Augenblick romantisch feiern konnte und Gefallen an diversen Konsumbefriedigungen fand, ist er doch das genaue Gegenteil eines Yuppies und hätte sich von der Mittelmäßigkeit des postmodernen Zeitgeistes im Spagat zwischen vermeintlich gesunder Ernährung, Konsumismus, Unterhaltungsindustrieamüsement, anämischer Vernünftelei und kosmetischer Chirurgie angewidert gefühlt : sein Ideal des makellosen Körpers ist eher bildungsbürgerlich griechisch geprägt, sein Wohnzimmer war der Salon, wo er sein Ich in ausgewählter Gesellschaft geistreich schärfen konnte :„Mit der Gesellschaft zu leben – welche Qual ! Aber außerhalb der Gesellschaft leben – welche Katastrophe.“

Und Geldnot war der große Treiber in Wildes gesellschaftlichem Leben, er heiratete aus Geldnot, er schrieb Dramen für die Publikumskasse und den Dorian Gray als Fortsetzungsroman – gutmütig wie er war, wurde er zudem auch schamlos ausgenutzt, nicht zuletzt von seiner Lebensliebe Lord Douglas, Bosie, der sein weniges Geld noch auf Oscars Sterbebett durchbrachte.

Zu den beiden großen Wendepunkten seines Lebens schrieb Wilde: „Ich möchte dahin kommen, schlicht und ohne Heuchelei sagen zu können, dass es in meinem Leben zwei große Wendepunkte gegeben hat: als mein Vater mich nach Oxford und als die Gesellschaft mich ins Gefängnis schickte.“

Oscar Wildes kometenhafter gesellschaftlicher Aufstieg durch seinen genialen aphoristischen Auftritt sollte durch den Prozess, den er selbst gegen den Vater seines Freundes Lord Alfred Douglas angestrengt hatte und der sich letztlich gegen ihn selbst wendete in der tragischen Katastrophe seines Lebens enden. Nach zwei Jahren im Zuchthaus, zuletzt in Reading, war er ein gebrochener Mann, der gefallen nach Frankreich fliehen musste, wo er bereits 1900 mit 46 Jahren verstarb.

London war ein Tollhaus, als Oscar Wilde verhaftet wurde, so schrieb Frank Harris: „Wildes Verhaftung gab das Signal für eine Orgie spießbürgerlicher Gehässigkeit, wie London sie noch nie erlebt hatte. Das puritanische Bürgertum, das Wilde immer mit Abneigung als Künstler und intellektuellen Spötter, als bloßen Schmarotzer der Aristokratie betrachtet hatte, ließ nun seinem Abscheu und seiner Verachtung freien Lauf, und jeder versuchte, seinen Nachbarn in Bekundungen des Ekels und des Hasses zu übertrumpfen.“ Wilde monierte auch prophetisch: „Die Gesellschaft ist bereit, dem Verbrecher zu verzeihen, dem Träumer nicht.“

Alfred Kerr schrieb in diesem Kontext richtig: „Seine langsame Hinrichtung bleibt der letzte greifbare Akt des Mittelalters.“ Wildes Vita hatte die Grandezza von einer griechischen Tragödie oder einer italienischen Oper und daraus schöpfte er sein aphoristisches Lebenswerk: „Ich habe mein ganzes Genie in mein Leben getan; in mein Werk nur mein Talent.“

Wildes aphoristischer Punch und seine geschliffenen Pointen fallen immer wieder als Reaktion auf seine schicksalhaften Verwicklungen ins Auge, Aphorismen, die einzeln für sich stehen, gibt es aber nur in Journalen seiner Zeit, nicht als Buchausgabe. Heute gibt es diverse Anthologien mit Wildes Sentenzen aus seinen Theaterstücken, dem Dorian Gray und seinen Briefen, man sollte aber immer wieder auf ein Neues wie ein Perlentaucher ins Gesamtwerk, ins Lebensgesamtkunstwerk Oscar Wildes, hineinspringen und wird dafür reichlich belohnt.

Richard Ellmann schrieb in seiner Biographie: „Oscar Wilde gehört nicht zu den Schriftstellern, die mit dem Wandel des Jahrhunderts ihre Bedeutung verlieren. Wilde ist einer von uns“ – das stimmt zwar, was Wildes Aktualität, radikale Offenheit und frische Prosa angeht - aber es war auch das Wir seiner Zeit, dass dem Paradiesvogel Wilde gestutzt und schwerer verwundet hat als alle seine Leidenschaften - insofern war der Dandy Wilde als einsamer Eremit Nietzsche spätestens im Gefängnis zu Reading so nahe, wie es Thomas Mann formuliert hat, Oscar Wilde wurde von der Gesellschaft, die er wie die Luft zum Atmen brauchte, vernichtet, das Wir Ellmanns ist deshalb eine Hochstapelei – dieses Metier aber beherrschte Oscar Wilde als kompletter Aphoristiker deutlich besser. Komplett, weil er alle Register der Gattung beherrschte und hierbei spielen seine nüchternen und präzisen Briefe als authentisches Korrektiv zu seinem aphoristischen Auftritt, seinem theatralischen Rollenspiel als Künstler in einer argwöhnischen Gesellschaft und seiner geschliffenen Kunstprosa eine entscheidende Rolle.

Abschließend eine Auswahl von Oscar Wildes Aphorismen - vom lebenden Bonmot, vom fleischgewordenen Aphorismus, vom glänzenden Redner und scharfsinnigen Spötter, der immer wieder neue Perspektiven eröffnete, der als Meister der Selbstinszenierung virtuos seine Originalität feierte und die Welt auf den Kopf stellte, weil er sie als blendender Connaisseur erkannte: „Wir sind alle in der Gosse, aber manche von uns sehen die Sterne“ :


Ich mag keine Prinzipien, ich bevorzuge Vorurteile.


Ich reise nie ohne Tagebuch. Man sollte immer etwas Aufregendes zu lesen bei sich haben.


Manche Männer, von denen man denkt, sie seien schon lange tot, sind bloß verheiratet.


Arbeit ist der Fluch der trinkenden Klassen.


Gute Ratschläge gebe ich immer weiter. Es ist das Einzige, was man damit anfangen kann.


Das Stück war ein großer Erfolg. Nur das Publikum ist durchgefallen.


Ich bin durchaus nicht zynisch, ich habe nur Erfahrung – das ist so ziemlich dasselbe.


Der einzige Weg, eine Versuchung loszuwerden, ist, ihr nachzugeben.


Sich selbst zu überraschen ist, was das Leben lebenswert macht.


Großzügigkeit ist das Wesen der Freundschaft.


Die Zigarette ist das vollendete Urbild des Genusses. Sie ist köstlich und lässt uns unbefriedigt.


Weiblichkeit ist die Eigenschaft, die ich an Frauen am meisten schätze.


Freitag, 20. Oktober 2023

Z. Z. XLIII [»Dreissig Jahre danach« von Walter Graf (2022)]

 


[Peter Paul Rubens »Adam und Eva« (um 1600)]






N'écoutant que son courage, qui ne lui disait rien, il se garda d'intervenir.

[Jules Renard »Journal«, 18 octobre 1908]

Il y a des gens qui donnent un conseil comme on donne un coup de poing. On en saigne un peu, et on riposte en ne le suivant pas.

[Jules Renard »Journal«, 21 octobre 1889]





Dreissig Jahre danach



Im vergangenen Oktober war das Wetter grösstenteils schön. Wir fuhren an einem Samstag zu dritt nach Oerlikon, wo wir im Selbstbedienungsrestaurant des Neumarkts zu Mittag assen. Danach begleitete ich meine Frau und unsere Tochter noch über den Marktplatz auf die Tramstation. Auf einer der Bänke auf dem Platz sass ein älterer Mann, der mir auffiel, weil er keinen Blick von uns wandte. Er hatte langes graues Haar und einen Schnauz; vor dreissig Jahren musste er genauso ausgesehen haben wie Mariannes AA-Freund Hans Moser, der uns damals, als sie zum letzten Mal betrunken gewesen war, besucht hatte.

Mag sein, dass er selbst inzwischen wieder trinkt. Vielleicht ist er, einer nostalgischen Anwandlung folgend, zurückgekehrt an den Schauplatz der AA-Meetings, in denen er meine Frau seinerzeit kennengelernt hat. Alkoholiker sind oftmals sentimental und lassen gerne die Vergangenheit wieder aufleben. Es machte jedenfalls den Anschein, als hätte der Mann, der inzwischen etwas eingefallen war, uns erkannt; womöglich wartete er nur darauf, Marianne zu begegnen. Hätte er sie nicht in Begleitung ihrer Familie erblickt, wäre er wohl nicht sicher gewesen, ob sie es wirklich war, aber so…

Vor dreissig Jahren, als wir das erste Mal in Seebach wohnten, gehörte Marianne zur AA-Gruppe von Oerlikon. Da die Leute, die sie dort kennenlernte, nach kurzer Zeit zu unserem Freundeskreis zählten, trafen wir uns mitunter auch privat mit ihnen. Dies konnte einem als Ehemann allerdings lästig werden, besonders wenn sie unangemeldet vor der Türe auftauchten. Dabei waren sie, zumindest solange sie noch an den Meetings teilnahmen, kaum je betrunken. In ihren trockenen Perioden sind Alkoholiker, denen man sonst nicht über den Weg trauen darf, die Vertrauenswürdigkeit in Person.

Als Hans Moser zum ersten Mal bei uns geklingelt hatte, musste es Hochsommer gewesen sein. Er trug ausser einem Paar Jeans, dessen Hosenbeine er vollständig abgeschnitten hatte, nichts am Leib. Gross und schlank, wie er war, konnte er sich schon so sehen lassen. Trotzdem liess ich ihn, da ich gerade essen wollte, nicht herein. Marianne, die ihn nicht erwartet hatte, wollte mit unserer Tochter gerade jemand anderen treffen.

Es mochte im Herbst desselben Jahres gewesen sein, als Marianne nach einigen Jahren vollständiger Abstinenz wieder einmal zur Flasche griff. Wir hatten für meinen Vater, dessen Besuch wir am Wochenende erwarteten, eigens eine Flasche Bier gekauft, die nicht einmal für ein kleines Besäufnis reichte. Daher schickte sie, anstatt in die Kneipe zu gehen, Anja in den Laden, um ihr eine Flasche Gin zu besorgen. Den Anlass dazu hatte weiter nichts als eine alltägliche Streitigkeit zwischen uns gegeben.

Nachdem sie einmal zu trinken begonnen hatte, wollte sie es auch ein bisschen lustig haben. Ich war dafür nicht zu haben; deshalb rief sie ihren AA-Freunden an, die im Notfall bereit waren, einander beizuspringen. So dauerte es nicht lange, bis Hans Moser wieder vor der Tür stand - diesmal bekleidet. Ich zog mich in mein Zimmer zurück, wo ich, wenn auch nicht gänzlich ungestört, lesen und schreiben konnte, während meine Frau sich mit ihrem Gast, dem sie einen Aschenbecher hingestellt hatte, in die Küche setzte: Anja, die auch noch Platz auf der Eckbank fand, leistete ihnen Gesellschaft. Durch die geschlossene Tür war zwar nicht zu hören, was sie redeten, wohl aber, was für Musik sie laufen liessen: Willy de Villes CD „Backstreet of Desire“.

Also las und schrieb ich, als wäre nichts geschehen. Ich konnte mich darauf verlassen, dass unsere Tochter das Paar nicht aus den Augen lassen würde; mit dreizehn Jahren möchte man nichts verpassen. Manchmal lachte Anja, die sich über das Verhalten ihrer Mutter wunderte; manchmal rief sie sogar: „Aber, Mama!“ Was immer Marianne tat, was war dies schon neben dem, was die Frau in dem Roman tat, den ich gerade las („Lady Chatterley“). Früher oder später würde sie Hans Moser noch zum Tanz auffordern, was vermutlich auch nicht sein Ding war. Ich liess mich so oder so nicht stören. Ich hatte mich von ihr oft genug in eine Rolle drängen lassen, in der ich mir nicht gefiel. Ich wollte mir morgen von niemandem etwas vorwerfen lassen, weder von Marianne noch von ihren AA-Kollegen. Würde sie so weitertrinken, dem Gin immer weniger Tonic beimengend, so würde sie keine Ausdauer haben, nicht einmal bis zum Abendessen. Dann wäre es noch früh genug für mich, ihren Besucher zu verabschieden.

Und genauso kam es denn auch. Gegen Abend, als ich allmählich Hunger verspürte, stand ich auf und ging in die Küche, in der es schon beinahe dunkel war. Durch die Rauchschwaden, die über dem Tisch hingen, sah ich, dass Marianne bereits den Kopf hängen liess. „So“, sagte ich, „s’isch langsam Zyt!“ Hans erhob sich und streifte seine Jacke von der Stuhllehne, an die er sie gehängt hatte. Die Schnapsflasche war erst zu zwei Dritteln leer. Ich ergriff sie, indem ich, mehr zu mir selber, sagte: „Den könnte ich noch für meine nächste Dienstnacht gebrauchen.“ Wenn Hans schon seine Finger nicht von meiner Frau hatte lassen können, so hatte er sich wenigstens von der Flasche zurückgehalten. Das musste ich ihm insofern, als er ein Trinker war, hoch anrechnen. Im nächsten Augenblick war er draussen.

Anja, die den CD-Player ausgeschaltet hatte, half mir noch, ihre Mutter zu Bett zu bringen. Sie schien ziemlich aufgeregt zu sein, wusste sie doch auch nicht, wie es nun mit uns weitergehen sollte. Immerhin hatte sie mit ihren eigenen Augen gesehen, wie es zwischen Marianne und diesem Mann zu einem Zungenkuss gekommen war. Was hätte ich ihr sagen sollen? Solche Dinge geschehen eben, wenn eine Frau zu viel getrunken hat? Es blieb jedoch bei diesem einen Vorfall, der - nicht zuletzt deshalb, weil ich nicht auf ihn reagierte - keinerlei Folgen nach sich zog. Marianne bat mich, als sie am Morgen früh erwachte, um ein Seresta; ich verweigerte es ihr nicht. Und von da an hat sie - seither sind nun dreissig Jahre vergangen - keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt.

Der einzige, der diesem Vorfall eine besondere Bedeutung beimass, war Hans Moser, der die Küsse, die ihm gegeben worden waren, missverstanden haben mochte. Jedenfalls kam er etliche Jahre später, als er nach einer neuerlichen Entziehungskur wieder in der Reha war, unerwartet darauf zu sprechen. Es war kurz nach dem Besuch, den er von seinen ehemaligen AA-Freunden, zu denen auch Marianne gehörte, im Rehabilitationszentrum bekommen hatte, wo er auf seinem Beruf in der Schreinerei arbeiten konnte. Nach diesem Besuch, der ihm Auftrieb gegeben haben musste, schrieb er Marianne einen Brief, in dem er auf jenen Vorfall, der sich zwischen ihnen ereignet hatte, anspielte. Daraus war zu entnehmen, dass sie in seinem Leben eine weit grössere Rolle spielte als er in ihrem, obwohl er sich in der Reha mit einer Schreinerin zusammengetan hatte. Ausserdem gab es da noch eine Psychotherapeutin, die ihm einen Floh in den Kopf gesetzt hatte: Sie meinte, dass er nach all dem, was er erlebt hätte, unbedingt ein Buch über sein Leben schreiben müsse, und anerbot sich, ihm dabei zu helfen. In diesem Buch werde alles zur Sprache kommen, was zwischen Marianne und ihm gewesen sei… Es klang so, als wäre sie die Frau seines Lebens gewesen. Umso bedauerlicher erschien es ihm, dass sie an einen Mann wie mich gebunden war - an eine solche „Witzfigur“. Ob sie nicht etwas Besseres verdient hätte?

Marianne, die inzwischen wusste, was sie an mir hatte, wies Hans, nachdem er sie auch mit Telefonanrufen belästigt hatte, in seine Schranken, indem sie ihm schriftlich darlegte, wie es in Wirklichkeit aussah. Sie sagte in ihrem Brief nichts davon, dass ihr „halbschlauer Mann“ schon ein paarmal ein Buch geschrieben hatte, und zwar ohne jegliche Hilfe. Das hätte ihm sonst noch den Rest gegeben.

Was hat das ausgemergelte Männchen, in dem ich ihn nach dreissig Jahren wiedererkannte, wohl gedacht, als wir uns in Oerlikon der Bank, auf der er sass, näherten? Er wunderte sich wahrscheinlich, dass wir noch beisammen waren, wo unsere Ehe doch so schlecht gewesen war. Oder war sie am Ende gar nicht so schlecht gewesen?

Marianne und Anja haben ihn in der Annahme, dass es sich um einen Penner handelte, nicht einmal angeschaut.



3. Dezember 2022



Mittwoch, 20. September 2023

Bzw. ۲ ۶ ۷ [»Zelem #2 {25 m² Himmel}« für drei Gitarren (1998) von R. A. ol-Omoum]

 


Παράδεισος«, Lorena Kirk-Giannoulis]



I confess I do not believe in time. I like to fold my magic carpet, after use, in such a way as to superimpose one part of the pattern upon another. Let visitors trip. And the highest enjoyment of timelessness―in a landscape selected at random―is when I stand among rare butterflies and their food plants. This is ecstasy, and behind the ecstasy is something else, which is hard to explain. It is like a momentary vacuum into which rushes all that I love. A sense of oneness with sun and stone. A thrill of gratitude to whom it may concern―to the contrapuntal genius of human fate or to tender ghosts humoring a lucky mortal. [Vladimir Nabokov »Speak, Memory« (1951)]


The sentiment of reality can indeed attach itself so strongly to our object of belief that our whole life is polarized through and through, so to speak, by its sense of the existence of the thing believed in, and yet that thing, for the purpose of definite description, can hardly be said to be present to our mind at all. [William James »The Variety of Religious Experience« (1902)]




Παράδεισος II«, Lorena Kirk-Giannoulis]


Just like heaven. Ever’body wants a little piece of lan’. I read plenty of books out here. Nobody never gets to heaven, and nobody gets no land. It’s just in their head. They’re all the time talkin’ about it, but it’s jus’ in their head. [John Steinbeck »Of Mice and Men« (1937)]



Beyond the earth,

beyond the farthest skies

I try to find Heaven and Hell.

Then I hear a solemn voice that says:

'Heaven and hell are inside.'

[Omar Khayyam »Rubaiyat of Omar Khayyam«. Translated by Edward FitzGerald (1859)]




Παράδεισος III«, Lorena Kirk-Giannoulis]





Nobody could stand an eternity of Heaven.

[George Bernard Shaw »Man and Superman« (1903)]










Zelem #2 {25 m² Himmel}«, R. A. ol-Omoum]



Oh threats of Hell and Hopes of Paradise!
One thing at least is certain - 
This Life flies;
One thing is certain and the rest is Lies -
The Flower that once has blown forever dies.

[Omar Khayyam »Rubaiyat of Omar Khayyam«. Translated by Edward FitzGerald (1859)]




Παράδεισος IV«, Lorena Kirk-Giannoulis]




Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen.

[Aus: Heinrich Heine »Deutschland. Ein Wintermärchen« (1844)]




Παράδεισος V«, Lorena Kirk-Giannoulis]



But I will now go further, and confess to you that men get tired of everything, of heaven no less than of hell; and that all history is nothing but a record of the oscillations of the world between these two extremes. An epoch is but a swing of the pendulum; and each generation thinks the world is progressing because it is always moving. [George Bernard Shaw »Man and Superman« (1903)]



The cradle rocks above an abyss, and common sense tells us that our existence is but a brief crack of light between two eternities of darkness. Although the two are identical twins, man, as a rule, views the prenatal abyss with more calm than the one he is heading for (at some forty-five hundred heartbeats an hour). [Vladimir Nabokov »Speak, Memory« (1951)]



Wir wurden geschaffen, um im Paradies zu leben, das Paradies war bestimmt uns zu dienen. Unsere Bestimmung ist geändert worden; daß dies auch mit der Bestimmung des Paradieses geschehen wäre, wird nicht gesagt. [Franz Kafka »Nachgelassene Schriften« (1918)]



We shall tell ourselves that it would be very nice if there were a God who created the world and was a benevolent Providence, and if there were a moral order in the universe and an after-life; but it is a very striking fact that all this is exactly as we are bound to wish it to be. [Sigmund Freud »The Future of an Illusion« (1927)]




Παράδεισος VI«, Lorena Kirk-Giannoulis]



In my utopia, human solidarity would be seen not as a fact to be recognised by clearing away "prejudice" or burrowing down to previously hidden depths but, rather, as a goal to be achieved. It is to be achieved not by inquiry but by imagination, the imaginative ability to see strange people as fellow sufferers. Solidarity is not discovered by reflection but created. It is created by increasing our sensitivity to the particular details of the pain and humiliation of other, unfamiliar sorts of people. [Richard Rorty »Contingency, Irony, and Solidarity« (1989)]